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28 Mär

Trotz zahlreicher Schwierigkeiten gelingt es israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten häufig, sich gemeinsam für ein Ende der israelischen Besatzung zu engagieren. Aber das Ringen um Menschenrechte ist mühsam – und oftmals mit persönlichen Risiken verbunden

Die Israelis Efrat (li.) und Amiel in dem Dorf An Numan bei einem ihrer Besuche.  Foto: privat

Die Israelis Efrat (li.) und Amiel in dem Dorf An Numan bei einem ihrer Besuche.
Foto: privat

Von Liva Haensel

Ein Nudnik ist ein Mensch, der solange Fragen stellt, bis sein Gegenüber genervt aufgibt. Das Wort kommt aus dem Jiddischen und hat sich mittlerweile ins moderne Hebräisch, der Sprache der Israelis, hineineingeschlichen. Ein Nudnik ist wie die Pest, er lässt nicht locker, sagen die Rabbiner. Aber das Wort beinhaltet auch eine ausgezeichnete Eigenschaft: Beharrlichkeit.  Die braucht Efrat (48), wenn sie an einem israelischen Kontrollpunkt auf dem Weg in das palästinensische Dorf An Numan angehalten wird. „Du bist eine linke Ashkenazi-Schlampe“,  (Aschkenasim: europäischstämmige Juden; Anm. d. Red.)  bellt ihr der junge israelische Soldat dort entgegen, wenn sie mit ihrem Auto den Kontrollpunkt zwischen Jerusalem und Bethlehem passieren möchte. Die israelische Friedensaktivistin reagiert darauf meistens gelassen. „Nur neulich habe ich die Nerven verloren“, erzählt sie, „ich bin ausgestiegen, habe mit denen diskutiert und schließlich darum gebeten, mit dem diensthabenden Offizier zu sprechen“. „Mit denen“, damit könnte die Mutter dreier Kinder auch die Mehrheit der jüdischen Israelis meinen.  Diejenigen, die die Besatzung der palästinensischen Gebiete seit 1967 nicht in Frage stellen. Oder sie achselzuckend als gegeben hinnehmen, obwohl sie völkerrechtswidrig ist.

Sie werden beobachtet

Efrat ist politische Friedens-Aktivistin und gehört damit einer Minderheit in ihrem Land an. Ihren Nachnamen möchte sie lieber nicht im Internet oder einer Zeitung lesen, denn “ich hab’ zwar keine Angst, aber man weiß ja nie”, sagt sie.  Als nach dem Ausbruch der 2. Intifada und der Bau der Sperranlage Besuche zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern immer schwieriger wurden, trat sie 2002 der israelisch-arabischen Nichtregierungsorganisation Ta‘ ayush (arabisch; zusammen leben) bei.  Ta‘ ayush ist eine der wenigen Organisationen, die Grenzen im wahrsten Sinne des Wortes überwindet. Ihre jüdischen Mitglieder machen sich auf den Weg in die Westbank, um Gewaltexzesse zu beobachten und zu dokumentieren. Außerdem halten sie Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung. Das Büro der Vereinten Nationen in Jerusalem hat errechnet, dass Gewalt von Siedlern gegenüber Palästinensern in 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 150 Prozent gestiegen ist. Bei  Zusammenstößen wie in der Stadt Hebron, oder bei den vielen Freitags-Demonstrationen in palästinensischen Dörfern,  schützt die israelische Armee stets die bewaffneten Siedler. Nicht aber die Palästinenser. Die oft aggressive Gangart der israelischen Armee gegen friedlich demonstrierende Menschen mit dem Einsatz von Tränengaskanistern und Munition blieb lange unbeobachtet von der Welt. Die jüdischen Israelis  von Ta‘ ayush  setzen mit ihrer Präsenz etwas dagegen und stehen so den Palästinensern in ihrem gewaltfreien Widerstand bei. „ Die israelischen Soldaten und Polizisten müssen wissen, dass sie bei ihren Aktivitäten von uns beobachtet werden“, sagt  Efrat.

Die beiden Frauen trinken gemeinsam Tee

Durch  Ta‘ ayush  kam die promovierte Historikerin damals auch nach An Numan, einem Dorf östlich von Bethlehem. Manchmal sitzt  sie dort jetzt mit Fadwa Mansour (Name v. d. Red. geändert) in der Nachmittagssonne auf einem weißen Plastikstuhl draußen vor dem Haus nahe der kleinen Moschee, beide Frauen lachen gemeinsam und trinken süßen Tee. Efrat rezitiert ein Gedicht von Mahmoud Darwish, dem berühmtesten Dichter Palästinas, auf Arabisch. Die 30-jährige Fadwa lauscht ihren Worten, wenn ihre Freundin stockt, vervollständigt die Pharmazeutin die Verse. „Wir sind einsam hier in dem Dorf. Niemand besucht uns, wir sind von der Welt vergessen worden“, sagt Fadwa Mansour. Da sei  es schön, wenn wenigstens ein paarmal im Monat Besucher von außen kämen.

Ein paradoxes Schicksal

Als Israel 1967 die Westbank, Gaza, die Golanhöhen und Ost-Jerusalem einnahm, änderte die Regierung auch ihre Bebauungspläne. Land, das zwischen Jerusalem und dem nur 10 Kilometer entfernten Bethlehem lag, wurde zu großen Teilen konfisziert. Palästinensische Bauern verloren es an jüdische Siedlungen, die sich von kleinen Containeransammlungen zu heute mittelgroßen Städten entwickelten. An Numan mit seinen 200 Einwohnern gehörte nach 1967 somit zu Jerusalem und nicht mehr zu der palästinensischen Westbank. Die Einwohner bewarben sich bei der Stadtverwaltung daraufhin um spezielle Jerusalem-Ausweise. Aber die Behörden verweigerten sie ihnen. Die An Numaner wie Fadwa Mansour leben deshalb als illegale Einwohner in ihrem eigenen Dorf. Als Inhaber von Westbank-Ausweisen erhalten sie weder Baugenehmigungen der israelischen Behörden, noch dürfen sie ihren Ort problemlos verlassen. Palästinensische Besucher, ob  nun Verwandte oder die Müllabfuhr, haben keine Erlaubnis, das Dorf zu betreten. Dieses paradoxe Schicksal teilen rund 20.000 Menschen in der Westbank.

Der Schlüsselfaktor für Frieden

„An Numan ist ein Albtraum geworden, ein Freiluftgefängnis für seine Bewohner“, sagt Efrat. Seit 2002 besucht sie die Dorfbewohner regelmäßig. „Wir von Ta‘ ayush  wissen, dass wir

Ein ökumenischer Begleiter des Programms EAPPI kümmert sich um einen kleinen Jungen und seinen Vater, deren Grundstück von der Mauer umringt wird.  Foto: Haensel

Ein ökumenischer Begleiter des Programms EAPPI kümmert sich um einen kleinen Jungen und seinen Vater, deren Grundstück von der Mauer umringt wird.
Foto: Haensel

damit die israelische Besatzung nicht sofort beenden können“, sagt sie. Aber in schwierigen Momenten könne sie den Palästinensern wenigstens etwas beistehen. Als das Haus von Fadwa und ihrer Familie im Herbst 2011 von israelischen Bulldozern zerstört wurde, war die Friedensaktivistin  sofort zur Stelle. Die Zerstörung konnte sie nicht verhindern, aber sie schaltete andere Organisationen ein, die der schwer traumatisierten Familie mit einem späteren Hausbau aushalfen. Darunter waren auch Teilnehmer von EAPPI. Die Abkürzung steht für  „Ecumenical Acompaniment Program for Palestine and Israel“, das ökumenische Begleitprogramm vom Weltrat der Kirchen aus Genf. Ihre Teilnehmer kommen aus 25 Ländern nach Palästina und Israel, um dort für drei Monate mit den Menschen zu leben und sie in ihrem Alltag zu begleiten. Laut dem Statement auf der Webseite unterstützen sie israelische und palästinensische Aktivisten „bei ihren Bemühungen, die israelische Besatzung zu beenden“.  Allen Friedensgruppen dies- und jenseits der Grünen  Linie ist eins gemein:  Das Ende der Besatzung in den palästinensischen Gebieten gilt  für sie als Schlüsselfaktor für Frieden in der Region. Und es basiert auf den Forderungen  Internationalen Rechts und der Genfer Konventionen.

