Archiv | Dezember, 2011

Am eigenen Leib

31 Dez
Hebron II
Turqumia Checkpoint, Hebron

Tarqumia Checkpoint, Hebron

Donnerstag, 3.45 Uhr: Wir steigen am Parkplatz am Checkpoint aus und verschaffen uns einen Überblick. Meine Kollegin von dem Hebron-Team kennt das Procedere schon, sie war schon einmal hier. Der Tarqumia Checkpoint wird von einer Privatfirma betrieben und nicht, wie so oft, von dem israelischen Militär. Internationale Beobachter und Menschenrechtsaktivisten sehen dies mit Sorge, denn künftig will der Staat Israel alle 70 Checkpoints in der Westbank privatisieren. Dies könnte eine noch weitaus unmoralischere Haltung gegenüber der palästinensischen Zivilbevölkerung bedeuten, so die Befürchtung. Diese Sorge ist nicht ganz unberechtigt, wie ich eine halbe Stunde später selbst am eigenen Leib zu spüren kriege. Da der Checkpoint für uns Außenstehende von innen kaum sichtbar ist, einigen wir uns im Team, dass ich einen „Spotcheck“ machen werde: Um 4.35 Uhr starte ich am Eingang und gehe den selben Weg wie alle Palästinenser, die nach Israel zur Arbeit müssen und in Tel Aviv, Haifa oder in anderen israelischen Städten arbeiten. Ich möchte sehen, was innen los ist und wie lange man für das Passieren braucht. Außerdem ist für uns wichtig zu wissen, wieviele Drehkreuze, Metalldetektoren und Sicherheitspersonal drinnen vorhanden ist.

Keine Frau weit und breit

Ich laufe los und winke meiner amerikanischen Kollegin und unserem arabischen Taxifahrer zu, bevor ich mich  in eine Schlange von Menschen einreihe. Los geht’s. Die Männer stehen einer nach dem anderen, nicht wie in Bethlehem, wo sich oftmals mehrere Leute dichtgedrängt nebeneinander quetschen. Ich bin die einzige Frau. Alle sind freundlich, wollen wissen, was ich hier mache und geben teilweise in gutem Englisch Auskunft. Ich halte mich an einen älteren Mann, der mir Details über Tarqumia erzählt, die Gold wert sind. So erfahre ich, dass die Männer mittwochs und sonntags durchschnittlich drei Stunden brauchen, bis sie den Checkpoint überquert haben. „This is very bad, but our daily life (Das ist sehr schlimm, aber gehört zu unserem täglichen Leben“), sagt der Mann, der in Tel Aviv in einer Metallfirma arbeitet. Falls er krank ist und nicht arbeiten kann, muss er seinem israelischen Arbeitgeber ein Ausfallgeld von 150 Schekeln (ca. 30 Euro) pro Tag bezahlen. Eine Kranken- oder Unfallversicherung hat er nicht – wie die meisten palästinensischen Arbeiter. Ich reihe mich hinter ihm in die Schlange der älteren Männer ein. An diesem Checkpoint unterscheiden die Israelis offensichtlich zwischen 45 plus und 19-44 Jahren. Die Jüngeren stehen weit von uns entfernt und werden noch intensiver kontrolliert, weil sie als potenzielle Terroristen gelten.

Auf dem Weg nach Israel

Auf dem Weg nach Israel

Nur 20 Minuten?

Nach rund einer Stunde und Drekkreuz Nummer vier stolpere ich durch den Metall-Detektor und lege schnell meine Weste und den Gürtel aufs Band. Eine israelische Security-Angestellte will meinen Ausweis sehen und fragt mich, was ich hier mache. Meine Antwort: „Ich bin ökumenische Begleitperson vom Weltrat der Kirchen“, befriedigt sie nicht. Die Fragerei steigert sich zu einer Schreierei, die mich erst nervös macht, mich dann aber daran erinnert, dass gewaltfreie Kommunikation hier die beste Methode ist, um heil rauszukommen. Ich bleibe also ruhig und antworte freundlich immer wieder das selbe. Nach weiteren 10 Minuten Wartens kommt ein anderer Israeli, der mich weiter befragt. „Wie findest Du diesen Checkpoint? Was fällt Dir auf?“, möchte er wissen. Auf die Frage, wie lange ich bis hierher gebraucht habe, antworte ich mit: 55 Minuten. Er korrigiert mich und sagt, dass der Weg von Hebron nach Israel  immer nur 20 Minuten dauert. Gut, dass ich es besser weiß.

Endlich durch das fünfte Drehkreuz

Nach 1,5, Stunden bewege ich mich in dem fünften und letzten Drehkreuz Richtung Israel, das mich schließlich in die demokratische Freiheit ausspuckt. Zum Entsetzen des israelischen Securityguards hatte ich zum Abschied noch wissen wollen, wie ich wieder Richtung Westbank und Hebron komme, da ich ja wieder zurück muss. Ich überschlage die Ereignisse schnell in meinem Kopf: Zu diesem Zeitpunkt habe ich ein Sonderinterview mit israelischen Sicherheitskräften,  zig Fotosshootings in den Gittergängen, eine Schimpftirade israelischer Security-Frauen bei der Passkontrolle und jede Menge informative Gespräche mit palästinensischen Leuten hinter mir. Ich bin um ein paar Erkenntnisse reicher, nämlich: Jeder Checkpoint hat seinen ganz eigenen Charakter. Bethlehem Checkpoint 300 ist schlimm, Tarqumia  bei Hebron ist schlimmer. Die Menschen brauchen teils bis zu drei Stunden, um ihn zu passieren. Und: Es scheint Architekten zu geben, die sich ausschließlich mit der Konstruktion von Kontrollpunkten auseinandersetzen. Methodisch legen sie eine gewisse Kreativität an den Tag, was Variationen bezüglich der innereren Gestaltung und des Zusammengehens von Funktionalität plus Wirkung auf die Nutzer anbelangt.

Ich laufe zurück zu meinen Teamkollegen und berichte, was ich gesehen habe, später fertigen wir eine Zeichnung des Checkpoints an.  „Thank you, that you are here“, sagt ein Mann mit Wollmütze und rennt dann weiter Richtung Drehkreuz Nummer 1. Es ist kalt an diesem Morgen. Der Mann hat heute noch einen langen Weg vor sich.

Die geteilte Stadt

30 Dez

Jüdisches Graffiti in Hebron Altstadt

Jüdisches Graffiti in Hebrons Altstadt

Hebron I

Wir steigen aus dem Bus aus und landen direkt vor einem Fast-Food-Restaurant im Zentrum. „Happy Bunny“ heißt der Laden und er verheißt, dass es für mich gute, intensive Tage werden sollen in Hebron, der zweitgrößten Stadt im Süden der Westbank. Dennoch muss ich lachen: Happy Bunny? Was ist happy an einer Stadt, die vor allem durch extreme jüdische Siedler geprägt ist?

