Schlüsselrolle

15 Mai
Passt zumindest in Berlin: Der Bethlehemer Schlüssel aus dem Aida-Flüchtlingslager mit seinen beiden Wächtern Fadi Kattan (links) und Munther A Meewa.       Fotos: Liva Haensel  mit

Passt zumindest in Berlin: Der Bethlehemer Schlüssel aus dem Aida-Flüchtlingslager auf der Biennale mit seinen beiden Wächtern Fadi Kattan (links) und Munther A Meewa. Fotos: Liva Haensel

Man könnte sich vorstellen, wie er den Schlüssel in die Hand nimmt, ihn in seinen Händen wiegt, hin- und her, hin- und her. Ein wenig verrostet ist er, alt, ein Modell aus vergangenen Zeiten. Aber er passt noch, nach so vielen Jahren. Der Schlüssel sitzt fast wie angegossen im Schloss, er dreht sich jetzt quietschend einmal um die eigene Achse, klick, die Tür springt auf. Licht fällt in den Raum, der einmal sein Leben beherbergte, seine ganze Existenz. Das Haus im Westen Jerusalems steht noch. Sein Haus. Seine Tür. Der Schlüssel.

Ein Kunstobjekt in Berlin-Mitte

Munther A Meeva (40) lehnt neben dem monströsen Kunstwerk, das sein eigenes Schicksal und das tausender anderer Palästinenser symbolisiert. Er ist geduldig mit den Berlinern, die etwas verwundert die Szenerie im Hof der Bienalle an der Auguststraße betrachten und viele Fragen stellen. A Meeva betrachtet den riesigen, acht Meter langen rostigen Schlüssel auf dem Boden neben sich. Der Palästinenser ist Leiter der Jugendarbeit im Flüchtlingslager Aida, eines von dreien in der Geburtsstadt Jesu. Auf dem Eingangstor zum Camp thront der riesige Schlüssel normalerweise. Jetzt ist er in Berlin eines der Objekte bei der Biennale, eine der bekanntesten und renommiertesten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst.

Die Rückkehr, ein Traum

Das Heimatdorf seiner Eltern und Großeltern kannte A Meewa nur noch aus Erzählungen, sagt er.”Meine Familie stammt aus Diraban, nicht weit von Bethlehem, aber damals gehörte es zu Jerusalem”, sagt er. “1948 vertrieben jüdische Soldaten die Bewohner, die aus Angst vor Krieg und Tod ihre Häuser über Nacht verließen und ihre Schlüssel mitnahmen.” Man habe sich darauf eingestellt, dass es für einige Zeit Unruhen geben würde, berichtet er. Eine Flucht auf Lebenszeit sei aber niemals für die Dörfler aus Diraban präsent gewesen. “Wir dachten, wir kommen bald wieder zurück. Bis heute haben wir diesen Traum”, sagt A Meeva. Übrig aus der Zeit blieben allein die Schlüssel der verlassenen Häuser, die Palästinenser bis heute aufbewahren als eine Art mahnende Erinnerung, als Status Quo. Wer seinen Schlüssel hat, der hat Hoffnung. Die 536 zerstörten arabischen Dörfer aus der damaligen Zeit sind entweder verschwunden oder wurden durch die neuen jüdischen Bewohner verändert. Diraban beispielsweise gibt es noch. A Meewa besuchte sein Dorf als er 14 Jahre alt war und als Westbank-Bewohner eine Erlaubnis von Israel dafür bekam. Jetzt ist er ein Flüchtling von insgesamt rund eine Million anderer Palästinenser, die damals fliehen mussten.

Die Angst vor zu vielen Palästinensern

Das Kapitel der Flüchtlinge ist kein beliebtes im jüdischen Staat Israel, in dem 20 Prozent Palästinenser leben, die damals in ihrer Heimat verblieben. Im Falle einer Rückkehr

Im Juni wieder zurück: Der Schlüssel auf dem Eingangstor des Aida-Camps.

Im Juni wieder zurück: Der Schlüssel auf dem Eingangstor des Aida-Camps.

hunderttausender Palästinenser wäre das demografische Gleichgewicht in Israel empfindlich gestört. Zwar bekommen palästinensische Frauen nicht mehr so viele Kinder wie noch vor einigen Jahren und die ultraorthodoxen Frauen dafür um so mehr. Dennoch wäre eine jüdische Mehrheitsbevölkerung nicht mehr gewährleistet. Israel, rechtlich und laut seinen “basic laws” ein Staat für Juden, müsste seine Demokratie auf die nicht-jüdischen Bevölkerungsanteile ausweiten. Die dann gleichgestellte arabische Bevölkerung könnte ein großer Gewinn sein für das kleine Land und den Weg ebnen für einen multireligiösen und multiethnischen Staat mit Vorzeige-Charakter im Nahen Osten. Doch davon ist die momentane Regierung weit entfernt. Benjamin Netanjahus Politik zielt auf eine klare Judaisierung der besetzte Gebiete und Ost-Jerusalems ab, was sich derzeit besonders im Masterplan der heiligen Stadt zeigt. Nach Plänen des Bauministeriums, die in den 70iger Jahren ihren Anfang nahmen, möchte die Stadtverwaltung Jerusalems die jüdische Bevölkerung bis zum Jahr 2020 auf 70 Prozent anheben und die der arabischen Bewohner auf 35 Prozent reduzieren. Palästinenser bekommen keine Baugenehmigungen in der Stadt, deren Land zum großen Teil von zionistischen halbstaatlichen Organisationen wie dem Jewish National Fund vergeben werden und damit einen Grundstückserwerb für Palästinenser unmöglich machen.

Neun Millionen Flüchtlinge weltweit

Die UN-Resolution 194 besagt, dass alle Flüchtlinge ein Recht auf Rückkehr haben. In jedem einzelnen Flüchtlingslager in der Westbank findet man sie überall an den Mauern, die die Grenze zwischen Camp und Stadt markieren. In Aida, wo A Meewa lebt und arbeitet, prangt die “194″ dick gemalt direkt am Eingang unweit des Schlüssels. Ist es realistisch, dass er eines Tages zurückkehren wird in sein Dorf? “Ja, das ist es. Ich kämpfe weiter dafür, ich bin Flüchtling”, sagt A Meewa. Und: “Es ist mir egal, wie der Staat dann dort heißt, ob Israel oder Palästina. Erst die Rückkehr. Danach reden wir über den Namen des Staates.” Nach Auskunft der palästinensischen Nichtregierungsorganisation Badil aus Bethlehem leben mittlerweile 9 Millionen Palästinenser im weltweiten Exil, in Europa, den USA, Kanada, Südamerika. Darunter fallen Menschen, die 1948 und 1967 in den Kriegen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn flohen,  genauso wie die zweite und dritte Generation, die die Heimatorte nur noch als eine schwammige Erinnerung wahrnehmen.

Mauer im Aida-Camp mit UN-Resolution und Bewohnern, die im Kampf für die Freiheit ums Leben kamen.

