Leben oder Sterben

1 Dez

Mauerstück bei Cremisan

„You can only live here or you can die – Du kannst hier leben oder gleich sterben“, sagt Awad Abu Swai über sein Land Palästina. Der Mann mit dem kleinen Bauch und einem freundlichen Gesicht ist Mitarbeiter der Organisation ACTED mit Sitz im von Israel annektierten Ost-Jerusalem. Er ist nach Artas gekommen, einem kleinen Dorf in der Nähe von Bethlehem, um zu erzählen, wie das Leben der Palästinenser „on the Ground“ ist, also im ganz normalen Alltag in den Dörfern aussieht. Abu Swai kennt die Geschichten der Leute: Wenn wieder mal ein jüdischer Siedler angreift oder eine Hauszerstörung bevorsteht, klingelt sein Telefon. Dann fährt er sofort los, um sich ein Bild der Lage vor Ort zu machen, auch nachts, an muslimischen oder christlichen Feiertagen oder am Wochenende. „Warum bist Du nie zuhause, ist Dein Job wichtiger als wir, Deine eigene Familie?“, fragt ihn seine 9-jährige Tochter manchmal. Kürzlich hat Abu  Swai ihr darauf folgende Antwort gegeben: „Ja, diese Arbeit ist wichtiger als alles andere. Denn wenn ich die nicht mache, kann ich Dich langfristig auch nicht vor Gewalt schützen.“ Das hat seine Tochter verstanden und zustimmend genickt. Wenn ihr Vater jetzt mit Karten, Fotos und Dokumenten von Häuserzerstörungen, abgeholzten Olivenbäumen und Siedlern nach Hause kommt, möchte sie alles ganz genau wissen. „Sie interessiert sich jetzt für meine Arbeit und versteht mich besser. Das macht es mir leichter“, sagt Abu Swai. Seine Organisation dokumentiert Menschenrechtsverletzungen in der besetzten Westbank und verfügt über ein gutes Netzwerk. In allen Gebieten – ob in Bethlehem, im Jordan Tal, im Süden bei Hebron und in Jerusalem, arbeiten sogenannte Field Supervisors, die Informationen und Vorkommnisse sammeln.

Acht unterschiedliche Checkpoints

Die Stadt Bethlehem und der gesamte Distrikt mit seinen rund 50 Dörfern haben mit mehreren Problemen zu kämpfen, die ACTED gut kennt. Derzeit befinden sich 11 jüdische illegale Siedlungen mit etwa 90.000 israelischen Siedlern in der Region, die teilweise die kleinen Dörfer mit einigen tausend arabischen Bewohnern komplett von allen Seiten umzingeln. Die Mauer, die Israel als Sicherheitsmauer bezeichnet und die tief in die Westbank einschneidet (was nach internationalem Recht illegal und auf allen Karten deutlich sichtbar ist) hat in der Bethlehem-Region eine Länge von 64 Kilometern. Einige Teile sind noch nicht fertiggestellt, andere haben eine Höhe von bis zu zwölf Meter. Alle Bewohner der Region müssen acht unterschiedliche Checkpoints, sogenannte Kontrollpunkte, mit einer besonderen Erlaubnis („Permit“) und ihrer Identitätskarte („Identity Card“) passieren, um sich von A nach B bewegen zu können. Insgesamt befinden sich in und um Bethlehem herum 23 verschiedene Arten von Barrieren, die entweder große Checkpoints, sogenannte „zeitlich beschränkte“ Checkpoints, Straßensperren, Erdwalle oder Straßenblocks sind. Diese schränken die Bewegungsfreiheit der palästinensischen Bevölkerung extrem ein. Zudem verläuft die Mauer – mit vielen Graffitis und Kunstwerken ausgestattet – nicht geradlinig, sondern hat die Stadtbewohner Bethlehems fest im Griff. Die Familie Artas, eine christliche Familie, die vor 2003 sehr wohlhabend war und vier gutgehende Geschäfte mit Souvenirartikeln und palästinensischer Handarbeit in Bethlehems Innenstadt hatte, guckt jetzt direkt auf eine graue Wand. Nur 3 Meter vor dem Eingang ihres einzigen übriggebliebenen Geschäftes setzte ihnen das israelische Bauministerium ein Mauerstück vor die Nase. Die Familie selbst wurde nie gefragt. „Wir haben seitdem alles verloren“, sagt Arlette Artas betrübt, die 38-jährige Shop-Besitzerin. Der Fall war so aufsehenerregend, dass mehrere internationale Kamerateams in die Geburtsstadt von Jesus kamen, um die Familie und ihr Schicksal zu porträtieren. Genützt habe es aber nicht viel, stellt Arlette Artas nüchtern fest. „Unser Einkommen ist gering, wir können uns nicht mehr gut ernähren, das Geld reicht einfach nicht.“ Das liegt vor allem daran, dass Touristen Bethlehem zwar noch besuchen, aber in der Stadt, die unter israelischen Besatzung ist, keine Nacht mehr verbringen möchten. Die meisten Besucher passieren zwar den riesigen Gilo Checkpoint (benannt nach der benachbarten jüdischen Siedlung Gilo), der Jerusalem von Bethlehem trennt, aber sie verlassen ihn auch wieder, um lieber in Jerusalem zu übernachten. Die Arbeitslosenrate in der Bethlehemregion stieg daher nach der Zweiten Intifada extrem an und liegt im Moment bei rund 30 Prozent. Damit ist sie die höchste in der Westbank und übertrifft sogar den abgeriegelten Gazastreifen (laut OCHA, United Nations Office for the Coordination of Humanitarian , liegt dort die Arbeitslosenrate bei 25 Prozent.)

Gebt weiter, dass wir keine Terroristen sind

Es gibt tausend Probleme, sagt Abu Swaid. Die Artas-Familie ist nur eine von so vielen, die unter der Besatzung leiden. Aber aufgeben gilt nicht. „Der gewaltfreie Widerstand der Palästinenser, der ganze Dörfer und Städte prägt, ist immens wichtig“, sagt Abu Swaid. Dieser habe sich mittlerweile zu einer wahren Volksbewegung entwickelt. Es gibt wöchentliche Demonstrationen und Gebete an der Mauer, das kollektive Anpflanzen von Olivenbäumen und die Olivenernte, an der jährlich im Herbst tausende Menschen aus aller Welt teilnehmen und die internationale Präsenz seien gute Zeichen. „Wir halten durch, wir geben uns nicht geschlagen“, sagt der Menschenrechtsaktivist und müde Schatten zeichnen sich um seine Augen herum ab. Die Welt habe mittlerweile ein wenig besser verstanden, dass Palästinenser keine Terroristen sind. „Gebt das weiter, wenn ihr zurück seid in eurer Heimat: Wir sind keine Terroristen. Wir wollen Frieden. Wir haben nichts gegen Israel. Aber wir wollen unser Land behalten, das uns gehört, wir wollen, dass sich unsere Kinder hier frei bewegen können.“

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