Himmel voller Tränen

EAPPI entstand in derselben Zeit wie Ta‘ ayush, auf dem Höhepunkt der 2. Intifada. Städte wie Bethlehem und Nablus waren damals wochenlang von der Außenwelt abgeriegelt, tausende Männer und Kinder saßen in Gefängnissen.  Der Himmel roch nach Feuer, Blut und Tränen.  Die Euphorie des Oslo-Abkommens von 1993 war verflogen, Palästina war immer noch unfrei. Es war die Zeit, in der Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land,  die Kirchen weltweit um internationale Unterstützung bat, weil  sich das Wort Frieden in Luft aufgelöst zu haben schien.  Unter dem Motto „Kommt und seht“ wurden die ersten Freiwilligen – vom Chefarzt aus Deutschland bis zum Philosophie-Studenten aus Brasilien –  ausgesandt.

“Wir leben mit der Angst”

Daoud Nassar gründete sein Friedensprojekt Tent of Nations im Jahr 2000.  Foto: Haensel

Daoud Nassar gründete sein Friedensprojekt Tent of Nations im Jahr 2000.
Foto: Haensel

Neben den Treffen mit Efrat und Fadwa in An Numan gehört auch der Kontakt zu Daoud Nassar und seinem Projekt „Tent of Nations“  (Zelt der Völker) bei Bethlehem zu den Aufgaben der ökumenischen Begleiter. Daoud Nassars Großvater kaufte das Land oberhalb des Dorfes Nahalin während der osmanischen Zeit im 19. Jahrhundert und ließ sich  – damals ungewöhnlich – Besitz-Urkunden darüber geben.  1991 erfuhr die Familie Nassar durch Zufall, dass Israel das Land als sein eigenes ansehe. Die Familie schaltete einen Anwalt ein und verteidigt ihr Recht auf den Privatbesitz nun seit 22 Jahren vor dem Gerichtshof in Jerusalem. Die Nassars erhalten jährlich einen sogenannten Landkonfiszierungsbefehl der israelischen Armee. Sie dürfen offiziell nicht bauen  oder Strom- und Wasserleitungen auf ihrem Land legen. Für die 90.000 jüdischen Siedler, ihre direkten Nachbarn, ist dies erlaubt.  Doch anstelle wütend zu werden über die israelische Regierung, entwickelte Daoud Nassar in Andenken an seinen Großvater, einen lutherischen Christen, eine Begegnungsstätte für alle Völker und Religionen oben auf seinem Weinberg. Eine befreundete britisch-jüdische Friedensgruppe pflanzte 250 Olivenbäumchen auf dem Gelände. Es waren genau diese Symbole, die israelische Soldaten jetzt kürzlich zerstörten.  Anpflanzungen seien dort nicht erlaubt, hieß es. „Wir leben immer mit der Angst, dass wir eines Tages unser Land verlieren“, sagt Daoud Nassar. Aber Gewalt sei keine Lösung, denn beide Völker wollen in Frieden leben. Deshalb lud er auch israelische und jüdische Journalisten aus aller Welt ein. In der israelischen Zeitung Haaretz erschien  daraufhin eine winzige Meldung in der englischen Ausgabe über Tent of Nations, in der hebräischen aber nicht ein Wort. Daoud Nassar bedauert das: „Israelische Leser sollten erfahren, dass wir hier solche Friedensprojekte auf die Beine stellen.“

Eine Antwort auf Trennung

Damit diese Lücke geschlossen wird, haben sich einige Organisationen einer fairen Berichterstattung zum Nahostkonflikt verschrieben. Das Alternative Information Center (AIC) wurde 1984 von progressiven Israelis und Palästinensern gegründet. Auf die räumliche Trennung ihrer Nationen durch den Mauerbau 2003 reagierte die Organisation, indem sie neben ihrem Büro im israelischen West-Jerusalem ein weiteres im palästinensischen Beit Sahour eröffnete. „Wir berichten über Menschenrechtsverletzungen in den palästinensischen Gebieten, aber auch über die israelische und palästinensische Gesellschaft an sich“, sagt Sergio Yahni, Co-Direktor des AIC. Alle Israelis des AIC sind Anti-Zionisten – jüdische Menschen, die den Zionismus als Kolonialisierungsbewegung ablehnen.

Beide sind Nudniks

Für Palästinenser ist der Kampf um Freiheit  zu einem ständigen Luftholen geworden. Für Israelis wird er zunehmend zur Konfrontation mit den Werten ihrer eigenen Gesellschaft, die sich als demokratisch definiert. Beide sind Nudniks, beide wollen Antworten.  Ihre zentrale Frage an ihre Regierungen und die Welt lautet: Warum glaubt ihr an Krieg, wenn es doch keine Alternative zum Frieden gibt? Die einen fragen es als Besatzer, die anderen als unter Besatzung Lebende.  „Wir stehen den Palästinensern bei. Es ist eine frustrierende Aufgabe“, sagt Efrat, die demnächst ein Buch über die Geschichte von An Numan veröffentlichen wird.  „Aber zumindest tun wir sie gemeinsam.“

Der Artikel erschien kürzlich im monothematischen Magazin “Zur Sache” zu Israel-Palästina, herausgegeben vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik in Frankfurt.

Ein schlechtes Geschenk

3 Feb
Foto: Adalah-facebook

Foto: Adalah-facebook

Die SPD wirbt derzeit mit einer Spendenaktion für den Jüdischen Nationalfonds. Der “Wald der SPD” soll ein Geburtstagsgeschenk für den Staat Israel am 16. April sein. Aber die Aufforstung in der Negev-Wüste bedeutet eine weitere Land-Enteignung für die beduinische Ur-Bevölkerung

Von Liva Haensel

380 Euro ist Gilad Shalit, der ehemalige israelische Soldat, den Deutschen wert. Für diese Summe kann man laut dem Jüdischen Nationalfonds– Keren Kayemeth LeIsrael (JNF-KKL) 38 Bäume pflanzen, und das in Shalits Heimat Galiläa. Die Webseite der weltweit operierenden Organisation mit deutschem Sitz in Düsseldorf, ruft dazu auf, eigene Spendenaktionen zu initiieren. Die grüne Säule zeigt 4 Prozent an, für einen Wald fehlen noch ganze 9620 Euro.

Die Aktion der SPD sieht da im Gegensatz schon etwas erfolgversprechender aus. Die Partei wünscht sich „Bäume zum Geburtstag“ des Staates Israel in der Negev-Wüste und hat laut Spendensäule schon 6.281,50 Euro zusammen. Der deutsche Wald ist als Geschenk gedacht und um „nicht nur zur Aufforstung des Landes beizutragen, sondern auch ein Zeichen der Verbundenheit zu setzen, das für lange Zeit Bestand haben wird“, heißt es auf der SPD-Seite. Das klingt gut, die Kommentare darunter allerdings zeigen eine andere Sicht. Vielleicht erklären sie auch, warum bisher nur 13 Prozent der gewünschten 50.000 Euro erreicht wurden, die Deutsche bereit sind, für einen deutschen Wald auf israelischem Boden auszugeben.

Es gibt einen Haken

Der Jüdische Nationalfonds wurde 1901 gegründet, um während der Britischen Mandatszeit in Palästina möglichst viel Land zu erwerben, das anschließend an jüdische Einwanderer verpachtet werden sollte. Ziel war es, das Land jüdisch zu besiedeln. Ab 1948 fiel diese Rolle jedoch weg, Israel hatte seine Staatsgründung vollzogen, der JNF war nicht mehr notwendig. Er konzentrierte sich daraufhin auf Aufforstung und Umweltprojekte in Israel, darunter vor allem großflächige Baumpflanzungen. Rund 14 Prozent des Staatsgebietes sind heute in den Händen des JNF, der nach eigener Aussage „Aufforstung, Wasserwirtschaft, Erholung und Freizeit, Erziehung sowie Forschung und Entwicklung“ betreibt und 50 Filialen in der ganzen Welt hat. Der Haken dabei ist, dass die Pächter des Landes niemals arabisch sein dürfen. Nur Juden ist es vorbehalten, Land des JNF zu bewirtschaften.

