Gegen die Wand

2 Dez

Nein, es ist keine Fata Morgana. Wir drehen uns langsam im Kreis, immer und immer wieder um die eigene Achse und blinzeln in die Sonne.  Erst können wir es nicht glauben: Gepflegte weiße Häuser mit roten Dächern erstrecken sich auf den Hügeln der Westbank und reichen terassenartig bis hinunter ins Tal. Sie heißen Newe Daniyyel, Rosh Zurim, Nahal Gevaot und Betar Illit – jüdische Siedlungen, die das Dorf Nahhalin einkreisen und via Luftlinie gerade einmal 1 Kilometer von uns entfernt sind. Natürlich liest man in Zeitungen ab und an  über die illegalen Siedlungen in der Westbank, die nach internationalem Recht und den Genfer Konventionen strikt verboten sind. Aber jetzt sind sie greifbar nah, wir können private PKWs und bunte Blusen an den Wäscheleinen der Bewohner erkennen. Und wir beginnen zu begreifen, dass die Luft für die palästinensischen Bewohner hier verdammt dünn wird.

Ein Außenseiter im Dorf

Das arabische Dorf Nahhalin liegt 8 Kilometer südwestlich von Bethlehem und hat 7.000 Einwohner. Es ist ein wunderschönes Dorf, auf den ersten Blick friedlich und still. Nur ein Hahn durchbricht die Ruhe mit seinem Gekrähe. Ein Mann beackert mit seinem Esel plus Pflugscharen ein kleines Stück Feld und grüßt uns freundlich. Wir spazieren die Hauptstraße durch das Dorf entlang und haben viele Fragen an Mahmoun Sheha* (31). Sheha, ein echter Nahhaliner, ist das, was man erst einmal nicht unbedingt in der Westbank erwartet. Religion? Igitt! Islam? Noch schlimmer! Äh, okay, irgendwie verheiratet, irgendwelche Kinder? Nein! „Ich bin ein Außenseiter hier in Palästina, ich breche die Traditionen, weil ich nichts von ihnen halte“, sagt er. Sheha ist gutaussehend, ein schlanker hochgewachsener Typ mit dichtem schwarzen Haar und ellenlangen Wimpern. Anfang nächsten Jahres kommt sein erstes Buch auf den Markt, Titel: „Sie war die Stärkere.“ Das Buch ist Programm für den Mann, der zwei Jahre lang in einem israelischen Gefängnis saß und nun die Hauptstraße seines Dorfes so leichtfüßig überquert als hätte es niemals irgendwelche Probleme in seinem Leben gegeben. Sheha lebt noch bei seiner Familie, er ist nicht verheiratet und gibt zu, dass das für einen Palästinenser in seinem Alter ungewöhnlich ist. Noch ungewöhnlicher scheint aber, dass sich der studierte Literaturwissenschaftler für Frauenrechte in seiner Gesellschaft einsetzt und dafür sogar einen Blog und eine Facebookseite betreibt. „Religionen dürfen keinen zu starken Einfluss haben, das blockiert uns in unserer Entwicklung hier in Palästina“, sagt er und zeigt auf eine Frau, die in einiger Entfernung verschleiert von Kopf bis Fuß zu ihrem Haus geht.

