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Wildes Laubrascheln

1 Mai

Das Geschenk zum 65. Geburtstag Israels – der Wald der SPD – hat sich nicht erfüllt. Zu wenige Menschen waren bereit, Bäume für den Negev zu spenden. Die Partei musste Kritik einstecken, weil sie gedankenlos mit der israelischen Menschenrechtspolitik im Umgang mit Beduinen vorging

“Shalom! Mögen im Schatten der Blätter dieses Waldes viele Menschen auf Gedanken des Friedens kommen!”. Der Satz steht auf der Spenderseite der SPD, ein Philipp Kurowski hat ihn geschrieben und 50 Euro gespendet. Der Wald in der Negev-Wüste sollte ein Geburtstagsgeschenk der SPD an den Staat Israel zum 16. April sein. Aber das Geschenk ist geplatzt. Und bleibt wohl ein genauso frommer Wunsch wie der gutgemeinte Satz des Spenders. Für einen Wald hätten 50.000 Euro zusammenkommen müssen. Jetzt sind es gerade einmal 9281.12 Euro, das wären 900 Bäume. Ein Baum gleich zehn Euro. Aber die Spendenkampagne hat der SPD geschadet. Denn die Kooperation mit dem Jewish National Fund (JNF), der die Kampagne steuerte, rief zahlreiche Menschenrechtsorganisationen und Einzelpersonen in Deutschland und Israel auf den Plan, darunter auch die Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost und das Alternative Information Center in Jerusalem.

Stop the JNF

Auch innerhalb der SPD hatte die unüberlegte Geschenk-Aktion hitzige Debatten ausgelöst. Parteimitglieder an der Basis kritisierten die Aktion als ignorant und menschenrechtsverletzend. Hintergrund ist, dass in der Negev-Wüste  noch rund 150.000 Beduinen leben, eine indigen-palästinensische Bevölkrungsgruppe, die seit Israels Staatsgründung von Zwangsumsiedelungen und Vertreibungen betroffen ist. Allein das Dorf Al-Arakib wurde 45 Mal von israelischen Soldaten und Sicherheitsleuten im Negev zerstört. Der JNF, eine halb-staatliche Organisation, verpachtet ausschließlich Land an jüdische Israelis und trägt eine zionistische Grundüberzeugung in sich. Sich selbst zwar als “nicht politisch und gemeinnützig” bezeichnend, wird die Organisation von Menschenrechtsorganisationen als rassistisch kritisiert. 2009 gründete sich deshalb “Stop the JNF”, die Aufklärungsarbeit vor allem in Südafrika, den USA und England betreibt.

Wie ein schlecht schmeckender Cocktail

Beduinen-Kinder in ihrem Dorf, in dem kurz zuvor Häuser von der israelischen Armee zerstört wurden.  Foto: Dukium.org

Beduinen-Kinder in ihrem Dorf im Negev, in dem kurz zuvor Häuser von der israelischen Armee zerstört wurden.       Fotos: Dukium.org

Der JNF plant unter anderem, im Negev mehrere jüdische Siedlungen aufzubauen. Für Palästinenser wird demnach im Wald der SPD kein Platz sein. Auf Anfrage an den SPD-Vorstand, wo genau der Wald stehen soll, lautete die Antwort: “Der ,Wald der deutschen Länder` befindet sich östlich der Straße von Tel Aviv nach Be’er Sheva.” Konkreter wurde der SPD-Sprecher nicht. Auch Christian Lange, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion und Initiator der Spendenkampagne, kann den genauen Ort nicht lokalisieren. Man verwies vor allem auf die Webseite des JNF. Und darauf, dass sich die Bundesregierung für einen eigenständigen Staat Palästina einsetze und das Wald-Gebiet nicht zum umstrittenen Land gehöre. Darunter versteht die SPD folglich nur die Westbank und den Gazastreifen. In ihrer wiederholten Argumentation vermischte die Partei zwei Ebenen: die Ebene Israels als militärische Besatzungsmacht in den besetzten Gebiete zum einen, und als demokratischer Staat zum anderen. Dass der jüdische Staat die Rechte seiner arabischstämmigen Minderheit im eigenen Land bestimmt – und  diese nicht gleichstellt mit der jüdischen Mehrheit – war der SPD nicht geläufig. So wirkten die Antwortschreiben auf die Protestler eher wie ein Cocktail, dessen Zutaten man schnell und unachtsam zu einem schlecht schmeckenden Mix zusammengebraut hatte denn als ein gut durchdachtes Konzept.