70.000 Menschen ohne Strom

Ein weiterer Punkt ist, dass nach 1948 die Mehrheit der Beduinen, eine arabische Volksgruppe mit nomadischer Kultur, durch Vertreibung und Enteignung ihre Heimat in der Negev-Wüste verlor. Die damals 500.000 bis 700.000 Beduinen gelten als Urbevölkerung in der Region und sind heute israelische Staatsbürger. Offiziell genießen sie dieselben Bürgerrechte wie jüdische Israelis. Doch Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International und israelische Nichtregierungsorganisationen wie die „ Association for Civil Rights in Israel“ (ACRI) kritisieren seit Jahren die andauernde Diskriminierung der Beduinen im Negev (Arabisch: Naqab). In den 60iger Jahren musste die arabische Bevölkerung in sieben „Townships“ in den Nordosten ziehen, die nach Masterplänen der israelischen Regierung hochgezogen worden waren – ohne Absprache mit den einzelnen Beduinenstämmen. Viele der Bewohner weigerten sich und verblieben in ihren Dörfern, die bis heute von Israel nicht anerkannt werden. Keines der 35 Beduinendörfer mit ihren heute 70.000 Einwohnern erhält  Zugang zu fließendem Wasser, Strom, medizinischer Nahversorgung oder verfügt über öffentliche Transportmittel. Niemand dort erhält Baugenehmigungen, um Grundschulen und Wohnhäuser zu errichten oder zu erweitern. Die israelische Armee hat bis heute hunderte Male Gebäude wiederholt zerstört. Allein das Dorf Al Arakib wurde 45 Mal von israelischen Soldaten heimgesucht, die einfache Häuser mit Bulldozern niederrissen. In den Townships herrscht eine Arbeitslosenrate von bis zu 35 Prozent, Kriminalität und Armut rangieren ganz oben auf der Problem-Skala. 2011 wurde der sogenannte Prawer-Plan verabschiedet, der die Zerstörung der nicht anerkannten Beduinen-Dörfer vorsieht und gegen den Menschenrechtsaktivisten und Beduinen massiv protestieren.

Beduinen leben noch auf 3 Prozent ihres Landes

Die 35 „unrecognized villages“, die nicht anerkannten Dörfer, sollen nun erweitert und – unter Voraussetzung, dass sich die Beduinen israelischen Interessen beugen – laut dem neuen

Die nicht anerkannten Beduinendörfer im Negev und ihre Umgebung. Foto: privat

Die nicht anerkannten Beduinendörfer im Negev und ihre Umgebung. Foto: privat

Begin-Plan” staatlich registriert werden. Das Ziel „dieser historischen Entscheidung“ sei es, „den illegalen Siedlungstätigkeiten der Beduinen ein Ende zu setzen und die Beduinen besser in die israelische Gesellschaft zu integrieren“, so Netanjahu kürzlich. „Alle Regierungen haben es bisher vermieden, dieses Thema anzugehen, doch diese mutige Entscheidung wird für Entwicklung und Wohlstand in der Negev-Region sorgen, zum Wohl all seiner Einwohner.“ Nicht gesagt hat Netanjahu, der jetzt eine neue Regierungskoalition bilden muss, dass die Negev-Wüste derzeit im Aufblühen ist, und dass durch massiven jüdischen Siedlungsbau in direkter Nachbarschaft zu den Beduinendörfern und Ägyptens Grenze. Außerdem wurde schon in den 90iger Jahren von dem Goldberg-Kommitee festgehalten, dass die Beduinen nur noch auf 3 Prozent ihres ursprünglichen Landes leben und für diesen Schaden bis heute nicht entschädigt wurden (siehe dazu das Positionspapier “Principles for Arranging Recognition of Bedouin Villages in the Negev”). Die Taktik der israelischen Regierung, den Begin-Plan als soziale Tat aussehen zu lassen, wird aller Voraussicht nach nicht aufgehen.

Glückwunsch und Erinnerung

Das „Zeichen der Verbundenheit der SPD“ und deutscher Spender kommt in einer Zeit, die ungünstiger nicht sein könnte. Die Unterstützung für eine Organisation, die ausschließlich Juden das Recht auf Land vorbehält in einem demokratischen Staat, der am vergangenen Donnerstag die Sitzung des UN-Menschenrechtsrates boykottiert hat, kann nicht reibungslos über die Bühne gehen. Auch die Tatsache, dass ausgerechnet die SPD dazu aufruft, deren Förderverein das Willy Brandt Center (WBC) in Jerusalem, eine Dialogstätte und politscher Bildungsträger mit Mitarbeitern des Zivilen Friedensdienstes, unterhält,  ist in diesem Kontext problematisch. Die Vorsitzende des Födervereins des WBC ist SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Die Politikerin wirbt aber auch als maßgebliches Zugpferd für den deutschen Wald im Negev. Wer als Deutscher Verantwortung für die deutsche Geschichte wahrnimmt, kann nicht gleichzeitig mit Menschenrechtsverletzungen anbandeln. Es scheint, die SPD sieht derzeit den Wald vor lauter Bäumen nicht. Zeit, ihre Spendenaktion von der Webseite zu nehmen, hat sie noch bis zum 16. April. Dann feiert Israel seinen 65. Geburtstag, die Sozialdemokraten werden gratulieren. Und die arabische Bevölkerung erinnert an diesem Datum an ihre Flucht und Vertreibung.

Tipp: In der neuen facebook-Gruppe “I am invisible because you refuse to see me” der NGO Adalah gibt es aktuelle Informationen über die Situation der Negev-Beduinen.

Veranstaltung zum Thema: Freitag, 15. Februar 2013, mit Gadi Algazi: Kann Kolonisation grün sein? Der Jüdische Nationalfonds (JNF/KKL) in Israel / Palästina – eine Veranstaltung des Arbeitskreises Nahost Berlin

No sunshine in E1

13 Jan
Ruhe vor dem Sturm: Bab als Shams vor der Räumung.

Ruhe vor dem Sturm: Bab als Shams vor der Räumung.

Ost-Jerusalem. Nur 48 Stunden nach der Gründung eines palästinensischen Zeltlagers mit den Namen Bab al Shams (hier auf facebook) haben 500 israelische Polizisten und Soldaten das E1-Gebiet heute in den frühen Morgenstunden  gewaltsam geräumt. Dabei kam es zu zahlreichen Verhaftungen, Verletzungen und Abtransporten der 200 Demonstranten auf dem sogenannten E1 („East 1“)-Gebiet zwischen Ost-Jerusalem und der illegalen jüdischen Siedlung Maale Adumim in der Westbank. Die Demonstranten, darunter palästinensische

Verletzte Demonstranten heute Morgen, Bab Al Shams. Fotos: Babalshams

Verletzte Demonstranten heute Morgen, Bab Al Shams.

Landbesitzer und israelische sowie internationale Friedensaktivisten, hatten mit ihrer neuen Siedlung gewaltfrei gegen die völkerrechtswidrige Ausweitung von Maale Adumim protestiert und dafür eine Taktik angewandt, die sonst jüdische Siedler benutzen. Am Freitag versammelten sie sich auf dem E1-Gebiet, das zwischen Ost-Jerusalem und der jüdischen Siedlung liegt und errichten Zelte. Man wolle damit auf die illegale Landnahme Israels aufmerksam machen, bei der Siedler palästinensisches Land Stück für Stück besiedelten, es später als Staatsland deklarierten und sich dort für immer niederließen, so die Veranstalter. Das neue Dorf Bab al Shams („Tor zur Sonne“) wurde auf dem palästinensischen Teilstück errichtet, das für Palästinenser eine wichtige Verbindung zwischen Ost-Jerusalem und Westbank darstellt. Nachdem die Vereinten Nationen Ende November 2012 grünes Licht für den Beobachterstatus Palästinas gaben, reagierte der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu daraufhin mit einer Trotzreaktion, indem er den weiteren Bau von 3000 neuen Wohneinheiten in jüdischen Siedlungen, darunter auch für Maale Adumin, genehmigte. Die Internationale Gemeinschaft hatte Israel daraufhin mehrmals kritisiert, darunter auch Deutschland.

 Entstanden unter Rabin

Umstritten: E1 liegt zwischen Jerusalem und der Westbank. Grafik: peacenow.org

Umstritten: E1 liegt zwischen Jerusalem und der Westbank. Grafik: peacenow.org

Der Bebauungsplan E1 entstand unter dem Friedensnobelpreisträger und früheren Ministerpräsidenten Israels, Jitzak Rabin. In der Amtsperiode von Ariel Sharon (2001-2006) gewann der Plan stetig an Fahrt. Ziel von E1 ist es, für jüdische Israelis Jerusalem mit der Siedlung Maale Adumim zu verbinden und damit den Erweiterungsplan von Groß-Jerusalem, der schon in den 1970er Jahren entstand, umzusetzen. „Damit wird ein eigenständiger Staat Palästina unmöglich gemacht“, sagt Angela Godfrey-Goldstein, israelische Friedensaktivistin aus Jerusalem. Für Palästinenser bedeute der E1-Plan eine de-facto-Trennung zwischen Nord- und Süd-Westbank. Damit sei die Region um Hebron gänzlich abgeschnitten von nördlicher gelegenen Städten und Dörfern, darunter vor allem Jerusalem als künftige Hauptstadt und kulturell-politisches Zentrum des palästinensischen Staates, kritisiert sie. Bei dem E1-Gebiet handelt es sich um palästinensisches Privatland. Der Oberste Gerichtshof erkannte dies an und entschied vergangenen Freitag, dass das Zeltlager Bab al Shams sechs Tage bleiben dürfe. Die israelische Armee ignorierte diese Entscheidung und erklärte das Gebiet am Samstag zu einer „militärischen Sicherheitszone“,  kurze Zeit später dann zu einem „höchsten Sicherheitsrisiko“. Bei facebook und dem Kurznachrichtendienst  twitter posteten zahlreiche Aktivisten direkt zu der Räumung. Journalisten berichteten auf den Kanälen unter anderem, dass sie von israelischen Soldaten mit Blendlicht von ihrer Arbeit abgehalten und Menschen ohne Angabe von Gründen und Zielen verhaftet worden seien.