Hier leben rund 170.000 Palästinenser und 800 Juden. Die Altstadt mit ihrem höhlenartigen Suq und ihren vielen Händlern, die Falafel und Kufya  – die traditionellen Palästinensertücher, jetzt auch in Bunt und original aus der Hebroner Hirbawi-Fabrik – verkaufen, hat einen besonderen Charme. „Euch verarschen wir nicht mit zu hohen Preisen“, sagt Jamal, ein Tuchhändler zu mir. „Ihr arbeitet hier und seht mit eigenen Augen, was passiert. Wenn ihr zurückgeht, sollt ihr nicht sagen, dass die Palästinenser Euch übers Ohr gehauen haben.“ Ich nicke befriedigt und kaufe eine extrem schicke türkise Kufya für die grauen Straßen Berlins.

Das Rote Kreuz in der Altstadt

Das nette Plauderstündchen mit Jamal, den das Hebron-Team täglich auf seinem Rundgang durch die Altstadt besucht, nehmen wir als schnelles Durchatmen in einer Stadt mit, deren Lunge längst vergiftet ist. Nach dem Oslo-Abkommen von 1994 und der damit verbundenen schrittweisen Unabhängigkeit palästinensischer Städte einigten sich die Beteiligten auf einen besonderen Status für die Stadt, der im sogenannten Hebron-Protokoll festgehalten wurde (siehe auch: http://www.tiph.org/en/About_Hebron/ ) und eine internationale Präsenz in der Stadt vorsieht. Dem vorangegangen war, dass im selben Jahr der amerikanisch-jüdische Siedler und Arzt Baruch Goldstein 29 betende Muslime in der Ibrahimi-Moschee erschossen hatte, die auf der anderen Seite eine Synagoge ist und die Gräber Abrahams und Saras enthält – für Muslime wie Juden gleichbedeutend wichtig. Das Brisante in Hebron sind die vier jüdischen Siedlungen mitten in der arabischen Altstadt, was Hebron zu einem Dauerbrennpunkt und Ort ständiger Konflikte macht. In dem Protokoll wurde festgehalten, dass die Stadt in zwei Gebiete aufgeteilt wird: H1 untersteht der palästinensischen Autonomiebehörde, H2 der israelischen Militärgewalt. H2 betraf vor allem das Herz von Hebron: die florierenden Einkaufsstraßen in der Altstadt, allen voran die prächtige Shuhada-Street mit ihren vielen Geschäften. Dieser Teil der Altstadt ist seit 2002 gänzlich ausgestorben. Die Ladenbesitzer mussten schließen. Seitdem versorgt das Internationale Rote Kreuz die Bewohner mit Familienbesuchen, den nötigsten Medikamenten und einem speziell ausgearbeiteten Programm, das Mikrokredite an palästinensische Anwohner der Straßen dort vergibt, damit sie künftig eigene kleine Firmen und Werkstätten aufmachen können, um finanziell unabhängig zu sein. „Das funktioniert sehr gut und bisher haben wir alle Anfragen positiv beantworten können“, berichtet Barbara Lecq, Leiterin des Roten Kreuzes im Distrikt Hebron. Ein Mann besitze dort Ackerland und sei dabei, eine Erbeerfarm aufzubauen. Auch die Zusammenarbeit zwischen dem israelischen Roten Kreuz – Magen David Adom  -und dem arabischen Roten Halbmond, beide nationale Untergruppen des Roten Kreuzes, funktioniere in gegenseitigem Respekt, sagt Lecq. Trotz der Absperrungen und Mobilitätseinschränkungen in der Altstadt gebe es zumindest in Bezug auf die Gesundheitsversorgung dort Dank des Sonderstatus des Roten Kreuzes keine bemerkenswerten Schwierigkeiten.

Nachts sind alle Katzen grau

Arabische Frauen in der Shuhada-Street, Hebron

Arabische Frauen in der Shuhada-Street, Hebron

In der Zeit von 2002 bis 2007 kam es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen Siedlern und Palästinensern in Hebron. Die israelische Armee fuhr 2002 über Nacht mit Panzern in die Stadt ein und übernahm wieder die Kontrolle. „Sie kamen immer wieder, aber wir wussten nie, wann“, berichtet Murat, ein junger Mann, der in Hebron geboren wurde. Erst schreien die Soldaten und schlagen gegen die Haustür, dann brechen sie ein und reißen die Leute aus dem Schlaf, sagt er. Das Militär käme immer nachts und fordere die Familie dann auf, nach draußen zu gehen. Oder man werde gemeinsam mit Vater und Mutter in ein Zimmer gesperrt, berichtet er. Seit dem Einrollen der israelischen Panzer und den nächtlichen Hausdurchsuchungen kann Murat nicht mehr richtig schlafen. Er ist deshalb um 3 Uhr morgens schon wach und fährt die ökumenischen Begleiter zum Checkpoint Turqumia im Nordwesten des Hebron Distriks. „Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich Schlafstörungen habe“, sagt er tapfer und lächelt schief. Sein Cousin wurde vor kurzem von israelischen Soldaten inhaftiert. Nachts sind alle Katzen grau, auch in Hebron.

Drehkreuz an der Ibrahimi-Moschee

Drehkreuz an der Ibrahimi-Moschee

Info zu Hebron: Warum befinden sich jüdische Siedler in einer arabischen Stadt?

In Hebron lebte ununterbrochen über die Jahrhunderte hindurch eine  jüdische Gemeinde. 1929 fand ein Massaker statt, in derem Zuge 67 jüdische Bewohner Hebrons  von arabischen Bewohnern der Stadt getötet wurden. Die restlichen Gemeindemitglieder verließen daraufhin Hebron und flohen nach Jerusalem. Juden kehrten erst 1967 wieder zurück, nachdem Israel die Westbank besetzt hatte. Die Stadt ist bedeutend für alle drei monotheistischen Religionen, da sich in der sogenanten Machpela-Höhle die Gräber von Abraham, seiner Frau Sara, ihrem Sohn Isaak und dessen Sohn Jakob befinden sowie deren Frauen Rebekka und Lea. Heute ist das Heiligtum der Patriarchen, das über Jahrhunderte eine gotische Kreuzfahrerkirche war, eine Moschee mit einer im nördlichen Teil gelegenen Synagoge und wird sowohl von Juden als auch Muslimen genutzt. In den 60iger Jahren des 20. Jahrhunderts siedelten sich die ersten jüdischen Gläubigen in Hebrons arabischer Altstadt an, indem sie dort ein Hotel besetzten. Mittlerweile gibt es vier jüdische Siedlungen dort: Tel Rumeida, Beit Hadassah, Beit Romano und Avraham Avinu. Insgesamt leben dort 800 Siedler, die von 200 israelischen Soldaten