Das Phänomen der Beduinen wird verschwinden

Vielleicht hätte die Partei gut daran getan, beim Geburtstagskind persönlich nachzufragen. Die israelische Nichtregierungsorganisation Adalah – The legal Center for Arab Minority Rights in Israel und

Ein Beduine hütet seine Ziegen.

Ein Beduine hütet seine Ziegen.

das Negev Coexistence Forum For Civil Equality klären beide umfassend über die Geschichte und aktuelle Situation der Beduinen auf. Demnach leben heute die Hälfte der Beduinen in den sogenannten “unrecognized Villages”, von Israel nicht anerkannten Dörfern. Die andere Hälfte wurde in den 50iger Jahren in acht Städte zwangsumgesiedelt, die Kultur und Lebensweise der halbnomadisch lebenden Bevölkerungsgruppe gänzlich ignorierte. “Wir sollten die Beduinen in ein städtisches Proletariat verwandeln… Das wäre tatasächlich ein radikaler Wandel”, sagte 1963 der damalige Außenminister Moshe Dayan in einem Zeitungsinterview. Und weiter: “Innerhalb von zwei Generationen müsste das zu machen sein. Ohne Druck, aber unter Aufsicht der Regierung. Das Phänomen der Beduinen wird verschwinden. (Ha’aretz interview, 31 July 1963).”

Die Guten und die Bösen

Der JNF versucht nun, Gras über die Wald-Protestaktion wachsen zu lassen. Auf seiner Webseite bezeichnete die Organisation kritische Gruppen wie das Palästina-Komitee aus Stuttgart und andere pauschal als “Israel-Gegner”. Außerdem stellten “diese Gruppierungen häufig das Existenzrecht Israels infrage”, so die Meinung des JNF. Dass dies nicht der Wahrheit entspricht, aber gut in das Schwarz-Weiß-Schema passt (Motto: hier die Bösen, da die Guten), hätte die SPD besser wissen sollen, als sie sich ihr Geschenk für Israels 65. Geburtstag  überlegte. Ein Wald, in dem im Schatten seiner Blätter viele Menschen auf Gedanken des Friedens kommen, ist daraus nicht geworden. Was bleibt, ist höchstens ein wildes Laubrascheln. Und das Motorengeräusch von JNF-Bulldozern in Beduinen-Dörfern (Video unten).

28 Mär

Trotz zahlreicher Schwierigkeiten gelingt es israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten häufig, sich gemeinsam für ein Ende der israelischen Besatzung zu engagieren. Aber das Ringen um Menschenrechte ist mühsam – und oftmals mit persönlichen Risiken verbunden

Die Israelis Efrat (li.) und Amiel in dem Dorf An Numan bei einem ihrer Besuche.  Foto: privat

Die Israelis Efrat (li.) und Amiel in dem Dorf An Numan bei einem ihrer Besuche.
Foto: privat

Von Liva Haensel

Ein Nudnik ist ein Mensch, der solange Fragen stellt, bis sein Gegenüber genervt aufgibt. Das Wort kommt aus dem Jiddischen und hat sich mittlerweile ins moderne Hebräisch, der Sprache der Israelis, hineineingeschlichen. Ein Nudnik ist wie die Pest, er lässt nicht locker, sagen die Rabbiner. Aber das Wort beinhaltet auch eine ausgezeichnete Eigenschaft: Beharrlichkeit.  Die braucht Efrat (48), wenn sie an einem israelischen Kontrollpunkt auf dem Weg in das palästinensische Dorf An Numan angehalten wird. „Du bist eine linke Ashkenazi-Schlampe“,  (Aschkenasim: europäischstämmige Juden; Anm. d. Red.)  bellt ihr der junge israelische Soldat dort entgegen, wenn sie mit ihrem Auto den Kontrollpunkt zwischen Jerusalem und Bethlehem passieren möchte. Die israelische Friedensaktivistin reagiert darauf meistens gelassen. „Nur neulich habe ich die Nerven verloren“, erzählt sie, „ich bin ausgestiegen, habe mit denen diskutiert und schließlich darum gebeten, mit dem diensthabenden Offizier zu sprechen“. „Mit denen“, damit könnte die Mutter dreier Kinder auch die Mehrheit der jüdischen Israelis meinen.  Diejenigen, die die Besatzung der palästinensischen Gebiete seit 1967 nicht in Frage stellen. Oder sie achselzuckend als gegeben hinnehmen, obwohl sie völkerrechtswidrig ist.