Auch Beduinen sind betroffen

In der nach internationalem Recht illegalen jüdischen Siedlung Maale Adumim wohnen derzeit rund 43.000 Menschen. Im E1-Gebiet wohnen 3000 Beduinen vom Stamm der Jahalin unter der Armutsgrenze, die nach 1948 von der israelischen Regierung aus ihrer Heimat, der Negevwüste, vertrieben wurden. Die Jahalin-Beduinen (hier Dokumentation auf youtube) sind jetzt akut von einer weiteren Zwangsevakuierung bedroht, sollte Israel seinen Bebauungsplan umsetzen. Ihnen wurde eine Alternativfläche weiter südlich neben einer Müllhalde angeboten, die sie ablehnen. Die Aktivisten von Bab al Shams ließen derweil verlauten, dass sie weitermachen werden: “Wir werden wiederkommen. Israel hat gezeigt, dass es ethnische Säuberungen betreibt, wenn es uns abtransportiert. Das machen sie mit ihren eigenen Siedlern nicht”, schrieb ein Mann auf facebook.

Ein großartiges Jahr

16 Dez
Es weihnachtet und neujahrt: Wer sich beeilt kann noch Anhänger wie diesen Stern au

Es weihnachtet und neujahrt. Wer sich beeilt, kann noch Anhänger wie diesen Stern aus Bethlehem bestellen. Infos am Ende des Artikels.                                                  Fotos: Haensel

EU-Mittelerde bebt. Das Jahr ist fast um, nur noch 15 Tage zählen wir, dann haben wir auch das geschafft. Die Gandalfs und Orks der Banken, Euro- und Sonstwiekrisen dieser Welt haben uns dabei begleitet, in guten wie in schlechten Tagen. Deutschland ist um zwei Tageszeitungen und eine Nachrichtenagentur ärmer geworden.  In Griechenland tragen Eulen keine Drachmen nach Athen, zumindest vorerst nicht. Dafür bekommt Angela Merkel dort jetzt ab und an das Hitlerbärtchen angeklebt und geht in Flammen auf. Zu dumm, dass man erst im 21. Jahrhundert gemerkt hat, dass eine Million Beamte nicht tragbar sind, wenn sie auf 10 Millionen Griechen kommen. Die Spanier buchen tausendfach Deutschkurse und pilgern ins gelobte, streng geordnete Land, in dem viel gearbeitet aber eben auch viel verdient wird. Moment, viel verdient…? Da stimmt doch was nicht, na, egal. Gut, der Hartz4-Satz ist nicht schlecht, man kann auch von Brot und Penny-Margarine leben. Obwohl jetzt, da die Flexi-Hexi-Quote von Frau Schröder endlich abgestimmt ist gegen die Mehrheit, haben ja auch Frauen richtig gute Chancen bekommen, eine Karriere aufs Parkett zu legen, dass den Herren da oben schwindelig wird. Danke, Frau Schröder, das ist ein gaaanz wichtiger Schritt in der Politik, es war schon seit langem Zeit, dass sich die Unternehmenskultur mal ändert. Gerade ja auch, weil eine graue alte Herrenmasse in Führungsetagen sich immer so freut, wenn sie mal ein junges Ding unter, äh, neben sich hat. Das Zeitfenster, das sie diesen Herren gegeben haben, wird sich sicher schnell öffnen für Frischluft. Nur das Durchatmen dann nicht vergessen, meine Herren. Damen hatten ja immer schon einen langen Atem und manch eine hat bis zu ihrem Tod auf eine Gehaltserhöhung warten müssen. Tja, das Leben ist kein Ponyhof.

Der Taubenanhänger der Behindertenwerkstatt Ma'an lil-Hayat kommt pünktlich zum Weihnachtsfest.

Der Taubenanhänger der Behindertenwerkstatt Ma’an lil-Hayat kommt pünktlich zum Weihnachtsfest.

Der dicke Berlusconi flitzt am Sternenhimmel entlang

In Italien ist dafür Bella Figura angesagt, die Italiener machen sich jetzt ihre Pasta selbst, wie meine toskanische Kollegin berichtet, und trinken einen Espresso weniger, also jetzt sechs anstelle von sieben. Sparmaßnahme è  basta! Berlusconi ist aber schon wieder überall zu haben, nicht nur auf dem Bildschirm seiner eigenen Fernsehsender, sondern auch in den Raketen in den Supermärkten. Sein Kopf lugt schon aus der Spitze heraus und Peng-Rabuff-Knall!, flitzt der kleine dicke Italiener mit dem Faible für Minderjährige über dem Nachthimmel, so schnell können wir gar nicht gucken wie sein Haartoupé hinterherfliegt, ein Sternenzauber über Europa – che bello, che cose! Frankreich hat einen Sozialisten mehr und dafür eine deutsche Freundin weniger. Carla und Nicolas sind 2012 zu blau-weiß-roter Elysee-Geschichte zerronnen, comme si de rien n’était

Die Briten mümmeln nur ihre Cookies

Die Schweiz und Österreich sind langweilig. Dort kann man nur Ski fahren, in stinkteure Clubs gehen oder Apfelstrudel essen. Oder man rutscht die Alpen runter auf dem nackten Popo, das neue Konzept von Stefan Raab, aber pst! – bloß nicht weitersagen, ist noch geheim! Also kein Wort mehr darüber. Die Briten igeln sich mal wieder auf ihrer vernebelten Insel ein und träumen von alten Kolonialzeiten, in denen sie noch die prächtigen Segel hievten und die Weltpolitik bestimmten. Jetzt sind sie bloß schrullig und mümmeln an ihren Five-o’clock-Cookies. Nur als Max Mosley den Giganten google auf die Löschung aller Fotos seiner Sex-Party verklagte, wachten sie noch einmal kurz aus ihrer Sleeping-Beauty-Phase auf. Aus Occupy ist Horrify geworden in London, weil sich die Masse junger Demonstrierender als oftmals unwillige Studis entpuppt hat, die sich zwar gerne als Journalisten bezeichnen, aber noch nie Artikel geschrieben haben, die den Begriff wert sind. Überhaupt, dieser Journalismus, diese verdammte Journaille! Da gibt man ihnen eine gute Story und dann machen sie doch nur, was sie wollen! Es ist wie mit Claudia Roth, ihr roter Bubikopf wird plötzlich goldfarben, dann weißblond und irgendwann vielleicht grün, alles ist möglich, spätestens wenn sie gänzlich von der Grünen-Wiese abgewählt wird, also 2032.

Aber, jetzt mal ehrlich, was ist 2012 denn nun wirklich passiert? Hier der einzig echte Jahres-Rückblick:

1. Januar: Vier Menschenrechtsaktivisten feiern in Bethlehem Neujahr im Restaurant „La Terrace“mit Rotwein aus Cremisan. Die Stadt ist überfüllt – mit Palästinensern aus Hebron und Nablus, die endlich mal richtig Alkohol trinken wollen ohne sich dafür entschuldigen zu müssen. Eine Frau mit Hijab tanzt ausgelassen mit ihrer Freundin im Scheinwerferlicht auf der Tanzfläche. Sorry, Westen, aber: Auch Muslime sind normale Menschen. Wer sagt eigentlich, dass Christen besser sind?

2. Februar: Die Minister Dirk Niebel und Guido Westerwelle reisen in den Nahen Osten. Während Westerwelle in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem deutsch-israelische Beziehungen pflegt, sieht sich Niebel gemeinsam mit Mitarbeitern der giz das Jordantal an. Dort ernten die Bauern im von Israel kontrollierten palästinensischen C-Gebiet Datteln, Avocados, Tomaten und Trauben, die man später in deutschen Supermärkten unter dem Label „Israel“ findet. Irgendwie unappetitlich.