Mauer im Aida-Camp mit UN-Resolution und Bildern von Bewohnern, die im Kampf für die Freiheit Palästinas ums Leben kamen.

Gelobtes Land

Der “Key of Return”, der Rückkehrschlüssel, war Ende März über den Seeweg aufwändig vom Aida-Flüchtlingslager in Bethlehem über den israelischen Hafen Ashdod nach Deutschland verschifft worden. 1948 kämpften Araber und Juden um das Heilige Land, es ging um Landnahme und Eroberung. Am 14. Mai 1948 rief Ben Gurion, Israels erster Ministerpräsient, den jungen Staat Israel aus. Die jüdische Bevölkerung jubelte, gerade die Holocaust-Flüchtlinge Europas  reagierten mit immenser Freude über einen jüdischen Staat, der ihnen endlich Heimkehr und Sicherheit vor Verfolgung und Diskriminierung versprach. Die britische Mandatsmacht  – schon lange nicht mehr Herr der Lage in dem komplizierten Konflikt  – zog erleichtert ab. Doch sie  hinterließ auch rund 800.000 arabische Menschen, die ihre Heimat gleichzeitig verloren. Was dem einen zu neuer Zuflucht und einer sicheren Existenz verhalf, bedeutete für den anderen Vertreibung und Flucht. Der britische Regisseur Peter Kosminsky hat dies in seinem mehrteiligen Spielfilm “Gelobtes Land” gekonnt gezeigt, der kürzlich auf Arte lief.

Die NGOs nerven

Graffiti im Aida-Flüchtlingslager.

Graffiti im Aida-Flüchtlingslager.

Bis heute fällt es sowohl israelischen Juden als auch Palästinensern schwer, sich das Narrativ der jeweils anderen Seite anzuhören und es zu akzeptieren. Sich als Opfer zu sehen und nicht die eigenen Täteraspekte miteinzubeziehen, scheint leichter zu fallen als das Leid des anderen anzuerkennen und reflektiert damit umzugehen. Der israelische Psychologe Dan Bar-On hatte dies erkannt und die getrennten Narrative aufgebrochen, indem er bis zu seinem Tod 2008 Israelis und Palästinenser sich gegenseitig konditioniert ihre persönliche Geschichte erzählen ließ. Die Story-Telling-Methode war sehr erfolgreich, Dan Bar-On veröffentlichte mehrere Bücher dazu. Ohnehin ist die Opferrolle wohl auch nicht gerade die erstrebenswerteste, wenn man sich weiterentwickeln möchte. Das gilt in der Westbank auch für das Verhältnis NGOs-Palästinenser, hat A Meewa mit seinem Kollegen Fadi Kattan aus Bethlehem festgestellt. “Was wir brauchen, ist politische Solidarität, keine Almosen. Wir müssen nicht gefüttert werden, Palästina ist nicht Somalia”, sagt Kattan (34) trocken in perfektem Englisch. Ihn nerve die totale Abhängigkeit der Palästinenser von internationalen Geldern. Bevor die NGOs ins Land kamen, seien die Palästinenser selbst ihre besten Volontäre gewesen, sagt er. Das sei nun anders, die NGOs hätten sie quasi abgelöst.

Das Ende des Hungerstreiks

Von der Biennale erhoffen sich beide nun mehr Aufmerksamkeit für die Sache der Palästinenser. Und während die beiden Männer neben dem Schlüssel stehen und reden, tut sich derweil wirklich etwas im Nahen Osten. Rund 1600 palästinensische Gefangene, ein großer Teil von ihnen seit zwei Monaten im Hungerstreik, haben Israel bessere Haftbedingungen abgerungen. Die Häftlinge, darunter mehrere Abgeordnete, sitzen in sogenannter Administrativhaft in israelischen Gefängnissen. Ohne Anklageschrift, Urteil, Kontakt zu Anwälten und Familienangehörigen, einige davon sogar in jahrelanger Isolationshaft. Letztere wird nun aufgehoben, die Bewilligung für juristischen Beistand und Angehörigenbesuche wurde von Israels Seite gestern zugesagt. Die Gefangenen, deren spektakulärer Hungerstreik zwar auf allen NGO-Kanälen, aber kaum in der westlichen Medienlandschaft  Erwähnung fand, interpretieren dies als Sieg am 64. Jahrestag der Nakba – der arabischen Katrastrophe von 1948. Rechtsgerichtete Siedlergruppen wird dies jedoch nicht davon abhalten, in den kommenden Tagen ihren Jerusalem-Marsch zu begehen und damit den jüdischen Anspruch auf die Stadt  deutlich zu machen. Im Gegenteil. Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet, dass die Polizeit dieses Jahr  ihr Okay für eine neue Route durch das muslimische Altstadt-Viertel gegeben habe. Vor einem Jahr hatten die Marschierer dabei “Tod den Arabern” und “Mohammed ist tot” gerufen. Der Schlüssel zum Frieden sucht noch nach dem passenden Schloss.

Der “Key of Return” auf der Biennale in Berlin: mehr Informationen hier.

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Planet Palestine

26 Apr
"Life and work in Palestine": Den Stempel für einen Staat Palästina gibt es schon, das Vertsändnis dafür noch nicht: Der Reisepass wurde kurzerhand von FLughsafenmitarbeitern in Israel für ungültig erklärt.      Fotos: Liva Haensel

Klare Aussage: Den Stempel für einen Staat Palästina gibt es schon. Fotos: Liva Haensel

Der kleine Vogel streckt seinen gebogenen Schnabel im Höhenflug Richtung Blüte. Nur ein winziges Stück trennt ihn noch von dem kostbaren Nektar, den die Blüte wie einen Kelch in sich trägt.  Wer in den Raum im ersten Stock der Biennale an der Auguststraße, Berlin-Mitte, tritt, geht vielleicht erst mal an diesem Kunstwerk vorbei. Zu unauffällig, zu weit links da oben an der Wand. Aber – halt – da steht doch noch was: State of Palestine. Ein Stempel für Dokumente, etwas Offizielles. State of was? Palestine? Gibt es doch gar nicht!

Der Jerichonektarvogel als Symbol lebt in Jordanien, Israel und den palästinensischen Gebieten.

Der Jerichonektarvogel als Symbol für Freiheit lebt in Jordanien, Israel und den palästinensischen Gebieten.

Khalet Jarrar (36) ist Grafikdesigern und Fotograf und lebt in Ramallah.

Khaled Jarrar (36) ist Grafikdesiger und Fotograf und lebt in Ramallah.