Sie werden beobachtet

Efrat ist politische Friedens-Aktivistin und gehört damit einer Minderheit in ihrem Land an. Ihren Nachnamen möchte sie lieber nicht im Internet oder einer Zeitung lesen, denn “ich hab’ zwar keine Angst, aber man weiß ja nie”, sagt sie.  Als nach dem Ausbruch der 2. Intifada und der Bau der Sperranlage Besuche zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern immer schwieriger wurden, trat sie 2002 der israelisch-arabischen Nichtregierungsorganisation Ta‘ ayush (arabisch; zusammen leben) bei.  Ta‘ ayush ist eine der wenigen Organisationen, die Grenzen im wahrsten Sinne des Wortes überwindet. Ihre jüdischen Mitglieder machen sich auf den Weg in die Westbank, um Gewaltexzesse zu beobachten und zu dokumentieren. Außerdem halten sie Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung. Das Büro der Vereinten Nationen in Jerusalem hat errechnet, dass Gewalt von Siedlern gegenüber Palästinensern in 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 150 Prozent gestiegen ist. Bei  Zusammenstößen wie in der Stadt Hebron, oder bei den vielen Freitags-Demonstrationen in palästinensischen Dörfern,  schützt die israelische Armee stets die bewaffneten Siedler. Nicht aber die Palästinenser. Die oft aggressive Gangart der israelischen Armee gegen friedlich demonstrierende Menschen mit dem Einsatz von Tränengaskanistern und Munition blieb lange unbeobachtet von der Welt. Die jüdischen Israelis  von Ta‘ ayush  setzen mit ihrer Präsenz etwas dagegen und stehen so den Palästinensern in ihrem gewaltfreien Widerstand bei. „ Die israelischen Soldaten und Polizisten müssen wissen, dass sie bei ihren Aktivitäten von uns beobachtet werden“, sagt  Efrat.

Die beiden Frauen trinken gemeinsam Tee

Durch  Ta‘ ayush  kam die promovierte Historikerin damals auch nach An Numan, einem Dorf östlich von Bethlehem. Manchmal sitzt  sie dort jetzt mit Fadwa Mansour (Name v. d. Red. geändert) in der Nachmittagssonne auf einem weißen Plastikstuhl draußen vor dem Haus nahe der kleinen Moschee, beide Frauen lachen gemeinsam und trinken süßen Tee. Efrat rezitiert ein Gedicht von Mahmoud Darwish, dem berühmtesten Dichter Palästinas, auf Arabisch. Die 30-jährige Fadwa lauscht ihren Worten, wenn ihre Freundin stockt, vervollständigt die Pharmazeutin die Verse. „Wir sind einsam hier in dem Dorf. Niemand besucht uns, wir sind von der Welt vergessen worden“, sagt Fadwa Mansour. Da sei  es schön, wenn wenigstens ein paarmal im Monat Besucher von außen kämen.

Ein paradoxes Schicksal

Als Israel 1967 die Westbank, Gaza, die Golanhöhen und Ost-Jerusalem einnahm, änderte die Regierung auch ihre Bebauungspläne. Land, das zwischen Jerusalem und dem nur 10 Kilometer entfernten Bethlehem lag, wurde zu großen Teilen konfisziert. Palästinensische Bauern verloren es an jüdische Siedlungen, die sich von kleinen Containeransammlungen zu heute mittelgroßen Städten entwickelten. An Numan mit seinen 200 Einwohnern gehörte nach 1967 somit zu Jerusalem und nicht mehr zu der palästinensischen Westbank. Die Einwohner bewarben sich bei der Stadtverwaltung daraufhin um spezielle Jerusalem-Ausweise. Aber die Behörden verweigerten sie ihnen. Die An Numaner wie Fadwa Mansour leben deshalb als illegale Einwohner in ihrem eigenen Dorf. Als Inhaber von Westbank-Ausweisen erhalten sie weder Baugenehmigungen der israelischen Behörden, noch dürfen sie ihren Ort problemlos verlassen. Palästinensische Besucher, ob  nun Verwandte oder die Müllabfuhr, haben keine Erlaubnis, das Dorf zu betreten. Dieses paradoxe Schicksal teilen rund 20.000 Menschen in der Westbank.