3. März: Ein Mann aus Tulkarm im Norden der Westbank freut sich: Schon vor Monaten hat er einen Antrag für ein Arbeitsvisum in Norwegen gestellt, jetzt ist es genehmigt worden. Der Vater von vier Kindern kann für drei Monate im Sommer dort auf einer Farm arbeiten.

 10. April: Es steht fest: Alex Traiman muss sein Haus verlassen. Der Israeli ist einer von 500.000, die in den illegalen jüdischen Siedlungen in der Westbank leben. Der Oberste Gerichtshof hat beschlossen, dass Traimans Haus zusammen mit vier anderen in der Siedlung Bet El bei Ramallah abgerissen werden soll. Bis Ende des Jahres werden 581 palästinensische Häuser von israelischen Bulldozern zerstört, oft ohne Ankündigung. Traiman hat wenigestens Zeit, seinen Umzug vorzubereiten. Gott hat es so gewollt.

20. Mai: Israelis feiern den „Jerusalemtag“ mit Israel-Flaggen und Märschen durch die Stadt. Siedler mit Kippa tanzen und singen in der arabischen Altstadt, während die palästinensischen Bewohner  aus der Distanz das Spektakel betrachten. Christliche Zionisten jubeln mit. Die Armee hat ihre israelischen Soldaten in diesen Tagen um das Dreifache verstärkt. Ein Video auf youtube macht die Runde: Ein amerikanisch-jüdischer Friedensaktivist kritisiert vor laufender Kamera die völkerrechtswidrige Politik in Bezug auf Jerusalems arabische Bevölkerung. Er wird von Sicherheitsleuten verbal ermahnt, als er nicht aufhört, gibt es Schläge. Polizisten schleifen ihn schließlich in ein Auto und fahren weg.

Juni, ohne Datum: In Tel Aviv ist es einfach zu heiß, um am Strand zu hocken. Man rettet sich lieber ins Haus oder fährt gleich ins kühlere Europa. Wer es nicht mehr aushält, wandert ohnehin aus in lieblichere Gefilde. Laut Haaretz leben jetzt 15.000 Israelis allein in Berlin. Die ältere Generation schüttelt den Kopf darüber, dass die jüngere nach Deutschland abwandert. Und hört trotzdem weiter Bach und Mozart.

15. Juli: In der Mitte des Jahres bekommt ein Deutscher auf einmal eine E-Mail. Ein Freund aus Palästina will wissen, ob es „wirklich 6 Millionen Juden waren“. Der Adressat stutzt, kann es denn sein, das Palästinenser in der Schule gelernt haben, dass es noch mehr Juden waren, die in Deutschland bis 1945 umgebracht wurden? Antworten gibt es nur ad fontes. Adressat und Absender verabreden sich dafür, bald gemeinsam das KZ Sachsenhausen zu besuchen und der Frage auf den Grund zu gehen.

26. August: Mehr als 100 Besuchern aus der ganzen Welt, darunter vielen Franzosen, wird die Einreise nach Israel über die jordanische Grenze an der Allenby-Brücke verwehrt. Die Friedensaktivisten hatten sich gemeinsam dafür verabredet, nachdem ihnen 2011 die herkömmliche Einreise über den Ben-Gurion-Flughafen mit den Worten: „Dann kommt doch über Jordanien“ verweigert worden war. Die Gruppe hatte vor, Palästinenser in Bethlehem und anderen Orten in der Westbank für eine Woche als Ausdruck von Solidarität zu besuchen.

9. September:  In den palästinensischen Gebieten beginnen die Menschen, gegen die steigenden Lebenshaltungskosten zu protestieren. Die Preise von Gas, Strom, Wasser und öffentlicher Transportmittel sowie Benzin sind für viele nicht mehr bezahlbar. Rufe gegen die Palästinensische Autonomiebehörde und Mahmoud Abbas werden laut. In Ramallah trägt eine Frau inmitten der Demonstrationszüge ein Plakat: Oslo is our cancer.

3. Oktober: Am Tag der Deutschen Einheit sitzen die Deutschen auf ihren Möbel-Höffner-Sofas und  Mama holt den Schweinebraten aus dem Ofen. Sie lachen über das ganze Gesicht und freuen sich, dass die Berliner Mauer weg ist. Zeitgleich stehen rund 300.000 Palästinenser an den Checkpoints in der Westbank und Jerusalem und warten sich die Beine in den Bauch. Nach Schweinebraten ist ihnen nicht so, aber nach Permits und einem reibungslosen Ablauf, damit sie zu ihren Universitäten, Arbeitsstätten und ins Krankenhaus nach Israel kommen. Die Mauer schlängelt sich neben ihnen entlang und versperrt Sicht, Freiheit und Bewegung. Jemand hat ein Graffiti  auf den grauen Beton gesprüht. „Justice will win.“

15. November: Nachdem die Hamas Raketen in israelisches Kernland abfeuert, startet die israelische Armee eine Militäroffensive im Gazastreifen. 150 Menschen sterben, über 1000 werden verletzt. In Süd-Israel kommen fünf Menschen um. Nach einem achttägigen Krieg kommt es zu einem Waffenstillstand. Deutschland sagt 1,5 Millionen Euro Entwicklungshilfe  für den Gazastreifen zu. Die Tunnelgräber freuen sich: Sie können endlich wieder weitergraben, während des Bombenhagels ging das nicht. Was sie aufhalten könnte? Die Aufhebung der israelischen Blockade. Dann gäbe es wieder Baumaterialien, Medikamente und echtes Leben. Eigentlich gar nicht so eine schlechte Idee, auch, wenn man dann vielleicht arbeitslos werden würde…

12. Dezember: Mahmoud Salameh sitzt in seinem Elternhaus und telefoniert mit Shlomi. Shlomi ist ein jüdischer Siedler und wohnt seit drei Jahren auf dem Land, das eigentlich Mahmouds Großeltern gehörte, bevor es von Israel enteignet wurde. Der Palästinenser und der Israeli haben sich zufällig in den Bergen kennengelernt, Shlomi hatte Durst und Mahmoud eine Wasserflasche. Seitdem treffen sie sich und reden über ihr Leben. Sie mögen sich. Mahmoud dreht das Telefonkabel zwischen seinen Fingern während er spricht: „Du, wie geht es meinem Land? Wie geht es dem Land, auf dem jetzt Dein Haus steht, Shlomi?“

4-er Set Baumschmuck

Die Anhänger gibt es im 10er Set. Gefertigt hat sie David Mansour aus Beit Sahour in seiner Werkstatt.

Die Anhänger gibt es im 10er Set. Gefertigt hat sie David Mansour aus Beit Sahour in seiner Werkstatt.

Allen Lesern von dreiecksbeziehung ein friedvolles Weihnachtsfest und einen guten Rutsch nach 2013! Danke für ihr Interesse, für viele Klicks und likes. Bleiben Sie bei Verstand und bewahren Sie ihr Herz. Denn wie sagen die Frauen sonst in Nablus-Balata so schön: Shu badna Ensawi – walla ishi! Was können wir schon tun? Nichts, natürlich.

Psssst! Die Weihnachsprodukte aus Bethlehem kann man bestellen. E-Mail an: tahonahshop@gmail.com

Lieber Guido,

29 Nov

Guido for Human Rights. Foto: Deutscher Bundestag – eine bessere Quelle gibt es nicht.

 Eigentlich könnte ich es auch per SMS machen. So wie all die anderen, die Boris Beckers, Rihannas und Kylies dieser Welt. Einfach mit der Tür ins Haus fallen und einen Schlussstrich ziehen. Aber das ist nicht so meine Art. Also schreibe ich Dir lieber persönlich. Die ersten Zweifel – zugegeben – hatte ich ja damals schon, als Du im Big-Brother-Container auf dem Sofa saßest und von den 18 Prozent redetest. Da hatte ich so ein mulmiges Gefühl: Weiß er, wovon er spricht? Das grelle Gelb Deiner Partei schmerzte in meinen Augen, aber okay, vielleicht hätte ich mir einfach ne Sonnenbrille aufsetzen sollen. Die Besserverdienenden hat das nicht gestört mit dem Gelb. Du schwammst auf einer Erfolgswelle, schwapp-schwapp, hoch hinaus ging es, und als Du dann 2009 Außenminister wurdest, wurde aus dem Krönchen eine Krone. Über einige Dinge habe ich da ja hinweggesehen – Phrasen, Floskeln, gut, das nimmt man in Kauf. Zu einer Beziehung gehören nun mal immer zwei. Ich gebe zu: Vielleicht war es auch ein Mangel an Alternativen. Nicht jeder kommt so schnittig und glatt daher wie Du, ein Mann im besten Alter, der in seiner Freizeit gerne nach Italien und Spanien fährt. Das gefällt mir. Bella Italia, der Traum nach dem Trauma des Krieges der Deutschen, da hast Du einen Nerv getroffen.  Hm. Eigentlich passen wir ganz gut zusammen.