beschützt werden und mit Maschinengewehren – Typ M-16 – in den Straßen entlanggehen. Die Spannung in der Altstadt ist spürbar, besonders an hochsensiblen Stellen, wie enteigneten palästinensischen Wohnhäusern, den elf Checkpoints und im Umkreis der Ibrahimi-Moschee bzw. Machpela-Synagoge (siehe auch: http://www.palaestina.org/index.php?id=130 ) die streng bewacht wird. An jüdischen Feiertagen ist es Muslimen nicht erlaubt, ihren Eingang zu der Moschee zu benutzen.  Wir ökumenischen Begleiter positionieren uns am frühen Morgen am Checkpoint direkt bei der Cordoba-Schule, um die Lage zu beobachten. Die Schule ist arabisch, liegt aber direkt an einer der Siedlungen. Siedler mit Kippa und Zauselbart eilen im Laufschritt die Straße hinunter, während winzige palästinensische Mädchen mit riesigem Schulranzen und wippenden Zöpfen hüpfend Richtung Schule laufen. Die Kinder müssen einen Umweg nehmen, weil die Treppe zum Eingang von Siedlern okkupiert wurde. An diesem Morgen kommt es zu keinen weiteren Zwischenfällen, keine Beschimpfungen durch Siedler, keine fliegenden Steine. Am Abend erfahren wir, dass ein junger Siedler auf eines der Kinder mit einem Messer losgegangen ist. Das Kind konnte fliehen und blieb unverletzt. Die Homepage der jüdischen Gemeinde Hebrons ist es wert, angeklickt zu werden, weil dort sehr deutlich wird, dass der jüdische Anspruch auf Hebron arabisches Leben dort völlig ausschließt und auch, um sich selbst ein Bild der einseitigen Propaganda der jüdischen Siedler zu machen: http://www.hebron.com/english/index.php 


Schöne Welt(en)

23 Dez

Herrlicher Ort: die Marienquelle in Eyn Kerem. Foto: Liva Haensel

Alle reden über Frieden und den Friedensfürst. Wäre es da nicht passend, jetzt, ausgerechnet jetzt zu Weihnachten, über beide Welten zu schreiben – die palästinensische und die israelische?

Wir haben Besuch bekommen aus Hebron von einer englischen Kollegin, die dort südlich der Stadt in den „South Hebron Hills“ arbeitet und die auf Stippvisite in Bethlehem ist. Rose erzählt uns von einem interessanten Vortrag, den sie kürzlich gehört habe: Die Juden im 19. Jahrhundert in Hebron. Es habe dort immer eine jüdische Gemeinde gegeben, allerdings dann in den 1930igern ein Massaker und viele Juden seien von Arabern getötet worden. Doch die Stadt mit den Gräbern von Abraham und Sara sei von immenser Bedeutung für religiöse Juden, von daher könne sie irgendwie verstehen, dass die jüdische Präsenz in Hebron auch heute noch wichtig sei, sagt Rose. Mag sein, denke ich, und ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich tragisch finde, dass aufgrund 500 militanter jüdischer Siedler eine gesamte palästinensische Stadt kollektiv leiden muss. Aber etwas in mir löst ihre Erzählung doch aus: Was ist mit „der anderen Seite“, der israelischen hinter der Mauer, die ich nur noch so selten zu Gesicht bekomme seit ich vor nunmehr vier Wochen als EA (Ecumenical Acompanier) in Bethlehem gestartet bin?

 Ab nach Eyn Kerem

Ich entschließe mich, meine freien Tage nicht in der Westbank zu verbringen, sondern nach Israel zu fahren. Die neue Tram, die jüdische Siedlungen in Ost-Jerusalem mit West-Jerusalem verbindet und daher umstritten ist, bringt mich zum Mount Herzl, von dort geht’s weiter im Taxi. Es ist Schabbat und dann noch Chanukka – puh, denkbar schlechte Voraussetzungen für einen funktionierenden Transport, aber ich lande in Eyn Kerem – mabruk, joffi!

In dem lauschigen Dorf Eyn Kerem im jüdischen West-Jerusalem  wurde nach biblischer Überlieferung Johannes der Täufer geboren, der Ort ist heute eine Pilgerstätte und zieht viele Christen aber auch Juden an, die in dem schmucken Dorf ein wenig herumspazieren und die netten Shops und Cafés ausprobieren wollen.  Auf dem Weg durch Eyn Kerem, vorbei an vielen alten arabischen Häusern mit vornehmlich Ashkenazinamen (Familiennamen von westeuropäischstämmigen Juden, die in Israel die Mittel- und Oberschicht ausmachen) auf prächtigen Kacheln, fällt mein Blick auf dutzende winzige Gartenzwerge, die jemand liebevoll ins Gras, auf Pumps oder in Blumentöpfe gesteckt hat. Offensichtlich hat hier jemand eine künstlerische Vorliebe für die kleinen Männchen, und ich muss grinsen. Wie ähnelt sich doch so mancher spießige deutsche Vorgarten einem israelischen… Als ich in den Garten trete, kommt mir eine Frau entgegen, die auch Schneewittchen in dem Walt Disney-Film sein könnte: Shoschana hat türkisfarbene Nägel, hält ihre schwarzen Haare mit einem quitschpinken Haarreifen zusammen und trägt über einem engen schwarzen Kleid eine Streublümchenschürze. Sie lädt mich zum Cappuchino ein und bald gesellt sich noch eine andere Israelin zu uns, die erst vor kurzem aus Argentinien nach Israel emigriert ist. Das ganze ergibt einen bunten englisch-spanisch-hebräischen Gesprächscocktail.

Friede im Döschen

Während Amanda, die Argentinierin, wissen will, ob Shoschanas altes verwinkeltes Haus sprechende Wände hat, erzähle ich von Bethlehem. Vorsichtig, zaghaft, bloß nicht zu viel, denke ich, wer weiß, wie die reagieren. Shoschana ist Arabischlehrerin, hat aber nur wenig Kontakt zu Palästinensern, vor allem zu Bewohnern der Westbank. „Du darfst nicht alles glauben, was das Fernsehen über Israel sagt. Das stimmt nicht“, sagt sie. Die Israelis hätten solange versucht, Frieden zu schmieden, aber die andere Seite, ach ja, sie habe einfach nicht gewollt. Dabei müsse Frieden doch möglich sein, seufzt sie und wirft die schönen Haare in den Nacken. Ich muss an das kleine Geschäft mit den hübschen Seifen, Kästchen und Ringen denken, in dem ich vorher gerade war und sehe den Frieden, wie er sich da im Regal in einem Döschen einnistet und bloß 5 Schekel kostet. Tolle Geschäftsidee, ein bisschen Frieden, billig zu haben, was kostet es schon, so ein Friede. Ich lade Shoschana ein, mich in der Westbank zu besuchen. Ich traue weder dem Fernsehen noch den Zeitungen, ich traue den vielen NGOs nicht mit ihrer teilweise stark eingefärbten Pro-Palästina und Pro-Israelpropaganda, aber ich nehme sie alle wahr. Ich traue meinen Augen und Ohren.  Was ich sehe, das sehe ich – warum soll das für andere Leute anders sein? Shoschana steckt meine Visitenkarte vom World Council of Churches in ihre Schürze und lächelt. Ja, vielleicht, vielleicht wird sie kommen, mal sehen, ja, stimmt, Bethlehem ist nicht so weit weg. Ich nehme ihre Nummer auf dem Weg nach Hause mit und bewahre sie gut auf.