Politisches Coming-Out

In den Köpfen und Herzen von Palästinensern ist der Staat Palästina  längst schon real. Und solange  Politiker, Unterhändler, Israel, die EU, USA und die Vereinten Nationen nicht in der Lage sind, Palästinas Urbevölkerung auch rechtlich ein Land zuzugestehen, schaffen einige eben Tatsachen. So wie Khaled Jarrar, der verantwortlich zeichnet für das Kunstwerk „State of Palestine“ auf der Berlin Biennale, die eine der wichtigsten Kunstevents deutschlandweit ist und nicht mit politischen Aussagen geizt. Die Macher haben sich in diesem Jahr für neuartige Projekte entschieden, ganz unter dem Motto: „Forget Fear“ (Vergiss die Angst). Jarrars Kunststempel als „einfache Geste, die Normalität behauptet anstatt wieder und wieder über die Ein-oder Zweistaatenlösung zu diskutieren“, passt da perfekt hinein. Vor zwei Jahren stand Jarrar das erste Mal mit seinem Stempel am Checkpoint Qualandia, der Ramallah von Jerusalem trennt, und verpasste Westbank-Reisenden seinen Jerichonektarvogel direkt in ihren Reisepass. „Zuerst hatten die Leute Angst, sie sahen den Stempel und erkannten die Botschaft. Aber dann haben sie gelächelt und sich gefreut“, erzählt Jarrar über seine Aktion und das “Coming-Out” der Passbesitzer. Dieses Lächeln liebe er sehr, sagt er. Die Angst rührt daher, dass der Palestine-Stempel zumeist bei der Ausreise am israelischen Ben-Gurion-Airport von den Sicherheitsmitarbeitern gesehen wird, und anschließend gibt es unangenehme Fragen für den Reisepass-Besitzer. Einigen Israelis wurden kurzerhand sogar die Dokumente entrissen. Am Ende bekamen sie diese zwar wieder, aber mit einem anderen dicken Stempeleintrag: cancelled (ungültig).

Green Card für die Westbank

Jarrar lacht, als er das erzählt. Der Grafikdesigner, der in Jenin aufwuchs und an der International Academy of Art in Ramallah studierte, ist bisher als politischer Künstler verschont geblieben von Haft oder Drohungen. Nur 2007, als Jarrar seine künstlerische Laufbahn zunehmend in die Öffentlichkeit verlegte, wollte ihn das israelische Militär festnehmen. Damals hatte er Bildaufnahmen von wartenden Menschen an den Checkpoints gemacht und sie dann an der Mauer auf der israelischen Seite an den Grenzübergängen in Ramallah und Nablus befestigt. Das habe die Soldaten wütend gemacht, aber die Anwesenheit von internationalen Beobachtern hätte die Israelis von Strafmaßnahmen abgehalten. Auch die Ausstellung von Green Cards in einem winzigen Office in Ramallah für Menschen, die ins Westjordanland einwandern wollen, habe ihm niemand streitig gemacht, sagt der hünenhafte Künstler, der acht Jahre lang Arafats Leibwächter war.

Gelbe Marken: Die Deutsche Post verkauft Jarrars politische Botschaft im 20iger-Pack.

Gelbe Marken: Die Deutsche Post verkauft Jarrars politische Botschaft im 20iger-Pack.

Deutsche Briefmarken unter dem Tisch

Auf der Biennale steht Jarrar ab jetzt für die kommenden drei Wochen an einem langen Holztisch mit Fotos, auf denen Menschen lachend, ernst oder schmunzelnd in die Kamera blicken und ihren Pass mit dem Palestine-Stempel entgegenstrecken. In der Hand dreht er dabei den Stempel zwischen seinen Fingern. Mittlerweile ist er durch die halbe Welt gereist, er war in Rom, Paris und Brüssel und vergangenen Frühling hat er auch schon mal am Checkpoint Charly gestanden. Seine Biennale-Ansprechpartnerin Franziska Zahl kam vor Monaten auf die Idee, der Deutschen Post Jarrars Stempelmotiv anzubieten. Jetzt kann man die Sondermarken zwar nicht am Postschalter kaufen – „der deutschen Post ist das irgendwie peinlich oder zu politisch“, so Jarrar – aber man bekommt sie entweder im Biennale-Shop in der Auguststraße 69 oder per Bestellung. Das Wichtigste ist dabei: Sie sind tatsächlich echt und frankieren Briefe und Karten. Der Palästinenser erzählt all dies mit einer Ruhe und Gelassenheit, als wäre es das Normalste der Welt. Wer es nicht besser weiß, der könnte denken, Palästina gibt es längst. Und so geht ein Staat, der noch keiner ist, auf eine Reise durch die ganze Welt und erzählt die Geschichte der Zukunft eines ganzen Volkes. Planet Palestine lebt.

Khaled Jarrar/State of Palestine auf der 7. Berlin Biennale for Contemporary Art   (27. April bis 1. Juli 2012). Ort: KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, Berlin – Die Briefmarken  sind  als 20er-Päckchen für  15 EUR zu haben (plus  1,45 EUR Portokosten) und können bei Franziska Zahl per E-Mail bestellt werden:  fz@berlinbiennale.de  – Khaled Jarrar ist am 3.5. auf der Filistina Hannover vertreten, mehr Infos dazu hier.

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Nahostkonflikt – Fotoserie

15 Apr
Protest in Sheik JarrahDie andere SeiteHoffnung auf RückkehrLebensfreudeNachdenklichNie Langeweile
TrostlosIn der SchuleFehlt nieFlower-Power arabischZuhörenIMG_6296
DurchgeschnittenMasterplan JerusalemVolle FruchtParadiesischDem Himmel so nah
PufferzoneTür in die andere WeltZu klein?WeitermachenBasis legenEyewitness

Oliva Azul Fotostream auf Flickr.

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Schwarze Schafe in Tel Aviv

14 Apr
Begrüßung am israelischen Flughafen: Dieses Schreiben veröffentlichte Netanjahus Sprecher am Samstagabend.

Begrüßung am israelischen Flughafen: Dieses Schreiben für die Westbank-Besucher veröffentlichte Netanjahus Sprecher Ofir Gendelman am Samstagabend via Twitter. Quelle: +972 mag

Guns' no Roses: Für die Passagiere der "Welcome-to-Palestine"-Kampane wird es keine Blumen zum Empfang gegen.          Foto: Liva Haensel

Guns no Roses: Für die Passagiere der "Welcome-to-Palestine"-Kampagne wird es keine Blumen zum Empfang geben. Foto: Liva Haensel

Auf sie warten kein Sekt oder Champagner. Keine bequemen Sessel,  erfrischendes Wasser oder gar Rosen zum Empfang. Wenn sie ankommen,  ist da nur Unverständnis. Viele Fragen. Festnahmen. Abschiebung. Oder Haft in einem israelischen Militärgefängnis. Die Rede ist von den rund 1500 Flugpassagieren, die in einer Stunde und dann den ganzen Sonntag über am Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv landen und von denen die israelischen Sicherheitskräfte wollen, dass sie so schnell wie möglich wieder verschwinden. Die “Welcome to Palestine”-Kampagne von palästinensischen Nicht-Regierungsorganisationen findet jetzt zum 3. Mal statt. Aus aller Welt kommen am 15. April Menschen in die palästinensischen Gebiete, um in palästinensischen Gastfamilien zu wohnen, den Alltag unter Besatzung hinter der Mauer in der Westbank mitzuerleben, an Workshops teilzunehmen, Olivenbäume zu pflanzen.