Der Schlüsselfaktor für Frieden

„An Numan ist ein Albtraum geworden, ein Freiluftgefängnis für seine Bewohner“, sagt Efrat. Seit 2002 besucht sie die Dorfbewohner regelmäßig. „Wir von Ta‘ ayush  wissen, dass wir

Ein ökumenischer Begleiter des Programms EAPPI kümmert sich um einen kleinen Jungen und seinen Vater, deren Grundstück von der Mauer umringt wird.  Foto: Haensel

Ein ökumenischer Begleiter des Programms EAPPI kümmert sich um einen kleinen Jungen und seinen Vater, deren Grundstück von der Mauer umringt wird.
Foto: Haensel

damit die israelische Besatzung nicht sofort beenden können“, sagt sie. Aber in schwierigen Momenten könne sie den Palästinensern wenigstens etwas beistehen. Als das Haus von Fadwa und ihrer Familie im Herbst 2011 von israelischen Bulldozern zerstört wurde, war die Friedensaktivistin  sofort zur Stelle. Die Zerstörung konnte sie nicht verhindern, aber sie schaltete andere Organisationen ein, die der schwer traumatisierten Familie mit einem späteren Hausbau aushalfen. Darunter waren auch Teilnehmer von EAPPI. Die Abkürzung steht für  „Ecumenical Acompaniment Program for Palestine and Israel“, das ökumenische Begleitprogramm vom Weltrat der Kirchen aus Genf. Ihre Teilnehmer kommen aus 25 Ländern nach Palästina und Israel, um dort für drei Monate mit den Menschen zu leben und sie in ihrem Alltag zu begleiten. Laut dem Statement auf der Webseite unterstützen sie israelische und palästinensische Aktivisten „bei ihren Bemühungen, die israelische Besatzung zu beenden“.  Allen Friedensgruppen dies- und jenseits der Grünen  Linie ist eins gemein:  Das Ende der Besatzung in den palästinensischen Gebieten gilt  für sie als Schlüsselfaktor für Frieden in der Region. Und es basiert auf den Forderungen  Internationalen Rechts und der Genfer Konventionen.

Himmel voller Tränen

EAPPI entstand in derselben Zeit wie Ta‘ ayush, auf dem Höhepunkt der 2. Intifada. Städte wie Bethlehem und Nablus waren damals wochenlang von der Außenwelt abgeriegelt, tausende Männer und Kinder saßen in Gefängnissen.  Der Himmel roch nach Feuer, Blut und Tränen.  Die Euphorie des Oslo-Abkommens von 1993 war verflogen, Palästina war immer noch unfrei. Es war die Zeit, in der Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land,  die Kirchen weltweit um internationale Unterstützung bat, weil  sich das Wort Frieden in Luft aufgelöst zu haben schien.  Unter dem Motto „Kommt und seht“ wurden die ersten Freiwilligen – vom Chefarzt aus Deutschland bis zum Philosophie-Studenten aus Brasilien –  ausgesandt.

“Wir leben mit der Angst”

Daoud Nassar gründete sein Friedensprojekt Tent of Nations im Jahr 2000.  Foto: Haensel

Daoud Nassar gründete sein Friedensprojekt Tent of Nations im Jahr 2000.
Foto: Haensel