Die Weihnachtsbäume im Nahen Osten sehen irgendwie anders aus... aber nur ein bisschen.    Foto: Liva Haensel

Die Weihnachtsbäume im Nahen Osten sehen irgendwie anders aus... aber nur ein bisschen. Foto: Liva Haensel

Happy Chanukka

Es ist einfach, sich in seiner eigenen Welt zu bewegen, in der man wie ein Fisch im Wasser schwimmt. Man gerät aus den Fugen, sobald man mit anderen Welten konfrontiert wird. Ich nehme mir vor, das künftig ein klein wenig zu ändern. Okay, keine lästigen Diskussionen mehr auf facebook mit der israelischen Friedensgruppe Peace Now über Zionismus und Rassismus, keine Widerworte mehr bezüglich der jüdischen Gemeinde und einiger rechter Mitglieder, die Palästinenser beleidigen, zumindest jetzt im alten Jahr nicht mehr. Sollen wir nicht lieber Brücken bauen hier im Nahen Osten? „Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern einen schönen Schabbat * Shabbat Shalom everyone * שבת שלום לכולם“, schreibt die Jüdische Allgemeine aus Berlin auf facebook. Das gefällt am 23.12. um 21.30 Uhr genau 47 Leuten. „Und was ist mit Weihnachten?“, kommentiere ich. Ich finde, das ist zumindest ein Anfang. Von den Redakteuren hat bisher noch keiner geantwortet, Naja, okay – ist ja schließlich auch Chanukka-Holiday!

 – Allen Lesern vielen Dank für das Interesse an meinem Blog. Fröhliche Weihnachten! –

Grünes Licht in Bethlehem

19 Dez
Im Gang am Checkpoint 300: Gisela Cardozo (27) in Bethlehem.

Im Gang am Checkpoint 300: Gisela Cardozo (27) in Bethlehem.

„Wir müssen los, es ist schon fast 3 Uhr – jalla, jalla, schnell“, ruft eine dunkelhaarige junge Frau einer älteren blonden zu. Beide binden sich noch rasch einen dicken Wollschal um, die Finger schlüpfen in Handschuhe. Fehlt nur noch die obligatorische Weste mit dem Logo: EAPPI in roten Lettern über einer Taube und einem schlichen Kreuz. Darüber steht geschrieben „World’s Council of Churches“. Dann laufen beide los. Zum Checkpoint 300, der die Westbank von Israel trennt.

Die  Unabhängigkeit Palästinas blieb ein Traum

Es ist kalt in Bethlehem an diesem Morgen, rund 2 Grad Celsius. Gisela Cardozo (27) aus Argentinien und Bibi Haggstrom (59) aus Schweden macht das nicht viel aus, sie haben sich mittlerweile an die eisigen Temperaturen gewöhnt. Beide sind Ecumenical Acompanier – ökumenische Begleitpersonen – und arbeiten als Freiwillige für drei Monate in der Westbank. Sie beide gehören zu einem Team mit vier Leuten aus unterschiedlichen Ländern, die sich bereiterklärt haben, solidarisch mit der palästinensischen Bevölkerung unter israelischer Besatzung zu leben. Das Programm EAPPI (Ecumenical Accompaniment Programme for Palestine and Israel) startete im Jahr 2002. Damals baten palästinensische Kirchenoberhäupter aus Jerusalem den Weltrat der Kirchen um Unterstützung. Mehrere Länder initiierten daraufhin Koordinatoren, die die Organisation und Aussendung der Begleiter übernahmen. In Deutschland sind der Evangelische Entwicklungsdienst und das Hilfswerk Brot für die Welt für die Finanzierung der Deutschen verantwortlich. Pax Christi, das Missionswerk der Kirche in Südwestdeutschland und das Berliner Missionswerk übernehmen die Auswahlgespräche und die Vorbereitung.

Als der Weltrat der Kirchen darüber tagte, wie er die palästinensische Bevölkerung und besonders die Christen im Heiligen Land unterstützen könne, hatte die Zweite Intifada gerade ihren Höhepunkt erreicht. Es gab viele Opfer auf beiden Seiten zu beklagen, der palästinensischen wie der israelischen. Der Friedensprozess und das Osloer Abkommen waren in weite Ferne gerückt. Die erhoffte Unabhängigkeit Palästinas war für viele lediglich ein Traum geblieben.

 500.000 jüdische Siedler in der Westbank

Die israelische Regierung hatte 1993 entschieden, die palästinensischen Gebiete in A-, B- und C-Sektionen aufzuteilen. Diese Fragmentierung, die in dem Gaza-Jericho-Abkommen von palästinensischen und israelischen Politikern unterzeichnet wurde, war eine Interimslösung und sollte nur bis zur Unabhängigkeit eines eigenen palästinensischen Staates andauern. Doch die Realität sieht heute anders aus. „Israel kontrolliert bis jetzt 62 Prozent der Westbank und blockiert Gaza“, sagt Angela Godfrey-Goldstein, israelische Friedensaktivistin und Gründerin der Nichtregierungsorganisation Grassroots Jerusalem. Zudem leben mittlerweile 500.000 jüdische Siedler in der Westbank, davon ein Großteil in Jerusalem und im Umkreis von Bethlehem. „Diese Siedlungen sind nach internationalem Recht illegal. Doch keiner der Siedler hat wirklich das Gefühl, das er hier vielleicht fehl am Platz ist“, sagt Godfrey-Goldstein und zeigt auf große weiße Häuser, vor denen Wäscheleinen hängen. Die Siedlung Gilo liegt genau gegenüber von Beit Jalla, einem Stadtteil Bethlehems mit hohem christlichem Bevölkerungsanteil und der deutsch-evangelischen Schule Talitha Kumi.

Heimliche Aufnahme: Um 5 Uhr morgens warten rund 300 palästinensische Männer in der Schlange (re.), die zur Arbeit nach Israel wollen.