Deutsche Botschaft hielt sich zurück

Doch nie zuvor ist vorab so viel darüber berichtet worden wie jetzt. Im vergangenen Jahr fiel das Datum auf den 10. Juli. Damals berichteten die Medien vor allem über das Ergebnis: Israel hatte 124 Menschen abgeschoben, die am Flughafen erklärt hatten, dass sie in die besetzten Gebiete weiterfahren. Die Besucher wurden umgehend in Maschinen verfrachtet, die in ihre Heimatländer zurückflogen. Wer sich weigerte, kam für eine Woche in Haft. “Das Gefängnis war von den Haftbedingungen her gesehen noch sehr privilegiert, wenn man es mit denen für palästinensische Gefangene vergleicht”, berichtet eine Frau aus Deutschland. Die Berlinerin schaltete noch am Ben-Gurion-Flughafen ihren Anwalt ein und informierte auch die Deutsche Botschaft. Die habe sich allerdings” feige rausgehalten und gar nichts unternommen”, stellte sie ernüchtert fest.

Lufthansa cancelte als erste Fluglinie die Tickets

Während die Sommer-Kampagne im Juli noch eine Art Premieren-Charakter hatte – und sich zeitgleich die israelische Regierung  in einer nervösen Anspannung wegen der zahlreichen Tent-Proteste für mehr soziale Gerechtigkeit befand – scheint nun alles gut vorbereitet. Die israelische Regierung glich dieses Mal zwar auch ihre sogenannten Black Lists mit Namen von “Aktivisten” wieder mit denen der Airlines ab, die Tel Aviv anfliegen. Aber sie forderte auch im Vorfeld dazu auf, die gebuchten Tickets einiger Passagiere gleich wieder zu stornieren. Die Lufthansa kam dem als erste nach,  Air France und die britische Jet2.com folgten. Bis jetzt sind dazu 600 Artikel weltweit in mehr als sechs Sprachen darüber zu finden (AFP ist hier einer davon). Die Flytilla-Passagiere (Flytilla erinnert an das Wort Flotilla, das vor allem in Bezug auf die Gaza-Flotillen von 2010 und 2011, die die Blockade Gazas durchbrechen wollten, benutzt wurde) und die “Welcome-to-Palestine”-Organisatoren deuten dies als gutes Zeichen: “Israel hat eine Heidenangst vor diesen Besuchern. Der Staat will um alles in der Welt verhindern, dass Internationals sehen, was in der Westbank vor sich geht”, sagt Mazin Qumzieh, Menschenrechtsaktivist und Professor für Genetik an der katholischen Bethlehem University. Qumzieh, Autor von “Sharing the land of Canaan” und einer der Sprecher der Pressekonferenz in Bethlehem, hält die Aktion für extrem wichtig. Nicht nur die Menschen in Gaza, sondern auch in der Westbank seien abgetrennt von der Außenwelt. Dass Israel auf Besucher, die am Flughafen nicht lügen, sondern ehrlich sagen, dass sie in die Westbank wollen, agressiv reagiere, zeige lediglich, “dass wir als Friedensaktivisten einen guten Job machen”.

Mit Babybauch vier Stunden warten

Aber es trifft auch immer andere. Eine schwedische Touristin, im fünften Monat schwanger und gerade von Jordanien kommend, staunte nicht schlecht an der Grenze zu Eilat im Süden Israels. Sie musste eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, in der steht, dass sie weder an pro-palästinensischen Aktivitäten teilnehmen werde und dass sie aber im Falle dass doch  “Deportation und Abweisung Israels” akzeptieren werde. Statt eines normalen 3-Monats-Visums bekam sie nur noch sieben Tage im Heiligen Land zugebilligt. Und dass erst nach vier Stunden und 20 Minuten Wartens an der Grenze zu Israel (siehe hierzu den Bericht des israelischen Journalisten Dimi Reider für das Onlinemagazin +972)

Mal abgesehen von Grammatik und Rechtschreibung: Eine schwedische Touristin unterschrieb gerade diese Erklärung an der jordanisch-israelischen Grenze.

Mal abgesehen von Grammatik und Rechtschreibung: Eine schwedische Touristin unterschrieb gerade diese Erklärung an der jordanisch-israelischen Grenze. Quelle: +972 mag

Deutsche machen sich ein Bild des Konflikts

Das Vorgehen gegen sogenannte Activists, schwarze Schafe in den Augen Israels, könnte der einzigen Demokratie im Nahen Osten künftig zum Verhängnis werden. Denn die Grenze zwischen Aktivismus, den die Teilnehmer selbst als friedlich und gewaltfrei bezeichnen, zwischen Tourismus, Arbeit und Abenteuerlust, ist längst verwischt. Allein sämtliche christliche Einrichtungen und Organisationen in Israel und Palästina ziehen jährlich tausende Besucher an. Deutschland ist das Land mit der höchsten Zahl an Volunteers, Freiwilligen, die für eine Zeit lang in Israel leben und arbeiten. Alle diese Menschen machen sich während ihres Aufenthalts ein umfassendes Bild der Region, sie sprechen mit Palästinensern und Israelis  und lernen damit durch eigene Anschauung den Nahostkonflikt ganz praktisch kennen. Ist sich Israel selbst genug als jüdischer Staat (mit einem Fünftel davon palästinensischer Einwohner), der auf Touristen und Andersdenkende und -gläubige künftig verzichten möchte, ist dies der richtige Weg dafür. Möchte sich das kleine Land aber offen gegenüber Fremden zeigen, und dass auch von seiner bitteren Schokoladenseite, kann es sich dieses Vorgehen nicht lange leisten. Auch schwarze Schafe tragen weiße Westen. Manchmal sind sie aber auch blau. So wie diejenigen der Security-Mitarbeiter morgen am Ben-Gurion-Airport.

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Das Licht brennt

4 Apr
Juliano Mer Khamis

Juliano Mer Khamis wurde vor einem Jahr ermordet. Er ist in einem Kibbuz in der Nähe von Haifa begraben. Foto: Freedom Theatre Jenin

After one year of fruitless investigations,

We demand results!

We demand justice!

(Text from the Freedom Theatre, call for today’ s demonstration in Ramallah)

Die Antwort liegt irgendwo im Sand begraben. Verschüttet unter Schichten von Fragezeichen, von Hoffnung, Mut und Verzagtheit. Die Antwort wartet darauf, entdeckt zu werden. Oder für immer unter den Erdmassen zu verschwinden während das Leben weitergeht. Irgendwie.