Neben den Treffen mit Efrat und Fadwa in An Numan gehört auch der Kontakt zu Daoud Nassar und seinem Projekt „Tent of Nations“  (Zelt der Völker) bei Bethlehem zu den Aufgaben der ökumenischen Begleiter. Daoud Nassars Großvater kaufte das Land oberhalb des Dorfes Nahalin während der osmanischen Zeit im 19. Jahrhundert und ließ sich  – damals ungewöhnlich – Besitz-Urkunden darüber geben.  1991 erfuhr die Familie Nassar durch Zufall, dass Israel das Land als sein eigenes ansehe. Die Familie schaltete einen Anwalt ein und verteidigt ihr Recht auf den Privatbesitz nun seit 22 Jahren vor dem Gerichtshof in Jerusalem. Die Nassars erhalten jährlich einen sogenannten Landkonfiszierungsbefehl der israelischen Armee. Sie dürfen offiziell nicht bauen  oder Strom- und Wasserleitungen auf ihrem Land legen. Für die 90.000 jüdischen Siedler, ihre direkten Nachbarn, ist dies erlaubt.  Doch anstelle wütend zu werden über die israelische Regierung, entwickelte Daoud Nassar in Andenken an seinen Großvater, einen lutherischen Christen, eine Begegnungsstätte für alle Völker und Religionen oben auf seinem Weinberg. Eine befreundete britisch-jüdische Friedensgruppe pflanzte 250 Olivenbäumchen auf dem Gelände. Es waren genau diese Symbole, die israelische Soldaten jetzt kürzlich zerstörten.  Anpflanzungen seien dort nicht erlaubt, hieß es. „Wir leben immer mit der Angst, dass wir eines Tages unser Land verlieren“, sagt Daoud Nassar. Aber Gewalt sei keine Lösung, denn beide Völker wollen in Frieden leben. Deshalb lud er auch israelische und jüdische Journalisten aus aller Welt ein. In der israelischen Zeitung Haaretz erschien  daraufhin eine winzige Meldung in der englischen Ausgabe über Tent of Nations, in der hebräischen aber nicht ein Wort. Daoud Nassar bedauert das: „Israelische Leser sollten erfahren, dass wir hier solche Friedensprojekte auf die Beine stellen.“

Eine Antwort auf Trennung

Damit diese Lücke geschlossen wird, haben sich einige Organisationen einer fairen Berichterstattung zum Nahostkonflikt verschrieben. Das Alternative Information Center (AIC) wurde 1984 von progressiven Israelis und Palästinensern gegründet. Auf die räumliche Trennung ihrer Nationen durch den Mauerbau 2003 reagierte die Organisation, indem sie neben ihrem Büro im israelischen West-Jerusalem ein weiteres im palästinensischen Beit Sahour eröffnete. „Wir berichten über Menschenrechtsverletzungen in den palästinensischen Gebieten, aber auch über die israelische und palästinensische Gesellschaft an sich“, sagt Sergio Yahni, Co-Direktor des AIC. Alle Israelis des AIC sind Anti-Zionisten – jüdische Menschen, die den Zionismus als Kolonialisierungsbewegung ablehnen.

Beide sind Nudniks

Für Palästinenser ist der Kampf um Freiheit  zu einem ständigen Luftholen geworden. Für Israelis wird er zunehmend zur Konfrontation mit den Werten ihrer eigenen Gesellschaft, die sich als demokratisch definiert. Beide sind Nudniks, beide wollen Antworten.  Ihre zentrale Frage an ihre Regierungen und die Welt lautet: Warum glaubt ihr an Krieg, wenn es doch keine Alternative zum Frieden gibt? Die einen fragen es als Besatzer, die anderen als unter Besatzung Lebende.  „Wir stehen den Palästinensern bei. Es ist eine frustrierende Aufgabe“, sagt Efrat, die demnächst ein Buch über die Geschichte von An Numan veröffentlichen wird.  „Aber zumindest tun wir sie gemeinsam.“

Der Artikel erschien kürzlich im monothematischen Magazin “Zur Sache” zu Israel-Palästina, herausgegeben vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik in Frankfurt.

Das Licht brennt

4 Apr
Juliano Mer Khamis

Juliano Mer Khamis wurde vor einem Jahr ermordet. Er ist in einem Kibbuz in der Nähe von Haifa begraben. Foto: Freedom Theatre Jenin

After one year of fruitless investigations,

We demand results!

We demand justice!

(Text from the Freedom Theatre, call for today’ s demonstration in Ramallah)

Die Antwort liegt irgendwo im Sand begraben. Verschüttet unter Schichten von Fragezeichen, von Hoffnung, Mut und Verzagtheit. Die Antwort wartet darauf, entdeckt zu werden. Oder für immer unter den Erdmassen zu verschwinden während das Leben weitergeht. Irgendwie.

