Quo vadis, Jerusalem?

7 Dez

Ein Beduinenmädchen der Jahalin lehnt an einer Hütte im Camp.

Ein Beduinenmädchen der Jahalin lehnt an einer Hütte im Camp.

Ein Kamel  hockt auf dem staubigen Grund, nur wenige hundert  Meter entfernt von ihm rasen die Autos auf der Road 60 vorbei. Ein Gitternetz und eine Pforte ein paar Schritte weiter weisen den Eingang zu dem Camp der Jahalin-Beduinen.  Zwischen Jerusalem und Jericho gelegen wohnen 260 Familien mit insgesamt 2000 Menschen in der judäischen Wüste. Die Sonne brennt auf der Haut. Die Jahalin-Beduinen wohnen nicht freiwillig hier. „Als Israel  uns  1951 in der Negev-Wüste aufforderte, Armeedienst für sie zu leisten, haben unsere  Männer das verweigert“, sagt Abu Hassan.  Israel siedelte die Beduinen daraufhin gegen ihren Willen um und der Jahalin-Stamm  wohnt seitdem in der Nähe der jüdischen Siedlung Ma‘ale Adumim  im Umkreis von Jerusalem.  Beduinen lebten Jahrhunderte lang im Nahen Osten von Viehzucht und ließen ihre Tiere weiden, während sie sich – angepasst an die natürliche Umgebung ihres Areals – nur zeitweise irgendwo niederließen.  Die meiste Zeit zogen die verschiedenen Stämme der Beduinen durch das Land, voller Respekt und in Einklang mit der Natur. Dies änderte sich mit der Staatsgründung Israels. Die Beduinen, die Ureinwohner Palästinas, mussten neuen Grenzen und künstlich geschaffenen  Wäldern und Straßen weichen.  „Wir brauchen viel Platz, wir können nicht eingesperrt  leben.  Das entspricht nicht unserer Kultur“, sagt Ehad, der Führer des Jahalin-Camps.

Ein Jerusalem nur noch für Juden

Seit  sein Stamm mit vielen Kindern unter sieben Jahren in der Nähe der jüdischen Siedlung wohnt, fühlen sich die Bewohner nicht mehr sicher. „Die Siedler verwüsten nachts unsere Zelte, sie zerstören das Camp, unser Mobiliar.“  Doch das sei noch nicht das Schlimmste, berichtet Ehad, der an der Universität Haifa Betriebswirtschaft studiert hat. Wenn er die Polizei um Hilfe bittet, käme keine Reaktion, kein Schutz, gar nichts.  Ehad wundert das nicht, denn viele der Polizisten lebten entweder selbst in Ma‘ale Adumim oder seien mit Siedlern befreundet. Angela Godfrey-Goldstein, israelische Friedensaktivistin und Gründerin der NGO „Grassroots Jerusalem“,  kennt alleine fünf Knesset-Abgeordnete, die in der illegalen Siedlung zu der der rund 40.000 Einwohner starken Gemeinde gehören.  Keiner dieser Israelis habe das Gefühl, dass er dort fehl am Platz sei, sagt Godfrey-Goldstein. „Die Siedler sehen sich nicht als Problem im Nahostkonflikt, sie denken gar nicht darüber nach, dass sie Palästinensern ihr Land wegnehmen“, sagt sie.  Der von dem ehemaligen Premierminister Ariel Scharon angeschobene Plan E1, Ma‘ale Adumim mit Jerusalem auf weiteres zu verbinden und für jüdische Israelis zum „Großraum Jerusalem“ zu erklären, nimmt nun konkrete Formen an. Die Jahalin-Beduinen, die erst kürzlich eine winzige Schule für ihre Kinder gebaut haben – eine Tafel, einfache Stühle, ein Dach auf Holzpfählen, Stofftücher als Fenster – möchte der israelische Staat, der das Gebiet unter kompletter Verwaltung hat (sei t den Osloer Abkommen als Area C bekannt)  – wieder zwangsumsiedeln. Die Beduinen sollen direkt neben der größten Müllhalde Israels weiter südlich leben. Und das wie bisher: Ohne jegliche Unterstützung, Wasseranschluss, Elektrizität, Schulen.  „Wir planen nun eine große Kampagne dagegen und dafür brauchen wir Unterstützung und Geld“, sagt Angela Godfrey-Goldstein.  Der Plan E1 sieht nicht nur die Zwangsumsiedelung arabischer Bewohner des Landes vor, sondern auch deren komplette Ausgrenzung.  Durch ein nur den Israelis vorbehaltenes Schnellstraßensystem  wird die Fragmentierung der Westbank und zunehmende Bewegungseinschränkung der Palästinenser von Nord nach Süd weiter vorangetrieben.

Unter der Oberfläche pure Angst

„Wir bleiben, wir gehen nicht“, sagt Ehad. Die Hoffnung auf bessere  Zeiten sei nur ein Funke in dieser Zeit, sagt er. Aber israelische Friedensarbeiter wie Angela Godfrey-Goldstein

Camp ohne Zukunft? Die Jahalin sollen nächstes Jahr zwangsumgesiedelt werden.

machten es ihm leichter, daran zu glauben.Die blonde Frau mit dem weiten Wollmantel ist währenddessen bitter enttäuscht von ihren Landsleuten: „Israelis sind ignorant. Unter ihrer Oberfläche von Arroganz, Machogehabe und aufgesetztem Selbstbewusstsein verstecken sie Ängste und das Wissen darüber, dass die israelische Besatzung pures Unrecht bedeutet.“  Israelis seien im Grunde ihres Herzens schwer depressive Menschen, die selbst an der von ihnen verschuldeten Besatzung leiden, findet die Jerusalemerin. Godfrey-Goldstein wird die Jahalin-Beduinen wieder besuchen und weiterkämpfen. Für ein demokratisches Israel und das Ende der Besatzung, wie sie sagt.


Eine Antwort to “Quo vadis, Jerusalem?”

  1. Eva-Maria Morf 08/12/2011 um 6:27 pm #

    Liebe Liva,

    ein guter Artikel! Ich werde ihn mal gerne behalten….Wir waren heute in Susiya, dem Dorf, mit rund 300 Menschen blüht daselbe Schicksal! Es ist sehr traurig zu wissen, dass wir heute Fotos machten vom Jetzt-Zustand und mit grosser Wahrscheinlichkeit Fotos machen werden, nach der Zerstörung……
    Einen guten ABend wünsche ich dir, du arbeitest sicher noch!!!!
    Mit herzlichem Gruss Eva-Maria

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