Vor einem Jahr überschlugen sich die Zeitungen in Israel, den palästinensischen Gebieten, in der ganzen Welt. Der Regisseur und Theatermacher Juliano Mer Khamis war von fünf Kugeln im Flüchtlingslager Jenin getroffen worden und starb noch am Tatort (Haaretz-Artikel vom 4.4. 2011 hier). Die unbekannten Täter, wie es damals und jetzt noch heißt, werden gesucht. Heute  findet man nur noch wenig über Juliano, den großen Freiheitskämpfer, in den Medien. Ein Jahr ist vergangen seit seinem gewaltsamen Tod. Das Freedom Theatre, das er nach dem Tod seiner Mutter Arna Mer in Jenin im Nodern der besetzten Westbank gegründet hatte, macht indes weiter. Die Filmschule, die Theaterproduktionen und Workshops gehen ihren Gang. Aber der Tod des jüdisch-palästinensischen Grenzgängers bleibt unaufgeklärt und lässt die Theaterstudenten, “Julianos children”, wütend zurück. Sie fordern eine Aufklärung des Mordes an ihrem Vorbild Mer Khamis, das das Theater 2006  etablierte, um den Kindern des Flüchtlingslagers eine Stimme zu geben und durch Kreativität einen kulturellen Aufstand gegen die israelische Besatzung zu wagen. Das ist ihm gelungen.

Operation Schutzschild als Vergeltung für Attentate

Von vielen Israelis als Verräter an der jüdischen Sache gebrandmarkt, ließ sich Mer Khamis nicht beirren und schaffte es tatsächlich in einem Ort von Hoffnungslosigkeit und Resignation eine Oase zu bauen. Dabei verleugnete er nicht die Realität der Besatzung und die kaputten Fassaden des Flüchtlingslagers, das 2002 mit der israelischen Militäroperation “Schutzschild”  in einem gewaltsamen Massaker gegen die Zivilbevölkerung einen traurigen Höhepunkt fand. Damals wurden hunderte Menschen verletzt und ein großer Teil des Flüchtlingslagers zerstört (“Operation Schutzschild – Zehn Jahre nach dem Massaker von Dschenin”, Deutschlandradio Kultur-Bericht hier) Der Bericht des ARD-Korrespondenten Torsten Teichmann konzentriert sich vor allem auf diese Vergangenheit und zeigt auf, wie schwierig nach wie vor Das (Über-)Leben in Jenin ist. Es kommen Palästinenser zu Wort, die im Lager aufgewachsen sind und sogar ein Weggefährte Julianos, Zakaria Zubeidi, wird erwähnt. Der als “Bekannter” des Theatermachers Bezeichnete war tatsächlich ein enger Freund von Mer Khamis. Zubeidi, der während der Zweiten Intifada der Anführer der Al-Aksa-Brigaden Nord war, legte danach offiziell die Waffen nieder und ließ sich auf ein Abkommen mit Israel ein. Er durfte daraufhin nicht mehr die Stadt verlassen und musste nachts im Gebäude des Gouverneurs schlafen sowie sich regelmäßig bei der Palästinensischen Autonomiebehörde und den israelischen Stellen melden. Israel verzichtete auf eine Gefängnisstrafe und drastischere Strafen. Doch die Zeit danach blieb für niemandem ruhig in Jenin. Bewohner berichten, dass bis vor zwei Jahren nachts immer wieder israelische Panzer in die 50.000-Einwohner-Stadt einrollten. Nach 18 Uhr trauten sich die Menschen nicht mehr auf die Straße, sondern verbarrikadierten sich lieber in ihren Häusern aus Angst vor Soldaten, die männliche Angehörige zu Verhören mitnahmen, die nicht wieder zurückkehren. Das Alternative Information Center, eine israelisch-palästinensische NGO mit Sitz in West-Jerusalem und Beit Sahour, hat  in regelmäßigen Abständen neben vielen anderen Menschenrechtsorganisationen immer wieder über Attacken der israelischen Armee gegen Zivilisten aus Jenin berichtet. So wurden nach Mer Khamis Tod in kurzer Abfolge mehrere Theater-Mitarbeiter grundlos verhaftet, ein Teil der Requisiten sogar zerstört (Artikel AIC hier und hier). Zubeidis Immunität wurde zeitweilig aufgehoben. Er galt wieder als “Wanted”, als gesuchte Person made by Israel.

Gefangene Hana Shalabi  jetzt in Gaza

Protestkundgebung für die Freilassung Hana Shalabis vor demGebäude des Roten Kreuzes,  Ost-Jerusalem.   Foto: AIC

Protestkundgebung für die Freilassung Hana Shalabis vor dem Gebäude des Roten Kreuzes, Ost-Jerusalem. Foto: AIC

Jenin, das sind vor allem die traurigen Schlagzeilen. Hana Shalabi (30), die zwei Jahre in einem israelischen Gefängnis in Administrativhaft, ähnlich einer Untersuchungshaft ohne Anklage, Gerichtsverhandlung und normalen Rechten eines Häftlings, einsaß, stammt aus dem Dorf Burqin bei Jenin. Ihr Fall erregte Aufsehen, allerdings kaum in israelischen Medien oder in den deutschen. Weil sie im Zuge des Gilat-Shalit-Deals im vergangenen Dezember zwar freigelassen wurde, aber Anfang dieses Jahres erneut in einer Nacht-und-Nebel-Aktion umringt von 50 Soldaten wieder inhaftiert, trat sie daraufhin in einen Hungerstreik, den sie vor ein paar Tagen am 43. Tag der Nahrungsverweigerung beendete. Eine Hungerstreik-Welle von palästinensischen Inhaftierten überschwappte ganz Israel 2011. Der Jubel über die Freilassung Shalits überdeckte die Realität tausender Gefangener, die unter unwürdigen Bedingungen, die teilweise Misshandlungen mit einschlossen, festgehalten wurden. “Die ersten zwei Wochen war ich in einer Einzelzelle mit hunderten von Kakerlaken, die Handteller groß waren, eingesperrt”, berichtet ein ehemaliger Gefangener. Die Tiere hätten ihn nachts gebissen und ihn fast seines Verstands beraubt, sagt der heute 38-Jährige, der seinen Namen nicht nennen möchte. Die Kakerlaken-Zelle soll die Häftlinge zermürben und psychisch foltern. “Ich bin nicht durchgedreht, aber ich war nah davor und voller Ekel.”

