Checkpoint-Watch – ein nicht objektiver Bericht

7 Dez

Die vermeintliche Objektivität eines Journalisten beinhaltet immer, dass er denen nicht gerecht wird, die in diesem Leben zu kurz kommen. Diesen Satz, den mir einmal ein israelischer Journalist mit auf den Weg gab, fällt mir auf einmal wieder ein als ich meine erste Checkpoint-Schicht in Bethlehem alleine am Drehkreuz mache. Wir hatten damals eine Diskussion darüber, ob es objektiven Journalismus gibt und ob dieser immer sinnvoll sei. „Klick“ – ein grünes Licht leuchtet über dem Drehkreuz, die ersten Palästinenser dürfen die Grenze vom Westjordanland nach Israel passieren und ich bin zurück in der Realität des besetzten Bethlehem. Haben Palästinenser diese erste Hürde passiert, rennen sie über einen Parkplatz, von dem niemand weiß, warum er dort gebaut wurde, und müssen dann weitere Hürden überspringen. Etwas weiter unterhalb des Parkplatzes laufen sie durch einen überdachten Gang von etwa 300 Metern und kommen dann in einer Halle an. „Welcome to the Dead Sea“  – ein Poster mit Salzkristallen soll Lust auf Urlaub am berühmten Toten Meer machen. Aber das spielt keine Rolle, schon gar nicht für Bewohner der Westbank, die ohnehin keinen israelischen Pass haben und vom Meer nur träumen können. Vorbei an zwei künstlichen Plastikpflanzen, die in der Einöde der Halle, die im Fachjargon „Terminal“ genannt wird, an der Wand hängen, führt der Weg nach Israel durch einen Metalldetektor (ähnlich den Geräten am Flughafen, die bei jedem Metallstück anfangen zu piepsen) und dann kommt der letzte und schwierigste Punkt: Die Identifizierung der Person durch Prüfung der Fingerkuppen und das Vorzeigen von Passierscheinen und Identity-Cards durch einen israelischen Soldaten oder eine Soldatin. Während meine EAPPI-Kollegin im „Terminal“ unten beobachtet, ob genügend Warteschlangen offen sind und mit den wartenden Menschen solange spricht, beobachte ich die Lage oben beim Drehkreuz. Jeden Morgen sehen wir dort müde Gesichter, die uns entgegenblicken als wollten sie sagen: Das alles hier, wofür eigentlich?