Vor einem Jahr überschlugen sich die Zeitungen in Israel, den palästinensischen Gebieten, in der ganzen Welt. Der Regisseur und Theatermacher Juliano Mer Khamis war von fünf Kugeln im Flüchtlingslager Jenin getroffen worden und starb noch am Tatort (Haaretz-Artikel vom 4.4. 2011 hier). Die unbekannten Täter, wie es damals und jetzt noch heißt, werden gesucht. Heute  findet man nur noch wenig über Juliano, den großen Freiheitskämpfer, in den Medien. Ein Jahr ist vergangen seit seinem gewaltsamen Tod. Das Freedom Theatre, das er nach dem Tod seiner Mutter Arna Mer in Jenin im Nodern der besetzten Westbank gegründet hatte, macht indes weiter. Die Filmschule, die Theaterproduktionen und Workshops gehen ihren Gang. Aber der Tod des jüdisch-palästinensischen Grenzgängers bleibt unaufgeklärt und lässt die Theaterstudenten, “Julianos children”, wütend zurück. Sie fordern eine Aufklärung des Mordes an ihrem Vorbild Mer Khamis, das das Theater 2006  etablierte, um den Kindern des Flüchtlingslagers eine Stimme zu geben und durch Kreativität einen kulturellen Aufstand gegen die israelische Besatzung zu wagen. Das ist ihm gelungen.

Operation Schutzschild als Vergeltung für Attentate

Von vielen Israelis als Verräter an der jüdischen Sache gebrandmarkt, ließ sich Mer Khamis nicht beirren und schaffte es tatsächlich in einem Ort von Hoffnungslosigkeit und Resignation eine Oase zu bauen. Dabei verleugnete er nicht die Realität der Besatzung und die kaputten Fassaden des Flüchtlingslagers, das 2002 mit der israelischen Militäroperation “Schutzschild”  in einem gewaltsamen Massaker gegen die Zivilbevölkerung einen traurigen Höhepunkt fand. Damals wurden hunderte Menschen verletzt und ein großer Teil des Flüchtlingslagers zerstört (“Operation Schutzschild – Zehn Jahre nach dem Massaker von Dschenin”, Deutschlandradio Kultur-Bericht hier) Der Bericht des ARD-Korrespondenten Torsten Teichmann konzentriert sich vor allem auf diese Vergangenheit und zeigt auf, wie schwierig nach wie vor Das (Über-)Leben in Jenin ist. Es kommen Palästinenser zu Wort, die im Lager aufgewachsen sind und sogar ein Weggefährte Julianos, Zakaria Zubeidi, wird erwähnt. Der als “Bekannter” des Theatermachers Bezeichnete war tatsächlich ein enger Freund von Mer Khamis. Zubeidi, der während der Zweiten Intifada der Anführer der Al-Aksa-Brigaden Nord war, legte danach offiziell die Waffen nieder und ließ sich auf ein Abkommen mit Israel ein. Er durfte daraufhin nicht mehr die Stadt verlassen und musste nachts im Gebäude des Gouverneurs schlafen sowie sich regelmäßig bei der Palästinensischen Autonomiebehörde und den israelischen Stellen melden. Israel verzichtete auf eine Gefängnisstrafe und drastischere Strafen. Doch die Zeit danach blieb für niemandem ruhig in Jenin. Bewohner berichten, dass bis vor zwei Jahren nachts immer wieder israelische Panzer in die 50.000-Einwohner-Stadt einrollten. Nach 18 Uhr trauten sich die Menschen nicht mehr auf die Straße, sondern verbarrikadierten sich lieber in ihren Häusern aus Angst vor Soldaten, die männliche Angehörige zu Verhören mitnahmen, die nicht wieder zurückkehren. Das Alternative Information Center, eine israelisch-palästinensische NGO mit Sitz in West-Jerusalem und Beit Sahour, hat  in regelmäßigen Abständen neben vielen anderen Menschenrechtsorganisationen immer wieder über Attacken der israelischen Armee gegen Zivilisten aus Jenin berichtet. So wurden nach Mer Khamis Tod in kurzer Abfolge mehrere Theater-Mitarbeiter grundlos verhaftet, ein Teil der Requisiten sogar zerstört (Artikel AIC hier und hier). Zubeidis Immunität wurde zeitweilig aufgehoben. Er galt wieder als “Wanted”, als gesuchte Person made by Israel.