Er lehnte jede Art von Normalisierung ab

Oster von Juliano Mer Khamis im Gästehaus des Cinema Jenin.   Foto: Liva Haense

Poster von Juliano Mer Khamis im Gästehaus des Cinema Jenin.
Foto: Liva Haensel

Hana Shalabi wurde jetzt nach Gaza abgeschoben und muss dort für drei Jahre bleiben, bevor sie nach Jenin zurückkehren darf. Den Bericht über Hana Shalabi und eine ausführliche Dokumentation findet man hier: “Addameer – Prisoner Support and Human Rights Association”). Die Studenten und Mitarbeiter des Freedom Theatre haben unterdessen heute Morgen für eine Aufklärung des Mordes an Juliano Mer Khamis vor der Muquattah, dem palästinensischen Polizeirevier in Ramallah, protestiert. Mer Khamis wurde sein Leben genommen. Aber er hatte seinen Weg, den Weg des Freedom Theatres in Zuneigung für die Menschen Jenins, selbst gewählt. Der streitbare und selbstbewusste Jude mit palästinensischen Wurzeln war bis zum Schluss der größe Kritiker seiner Heimat Israel  – er wuchs in Nazareth auf – und lehnte jede Art von Zusammenarbeit mit Israel in Form von einer “Normalisierung der Besatzung” ab  (zu der Normalization-Debatte hier ein Kommentar von Aziz Abu Sarah im +972 Magazin). Nach eingehender Reflexion werden Zeiten kommen, in denen der Staat Israel flächendeckend noch stolz sein wird auf Menschen wie Mer Khamis, die unverzichtbar in der moralischen Debatte des Landes sind. Je verschärfter sich die Lage im Nahen Osten zuspitzt, je eisiger der Wind zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn weht, desto dringlicher braucht das Land nun Leute, die zornig und gleichzeitig emphatisch Menschlichkeit auf die Bühnen der Welt bringen. Die Mörder von Juliano Mer Khamis haben einen wichtigen Botschafter der Menschlichkeit vor einem Jahr das Leben genommen. Sein Licht konnten sie aber nicht auslöschen.

  • Den Dokumentarfilm “Arna’s children” von Juliano Mer Khamis über seine Mutter und ihre Arbeit im Jeniner Flüchtlingslager kann man kostenlos hier auf youtube ansehen.

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„Als Jude ist mein Herz gebrochen“

25 Mar
"Für uns gibt es überall ein Denkmal": Mark Braverman am Holocaust-Mahnmal in Berlins Mitte.            Foto: Liva Haensel

"Für uns gibt es überall ein Denkmal": Mark Braverman am Holocaust-Mahnmal in Berlins Mitte. Fotos: Liva Haensel

Mark Braverman hat ein Buch verfasst, das Schweigen brechen und Menschenrechten Raum geben soll. Darin fordert der amerikanische Psychologe die Kirchen weltweit dazu auf, Israels Siedlungspolitik schnellstens Einhalt zu gebieten.  (Der Artikel erschien am 22.3.2012 in der evangelischen Wochenzeitung “die kirche”)

Von Liva Haensel
 

Der Mann blickt nach oben. Seine Augen wandern die graue Betonwand entlang, über die kleinen Unebenheiten, die Streifen, ein paar Risse. Sie bleiben an dem Stacheldraht hängen, der die Mauer entlang kriecht bis zum nächsten Wachturm. Wer als Kind mal beim Spielen in einem Stacheldrahtzaun hängengeblieben ist, der weiß wie spitz sich die Metallenden in das Fleisch bohren. Der Mann ist zierlich und schmal. Für eine Weile steht er da vor der riesigen Mauer, die ihm ihre graue Fassade entgegenstreckt und denkt nach. Dann hat er seine Antwort gefunden. Die Mauer hat sie ihm gegeben. Er kann es kaum glauben.

 Nur ein weltweiter Boykott kann den Frieden retten

Die Geschichte des Mannes, der an die Mauer in Bethlehem im besetzten Westjordanland kommt und dort sein eigenes Ich findet, ist die von Mark Braverman. Es ist die Geschichte eines amerikanischen Juden, der im Nachkriegs-Amerika in einem jüdisch-traditionellen Haushalt in Philadelphia großwird und viele Jahre zionistisches Dasein führt. Mark Braverman nennt es „my jewish bubble – meine jüdische Blase“. Es habe gedauert, zu verstehen, dass Jüdischsein nicht nur Opfersein bedeutet, dass nicht alle den Juden an den Kragen wollen und Araber und Deutsche per se keine schlechten Menschen seien, sagt er. Braverman steht vor 60 Menschen im Berliner Hendrik-Kraemer-Haus, die gekommen sind, um ihm zuzuhören. Seine Dolmetscherin schwitzt. Die deutschen Worte kommen ihr rasch über die Lippen. Aber der Nahostkonflikt ist kein leichtes Thema. Noch nicht einmal für Menschen, die ihn nur in eine andere Sprache übersetzen.

Madonna flevit: Weinende Madonna als Kunstwerk an der Mauer in Bethlehem in der Nähe des Car-Checkpoint.

Madonna flevit: Weinende Madonna als Kunstwerk an der Mauer in Bethlehem in der Nähe des Car-Checkpoint.

Die Kirchen sind passiv

2006 fuhr der 64-Jährige, der in Washington DC lebt, nach Israel und besuchte das erste Mal auch die Westbank. Als er vor dem israelischen Sperrwall stand, der Bethlehem von Jerusalem trennt, habe er das erste Mal verstanden, was mit ihm als Jude los ist: „Diese Mauer stand für die physische Manifestation unserer jüdischen Identität. Wir Juden sind umringt von einer Mauer, wir haben uns in einer Burg verschanzt“, sagt er zu seinen deutschen Zuhörern. Von Klein auf lerne jeder Jude, dass er verfolgt werde und Feinde habe. Die Welt ist voller Antisemiten und Bösewichten, voller iranischer Nuklearwaffen und arabischer Nachbarn, deutscher Nazis  – und antijüdischer Christen. „So wachsen wir auf“, sagt Braverman, der klinischer Psychologe ist und an der Medical Harvard University studiert hat. Fatal sei daran, dass sich Juden dadurch in eine Sonderrolle begeben, die vor allem an der Politik Israels zum Ausdruck kommt. In seinem soeben im Gütersloher Verlagshaus erschienenen Buch „Verhängnisvolle Scham – Israels Politik und das Schweigen der Christen“, prangert Mark Braverman genau dies an. Und fordert umgehend zum Handeln auf. Aber nicht, indem er sich an eine jüdische Leserschaft wendet, sondern explizit an Christen. Sie seien diejenigen, die seit Jahrhunderten über ein gut funktionierendes Netzwerk verfügen und dies nun ausnutzen sollten, um Israels Verstöße gegen die Menschenrechte der palästinensischen Bevölkerung zu ahnden. „Kirchen sind überall aktiv. Nur im Israel-Palästina-Konflikt mischen sie sich nicht ein, das ist ein Tabu, an das sie nicht rangehen.“ Dabei sei gerade das 2009 erschienene Kairos-Palestine-Dokument mit seinem Boykottaufruf für Palästina ein Meilenstein und eine große Chance, findet er. Denn nur durch einen weltweiten Boykott gegen Israel, wie er damals durch die Kirchenführer in Südafrikas Apartheidssystem öffentlich gemacht wurde, kann die Internationale Gemeinschaft noch das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat und Frieden im Nahen Osten retten, findet er.