Die ökumenischen Begleiter unterstützen israelische Menschenrechtler wie Godfrey-Goldstein ebenso wie palästinensische Friedensaktivisten und Organisationen in ihrem Vorhaben, die israelische Besatzung auf friedliche Weise zu beenden. Sie begleiten und dokumentieren Demonstrationen in palästinensischen Dörfern, deren Bewohner aufgrund des israelischen Mauerbaus Land- und Ackerflächen verlieren. Sie werden gerufen, wenn jüdische Siedler Olivenbäume abbrennen und palästinensische Bewohner bedrohen. Oder wenn das Haus einer Familie in der Westbank von Bulldozern zerstört wird. Inzwischen gibt es es sieben Orte, an denen die ökumenischen Begleiter tätig sind. Diese gelten als besonders gefährdet, weil dort die meisten Menschenrechtsverletzungen und Landraube passieren. Darunter fällt die Stadt Hebron, in deren Altstadt militante Siedler leben und die deshalb für die eigene palästinensische Bevölkerung gesperrt wurde. Außerdem leben die ökumenischen Begleiter, darunter auch viele Pfarrer, im Dorf Yanoun im Norden der Westbank, das 2003 von Siedlern überfallen wurde. Die arabischen Bewohner konnten nur deshalb in ihre Häuser zurückkehren, weil ökumenische Begleiter 24 Stunden mit ihnen im Dorf leben und sie so vor Übergriffen schützen.

Alle Zahlen fließen in UN-Berichte ein

„Dass es EAPPI nach zehn Jahren immer noch gibt, ist auch ein Zeichen dafür, dass wir hier leider immer noch gebraucht werden“, sagt Katariina Stewart, Programmkoordinatorin von EAPPI in Jerusalem. Denn die Besatzung halte immer noch an, fügt die finnische Pastorin hinzu. „In diesem Konflikt nehmen wir keine der beiden Seiten ein und wir diskriminieren niemanden. Aber wir sind nicht neutral, wenn es um die Menschenwürde und das Internationale Recht bezüglich aller Menschen geht“, lautet das Credo des Weltrates der Kirchen für das EAPPI-Programm. In diesem Sinne haben Gisela Cardozo und Bibi Haggstrom die Aufgabe, den Checkpoint 300 in Bethlehem viermal pro Woche zu beobachten, die passierenden Menschen zu zählen und alles, was sie sehen, zu dokumentieren. Alle Zahlen und Notizen fließen in die Berichte verschiedener Menschenrechtsorganisationen ein, darunter auch mehrere Unterorganisationen der Vereinten Nationen.

Smartphone und Talkshow

Ein Herz für Bethlehem: Gisela Cardozo nd Bibi Haggstrom an der Mauer.

Ein Herz für Bethlehem: Gisela Cardozo und Bibi Haggstrom an der Mauer.

An diesem Morgen bewegt sich die Schlange der wartenden Menschen in den engen Gängen kaum. Die Männer drängeln, viele von ihnen haben sich ihr Frühstück noch in eine Plastiktüte gesteckt, bevor sie ihr Zuhause um 3 Uhr morgens verlassen haben. Wer zur Arbeit nach Israel muss, hat es eilig und steht in der Hauptschlange. Frauen, Kinder, Ältere und Kranke stehen in der sogenannten „Humanitarian Lane“ an, der „menschenfreundlichen“ Schlange. „Manchmal funktionieren die Drehkreuze nicht richtig oder die Soldaten haben keine Lust, die Palästinenser durchzulassen und brüllen sie an“, berichtet Bibi Haggstrom. Dann seien die ökumenischen Begleiter gefragt. Nach zehn Minuten Wartezeit, in der das Drehkreuz nicht einmal geöffnet wurde, hinter dem 300 Menschen warten, entscheidet sich die Schwedin, tätig zu werden. „Entschuldigen Sie, gibt es ein technisches Problem?“, fragt sie den jungen Soldaten freundlich. Dieser winkt genervt ab, stellt sein Smartphone aus, auf dem er eben noch eine israelische Talkshow angeguckt hatte und klickt auf einen Schalter. Ein schnarrender Piepton ist zu hören, dann gibt es grünes Licht. Mann für Mann reiht sich ein. „Wenn die Männer durch sind, kann man an ihrem Gesichtern ablesen, wie glücklich sie sind“, sagt Bibi Haggstrom.

Eine  zermürbende Prozedur

Doch das erste Drehkreuz ist nur eines von mehreren Hindernissen auf dem Weg nach Israel. Gisela Cardozo ruft derzeit unten im Terminal den diensthabenden israelischen Offizier an. Sie zählt 300 Männer in der Halle, doch keine der nächsten Drehkreuze ist geöffnet. An den Schaltern, an denen die Soldaten die Papiere der Palästinenser kontrollieren, bewegt sich nichts. „Es ist eine zermürbende Prozedur hier am Checkpoint“, sagt sie Wissenschaftlerin, die jetzt auch in der Sonne von Buenos Aires sitzen könnte. „Aber dass wir hier sind, präsent für die Menschen, das macht Sinn.“ Ein Mann rennt an ihr vorbei, er ist einer von 3.000 an diesem Bethlehemer Morgen. Grünes Licht am Drehkreuz. Er lacht sie an, heute wird er pünktlich bei seiner Arbeit ankommen. „Schukran – danke“, sagt er auf arabisch. Und fügt dann hinzu: „God bless you – Gott schütze Dich.“

Mehr zum Begleitprogramm in Palästina und Israel gibt es unter: www.eappi.org

Der Artikel erschien am 13.12. 2011 auf www.evangelisch.de

Alice lebt

16 Dez

Die Straße ins Camp ist die Straße in die Kreativität. Immer geradeaus, vorbei an einem Billigshop mit bunten Tüchern, an nassen Jeanshosen an Wäscheleinen und kaputten Plastikstühlen. Ein kleiner Junge hockt auf einem Geländer an der Straße und starrt denen hinterher, die nicht hierher passen, weil sie anders aussehen, sich anders kleiden und weil sie alle nur das eine wollen: Den Weg zum Freedom Theatre zu finden. Dem Theater, das Juliano Mer Khamis 2006 im Flüchtlingslager von Jenin gründete und dass die Kinder der Intifada aus Terror und Zerstörung führen sollte. Aber Mer Khamis lebt nicht mehr, er wurde am 4. April dieses Jahres erschossen. Die Schüsse brachten einen Mann zu Fall, der sich als jüdischer Palästinenser zwischen den Stühlen befand, ein Grenzgänger zwischen Israel und den besetzten Gebieten mit Wohnsitz in Haifa und Jenin, der gerne experimentierte und damit die Jugend begeisterte. Aber sie trafen auch mitten in das Herz einer Stadt, die alte Werte und Patriarchat betont. In Jenin gehen Frauen nur verschleiert auf die Straße, nach sechs Uhr abends werden die Bürgersteige hochgeklappt. Während in Ramallah bis zum Morgengrauen in grellen Clubs getanzt wird, achtet man in Jenin auf einen guten Ruf und seine Ehre. Das Wort Harram – unheilig, schmutzig – fliegt hier öfters durch die Luft als anderswo und hängt wie ein Dunstschleier über der Stadt. Jenin ist eine Kleinstadt und es wird viel geredet. Auch darüber, ob Juliano Mer Khamis nicht zu weit ging mit seinen Theaterstücken, die Kritik an der israelischen Besatzung genauso beinhaltete wie auch das Infragestellen konservativer Werte oder die Forderung nach Gleichberechtigung beider Geschlechter.

