Berlin-Bethlehem

1 Dez

Tschüß Berlin, hallo Bethlehem!

Mit Blick Richtung Bethlehem - und entlang der Mauer Ich bin jetzt ein EA, ein Ecumenical Accompanier. Für drei Monate arbeite ich in der Westbank als Teilnehmerin des Programmes EAPPI  www.eappi.org  (Ecumenical Accompagniment Programme for Palestine and Israel). Das Programm wurde 2002 nach Ausbruch der Zweiten Intifada gestartet, nachdem Kirchenoberhäupter aus dem Heiligen Land die Christen weltweit und den Weltrat der Kirchen um Unterstützung für die palästinensische Bevölkerung baten. Der Weltrat der Kirchen reagierte darauf und installierte ein gut organisiertes Programm mit Freiwilligen, die bereit sind, ein Vierteljahr solidarisch mit Palästinensern unter Besatzung zu leben und sie täglich zu begleiten. Die Aufgaben der EA´s,  je nachdem wo sie arbeiten, sind vielfältig. Aber die wichtigsten seien hier kurz erwähnt: Beobachten, Begleiten, Berichten. Im Englischen bedeutet dies: Monitoring, Reporting and Protective Presence. EAPPI hat mittlerweile sieben Einsatzorte, die genau dort sind, wo am häufigsten Gewalt ausgeübt wird und oftmals Palästinenser sehr ungeschützt der Willkür israelischer Soldaten oder jüdischer Siedler ausgesetzt sind. Derzeit befinden sich die sogenannten Placements (die Konfliktfelder dazu seien kurzerklärend erwähnt) in:

  • Ost-Jerusalem: Viele Häuserzerstörungen durch den israelischen Staat, Kolonialisierung und Judaisierung der arabischen Stadtteile und Dörfer mit dem Ziel, das Verhältnis Palästinenser-jüdische Israelis künftig auf 20:80 Prozent zu reduzieren; derzeit leben dort 34 Prozent Palästinenser, speziell betroffen sind die Stadtteile: Sheikk Jarrah und Silwan – mehrere Checkpoints um Jerusalem herum, die die Stadt von der Westbank abschneiden – Nicht-Einhaltung der Grünen Linie – Landkonfiszierungen – Bedrohung durch jüdische Siedler.
  • Hebron: In der arabischen Altstadt von Hebron leben rund 500 militante religiös motivierte jüdische Siedler, obwohl die Stadt 1995 durch die Osloer Verträge ihre Unabhängigkeit erlangte.  Die Siedlung wird von israelischen Soldaten beschützt, die Altstadt selbst ist für Palästinenser gesperrt. Sie müssen nun innerhalb ihrer eigenen Stadt mehrere Checkpoints passieren, darunter auch viele Schulkinder. Die Siedler sind extrem gewaltbereit. Die israelische Friedensaktivistin Hanna Barag von der Organisation „Machsom Watch hebr., = Checkpoint Watch) bezeichnet Hebron als „wahre Hölle für Palästinenser“. (http://www.machsomwatch.org/en)
  • Yatta, South Hebron Hills: Die Dörfer, oft „unrecognized villages“ , in denen Beduinen leben, sind von Häuserzerstörungen durch die israelische Regierung bedroht. Die Infrastruktur der Dörfer ist oft kaum vorhanden, es fehlt an Wasser und Elektrizität. Zudem berohen jüdische Siedler die Dorfbewohner und Schäfer.
  • Yanoun: Das Dorf Yanoun liegt im Jordan Tal in der Nähe von Nablus und hat rund 100 Einwohner. Das Land dort ist sehr fruchtbar und hat Wasserquellen, daher siedeln sich dort  Juden gerne an. Seit 1996 gehen diese religiösen Siedler gewaltsam gegen das Dorf vor und attackieren die Bewohner, um sie zur Flucht zu zwingen. 2002 wurde die palästinensische Bevölkerung dermaßen bedroht, dass die Familien ihr Dorf über Nacht verlassen mussten. Die Rückkehr der Palästinenser war nur deshalb möglich, weil seit den Vorfällen internationale Präsenz in Yanoun ist, um die Dörfler zu schützen.
  • Jayyous: In dem Dorf Jayyous leben etwa 3000 Palästineser, darunter viele Bauern, die 75 % ihrer Ackerflächen durch den Mauerbau Israels verloren haben bzw. von ihnen abgeschnitten sind. Die Bewohner kämpfen um ihr Land, ihre Ernte, und müssen immer wieder Passierscheine beantragen, um diese bearbeiten zu können.
  • Bethlehem: Bethlehem ist das christliche Zentrum der Westbank mit der höchsten Rate christlicher Palästinenser. Seit 2003 ist die Stadt abgetrennt von Jerusalem durch die Mauer, die teilweise einzelne Häuser/Geschäfte in der Stadt einzäunt. Die Bewohner haben dadurch einen großen Teil ihres Einkommens verloren. Um nach Israel zu fahren, müssen sie den Gilo Checkpoint passieren; dies dauert oftmals Stunden. Die Bewohner verlieren kontinuierlich ihr Land durch den weiteren Mauerbau, kämpfen gegen Häuserzerstörungen durch die israelische Regierung und leiden unter den 11 jüdischen Siedlungen mit rund 90.000 Siedlern. Die Dörfer der Bethlehem Area sind eingekreist von Siedlungen und bedroht durch Landkonfiszierungen.
  • Tulkarm: Die Stadt im Norden der Westbank ist seit 2002 durch die Mauer abgeschnitten. Die Bauern kommen nur noch schwer auf ihre Felder, es gibt oftmals Probleme mit Soldaten und Siedlern an den Checkpoints.

