Schöne Welt(en)

23 Dez

Herrlicher Ort: die Marienquelle in Eyn Kerem. Foto: Liva Haensel

Alle reden über Frieden und den Friedensfürst. Wäre es da nicht passend, jetzt, ausgerechnet jetzt zu Weihnachten, über beide Welten zu schreiben – die palästinensische und die israelische?

Wir haben Besuch bekommen aus Hebron von einer englischen Kollegin, die dort südlich der Stadt in den „South Hebron Hills“ arbeitet und die auf Stippvisite in Bethlehem ist. Rose erzählt uns von einem interessanten Vortrag, den sie kürzlich gehört habe: Die Juden im 19. Jahrhundert in Hebron. Es habe dort immer eine jüdische Gemeinde gegeben, allerdings dann in den 1930igern ein Massaker und viele Juden seien von Arabern getötet worden. Doch die Stadt mit den Gräbern von Abraham und Sara sei von immenser Bedeutung für religiöse Juden, von daher könne sie irgendwie verstehen, dass die jüdische Präsenz in Hebron auch heute noch wichtig sei, sagt Rose. Mag sein, denke ich, und ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich tragisch finde, dass aufgrund 500 militanter jüdischer Siedler eine gesamte palästinensische Stadt kollektiv leiden muss. Aber etwas in mir löst ihre Erzählung doch aus: Was ist mit „der anderen Seite“, der israelischen hinter der Mauer, die ich nur noch so selten zu Gesicht bekomme seit ich vor nunmehr vier Wochen als EA (Ecumenical Acompanier) in Bethlehem gestartet bin?

 Ab nach Eyn Kerem

Ich entschließe mich, meine freien Tage nicht in der Westbank zu verbringen, sondern nach Israel zu fahren. Die neue Tram, die jüdische Siedlungen in Ost-Jerusalem mit West-Jerusalem verbindet und daher umstritten ist, bringt mich zum Mount Herzl, von dort geht’s weiter im Taxi. Es ist Schabbat und dann noch Chanukka – puh, denkbar schlechte Voraussetzungen für einen funktionierenden Transport, aber ich lande in Eyn Kerem – mabruk, joffi!

In dem lauschigen Dorf Eyn Kerem im jüdischen West-Jerusalem  wurde nach biblischer Überlieferung Johannes der Täufer geboren, der Ort ist heute eine Pilgerstätte und zieht viele Christen aber auch Juden an, die in dem schmucken Dorf ein wenig herumspazieren und die netten Shops und Cafés ausprobieren wollen.  Auf dem Weg durch Eyn Kerem, vorbei an vielen alten arabischen Häusern mit vornehmlich Ashkenazinamen (Familiennamen von westeuropäischstämmigen Juden, die in Israel die Mittel- und Oberschicht ausmachen) auf prächtigen Kacheln, fällt mein Blick auf dutzende winzige Gartenzwerge, die jemand liebevoll ins Gras, auf Pumps oder in Blumentöpfe gesteckt hat. Offensichtlich hat hier jemand eine künstlerische Vorliebe für die kleinen Männchen, und ich muss grinsen. Wie ähnelt sich doch so mancher spießige deutsche Vorgarten einem israelischen… Als ich in den Garten trete, kommt mir eine Frau entgegen, die auch Schneewittchen in dem Walt Disney-Film sein könnte: Shoschana hat türkisfarbene Nägel, hält ihre schwarzen Haare mit einem quitschpinken Haarreifen zusammen und trägt über einem engen schwarzen Kleid eine Streublümchenschürze. Sie lädt mich zum Cappuchino ein und bald gesellt sich noch eine andere Israelin zu uns, die erst vor kurzem aus Argentinien nach Israel emigriert ist. Das ganze ergibt einen bunten englisch-spanisch-hebräischen Gesprächscocktail.