Kampf zwischen Fatah und Hamas?

„Ich habe keine Ahnung, wer Juliano ermordet hat“, sagt ein junger Handyverkäufer im Zentrum Jenins achselzuckend. Er habe zwar gehört, dass die Hamas dahinterstecke und man auch schon wisse, wer der Mörder sei. „Aber die dürfen das nicht sagen, weil Israel sonst Stress macht.“ Wenn sich also herausstellen sollte, dass die Hamas den Namen preisgibt, könnten zur Strafe wieder israelische Truppen in die Stadt einmarschieren wie noch vor ein paar Jahren. Darauf habe aber niemand Lust, meint er. Ein anderer Mann an einem Kaffeestand ist sich sicher, dass die Palästinensische Autonomiebehörde intensiv an dem Fall arbeitet. „Die sind dran an dem Fall und sie werden den Mörder finden.“ Wieder ein anderer vermutet, dass die Fatah dahinterstecke, der Hamas aber gerne die Schuld in die Schuhe schieben würde.

Mutmaßungen über Julianos Tod

Die unterschiedlichen Meinungen ergeben immer wieder neue Muster. Es ist fast so als würde man ein Mini-Kaleidoskosp schütteln, dessen einzelne Teile sich anschließend immer wieder neu zusammensetzen. Plötzlich werden Herze zu Sternen und Sterne zu Dreiecken. Aber: Kann sich ein Theater neu erfinden? Und was machen Kinder, wenn ihnen der Vater genommen wird? Rennahd Arquewi brät sich Hackfleisch in der kleinen Pfanne der Theaterküche. Dann setzt sie sich geräuschvoll auf das Sofa, zieht sich den Schal noch einmal fest um den Hals und hustet etwas. Die 35-jährige Jeninerin ist die Koordinatorin der Schauspielschule am Freedom Theatre. Gerade haben sechs junge Männer und zwei Frauen ihre Prüfungen abgelegt und sind nun „graduated“ – offizielle Schauspieler. Im nächsten Jahr geht wieder eine Truppe von ihnen auf Tournee, dieses Mal nach Finnland mit dem aktuellen Stück „Warten auf Godot“. „Wir haben nach Julianos Tod einfach weitergemacht. Wir waren so damit beschäftigt, neue Projekte aufzustellen, dass wir die Suche nach seinem Mörder nicht mehr verfolgt haben“, sagt Rennahd Arquewi. Selbstkritisch gibt sie zu bedenken, dass dies nicht richtig sei. „Wir hätten schon längst eine Demonstration für ihn und für mehr Aufklärung auf die Beine stellen sollen“, sagt sie. Keiner aus dem Freedom Theatre habe das gemacht oder diese Idee auch nur geäußert – „auch ich selbst nicht.“ Dabei wolle jeder hier eine Antwort auf die Frage, wer Juliano Mer Khamis damals im Flüchtlingscamp, in dem rund 20.000 Menschen leben, ermordet habe, sagt sie. Jenny Nymann, die Witwe von Mer Khamis, war hochschwanger mit Zwillingen, als ihr Mann vor dem Theatereingang getötet wurde. Vor kurzem hat sie ein langes Interview in der israelischen Tageszeitung Haaretz gegeben. Darin kam deutlich zum Ausdruck, wie enttäuscht Nymann von der Haltung Jenins ist. Die Bewohner hätten die Tat nicht ein einziges Mal öffentlich verurteilt, kritisiert die Mutter dreier Jungen. Sie selbst habe derzeit keine Kraft, sich um das Theater zu kümmern, sie funktioniere vor allem jetzt als Mutter, sagt sie darin. Kontakte zu Jenin und dem Freedom Theatre gebe es keine mehr. Die Witwe lebt jetzt in Haifa. In ihr Geburtsland Finnland möchte sie mit ihren Kindern nicht mehr. (Interview hier: http://www.haaretz.com/weekend/week-s-end/stuck-in-emergency-mode-1.400514 )

Keine Kerze, nichts

„Ich kann sie gut verstehen“, sagt Rennahd Arquewi dazu. „Wir haben Fehler gemacht, uns zu sehr in die Arbeit gestürzt und den Tod Julianos vergessen.“ Ihre Arbeit sieht die Palästinenserin als Gedenken an Julianos Arbeit und seine enorme Aktivität an. „Wenn wir mit dem Theaterspielen aufhören, dann wird Juliano vergessen und all das, was er für uns getan hat.“ Ihr Kollege Ahmed Alarag (26) nickt nachdenklich. „Wir vermissen ihn.“ Das Freedom Theatre zieht seit Jahren internationale Volontäre und Unterstützer an. Sarah Tuck ist Fotografin und kommt aus dem US-Bundesstaat Georgia. Sie gibt den Kids im Camp Englischunterricht und macht kleine Workshops. Mädchen und Jungen werden streng getrennt unterrichtet, anders geht es nicht. „Die Eltern würden sonst ihre Kinder gar nicht hierher schicken“, sagt sie. Zu der Hamas-Theorie hat sie keine Meinung. Dafür aber Rennahd Arquewi. Sie mag nicht glauben, dass der Theatermacher Mer Khamis von Palästinensern umgebracht wurde. „Von unseren eigenen Leuten? Wer sollte so etwas Brutales tun?“, ruft sie entsetzt. Man munkelt, dass israelische Scharfschützen dahinterstecken, um die Stadt, aus der einst die Mehrzahl palästinensischer Selbstmordattentäter stammte, wieder in Verruf zu bringen. Vor dem Eingang zum Theater steht keine Kerze, keine Tafel zum Gedenken, nichts. Ein paar Kinder kreischen und knipsen dann mit ihren Kameras herum. Der Photoworkshop beginnt gleich hinter der Metalltür mit der Aufschrift „Alice is alive.“ Alice im Wunderland lebt. Das letzte Theaterstück, das Mer Khamis noch vor seinem Tod mit seinen Kindern auf die Bühne gebracht hatte.