Schreibt schon wieder an einem neuen Buch: Braverman nachdenklich.Deutschland und Israel – eine besondere Beziehung

Braverman kommt gerade aus der Westbank, er war Teilnehmer der Konferenz „Christ at the Checkpoint“, die zum zweiten Mal in Bethlehem am Bible College stattfand und 600 renommierte Theologen aus aller Welt versammelte. Er ist deprimiert. Die Israelis haben gerade wieder tausende Dunum palästinensischen Lands enteignet und mehrere Dutzend Palästinenser verhaftet, die ohne Anwalt und Gerichtsverhandlungen festgehalten werden. In Khallet Sakarya, einem Dorf bei Bethlehem, haben radikale jüdische Siedler 450 Olivenbäume abgeholzt. UN Ocha, das Büro der Vereinten Nationen in den besetzten palästinensischen Gebieten, dokumentiet die Zahl von 24 toten Palästinensern diese Woche in Gaza und 24 Palästinensern, die bei gewaltfreien Demonstrationen in der Westbank von israelischen Soldaten verletzt wurden. Es ist eine unruhige Zeit, in der Braverman sein Buch auf Deutsch herausgebracht hat. Eine Zeit, in der der SPD-Politiker Sigmar Gabriel seinen Eindruck von Hebron bei seiner Nahostreise mit dem Wort Apartheid beschreibt  und kurz danach Antisemitismus-Vorwürfe erntet. Deutschland und Israel, das ist eine besondere Beziehung. Braverman weiß das.

Du bist jüdisch, na und?

In der Konferenz ging es darum, wie sich Hoffnung in einem Konflikt säen lässt, der hoffnungslos erscheint in einer Stadt, die mittlerweile von 15 illegalen jüdischen Siedlungen und 90.000 jüdischen Einwohnern darin umschlossen ist. Seiner Erfahrungen im Jahr 2006 in der Westbank ließen Braverman, den überzeugten Juden, der immer an den Staat Israel geglaubt hatte, entsetzt zurück.  Der Psychologe, der sich in den USA in seiner Arbeit intensiv mit Traumaopfern befasst hatte, fuhr nach Nablus und Jenin im Norden, er sprach mit palästinensischen Muslimen und Christen in Ost-Jerusalem und Ramallah. Er besuchte Daoud Nassar, der das Friedensprojekt „Tent of nations“ bei Bethlehem unterhält und der seit 1991 gegen die Ladenteignung seines Hügels ankämpft. Braverman gründete kurz danach den Verein „Freunde von Tent of Nations in Nordamerika“, dessen Vorsitzender er jetzt ist. Im Gegensatz zu verschlossenen Israelis, die nichts über die Besatzung und ihre dunkle Seite wissen wollten, stieß er auf der anderen Seite auf offene Ohren. „Okay, Du bist jüdisch, na und, toll, dass Du hier bist. Jetzt lass uns endlich reden“, war die Reaktion von palästinensischen Menschen, die er dort traf. Sein Buch habe die Türen der Synagogen nicht gerade geöffnet, sagt er und lacht. Aber in christlichen Gemeinden sei er auf „einen Hunger gestoßen, mehr über den Nahostkonflikt zu erfahren und sich für Gerechtigkeit einzusetzen“.

Seine einwöchige Leserreise führt in zum Abschluss auch nach Berlin, der Stadt, die Adolf Hitlers Plänen zum Großreich Germania ein Gesicht geben sollte. Braverman blickt auf ein Stück Berliner Mauer beim früheren SS-Reichshauptquartier in Mitte. Touristen knipsen Fotos auf dem Gelände von der „Topografie des Terrors“, der Ausstellung über Deutschlands Nazi-Apparat. „In Bethlehem ist die Mauer zwölf Meter hoch“, sagt Braverman. Mauern schaffen keinen Frieden. An dem „Stiftung Denkmal zur Ermordung der Juden Europas“ setzt er sich auf eine der grauen Stelen und blickt um sich. „Für uns Juden gibt es überall ein Denkmal.“

 Jesus ist ein Revoluzzer unter römischer Besatzung

Sein Buch ist dick geworden, teilweise kommen die Worte auf den 336 Seiten sogar ein wenig schwülstig-langatmig daher. Jesus ist darin ein palästinensischer Jude, der unter römischer Besatzung lebt, ein Revoluzzer. Hanna Lehming, Referentin für christlich-jüdischen Dialog der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, bezeichnet es in einer Rezension als „Stimmungsmache ohne Aufklärung“ und den Autor „als weder historisch, noch theologisch sachkundig“. Doch die Stärke des Autors liegt in seinem psychologischen Verständnis für Menschen und seines Graswurzel-Aktionismus, der Wissenschaft zwar mit einbezieht, aber sie nicht als Voraussetzung für eine Friedensbewegung sieht. Die These, dass Christen durch ihr Engagement einen gerechten Frieden in Israel und Palästina verantwortlich hervorrufen können aus jüdischer Sicht, ist die wahre Sensation des Buches . „Ich bin zutiefst verstört und mein Herz ist gebrochen, wenn ich als Jude sehe, was der jüdische Staat in meinen Namen macht“, sagt Braverman. Den Vorwurf des Antijudaismus und Antisemitismus, wenn man mit klaren Worten die Menschenrechtsverletzungen Israels benennt, müssten gerade die Deutschen überwinden. „Es wird unangenehm für Sie werden, aber sie müssen sich davon befreien. Dieses Kreuz müssen jetzt Sie tragen.“

"Fatal embrace" erschien das erste Mal 2010 auf Englisch in den USA.

"Fatal embrace" erschien das erste Mal 2010 auf Englisch in den USA.

Buch: Mark Braverman: Verhängnisvolle Scham. Israels Politik und das Schweigen der Christen. Gütersloher Verlagshaus 2011, 29,90 Euro
 
 
 Zur Person: Mark Braverman, geb. 1948, wuchs in einer jüdischen Familie in Philadelphia auf. Er studierte englische Literatur und Psychologie und promovierte später in Harvard. Bevor er sich ganz dem Engagement im Nahostkonflikt widmete, arbeitete er in mehreren Kliniken und NGOs. Als Psychologe ist er spezialisiert auf posttraumatische Störungen bei Menschen, die in Konfliktregionen leben. Braverman ist Vorsitzender und Mitglied mehrerer Menschenrechtsorganisationen, darunter von „Friends of Tent of Nations Northamerica“, dem „Israeli Commitee against house demolishions“ sowie „American Jews for a just peace“.

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Israel’s Love and Iran’s fear

21 Mar
Israel loves Iran

Der Regierung eins ausgewischt: israelische Posterkampagne auf facebook.

