Alice lebt

16 Dez

Die Straße ins Camp ist die Straße in die Kreativität. Immer geradeaus, vorbei an einem Billigshop mit bunten Tüchern, an nassen Jeanshosen an Wäscheleinen und kaputten Plastikstühlen. Ein kleiner Junge hockt auf einem Geländer an der Straße und starrt denen hinterher, die nicht hierher passen, weil sie anders aussehen, sich anders kleiden und weil sie alle nur das eine wollen: Den Weg zum Freedom Theatre zu finden. Dem Theater, das Juliano Mer Khamis 2006 im Flüchtlingslager von Jenin gründete und dass die Kinder der Intifada aus Terror und Zerstörung führen sollte. Aber Mer Khamis lebt nicht mehr, er wurde am 4. April dieses Jahres erschossen. Die Schüsse brachten einen Mann zu Fall, der sich als jüdischer Palästinenser zwischen den Stühlen befand, ein Grenzgänger zwischen Israel und den besetzten Gebieten mit Wohnsitz in Haifa und Jenin, der gerne experimentierte und damit die Jugend begeisterte. Aber sie trafen auch mitten in das Herz einer Stadt, die alte Werte und Patriarchat betont. In Jenin gehen Frauen nur verschleiert auf die Straße, nach sechs Uhr abends werden die Bürgersteige hochgeklappt. Während in Ramallah bis zum Morgengrauen in grellen Clubs getanzt wird, achtet man in Jenin auf einen guten Ruf und seine Ehre. Das Wort Harram – unheilig, schmutzig – fliegt hier öfters durch die Luft als anderswo und hängt wie ein Dunstschleier über der Stadt. Jenin ist eine Kleinstadt und es wird viel geredet. Auch darüber, ob Juliano Mer Khamis nicht zu weit ging mit seinen Theaterstücken, die Kritik an der israelischen Besatzung genauso beinhaltete wie auch das Infragestellen konservativer Werte oder die Forderung nach Gleichberechtigung beider Geschlechter.

Kampf zwischen Fatah und Hamas?

„Ich habe keine Ahnung, wer Juliano ermordet hat“, sagt ein junger Handyverkäufer im Zentrum Jenins achselzuckend. Er habe zwar gehört, dass die Hamas dahinterstecke und man auch schon wisse, wer der Mörder sei. „Aber die dürfen das nicht sagen, weil Israel sonst Stress macht.“ Wenn sich also herausstellen sollte, dass die Hamas den Namen preisgibt, könnten zur Strafe wieder israelische Truppen in die Stadt einmarschieren wie noch vor ein paar Jahren. Darauf habe aber niemand Lust, meint er. Ein anderer Mann an einem Kaffeestand ist sich sicher, dass die Palästinensische Autonomiebehörde intensiv an dem Fall arbeitet. „Die sind dran an dem Fall und sie werden den Mörder finden.“ Wieder ein anderer vermutet, dass die Fatah dahinterstecke, der Hamas aber gerne die Schuld in die Schuhe schieben würde.