Aber dann begann es zu kriseln zwischen uns und ich möchte Dir gern erklären, woran das liegt. Anfang des Jahres hast Du Silwan besucht, den Stadtteil in Ost-Jerusalem. Dort war, kurz bevor Du ankamst, ein von der Bundesregierung wichtiges Projekt für die palästinensischen Bewohner von der israelischen Armee zerstört worden. Das hast Du Dir angesehen. Dein Bonner Referent war süß, bisschen jung vielleicht, aber er sah sich die politische Situation mit eigenen Augen an, indem er morgens den Kontrollpunkt Bethlehem 300 überquerte, von der Mauer betroffene Familien traf und später noch die Freitagsdemonstration von Bauern in Al Masara gegen die völkerrechtswidrige Konfiszierung ihres Landes beobachtete. Als das Taxi gerade wendete und davonfahren wollte, antwortete die israelische Armee – 40 Soldaten – mit Tränengas auf den Protest von Palästinensern und Menschen aus verschiedenen Ländern, die friedlich demonstriert hatten. Dein Referent hat sich die Augen gerieben. Traum? Wirklichkeit?

Meine Stimmung verschlechterte sich zunehmend. Du ludst mir nichts, Dir nichts den radikalen Rechtspolitiker Avigdor Lieberman, Deinen israelischen Kollegen, zum Axel-Springer-Verlags-Jubiläum nach Berlin ein und lobhudeltest vom Feinsten. Das durften wir dann am nächsten Tag in den Springer-Blättern lesen. Ach, Du unabhängige Journaille!

Schon einmal hattest Du mich ja tief enttäuscht. Es war vor einem Jahr, damals stimmtest Du dagegen, dass Palästina vollwertiges Mitglied der Vereinten Nationen wird. Aber Du stimmtest nicht für mich ab, nicht in meinem Namen, obwohl Du ein vom Volk gewählter Vertreter bist.  Du hast Angst, Farbe zu bekennen für Frieden in Nahost. Weil Du eine falsch verstandene Solidarität zu Israel  pflegst. Du misst mit zweierlei Maß, Freundschaft zu Israel kann nicht einhergehen mit Freundschaft zu Palästina, denkst Du? Warum steckt Deine Regierung  Millionen von Steuergeldern in einen nicht existenten palästinensischen Staat für dessen Aufbau und unterstützt gleichzeitig den Status Quo der israelischen Besatzung, die ihn unmöglich macht?

Du wirst heute Abend bei der UN in New York nicht für Palästina stimmen, das hast Du schon gesagt. Damit sagst Du Nein zu Frieden und Sicherheit im Nahen Osten. Du bist ein Angsthase, Guido Westerwelle, und darauf stehe ich nicht. Ich mag das Toughe, das Gradlinige. Schluss mit Ambivalenzen und falschen Freunden. Meine Geschichte trägst auch Du auf Deinem deutschen Rücken und es würde Dir ausgesprochen gut stehen, ehrlich damit umzugehen. Internationales Recht und Menschenrechte zu achten, das hat uns doch unsere Vergangenheit gelehrt, nicht wahr? Davon abgesehen, ähm, das gibt sogar ein paar Wählerstimmen, also, ich mein nur so. Deswegen sage ich Nein zu Dir, nicht Ja oder Vielleicht oder ich weiß nicht. Ich sage Nein.

Wenn Du das Video An Dich hier anklickst, vergiss bitte nicht, Dich vorher mit an den Tisch zu setzen.

Mit freundlichen Grüßen!

Deine deutsche Zivilbevölkerung


Hebrons Superwoman

27 Sep
Nawal Slemiah vor einer ihrer Stickereien im Ladengeschäft in Idna.     Fotos: lha

Nawal Slemiah vor einer ihrer Stickereien im Ladengeschäft in Idna.           Fotos: lha

“Men can do something – women can do anything”. Der Schriftzug auf der kleinen Geldbörse ist echte Handarbeit, und er ist von Frauenhand gestickt. Naval Hassan Mahmood Slemiah (46) dreht das Täschchen in ihrer Hand und grinst. Der Spruch – Frauen können alles schaffen – ist ihr Lebensmotto.  Was auch sonst?

Nichts ist hier normal

Heute ist es relativ ruhig in Hebron. Die jüdischen Siedler, rund 800 an der Zahl, die in den vier illegalen Siedlungen in der arabischen Altstadt Hebrons leben, haben sich zurückgezogen in ihre Häuser. Gerade war Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag, und bald wird Rosh Hashana gefeiert, das Versöhnungsfest mit Gott. Noch ist die Ibrahimi-Moschee unweit von Nawal Ladengeschäft im Sukh für Muslime geöffnet. Doch in ein paar Tagen dürfen die

In der Moschee: Nach muslimischer, jüdischer und christlicher Überlieferung befinden sich hier die Gräber von Abraham und Sara.

In der Moschee: Nach muslimischer, jüdischer und christlicher Überlieferung befinden sich hier die Gräber von Abraham und Sara.

Gläubigen nicht mehr am Grab der Propheten in ihrem Gotteshaus beten. Sie müssen das Feld dann für die jüdischen Siedler räumen, die die Moschee für zehn Tage als Synagoge nutzen werden. “Hier ist nichts normal”, sagt eine Soldatin. Sie ist in Deutschland aufgewachsen und zum Wehrdienst nach Israel gekommen, wie viele Juden außerhalb des Landes. Maryam ist seit einem Jahr in Hebron stationiert und leistet ihren Armeedienst direkt vor der Ibrahimi-Moschee. Sie weiß, dass Hebron auch als “Ghost City” bezeichnet wird, als verlassene Geister-Stadt. Auf die Frage, warum sie ihren Armeedienst hier

Streng bewacht: Der Eingang der Ibrahimi-Moschee wird Tag und Nacht von israelischen Soldaten kontrolliert.

Streng bewacht: Der Eingang der Ibrahimi-Moschee wird Tag und Nacht von israelischen Soldaten kontrolliert.

leistet, zuckt sie nur mit den Schultern. “Sie ist meine Freundin, sie ist eine gute Soldatin. Ja, sie ist auch meine Besatzerin, aber sie ist eine nette Frau”, sagt ein junger Palästinenser und lacht zynisch. Maryam guckt verlegen, dann versucht sie ein Lächeln.

Niemand öffnet die Straße wieder

Als die israelische Armee 2000 im Zuge der Zweiten Intifada die Stadt wiederbesetzte und die gesamte Altstadt für Palästinenser sperrte, mussten viele ihre Häuser und Geschäfte verlassen. Es gab hunderte Tote und Verletzte. Die Shuhada Straße, die “Straße der Märtyrer”, war einst die pulsierende Einkaufstraße und Achse Hebrons. Nach Israels Invasion stehen jetzt seit Jahren 1000 Läden leer,  die meisten wurden von der Armee verschlossen, Zugänge und Fenster wurden versperrt oder zugemauert. Gegenüber von Navals Shop hat jemand ein Graffitti an die Wand gesprüht. “Open Shuhada

Am Eingang zum Hauptsukh der Altstadt.

Am Eingang zum Hauptsouk der Altstadt.

Street”. Aber hier öffnet niemand mehr die Straße. In der Shuhada joggen Siedler mit Kippa, Davidstern und amerikanischem Akzent. Und Menschen aus anderen Ländern schlendern etwas unsicher durch die Shuhada, die sich dabei neugierig umsehen und ein bisschen was von der gewalttätigen Atmosphäre dieser Situation mitbekommen, vielleicht begreifen wollen. Hebron, das ist Trennung von Palästinensern und jüdischen Radikalen, dreizehn Checkpoints in der Altstadt und israelischen Soldaten, die ihren Job sehr ernst nehmen.