Friede im Döschen

Während Amanda, die Argentinierin, wissen will, ob Shoschanas altes verwinkeltes Haus sprechende Wände hat, erzähle ich von Bethlehem. Vorsichtig, zaghaft, bloß nicht zu viel, denke ich, wer weiß, wie die reagieren. Shoschana ist Arabischlehrerin, hat aber nur wenig Kontakt zu Palästinensern, vor allem zu Bewohnern der Westbank. „Du darfst nicht alles glauben, was das Fernsehen über Israel sagt. Das stimmt nicht“, sagt sie. Die Israelis hätten solange versucht, Frieden zu schmieden, aber die andere Seite, ach ja, sie habe einfach nicht gewollt. Dabei müsse Frieden doch möglich sein, seufzt sie und wirft die schönen Haare in den Nacken. Ich muss an das kleine Geschäft mit den hübschen Seifen, Kästchen und Ringen denken, in dem ich vorher gerade war und sehe den Frieden, wie er sich da im Regal in einem Döschen einnistet und bloß 5 Schekel kostet. Tolle Geschäftsidee, ein bisschen Frieden, billig zu haben, was kostet es schon, so ein Friede. Ich lade Shoschana ein, mich in der Westbank zu besuchen. Ich traue weder dem Fernsehen noch den Zeitungen, ich traue den vielen NGOs nicht mit ihrer teilweise stark eingefärbten Pro-Palästina und Pro-Israelpropaganda, aber ich nehme sie alle wahr. Ich traue meinen Augen und Ohren.  Was ich sehe, das sehe ich – warum soll das für andere Leute anders sein? Shoschana steckt meine Visitenkarte vom World Council of Churches in ihre Schürze und lächelt. Ja, vielleicht, vielleicht wird sie kommen, mal sehen, ja, stimmt, Bethlehem ist nicht so weit weg. Ich nehme ihre Nummer auf dem Weg nach Hause mit und bewahre sie gut auf.

Die Weihnachtsbäume im Nahen Osten sehen irgendwie anders aus... aber nur ein bisschen.    Foto: Liva Haensel

Die Weihnachtsbäume im Nahen Osten sehen irgendwie anders aus... aber nur ein bisschen. Foto: Liva Haensel

Happy Chanukka

Es ist einfach, sich in seiner eigenen Welt zu bewegen, in der man wie ein Fisch im Wasser schwimmt. Man gerät aus den Fugen, sobald man mit anderen Welten konfrontiert wird. Ich nehme mir vor, das künftig ein klein wenig zu ändern. Okay, keine lästigen Diskussionen mehr auf facebook mit der israelischen Friedensgruppe Peace Now über Zionismus und Rassismus, keine Widerworte mehr bezüglich der jüdischen Gemeinde und einiger rechter Mitglieder, die Palästinenser beleidigen, zumindest jetzt im alten Jahr nicht mehr. Sollen wir nicht lieber Brücken bauen hier im Nahen Osten? „Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern einen schönen Schabbat * Shabbat Shalom everyone * שבת שלום לכולם“, schreibt die Jüdische Allgemeine aus Berlin auf facebook. Das gefällt am 23.12. um 21.30 Uhr genau 47 Leuten. „Und was ist mit Weihnachten?“, kommentiere ich. Ich finde, das ist zumindest ein Anfang. Von den Redakteuren hat bisher noch keiner geantwortet, Naja, okay – ist ja schließlich auch Chanukka-Holiday!

 – Allen Lesern vielen Dank für das Interesse an meinem Blog. Fröhliche Weihnachten! –

2 Antworten to “Schöne Welt(en)”

  1. Brigitta 25/12/2011 um 10:40 am #

    Guten Morgen Liva,
    hat denn die EA – Kollegin auch von dem Massaker berichtet, das sich am 25.02.1994 in Hebron ereignet hat, bei dem der israel. Siedler und ehemalige Offizier Baruch Goldstein
    29 Palästinenser getötet und 150 verletzt hat, als diese in der Abraham Moschee gebetet haben? Seitdem hat sich die Lage in Hebron ja so verschärft!
    Ich finde gut, dass Du auch die „andere“ Seite hören willst und auch manchmal den NGOs gegenüber skeptisch bist (genauso ging es mir auch oft), aber klingt das überzeugend, was die Israelin Shoschana sagt?
    Ja, man könnte schon verzweifeln inmitten dieser Ambivalenzen…

    Herzlichen Gruß vom Rhein

  2. Hans Unfried 24/12/2011 um 9:50 am #

    Hans Unfried
    24/12/2011 um 9:48 am # Was können wir Westeurpäer zu dem Konflikt zwischen Israeli un Palästinenser sagen?
    Als Christ kann ich nur wünschen, dass die Friedensbotschaft des Kindes aus Bethlehem
    in seiner Geburtsstadt und dem ganzen Land einkehrt.

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