Mutmaßungen über Julianos Tod

Die unterschiedlichen Meinungen ergeben immer wieder neue Muster. Es ist fast so als würde man ein Mini-Kaleidoskosp schütteln, dessen einzelne Teile sich anschließend immer wieder neu zusammensetzen. Plötzlich werden Herze zu Sternen und Sterne zu Dreiecken. Aber: Kann sich ein Theater neu erfinden? Und was machen Kinder, wenn ihnen der Vater genommen wird? Rennahd Arquewi brät sich Hackfleisch in der kleinen Pfanne der Theaterküche. Dann setzt sie sich geräuschvoll auf das Sofa, zieht sich den Schal noch einmal fest um den Hals und hustet etwas. Die 35-jährige Jeninerin ist die Koordinatorin der Schauspielschule am Freedom Theatre. Gerade haben sechs junge Männer und zwei Frauen ihre Prüfungen abgelegt und sind nun „graduated“ – offizielle Schauspieler. Im nächsten Jahr geht wieder eine Truppe von ihnen auf Tournee, dieses Mal nach Finnland mit dem aktuellen Stück „Warten auf Godot“. „Wir haben nach Julianos Tod einfach weitergemacht. Wir waren so damit beschäftigt, neue Projekte aufzustellen, dass wir die Suche nach seinem Mörder nicht mehr verfolgt haben“, sagt Rennahd Arquewi. Selbstkritisch gibt sie zu bedenken, dass dies nicht richtig sei. „Wir hätten schon längst eine Demonstration für ihn und für mehr Aufklärung auf die Beine stellen sollen“, sagt sie. Keiner aus dem Freedom Theatre habe das gemacht oder diese Idee auch nur geäußert – „auch ich selbst nicht.“ Dabei wolle jeder hier eine Antwort auf die Frage, wer Juliano Mer Khamis damals im Flüchtlingscamp, in dem rund 20.000 Menschen leben, ermordet habe, sagt sie. Jenny Nymann, die Witwe von Mer Khamis, war hochschwanger mit Zwillingen, als ihr Mann vor dem Theatereingang getötet wurde. Vor kurzem hat sie ein langes Interview in der israelischen Tageszeitung Haaretz gegeben. Darin kam deutlich zum Ausdruck, wie enttäuscht Nymann von der Haltung Jenins ist. Die Bewohner hätten die Tat nicht ein einziges Mal öffentlich verurteilt, kritisiert die Mutter dreier Jungen. Sie selbst habe derzeit keine Kraft, sich um das Theater zu kümmern, sie funktioniere vor allem jetzt als Mutter, sagt sie darin. Kontakte zu Jenin und dem Freedom Theatre gebe es keine mehr. Die Witwe lebt jetzt in Haifa. In ihr Geburtsland Finnland möchte sie mit ihren Kindern nicht mehr. (Interview hier: http://www.haaretz.com/weekend/week-s-end/stuck-in-emergency-mode-1.400514 )

Keine Kerze, nichts

„Ich kann sie gut verstehen“, sagt Rennahd Arquewi dazu. „Wir haben Fehler gemacht, uns zu sehr in die Arbeit gestürzt und den Tod Julianos vergessen.“ Ihre Arbeit sieht die Palästinenserin als Gedenken an Julianos Arbeit und seine enorme Aktivität an. „Wenn wir mit dem Theaterspielen aufhören, dann wird Juliano vergessen und all das, was er für uns getan hat.“ Ihr Kollege Ahmed Alarag (26) nickt nachdenklich. „Wir vermissen ihn.“ Das Freedom Theatre zieht seit Jahren internationale Volontäre und Unterstützer an. Sarah Tuck ist Fotografin und kommt aus dem US-Bundesstaat Georgia. Sie gibt den Kids im Camp Englischunterricht und macht kleine Workshops. Mädchen und Jungen werden streng getrennt unterrichtet, anders geht es nicht. „Die Eltern würden sonst ihre Kinder gar nicht hierher schicken“, sagt sie. Zu der Hamas-Theorie hat sie keine Meinung. Dafür aber Rennahd Arquewi. Sie mag nicht glauben, dass der Theatermacher Mer Khamis von Palästinensern umgebracht wurde. „Von unseren eigenen Leuten? Wer sollte so etwas Brutales tun?“, ruft sie entsetzt. Man munkelt, dass israelische Scharfschützen dahinterstecken, um die Stadt, aus der einst die Mehrzahl palästinensischer Selbstmordattentäter stammte, wieder in Verruf zu bringen. Vor dem Eingang zum Theater steht keine Kerze, keine Tafel zum Gedenken, nichts. Ein paar Kinder kreischen und knipsen dann mit ihren Kameras herum. Der Photoworkshop beginnt gleich hinter der Metalltür mit der Aufschrift „Alice is alive.“ Alice im Wunderland lebt. Das letzte Theaterstück, das Mer Khamis noch vor seinem Tod mit seinen Kindern auf die Bühne gebracht hatte.

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