Einen Kompromiss gibt es nicht

Palästinensern ist es lediglich erlaubt, nur eine Straßenseite zu benutzen, ein Teil ist für sie sogar ganz gesperrt. Palästinensische Fahrzeuge haben keinen Zugang. “Das ist nicht normal, das ist Apartheid”, hatte der SPD-Politiker Sigmar Gabriel im Frühjahr dazu auf facebook gepostet, nachdem er Hebrons Altstadt besucht hatte. Zu Hebron gibt es viele Meinungen. Die einen sagen, die Stadt sei ein konzentrierter Mikrokosmos der Gesamtsituation der Palästinenser unter israelischer Besatzung. Left-wing Israelis finden es gruselig dort, weil sie die Siedler hassen und dennoch vergessen, dass ihre Armee diese gleichzeitig bei jedem Zwischenfall sofort unterstützt. Siedler finden die eigene Anwesenheit berechtigt – schließlich sind Abraham und Sara ihre Stammesväter und in Hebron begraben. Das Land ist Eretz Israel, einen Kompromiss gibt es nicht. Jüdisches Leben in der arabischen Altstadt? Für sie ganz normal.

Er spuckte ihr ins Gesicht

Als Nawal Slemiah 2005 ihren Tisch mit Handstickereien im Sukh unweit der

Trendy: Die handbestickte Tasche kommt bei europäischen Kunden gut an.

Trendy: Die handbestickte Tasche kommt bei europäischen Kunden gut an.

Ibrahimi-Moschee das erste Mal aufbaute, stießen ihn Siedler jede Woche um – die israelischen Soldaten eilten herbei und beschützen die jüdischen Bewohner, nicht aber die einheimische Händlerin. “Einmal spuckte mir ein Siedler direkt ins Gesicht”, erinnert sie sich. Doch die Grundschullehrein, die in Amman studiert hat und drei Kinder aufzieht, ließ sich nie entmutigen. Auch nachdem der radikale Siedler wiederkam und ihr ein Foto des jüdischen Terroristen Baruch Goldstein (der amerikanische Arzt und Siedler Baruch Goldstein erschoß 1994 30 betende Muslime in der Ibrahimi-Moschee und verletzte rund 25 schwer) ins Gesicht klatschte, gab sie nicht auf, sondern machte weiter.

Mit einem Tisch vor der Moschee

Nawal ist eine Businessfrau. In Hebrons Altstadt hat sie es mittlerweile zu einer bescheidenen Berühmtheit gebracht. Ihre “Idna Cooperation – women in Hebron” beschäftigt mittlerweile 150 Frauen. Die Frauen, meist ohne Studienabschluss oder Berufsbildung, sticken und nähen in Heimarbeit Shoppingtaschen, Laptop-Etuis und Portemonaies. Sie fertigen nach Wunsch Designs an, schneidern Hochzeitskleider oder verzieren Blusen mit

Kette mit Münze aus der Zeit des Ottomanischen Reiches.

Kette mit Münze aus der Zeit des Ottomanischen Reiches.

palästinenscher Stickerei. Laila, Navals Schwester, zwirbelt Fäden zwischen ihren Fingern und reiht Perlen auf für Ketten und Ohrringe mit palästinensischen Münzen, die die Frauen anschließend im Laden verkaufen. “Ich hatte kein Geld und war krank durch die politische Situation”, berichtet Nawal über ihre Anfänge. Weil sich aufgrund der Zusammenstöße mit der israelischen Armee 2005 niemand während der Zweiten Intifada in die Altstadt traute, gab es dort kein Geschäftsleben mehr. Nawal nutzte das und verkaufte anfangs mit einem kleinen Tisch vor der Moschee. Später konnte sie einen leerstehenden Laden im Souk beziehen, über dem im 1. Stock jüdische Siedler eingezogen waren.

Deutsche kaufen nichts

Heute leitet sie als Managerin die Idna Kooperation, benannt nach dem Dorf, in dem sie selbst lebt. “Wir machen noch nicht genug Umsatz, weil in Hebron kaum Touristen sind”, sagt sie. Das sei ein Problem, auch, weil das Material für die Taschen und Stickereien teuer sei. Heute aber ist ein guter Tag, die Frauen haben rund 600 Schekel eingenommen, 120 Euro. Deutsche kaufen nie etwas, hat Nawal beobachtet und es ärgert sie. “Die kommen und gucken. Aber kaufen tun sie nichts”.

Die Besatzung wird niemals Normalität

Women can do anything  - Naval mit Tochter Yaffa.

Women can do anything – Nawal mit Tochter Yaffa.

Im April ist Nawal in die Türkei gereist, als Gast einer internationalen Frauenkonferenz. Sie hat dort vor 2000 Frauen gesprochen. Am Ende weinten alle. Und lachten dann gemeinsam. Sie sagt, das vergisst man nicht so schnell. Die Frau, die zwölf Jahre lang auf ihren Verlobten warten musste, weil der in einem israelischen Gefängnis saß, sprach dort nicht über Frauenrechte. “Die sind ganz klar wichtig”, sagt sie. Aber eins sei das Wichtigste überhaupt: Dass die Palästinenser eines Tages frei sein werden. “Darum geht es, darüber habe ich erzählt. Ich möchte, dass die israelische Besatzung aufhört. Sie ist nicht normal und ich werde sie auch niemals als Normalität akzeptieren.” Nawal fährt morgen wieder von ihrem Dorf Idna nach Hebron. Sie wird wieder mit den wenigen Touristen sprechen, die vorbeikommen, vielleicht wird sie eine Tasche verkaufen oder zwei. Auf dem Weg zur Arbeit wird sie am Checkpoint gestoppt, wie jeden Tag, ganz normal, vielleicht muss sie ihre grüne Westbank-ID-Karte herausholen und sie dem 19-jährigen israelischen Soldaten zeigen. Was bedeutet Normalität schon in einer Stadt wie Hebron?

Die “Women in Hebron” sind auf facebook.

Der Deutsche Sam Lee ist derzeit als ökumenischer Begleiter für das Programm EAPPI in Hebron im Einsatz. in seinem Blog “Witness Hebron” kann man aktuelle Berichte aus der größten Stadt der Westbank lesen.

Bühne frei

6 Sep
Peter Brook.   Foto: starscolor.com

Peter Brook. Foto: starscolor.com

“Es ist schwer, Jude zu sein – doch Israeli zu sein, ist ein Fluch”, schreibt Omri Nitzan auf ynet. news, dem israelischen Onlineportal (gesamter Text auf Deutsch hier).  Nitzan ist Intendant des Cameri-Theaters in Tel Aviv und derzeit verschnupft. Der Grund dafür ist die Absage des britisch-jüdischen Theaterregisseurs Peter Brook an Nitzan und sein israelisches Theater. Eigentlich hatte Brook, Star der weltweiten Theaterszene, an dem Internationalen Theaterfestival des Cameri in Tel Aviv mit seinem Ensemble im Dezember teilnehmen wollen. Jetzt sagte der Regisseur in Hinblick auf Israels Menschenrechtsverletzungen gegen die palästinensische Bevölkerung ab. Nitzan rief daraufhin laut eines Tel Aviver Magazins umgehend eine Sondersitzung mit seinen engsten Mitarbeitern ein und überlegt nun, gegen Brook zu klagen.

Die Bewegung wächst stetig

Die jüngste Absage gegen einen israelische Einrichtung reiht sich damit ein in die Kette von Absagen und Verweigerungen internationaler und israelischer Künstler,  in Israel und den illegalen israelischen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten aufzutreten. Erst kürzlich zuvor hatte auch der US-Amerikanische Sänger Lenny Kravitz seine Konzerttournee für Israel abgesagt und sich damit als Befürworter des kulturellen Boykotts gegen Israel geoutet.  2005 hatte die palästinensische Zivilgesellschaft das erste Mal öffentlich dazu aufgerufen, Israel auf wirtschaftlicher, akademischer und kultureller Ebene solange zu boykottieren, bis der Staat die Einhaltung der Menschenrechte und internationalen Rechts gewährleiste. Der sogenannte BDS-Call (“Boycotts, divestment and sanctions”) aus der Mitte der palästinensischen Gesellschaft wuchs langsam aber stetig zu einer globalen Bewegung an, die sich an der Boykott-Kampagne zu  Apartheid-Zeiten in Südafrika oriertiert und von Seiten israelischer Friedensaktivisten mit der Organisation “Voice from within” befürwortet wird.