Quo vadis, Jerusalem?

7 Dez
Ein Beduinenmädchen der Jahalin lehnt an einer Hütte im Camp.

Ein Beduinenmädchen der Jahalin lehnt an einer Hütte im Camp.

Ein Kamel  hockt auf dem staubigen Grund, nur wenige hundert  Meter entfernt von ihm rasen die Autos auf der Road 60 vorbei. Ein Gitternetz und eine Pforte ein paar Schritte weiter weisen den Eingang zu dem Camp der Jahalin-Beduinen.  Zwischen Jerusalem und Jericho gelegen wohnen 260 Familien mit insgesamt 2000 Menschen in der judäischen Wüste. Die Sonne brennt auf der Haut. Die Jahalin-Beduinen wohnen nicht freiwillig hier. „Als Israel  uns  1951 in der Negev-Wüste aufforderte, Armeedienst für sie zu leisten, haben unsere  Männer das verweigert“, sagt Abu Hassan.  Israel siedelte die Beduinen daraufhin gegen ihren Willen um und der Jahalin-Stamm  wohnt seitdem in der Nähe der jüdischen Siedlung Ma‘ale Adumim  im Umkreis von Jerusalem.  Beduinen lebten Jahrhunderte lang im Nahen Osten von Viehzucht und ließen ihre Tiere weiden, während sie sich – angepasst an die natürliche Umgebung ihres Areals – nur zeitweise irgendwo niederließen.  Die meiste Zeit zogen die verschiedenen Stämme der Beduinen durch das Land, voller Respekt und in Einklang mit der Natur. Dies änderte sich mit der Staatsgründung Israels. Die Beduinen, die Ureinwohner Palästinas, mussten neuen Grenzen und künstlich geschaffenen  Wäldern und Straßen weichen.  „Wir brauchen viel Platz, wir können nicht eingesperrt  leben.  Das entspricht nicht unserer Kultur“, sagt Ehad, der Führer des Jahalin-Camps.

Ein Jerusalem nur noch für Juden

Seit  sein Stamm mit vielen Kindern unter sieben Jahren in der Nähe der jüdischen Siedlung wohnt, fühlen sich die Bewohner nicht mehr sicher. „Die Siedler verwüsten nachts unsere Zelte, sie zerstören das Camp, unser Mobiliar.“  Doch das sei noch nicht das Schlimmste, berichtet Ehad, der an der Universität Haifa Betriebswirtschaft studiert hat. Wenn er die Polizei um Hilfe bittet, käme keine Reaktion, kein Schutz, gar nichts.  Ehad wundert das nicht, denn viele der Polizisten lebten entweder selbst in Ma‘ale Adumim oder seien mit Siedlern befreundet. Angela Godfrey-Goldstein, israelische Friedensaktivistin und Gründerin der NGO „Grassroots Jerusalem“,  kennt alleine fünf Knesset-Abgeordnete, die in der illegalen Siedlung zu der der rund 40.000 Einwohner starken Gemeinde gehören.  Keiner dieser Israelis habe das Gefühl, dass er dort fehl am Platz sei, sagt Godfrey-Goldstein. „Die Siedler sehen sich nicht als Problem im Nahostkonflikt, sie denken gar nicht darüber nach, dass sie Palästinensern ihr Land wegnehmen“, sagt sie.  Der von dem ehemaligen Premierminister Ariel Scharon angeschobene Plan E1, Ma‘ale Adumim mit Jerusalem auf weiteres zu verbinden und für jüdische Israelis zum „Großraum Jerusalem“ zu erklären, nimmt nun konkrete Formen an. Die Jahalin-Beduinen, die erst kürzlich eine winzige Schule für ihre Kinder gebaut haben – eine Tafel, einfache Stühle, ein Dach auf Holzpfählen, Stofftücher als Fenster – möchte der israelische Staat, der das Gebiet unter kompletter Verwaltung hat (sei t den Osloer Abkommen als Area C bekannt)  – wieder zwangsumsiedeln. Die Beduinen sollen direkt neben der größten Müllhalde Israels weiter südlich leben. Und das wie bisher: Ohne jegliche Unterstützung, Wasseranschluss, Elektrizität, Schulen.  „Wir planen nun eine große Kampagne dagegen und dafür brauchen wir Unterstützung und Geld“, sagt Angela Godfrey-Goldstein.  Der Plan E1 sieht nicht nur die Zwangsumsiedelung arabischer Bewohner des Landes vor, sondern auch deren komplette Ausgrenzung.  Durch ein nur den Israelis vorbehaltenes Schnellstraßensystem  wird die Fragmentierung der Westbank und zunehmende Bewegungseinschränkung der Palästinenser von Nord nach Süd weiter vorangetrieben.

Unter der Oberfläche pure Angst

„Wir bleiben, wir gehen nicht“, sagt Ehad. Die Hoffnung auf bessere  Zeiten sei nur ein Funke in dieser Zeit, sagt er. Aber israelische Friedensarbeiter wie Angela Godfrey-Goldstein

Camp ohne Zukunft? Die Jahalin sollen nächstes Jahr zwangsumgesiedelt werden.

machten es ihm leichter, daran zu glauben.Die blonde Frau mit dem weiten Wollmantel ist währenddessen bitter enttäuscht von ihren Landsleuten: „Israelis sind ignorant. Unter ihrer Oberfläche von Arroganz, Machogehabe und aufgesetztem Selbstbewusstsein verstecken sie Ängste und das Wissen darüber, dass die israelische Besatzung pures Unrecht bedeutet.“  Israelis seien im Grunde ihres Herzens schwer depressive Menschen, die selbst an der von ihnen verschuldeten Besatzung leiden, findet die Jerusalemerin. Godfrey-Goldstein wird die Jahalin-Beduinen wieder besuchen und weiterkämpfen. Für ein demokratisches Israel und das Ende der Besatzung, wie sie sagt.