Jüdisch-palästinensisches Treffen in den Bergen

Vielleicht ist es dann auch kein Wunder, dass ausgerechnet Sheha etwas passierte, dass eigentlich inmitten des Nahostkonflikts völlig absurd erscheint: Der Palästinenser befreundete sich vor Jahren mit einem jüdisch-amerikanischen Siedler aus Neve Daniyyel. „Ich bin eines Nachmittags ein bisschen in den Bergen unterwegs gewesen“ – Sheha zeigt auf felsige Abhänge und Hügel – „und da traf ich ihn.“ Der Siedler war mit seiner Freundin unterwegs, die vor Durst fast umgekommen sei, weil es im Sommer bis zu 45 Grad werden könne.. Also habe Sheha ihr Wasser aus seinem Rucksack angeboten. Die drei kamen ins Schwatzen und auf einmal habe der Siedler, Shlomo, in gefragt: „Are you an Arab? (Bist Du ein Araber)? “ Sheha sagt, er habe mit ja geantwortet und gelacht, weil der jüdische Nachbar ihn völlig entsetzt angesehen habe. „I thought, all Arabs are animals. I have never seen an Arab before (Ich dachte, alle Araber sind Tiere, ich habe noch niemals vorher einen Araber gesehen“), das war Shlomos erste Reaktion. Sheha grinst jetzt, während er uns diese Story erzählt. Mit der Zeit hätten sich beide immer mal wieder in den Bergen getroffen.  Seit einiger Zeit besuchen sie sich nun auch in ihrem Zuhause. Shlomo erzählt nun in seiner Siedlung, dass die Palästinenser per se keine bösen Menschen sind und Shehas Großmutter, eine staatliche alte Dame, die sowohl das Ottomanische Reich als auch die britische Mandatszeit und Staatsgründung Israels miterlebt ha, trinkt mit Shlomo jetzt süßen Tee mit Minzblättern. „Als ich in einem israelischen Gefängnis war, hat Shlomo mehrere Male versucht, mich zu besuchen. Er hat nie eine Erlaubnis dafür bekommen“, berichtet Sheha. Offensichtlichsei der israelische Staat nicht daran interessiert, dass Palästinenser und Israelis freundschaftliche Beziehungen zueinander pflegen.

Schleichende Landenteignung

Shlomo lebt immer noch in der Siedlung Neve Daniyyel. Seine Tochter nennt Sheha seit Jahren „Onkel“. Dass die Nahhaliner ihr Dorf behalten wollen, verstehe der jüdische Siedler, sagt er. Nach Israel umziehen wird er wohl trotzdem nicht. „Es gibt nette Siedler und nicht so nette, genauso wie unter uns Palästinensern ja auch nicht alle Engel sind“, sagt Sheha. „Aber das ist unser Land, wir leben seit Jahrhunderten hier.“ Die vier Siedlungen, darunter die riesige Betar Illit mit 30.000 orthodoxen Juden, schmiedet dagegen konträre Pläne für die Zukunft. Irgendwann werden sich die benachbarten Siedlungen miteinander verbinden und zu einer einzigen verschmelzen. „Klar haben die das vor“, sagt Sheha, das sei kein Geheimnis, das ist eben die Politik Israels. Nach und nach wird das palästinensische Land enteignet, eine Landkonfiszierung hier, die Mauer dort, das sei ein schleichender Prozess. Sheha zeigt auf das Haus, in dem schon seine Urgroßeltern lebten, man sieht es von einer Anhöhe aus, daneben prächtige Orangen- und Granatapfelbäume, unter denen spielende Kinder herumtoben. Das Dörflein Nahhalin mit seiner weißen Moschee und der goldenen Kuppel lebt. Aber keiner weiß, wie lange noch.

*Name von der Autorin geändert

2 Antworten to “Gegen die Wand”

  1. Brigitta 06/12/2011 um 4:15 pm #

    Hallo Livia,
    es freut mich für Dich, dass Du nun auch die Chance hast in einen EAPPI – Einsatz zu gehen! Wir haben uns damals im Januar 2010 kennen gelernt, als ich mit Iris zusammen in Fürstenwalde über unsere gemeinsame Zeit in den besetzten Gebieten referiert habe.
    Damals lag dicker hoher Schnee und unser Zug aus dem Rheinland hatte ordentlich Verspätung, aber wir waren heilfroh, dass die Zuhörer so geduldig gewartet und dann auch noch aufmerksam zugehört haben.
    Nun kannst Du vor Ort erforschen, wie sich alles weiter entwickelt hat.
    Ich bin gespannt auf Deine Berichte und wünsche Dir ein gutes Durchhaltevermögen trotz vieler Widrigkeiten.

    Brigitta aus Bonn

    • livahaensel 07/12/2011 um 7:15 am #

      Liebe Brigitta,

      danke Dir! Ja, ich freue mich auch. Es gibt nichts Besseres als vor Ort zu sein, finde ich. Herzliche Grüße nach good old Germany!

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