Neue Strategien auf dem Weltsozialforum

Logobild des Weltsozialsforums für 2012.    Foto: WSF Brasil

Logobild des Weltsozialsforums für 2012. Foto: WSF Brasil

Von Menschenrechtsaktivisten wird BDS als Segen angesehen. Gerade diejenigen, die selbst aus Ländern mit Apartheidserfahrungen stammen wie Südafrika, sind oftmals Anhänger der Bewegung. Auf dem Weltsozialforum, das dieses Jahr in Brasilien in Porto Alegre zum ersten Mal unter dem Motto “Free Palestine” stattfinden wird, wird die Boykottbewegung für die Interessen des palästinensischen Volkes eines der Hauptthemen sein. “Wir werden nicht nur darüber sprechen, wie wir vor allem in Ländern , die intensiv mit Israel Handelsbeziehungen haben, BDS stärker umsetzen”, sagt Ahmad Jaradat, Mitarbeiter des israelisch-palästinensischen Alternative Information Center (AIC). “Sondern wir werden in Brasilien auch eine Strategie entwickeln, die nachhaltig in allen Ländern von Menschen umgesetzt werden kann, die sich mit Israel und seiner Nichtachtung von Menschenrechten auseinandersetzt.”
Auf dem Weltsozialforum Free Palestine werden mehr als 500 Vertreter von rund 170 kirchlichen und unabhängigen Nicht-Regierungs-Organisationen erwartet, die sich für einen gerechten Frieden im Nahen Osten einsetzen: Ende der israelischen Besatzung, Einhaltung der Menschenrechte und UN-Konventionen, Gleichberechtigung der palästinensischen Bevölkerung, Beendigung von Apartheid und Mauerbau sowie Realisierung des Rückkehrrechts der palästinensischen Flüchtlinge. An dem Forum werden laut des AIC auch zahlreiche jüdische und israelische Organisationen teilnehmen. “Jeder, der möchte, ist eingeladen”, sagt Jaradat. Bedingung dafür sei, dass jeder Teilnehmer die Prinzipien des Weltsozialforums bejahe.

“Delegitimierung der hebräischen Kultur”

In seinem Gastbeitrag auf dem israelischen Onlineportal ynet news fasst der abservierte Theaterdirektor Nitzan seine Wut über Brooks Boykott in Worte. “Wenn Brooks Théâtre des Bouffes du Nord”, schreibt er dort, “das als das wichtigste internationale Ensemble der Welt gilt, sich weigert, hierher zu kommen, dann kann man die Augen nicht mehr davor verschließen. Wir müssen verstehen, dass das kein Protest gegen diese oder jene Institution ist, sondern eine Delegitimierung der gesamten hebräischen Kultur, die für den Zionismus steht, der wiederum die raison d’être des Staates Israel ist. Es ist das Glück der Literatur, dass sie schweigt. Es ist das Glück der Schriftsteller, dass – wegen der fürchterlichen Assoziationen dazu – bisher noch keine Bücher verbrannt werden.”

Lieber die Opferrolle behalten

Mit diesem Vergleich zielt Nitzan direkt auf die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten im Dritten Reich ab, bei der tausende Schriften jüdischer Autoren öffentlich verbrannt wurden. Damit schafft er eine künstliche Parallele, die jüdische Israelis zu reine Opfer stilisiert – und ihnen damit eine aktive Täterschaft und Entscheidungsgewalt nimmt. Dieser Diskurs ist so alt wie der Staat Israel selbst, verhindert aber eine echte Auseinendersetzung mit Israels Verantwortung gegenüber 5,5 Millionen Palästinensern, die seit 1967 unter israelischer Besatzung leben und nach internationalem Recht ihrer basalsten Rechte beraubt sind. Anfang des Jahres beschlosss der jüdische Staat, 70.000 in der Negev-Wüste lebende Beduinen zwangsumzusiedeln. Vor zwei Tagen räumte die israelische Armee den illegalen jüdischen Außenposten Migron mit etwa zehn jüdischen Familien. Dafür schworen rechtsradikale Siedler Rache mit ihren sogenannten Price-Tag-Attacken (“Einen Preis dafür zahlen”) und diese folgte promt gestern: Die Einganstür des französischen Trappistenklosters Latrun im Norden Jerusalems wurde abgebrannt, mehrere Graffitti-Slogans  (“Jesus ist ein Affe”) und direkte Anspielungen auf die Räumung Migrons fanden sich auf den Mauern des Klosters. Das französische Außenministerium forderte nun umgehend eine Aufklärung des Verbrechens. Benjamin Netanjahu hat diese, wie schon bei vielen anderen Price-Tag-Verbrechen von terroristischen Siedlern vorher, versprochen.

Palästinenser-Staat in Eretz Israel undenkbar

Die Gewalt einer jüdischen Minderheit erleichtert es dem jüdisch-israelischen

Buchtipp "Das zionistische Israel".   Foto: Schöningh Verlag

Buchtipp “Das zionistische Israel”. Foto: Schöningh Verlag

Mainstream, sich davon klar abzugrenzen. Dennoch werden damit Situationen geschaffen, die offenlegen, worum es wirklich geht: Der Zionismus ist die Grundlage des Staates Israel, sein Gerüst, seine Staatsräson. Nitzan betont das in seinem Text. Solange es keine Alternative gibt oder zu geben scheint, wird es keine Gleichberechtigung im jüdischen Staat für nicht-jüdische Bürger, vornehmlich für die rund 20 Prozent israelischen Palästinenser, geben. Das Interesse an einem eigenständigen palästinensischen Staat auf Eretz Israel, also auf dem Gebiet der Westbank (für Zionisten Judea und Samaria) ist unter zionistischer Betrachtungsweise nicht denkbar. Die israelische Historikerin Tamal Amar-Dahl hat dies in ihrem neuen Buch “Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts” wissenschaftlich erläutert. Amar-Dahl hatte 2006 ihre israelische Staatsbürgerschaft als politisches Statement gegen die Invasion ihres Heimatlandes im Südlibanon aufgegeben – “eine nicht einfache Entscheidung, deren Gründe meine Mutter bis heute nicht kennt”, wie sie sagt.

Kirchen müssen sich positionieren

Der Protest gegen Israels Politik hat viele Formen. Dass Siedlergewalt

Ein Priester des Trappistenordens vor dem Kloster. Foto: leavelike

Ein Priester des Trappistenordens vor dem Kloster. Foto: leavelike

vornehmlich gegen Palästinenser in der unmittelbaren Nachbarschaft geschieht, ist ein Phänomen, an das sich der Staat gewöhnt hat. Attacken gegen die eigenen Leute  -  zumeist Militärposten – finden dagegen nicht täglich statt. Die Agressionen gegen Mönche macht nun deutlich, dass es jeden treffen kann – und auch wird. Damit geraten Kirchen weltweit in eine unliebsame Situation: Sie müssen sich positionieren für einen gerechten Frieden in Nahost und für ein Ende der israelischen Besatzung. Die Presbyterianische Kirche in den USA hat jetzt auf ihrer Sommer-Synode einen Boykott von Produkten aus israelischen Siedlungen beschlossen. Vor drei Wochen stimmte die Vereinigte Kirche Kanadas ebenfalls mit großer Mehrheit dafür ab, im Mai dieses Jahres entschlossen sich die Methodisten für das selbe Anliegen. Alle drei Kirchen rufen alle Nationen dazu auf, eine Komplizenschaft mit Israels Kolonialpolitik  in Form eines Importes von Waren aus besetztem palästinensischem Land zu beenden. Dafür ernteten sie harsche Kritik von jüdischen Lobbygruppen. Und Lob von (jüdischen) Menschenrechtsaktivisten.

Latrun öffnet jetzt Türen

Zerstörte Tür im Kloster Latrun.  Foto: leavelike

Zerstörte Tür im Kloster Latrun. Foto: leavelike

Latrun, das beschmierte Kloster, öffnet nun möglicherweise unverhofft – zu einem hohen Preis – Türen zu wegweisenden Pfaden und Fragen, wie jeder einzelne und jede Institution sowie jedes Land künftig mit Israels Politik umgehen möchte. Die Zeit der Schauspiele, der großen Dramen ist vorbei. Zwei Palästinenser haben sich gerade selbst verbrannt, weil sie die steigenden Lebenshaltungskosten im Gazstreifen und der Westbank nicht mehr ertragen wollten. Die aktuellen Demonstrationen gegen die Palästinensische Autonomiebehörde (PA), die 1995 im Zuge des Oslo-Abkommens implementiert wurde, könnten sich zu Massenbränden ausweiten. “Das Oslo-Abkommen hat uns nur noch mehr Checkpoints, Landfragementierung und – Konfiszierung eingebracht. Die PA ist eine Schande und kooperiert mit Israel”, sagt der bekannte palästinensische Aktivist und Intellektuelle Naji Odeh aus Bethlehem.

Der große Spiegel

“Theater zeigt nicht nur die Oberfläche, es zeigt, was hinter der Oberfläche in den komplexen sozialen Beziehungen verborgen liegt – und dahinter wiederum die letztendliche existenzielle Bedeutung dieses Treibens, das wir Leben nennen. All dies kommt  zusammen und wird in dem großen Spiegel reflektiert”, schreibt der Israel-Boykottierer Brook.

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