Die Realität mit eigenen Augen sehen

Was ist nun unsere Aufgabe als ökumenische Begleiter, wie können wir helfen? Wir sind Menschen aus 15 verschiedenen Ländern, die sich für dieses Programm bei ihren lokalen Partnern in ihrem Heimatland beworben haben. Wir begleiten die Palästinenser in ihrem Alltag, der von der israelischen Besatzung geprägt ist und sehr viele Probleme und Schwierigkeiten mit sich bringt. Mein Einsatzort ist Bethlehem. Die Stadt, zu der nicht nur Bethlehem an sich gehört, sondern auch Beit Sahour (dort, wo die Hirten laut Bibel den Stern sahen, der das Jesuskind ankündigte) und Beit Jallah gehören ebenfalls dazu sowie zahlreiche kleine und große Dörfer. Seit dem Bau der Mauer, die Israel offiziell „aus Sicherheitsgründen“ im Jahr 2003 anfing zu konstruieren, ist dort nichts mehr so wie es einmal war. Wer nach Bethlehem  hinein möchte, muss den Checkpoint 300, auch Gilo Checkpoint benannt nach der benachbarten Siedlung, passieren und bekommt als Tourist lediglich nur eine leise Ahnung dessen, was Palästinenser, die für ihre Arbeitsstelle täglich nach Israel müssen, ertragen. Die  Arbeitslosenrate der Bethlehem-Region ist die höchste in der Westbank und liegt bei 35 %.  Die Aufgaben unseres Vierer-Team werden nächste Woche ganz praktisch starten: Wir zeigen „Protective Presence“ morgens um 4 Uhr an dem Checkpoint, versuche vorsichtig zu intervenieren, wenn es Schwierigkeiten gibt und kooperieren mit der israelischen Friedensorganisation Machsom Watch. Daneben begleiten wir kleine Jungen, die vorbei an israelischen Soldaten in ihre Schule gehen müssen und in den vergangenen Jahren immer wieder durch Tränengas, Verhaftungen und Durchsuchungen traumatisiert wurden. Wir begleiten Palästinenser bei gewaltfreien Demonstrationen, knüpfen Kontakte zu Christen und besuchen Dorfbewohner, die durch Landraub, Isolation, Hauszerstörungen und Siedlergewalt bedroht sind. Ihre Geschichten schreiben wir auf, geben diese an andere Hilfsorganisationen weiter und unterstützen so die Bevölkerung. Außerdem führen wir auf Wunsch Delegationen durch den Ort und zeigen ihnen die Realität der israelischen Besatzung. Wir machen das, was vielleicht das Beste in diesem Konflikt ist: Wir gehen hin und sehen mit eigenen Augen, was los ist. Eyewitness – als Augenzeuge vor Ort. Authentischer geht es nicht. Um mehr über das Programm EAPPI zu erfahren, ist dieser Film eine ausgezeichnete Möglichkeit: „Eyewitness“, gedreht von Anne Skaardal in diesem Jahr. Die norwegische Filmemacherin war im Sommer als Ecumenical Accompanier drei Monate in der Westbank tätig:

http://vimeo.com/24607165

Eine Antwort to “Berlin-Bethlehem”

  1. Jürgen Friedrich 24/12/2011 um 10:59 am #

    Heute las ich im PINNEBERGER TAGEBLATT den Bericht vom „besetzten Bethlehem-Stern“. Der Termin ist günstig. Feiert doch praktisch die ganze Welt „diesen Termin“.

    Bei allem Respekt vor dem Anlass, nämlich vor der Menschwerdung Gottes, probiere ich diesen Kommentar aus für den Hinweis, dass Kirchen-Häuptlinge genauso wie sonstige politische Führer „diesen Termin“ gespaltet haben in
    a) Weihnachten und
    b) Sylvester/Neujahr — eine Woche später. Denn die jeweils um eine Nummer erhöhte Jahreszählung weist ebenso auf Bethlehem zurück wie das Krippenspiel.
    DAS LICHT DER WELT wird sicherlich mit neuem Sternenglanz über Bethlehem aufgehen, wenn diese zwei Termine weltweit zusammengelegt werden.

    Darum: Frohe Weihnachten, ganzjährig!

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