Stop-and-Go

„Können Sie bitte mit dem Soldaten sprechen? Wir müssen zur Schule, wir sind zwei Lehrerinnen und vier Kinder.“ Eine Frau um die Vierzig mit rotbraunen Haar lächelt mich freundlich hinter Gitterstäben an und zeigt auf vier Jungen, die zu uns hochblicken. Ich lächle zurück und erzähle ihr, dass ich bereits mit dem Soldaten gesprochen habe. Warum die Menschen heute am Checkpoint wieder besonders lange warten müssen, ist für mich nicht ersichtlich. Der junge Soldat in seiner Box, einem verschanzten Kiosk ähnlich, der an allen Seiten mit kleinen Fenstern ausgestattet ist, guckt sich über sein Smartphone eine israelische Talkshow an und lacht ab und zu.  Vier Meter weiter hinter dem Drehkreuz stehen hunderte Menschen in der Schlange bis hinunter zum Taxistand, der ahnungslose Touristen in Bethlehems City bringt. Zwei Welten? Eine? Ich weiß es nicht. Als ich den Soldaten bitte, das automatisierte Drehkreuz wieder anzustellen, damit die Leute zu ihrer Arbeit kommen, guckt er genervt, schaltet sein Smartphone langsam aus und reagiert. Ich schätze ihn auf etwa 22 ein. Ein junger Typ, der seinen Armeedienst macht, seinen Job, und der auf einen Befehl seines Vorgesetzten per Walkie-Talkie wartet. Die Männer eilen nun mit hohem Tempo durch, zeigen beim Vorbeilaufen ihre pinke Permission zum Passieren und rennen los über den Parkplatz. Das Wichtigste ist für sie – viele von ihnen sind Bauarbeiter, Maler und Lackierer –  pünktlich bei ihrem israelischen Arbeitgeber zu erscheinen und ihren Job auf keinen Fall zu verlieren. „Lo, lo, lo – nein, nein nein!“, schreit die israelische Soldatin, die jetzt mit drei anderen Kollegen auftaucht und die Palästinenser, kaum dass sich die Schlange bewegt hat, wieder abrupt stoppt. Auf der Autobahn würde man sowas jetzt als Stop-and-Go bezeichnen. Aber hier stehen sich Menschen gegenüber, die Arabisch und Hebräisch miteinander sprechen, deren Atem in der Morgen-Luft kleine Wolken bildet und die sich direkt in die Augen sehen. Die Soldatin schreit unentwegt die wartenden Menschen an. Ich beobachte deren Gesichter. Ein ganzer Teppich an Gefühlen breitet sich darin aus: Wut, Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Unverständnis, Zorn. Die vier Soldaten fordern jetzt einige Männer auf, das Drehkreuz zu passieren, um ihnen anschließend zu sagen, dass sie jeweils zu zweit wieder zurück müssen. Zwei erwachsene Männer pressen sich also dementsprechend rückwärts wieder in die engen Angrenzungen des Metallgestäbes, das hier alle Karussell nennen, um dann wieder nach vorne durchzugehen zu den Soldaten und ihre Papiere zu zeigen. Die meisten werden durchgelassen. Ich muss an uns Deutsche denken, an meinen kürzlichen Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und die Demütigungen der Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern an jüdischen und anderen Menschen. Wie weit geht ein Mensch in diesem Leben? Was macht die Besatzung mit Menschen und ihrer Moral? Die Soldatin blickt mich verächtlich an, zeigt in meine Richtung und redet etwas auf Hebräisch. Die vier lachen, die Soldaten selbst blicken mich dabei nicht an. Macht nicht denselben Fehler wie wir Deutsche damals, möchte ich ihnen fast zurufen.

Kein Schreien, keine Beschwerde, nichts

Es gibt tausende Berichte über Demoralisierung in Kriegssituationen, diese hier an einem der 65 Checkpoints ist nur eine von vielen. Ich denke an meine EAPPI-Kollegen, die jetzt alle gerade zur selben Zeit irgendwo in der Westbank stehen und die Lage der Palästinenser unter Besatzung beobachten und sende ihnen allen warme Gedanken von einem kalten Ort, der das häßliche Gesicht der Besatzung trägt. Nach einer kurzen Pause gibt es wieder grünes Licht. „Klick“, es geht weiter. Und für einen kurzen Moment bin ich glücklich über jeden, der durchkommt an diesem Morgen im Dezember am Checkpoint 300. Die Menschenmenge währenddessen  – rund 80 Männer und ein paar Frauen, darunter auch die Lehrerinnen – wartet geduldig. Kein Schreien, keine laute Beschwerde, nichts. Was für ein tapferes Volk, denke ich. Objektivität hin oder her: Das musste einfach mal gesagt werden.

PS: Zu diesem Blogeintrag gibt es leider (noch) keine Fotos. Die Stimmung am Checkpoint heute Morgen war dermaßen angespannt, dass ich mich entschlossen habe, lieber keine Fotos zu machen. Die Soldaten hätten mich ansonsten wahrscheinlich verhaftet oder „entfernt“, da sie sich extrem unwohl in der Gegenwart von internationalen Beobachtern fühlen (mein subjektiver Eindruck). Wahrscheinlich hätte ihre Wut auf mich auch bedeutet, dass die Palästinenser dann erst recht nicht durchgelassen worden wären.

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