Gefangene Hana Shalabi  jetzt in Gaza

Protestkundgebung für die Freilassung Hana Shalabis vor demGebäude des Roten Kreuzes,  Ost-Jerusalem.   Foto: AIC

Protestkundgebung für die Freilassung Hana Shalabis vor dem Gebäude des Roten Kreuzes, Ost-Jerusalem. Foto: AIC

Jenin, das sind vor allem die traurigen Schlagzeilen. Hana Shalabi (30), die zwei Jahre in einem israelischen Gefängnis in Administrativhaft, ähnlich einer Untersuchungshaft ohne Anklage, Gerichtsverhandlung und normalen Rechten eines Häftlings, einsaß, stammt aus dem Dorf Burqin bei Jenin. Ihr Fall erregte Aufsehen, allerdings kaum in israelischen Medien oder in den deutschen. Weil sie im Zuge des Gilat-Shalit-Deals im vergangenen Dezember zwar freigelassen wurde, aber Anfang dieses Jahres erneut in einer Nacht-und-Nebel-Aktion umringt von 50 Soldaten wieder inhaftiert, trat sie daraufhin in einen Hungerstreik, den sie vor ein paar Tagen am 43. Tag der Nahrungsverweigerung beendete. Eine Hungerstreik-Welle von palästinensischen Inhaftierten überschwappte ganz Israel 2011. Der Jubel über die Freilassung Shalits überdeckte die Realität tausender Gefangener, die unter unwürdigen Bedingungen, die teilweise Misshandlungen mit einschlossen, festgehalten wurden. “Die ersten zwei Wochen war ich in einer Einzelzelle mit hunderten von Kakerlaken, die Handteller groß waren, eingesperrt”, berichtet ein ehemaliger Gefangener. Die Tiere hätten ihn nachts gebissen und ihn fast seines Verstands beraubt, sagt der heute 38-Jährige, der seinen Namen nicht nennen möchte. Die Kakerlaken-Zelle soll die Häftlinge zermürben und psychisch foltern. “Ich bin nicht durchgedreht, aber ich war nah davor und voller Ekel.”

Er lehnte jede Art von Normalisierung ab

Oster von Juliano Mer Khamis im Gästehaus des Cinema Jenin.   Foto: Liva Haense

Poster von Juliano Mer Khamis im Gästehaus des Cinema Jenin.
Foto: Liva Haensel

Hana Shalabi wurde jetzt nach Gaza abgeschoben und muss dort für drei Jahre bleiben, bevor sie nach Jenin zurückkehren darf. Den Bericht über Hana Shalabi und eine ausführliche Dokumentation findet man hier: “Addameer – Prisoner Support and Human Rights Association”). Die Studenten und Mitarbeiter des Freedom Theatre haben unterdessen heute Morgen für eine Aufklärung des Mordes an Juliano Mer Khamis vor der Muquattah, dem palästinensischen Polizeirevier in Ramallah, protestiert. Mer Khamis wurde sein Leben genommen. Aber er hatte seinen Weg, den Weg des Freedom Theatres in Zuneigung für die Menschen Jenins, selbst gewählt. Der streitbare und selbstbewusste Jude mit palästinensischen Wurzeln war bis zum Schluss der größe Kritiker seiner Heimat Israel  – er wuchs in Nazareth auf – und lehnte jede Art von Zusammenarbeit mit Israel in Form von einer “Normalisierung der Besatzung” ab  (zu der Normalization-Debatte hier ein Kommentar von Aziz Abu Sarah im +972 Magazin). Nach eingehender Reflexion werden Zeiten kommen, in denen der Staat Israel flächendeckend noch stolz sein wird auf Menschen wie Mer Khamis, die unverzichtbar in der moralischen Debatte des Landes sind. Je verschärfter sich die Lage im Nahen Osten zuspitzt, je eisiger der Wind zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn weht, desto dringlicher braucht das Land nun Leute, die zornig und gleichzeitig emphatisch Menschlichkeit auf die Bühnen der Welt bringen. Die Mörder von Juliano Mer Khamis haben einen wichtigen Botschafter der Menschlichkeit vor einem Jahr das Leben genommen. Sein Licht konnten sie aber nicht auslöschen.

  • Den Dokumentarfilm “Arna’s children” von Juliano Mer Khamis über seine Mutter und ihre Arbeit im Jeniner Flüchtlingslager kann man kostenlos hier auf youtube ansehen.
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