Checkpoint-Watch – ein nicht objektiver Bericht

7 Dez

Die vermeintliche Objektivität eines Journalisten beinhaltet immer, dass er denen nicht gerecht wird, die in diesem Leben zu kurz kommen. Diesen Satz, den mir einmal ein israelischer Journalist mit auf den Weg gab, fällt mir auf einmal wieder ein als ich meine erste Checkpoint-Schicht in Bethlehem alleine am Drehkreuz mache. Wir hatten damals eine Diskussion darüber, ob es objektiven Journalismus gibt und ob dieser immer sinnvoll sei. „Klick“ – ein grünes Licht leuchtet über dem Drehkreuz, die ersten Palästinenser dürfen die Grenze vom Westjordanland nach Israel passieren und ich bin zurück in der Realität des besetzten Bethlehem. Haben Palästinenser diese erste Hürde passiert, rennen sie über einen Parkplatz, von dem niemand weiß, warum er dort gebaut wurde, und müssen dann weitere Hürden überspringen. Etwas weiter unterhalb des Parkplatzes laufen sie durch einen überdachten Gang von etwa 300 Metern und kommen dann in einer Halle an. „Welcome to the Dead Sea“  – ein Poster mit Salzkristallen soll Lust auf Urlaub am berühmten Toten Meer machen. Aber das spielt keine Rolle, schon gar nicht für Bewohner der Westbank, die ohnehin keinen israelischen Pass haben und vom Meer nur träumen können. Vorbei an zwei künstlichen Plastikpflanzen, die in der Einöde der Halle, die im Fachjargon „Terminal“ genannt wird, an der Wand hängen, führt der Weg nach Israel durch einen Metalldetektor (ähnlich den Geräten am Flughafen, die bei jedem Metallstück anfangen zu piepsen) und dann kommt der letzte und schwierigste Punkt: Die Identifizierung der Person durch Prüfung der Fingerkuppen und das Vorzeigen von Passierscheinen und Identity-Cards durch einen israelischen Soldaten oder eine Soldatin. Während meine EAPPI-Kollegin im „Terminal“ unten beobachtet, ob genügend Warteschlangen offen sind und mit den wartenden Menschen solange spricht, beobachte ich die Lage oben beim Drehkreuz. Jeden Morgen sehen wir dort müde Gesichter, die uns entgegenblicken als wollten sie sagen: Das alles hier, wofür eigentlich?

Stop-and-Go

„Können Sie bitte mit dem Soldaten sprechen? Wir müssen zur Schule, wir sind zwei Lehrerinnen und vier Kinder.“ Eine Frau um die Vierzig mit rotbraunen Haar lächelt mich freundlich hinter Gitterstäben an und zeigt auf vier Jungen, die zu uns hochblicken. Ich lächle zurück und erzähle ihr, dass ich bereits mit dem Soldaten gesprochen habe. Warum die Menschen heute am Checkpoint wieder besonders lange warten müssen, ist für mich nicht ersichtlich. Der junge Soldat in seiner Box, einem verschanzten Kiosk ähnlich, der an allen Seiten mit kleinen Fenstern ausgestattet ist, guckt sich über sein Smartphone eine israelische Talkshow an und lacht ab und zu.  Vier Meter weiter hinter dem Drehkreuz stehen hunderte Menschen in der Schlange bis hinunter zum Taxistand, der ahnungslose Touristen in Bethlehems City bringt. Zwei Welten? Eine? Ich weiß es nicht. Als ich den Soldaten bitte, das automatisierte Drehkreuz wieder anzustellen, damit die Leute zu ihrer Arbeit kommen, guckt er genervt, schaltet sein Smartphone langsam aus und reagiert. Ich schätze ihn auf etwa 22 ein. Ein junger Typ, der seinen Armeedienst macht, seinen Job, und der auf einen Befehl seines Vorgesetzten per Walkie-Talkie wartet. Die Männer eilen nun mit hohem Tempo durch, zeigen beim Vorbeilaufen ihre pinke Permission zum Passieren und rennen los über den Parkplatz. Das Wichtigste ist für sie – viele von ihnen sind Bauarbeiter, Maler und Lackierer –  pünktlich bei ihrem israelischen Arbeitgeber zu erscheinen und ihren Job auf keinen Fall zu verlieren. „Lo, lo, lo – nein, nein nein!“, schreit die israelische Soldatin, die jetzt mit drei anderen Kollegen auftaucht und die Palästinenser, kaum dass sich die Schlange bewegt hat, wieder abrupt stoppt. Auf der Autobahn würde man sowas jetzt als Stop-and-Go bezeichnen. Aber hier stehen sich Menschen gegenüber, die Arabisch und Hebräisch miteinander sprechen, deren Atem in der Morgen-Luft kleine Wolken bildet und die sich direkt in die Augen sehen. Die Soldatin schreit unentwegt die wartenden Menschen an. Ich beobachte deren Gesichter. Ein ganzer Teppich an Gefühlen breitet sich darin aus: Wut, Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Unverständnis, Zorn. Die vier Soldaten fordern jetzt einige Männer auf, das Drehkreuz zu passieren, um ihnen anschließend zu sagen, dass sie jeweils zu zweit wieder zurück müssen. Zwei erwachsene Männer pressen sich also dementsprechend rückwärts wieder in die engen Angrenzungen des Metallgestäbes, das hier alle Karussell nennen, um dann wieder nach vorne durchzugehen zu den Soldaten und ihre Papiere zu zeigen. Die meisten werden durchgelassen. Ich muss an uns Deutsche denken, an meinen kürzlichen Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und die Demütigungen der Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern an jüdischen und anderen Menschen. Wie weit geht ein Mensch in diesem Leben? Was macht die Besatzung mit Menschen und ihrer Moral? Die Soldatin blickt mich verächtlich an, zeigt in meine Richtung und redet etwas auf Hebräisch. Die vier lachen, die Soldaten selbst blicken mich dabei nicht an. Macht nicht denselben Fehler wie wir Deutsche damals, möchte ich ihnen fast zurufen.

Kein Schreien, keine Beschwerde, nichts

Es gibt tausende Berichte über Demoralisierung in Kriegssituationen, diese hier an einem der 65 Checkpoints ist nur eine von vielen. Ich denke an meine EAPPI-Kollegen, die jetzt alle gerade zur selben Zeit irgendwo in der Westbank stehen und die Lage der Palästinenser unter Besatzung beobachten und sende ihnen allen warme Gedanken von einem kalten Ort, der das häßliche Gesicht der Besatzung trägt. Nach einer kurzen Pause gibt es wieder grünes Licht. „Klick“, es geht weiter. Und für einen kurzen Moment bin ich glücklich über jeden, der durchkommt an diesem Morgen im Dezember am Checkpoint 300. Die Menschenmenge währenddessen  – rund 80 Männer und ein paar Frauen, darunter auch die Lehrerinnen – wartet geduldig. Kein Schreien, keine laute Beschwerde, nichts. Was für ein tapferes Volk, denke ich. Objektivität hin oder her: Das musste einfach mal gesagt werden.

PS: Zu diesem Blogeintrag gibt es leider (noch) keine Fotos. Die Stimmung am Checkpoint heute Morgen war dermaßen angespannt, dass ich mich entschlossen habe, lieber keine Fotos zu machen. Die Soldaten hätten mich ansonsten wahrscheinlich verhaftet oder „entfernt“, da sie sich extrem unwohl in der Gegenwart von internationalen Beobachtern fühlen (mein subjektiver Eindruck). Wahrscheinlich hätte ihre Wut auf mich auch bedeutet, dass die Palästinenser dann erst recht nicht durchgelassen worden wären.

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