Wer hat eigentlich Angst vor wem im Nahen Osten? Muss Israel Angst haben vor iranischen Bombentüftlern, die an einem Atomwaffenprogramm arbeiten, das noch gar nicht fertig ist? Oder sind es vielmehr die 75 Millionen Iraner, die jetzt zittern seit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im vergangenen  November den Iran als Israels Erzfeind Nummer eins ausgemacht hat? Ich traf gestern eine Frau auf der Straße aus der Nachbarschaft, deren Stimme ernst und dunkel wurde als sie ihre Sorge vortrug: “Der Iran droht mit der Atombombe und will Israel auslöschen. Vielleicht wird es den Staat Israel dann irgendwann nicht mehr geben. Ich habe Angst!” Ja, ich auch, dachte ich nur während ich den silbernen hebräischen Buchstaben l’chaim   (= auf das Leben), der an ihrer Halskette baumelte, betrachtete. Ich habe Angst, dass sich weiter Spaliere bilden zwischen dem ach so zivilisierten Westen, dessen Teil ich als Deutsche bin, und dem verwilderten arabischen Osten, der nach Demokratie sucht und islamische Parteien gründet. Mein gebildeter, aufgeklärter Westen in Form der Bundesrepublik Deutschland hat jetzt gerade wieder Israel Unterstützung zugesagt, indem es drei U-Boote der Sorte Dolphin zugesagt hat. Dolphins sind Kriegswaffen, die Raketen transportieren können und werden genau zu dem Zweck eingesetzt. Die Bevölkerung des eingesperrten Gazastreifens litt besonders unter deutschen Waffen 2008/2009 als die israelische Armee in Gaza einrückte und 1500 Zivilisten tötete. Die unbemannten Drohnen, die vom Himmel herunterkamen und Kinder, Frauen und Männer schwer verletzten und töteten, kamen aus unserer Heimat. Hatten wir Deutsche nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, der Zerstörung und fast vollkommenen Auslöschung des jüdischen Volkes mit Massenvernichtungsmitteln gesagt “NIE WIEDER?”

Wahre Freundschaft zu Israel?

Einwohner der Stadt Kiel wollen jetzt beim Ostermarsch gegen Israel und die deutsche Beteiligung an Kriegen demonstrieren, wie die taz berichtet. Im taz-Artikel heißt es: “Seit Ende Februar liegt das erste U-Boot der neuen Dolphin-Klasse im Dock der Kieler HDW-Werft. Nach Informationen der ARD-Tagesschau haben die Boote Mittelstreckenraketen an Bord, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. Ein israelischer Regierungsmitarbeiter sagte der Tageszeitung Haaretz, die Lieferung aus Kiel habe „große strategische Bedeutung“ für Israels Sicherheit.” Aha, da haben wir sie also wieder, die Atomwaffen. Die “Freundschaft” zu Israel besteht nicht aus Reflexion über die deutsch-jüdische Geschichte, aufrichtige Anteilnahme und konstruktive Kritik bezüglich Israels  auf der Basis internationalen Völkerrechts. Sondern Waffen- und Geldlieferungen. Geht so Frieden? Aber kommen wir zurück zum Iran und einer möglichen Bombengefahr. Die Verwirrung ist da. Und groß. Bei aller Ernsthaftigkeit, die das Thema birgt und bei allen Ängsten auf beiden Seiten, ist dennoch bemerkenswert, dass sich derzeit – seit sich die Drohgebärden auf beiden Seiten gesteigert haben – fast niemand in der deutschen Medienlandschaft und darüber hinaus mit der Bedrohung israelischer Atomwaffen beschäftigt. Das ist fast schon putzig. Der Iran ist böse, aber Israel nicht? Dabei ist Israels Rüstungsprogramm im Gegensatz zu der vermuteten iranischen Atomwaffe ein ganz reales. Es ist daher passend an einen alten Freund Israels zu erinnern, der als erster öffentlich über Israels Atomwaffen sprach. Mordechai Vanunu, Nukleartechniker in Dimona, hatte 1986 nach seinem Weggang aus Israel in einer englischen Zeitung über die Rüstungsprogramme und Waffen seines Heimatlandes gesprochen. Er wurde als Landesverräter inhaftiert und kam 2004 unter strengen Auflagen frei. Vanunu hat sicher eine Meinung zur derzeitigen Endzeitstimmung, die Netanjahu verbreitet. Leider darf er die aber nicht sagen, da er weder reden noch schreiben noch das Land verlassen kann. So kann Heimat zum Gefängnis werden und Demokratie verkommt zu einer Worthülse. Der israelische Friedensaktivist mit deutschen Wurzeln, Uri Avnery, hat einmal einen Witz dazu erzählt, der so geht: In der Dunkelheit eines Kinosaales hört man eine Frauenstimme: „He! Nimm deine Hände weg! Nicht du! Du!“ Dieser alte Witz illustriert die amerikanische Politik, wenn es sich um Atomwaffen im Nahen Osten handelt. „He, ihr da, der Irak, der Iran und Libyen macht Schluss damit! Nein, Israel, du nicht!“

Iranische Juden gehen nicht nach Israel

Aber, hey, was ist jetzt eigentlich mit den 250.000 iranischen Juden, die im jüdischen Staat mit 20%-iger palästinensischer Bevölkerung leben? Und was ist mit den rund 25.000 Juden,

Die iranische Antwort auf die Posterkampagne ließ nicht lange auf sich warten...

Die iranische Antwort auf die Posterkampagne ließ nicht lange auf sich warten...

die in ihrer Heimat Iran leben? Nach dem Inkrafttreten des Mullahregimes im Iran verließen nach 1979 viele Juden das Land und siedelten sich woanders an -  nur ein Drittel der Exilanten allerdings im jüdischen Staat. Warum geht ein bedrohtes Volk nicht in das “Land der Väter”, wenn es doch dort eine Heimstätte und Zuflucht vor Verfolgung und Feinden dieser Welt finden wird? Die Antwort liegt irgendwo im Graubereich zwischen Diskriminierung von arabischen und afrikanischen Juden in Israel, einer fatalen Spaltung zwischen “jüdischer” und “arabischer” Lebens-Welt (die Jahrhunderte lang eine war!) und einem Unwohlsein arabischer Juden, sich zwischen dem jüdischen Staat und ihrer arabischen Herkunft, Sprache und Kultur entscheiden zu müssen, weil Israels Politik ihnen keine andere Wahl lässt. Mittlerweile verlassen mehr Juden Israel, als dass sie dort einwandern. Ein Staat, der die palästinensische Bevölkerung ihrer Lebensgrundlage beraubt und sich seit 1967 (und in Teilen auch schon vorher) dem Völkerrecht widersetzt, ist nicht mehr attraktiv. Und Sicherheit garantiert er seinen Bürgern schon mal gar nicht.

Wir lieben Euch!

Ein paar iranische Juden sind schon in Berlin gestrandet. Die Poster-Kampagne eines israelischen Ehepaares mit der Aufschrift “Iranians, we love you. We will never bomb your country” ist fast rührend, die facebook-Gruppe “Israel loves Iran” hat jetzt 8500 Mitglieder. Ich finde, wir sollten nicht  nur traumatisierte Israelis hier aufnehmen, die mittlerweile schon eine ganze  Kleinstadt mit ihren rund 15.000 Einwohnern in Berlin füllen könnten und die Stadt bunt machen. Iraner, welcome, too! Wer immer Angst vor der israelischen Atombombe hat, der komme hierher! Lasst uns gemeinsam türkischen Kaffee in Mitte trinken.

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