Die geteilte Stadt

30 Dez


Jüdisches Graffiti in Hebron Altstadt

Jüdisches Graffiti in Hebrons Altstadt

Hebron I

Wir steigen aus dem Bus aus und landen direkt vor einem Fast-Food-Restaurant im Zentrum. „Happy Bunny“ heißt der Laden und er verheißt, dass es für mich gute, intensive Tage werden sollen in Hebron, der zweitgrößten Stadt im Süden der Westbank. Dennoch muss ich lachen: Happy Bunny? Was ist happy an einer Stadt, die vor allem durch extreme jüdische Siedler geprägt ist?

Hier leben rund 170.000 Palästinenser und 800 Juden. Die Altstadt mit ihrem höhlenartigen Suq und ihren vielen Händlern, die Falafel und Kufya  – die traditionellen Palästinensertücher, jetzt auch in Bunt und original aus der Hebroner Hirbawi-Fabrik – verkaufen, hat einen besonderen Charme. „Euch verarschen wir nicht mit zu hohen Preisen“, sagt Jamal, ein Tuchhändler zu mir. „Ihr arbeitet hier und seht mit eigenen Augen, was passiert. Wenn ihr zurückgeht, sollt ihr nicht sagen, dass die Palästinenser Euch übers Ohr gehauen haben.“ Ich nicke befriedigt und kaufe eine extrem schicke türkise Kufya für die grauen Straßen Berlins.

Das Rote Kreuz in der Altstadt

Das nette Plauderstündchen mit Jamal, den das Hebron-Team täglich auf seinem Rundgang durch die Altstadt besucht, nehmen wir als schnelles Durchatmen in einer Stadt mit, deren Lunge längst vergiftet ist. Nach dem Oslo-Abkommen von 1994 und der damit verbundenen schrittweisen Unabhängigkeit palästinensischer Städte einigten sich die Beteiligten auf einen besonderen Status für die Stadt, der im sogenannten Hebron-Protokoll festgehalten wurde (siehe auch: http://www.tiph.org/en/About_Hebron/ ) und eine internationale Präsenz in der Stadt vorsieht. Dem vorangegangen war, dass im selben Jahr der amerikanisch-jüdische Siedler und Arzt Baruch Goldstein 29 betende Muslime in der Ibrahimi-Moschee erschossen hatte, die auf der anderen Seite eine Synagoge ist und die Gräber Abrahams und Saras enthält – für Muslime wie Juden gleichbedeutend wichtig. Das Brisante in Hebron sind die vier jüdischen Siedlungen mitten in der arabischen Altstadt, was Hebron zu einem Dauerbrennpunkt und Ort ständiger Konflikte macht. In dem Protokoll wurde festgehalten, dass die Stadt in zwei Gebiete aufgeteilt wird: H1 untersteht der palästinensischen Autonomiebehörde, H2 der israelischen Militärgewalt. H2 betraf vor allem das Herz von Hebron: die florierenden Einkaufsstraßen in der Altstadt, allen voran die prächtige Shuhada-Street mit ihren vielen Geschäften. Dieser Teil der Altstadt ist seit 2002 gänzlich ausgestorben. Die Ladenbesitzer mussten schließen. Seitdem versorgt das Internationale Rote Kreuz die Bewohner mit Familienbesuchen, den nötigsten Medikamenten und einem speziell ausgearbeiteten Programm, das Mikrokredite an palästinensische Anwohner der Straßen dort vergibt, damit sie künftig eigene kleine Firmen und Werkstätten aufmachen können, um finanziell unabhängig zu sein. „Das funktioniert sehr gut und bisher haben wir alle Anfragen positiv beantworten können“, berichtet Barbara Lecq, Leiterin des Roten Kreuzes im Distrikt Hebron. Ein Mann besitze dort Ackerland und sei dabei, eine Erbeerfarm aufzubauen. Auch die Zusammenarbeit zwischen dem israelischen Roten Kreuz – Magen David Adom  -und dem arabischen Roten Halbmond, beide nationale Untergruppen des Roten Kreuzes, funktioniere in gegenseitigem Respekt, sagt Lecq. Trotz der Absperrungen und Mobilitätseinschränkungen in der Altstadt gebe es zumindest in Bezug auf die Gesundheitsversorgung dort Dank des Sonderstatus des Roten Kreuzes keine bemerkenswerten Schwierigkeiten.

Nachts sind alle Katzen grau

Arabische Frauen in der Shuhada-Street, Hebron

Arabische Frauen in der Shuhada-Street, Hebron

In der Zeit von 2002 bis 2007 kam es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen Siedlern und Palästinensern in Hebron. Die israelische Armee fuhr 2002 über Nacht mit Panzern in die Stadt ein und übernahm wieder die Kontrolle. „Sie kamen immer wieder, aber wir wussten nie, wann“, berichtet Murat, ein junger Mann, der in Hebron geboren wurde. Erst schreien die Soldaten und schlagen gegen die Haustür, dann brechen sie ein und reißen die Leute aus dem Schlaf, sagt er. Das Militär käme immer nachts und fordere die Familie dann auf, nach draußen zu gehen. Oder man werde gemeinsam mit Vater und Mutter in ein Zimmer gesperrt, berichtet er. Seit dem Einrollen der israelischen Panzer und den nächtlichen Hausdurchsuchungen kann Murat nicht mehr richtig schlafen. Er ist deshalb um 3 Uhr morgens schon wach und fährt die ökumenischen Begleiter zum Checkpoint Turqumia im Nordwesten des Hebron Distriks. „Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich Schlafstörungen habe“, sagt er tapfer und lächelt schief. Sein Cousin wurde vor kurzem von israelischen Soldaten inhaftiert. Nachts sind alle Katzen grau, auch in Hebron.

Drehkreuz an der Ibrahimi-Moschee

Drehkreuz an der Ibrahimi-Moschee

Info zu Hebron: Warum befinden sich jüdische Siedler in einer arabischen Stadt?

In Hebron lebte ununterbrochen über die Jahrhunderte hindurch eine  jüdische Gemeinde. 1929 fand ein Massaker statt, in derem Zuge 67 jüdische Bewohner Hebrons  von arabischen Bewohnern der Stadt getötet wurden. Die restlichen Gemeindemitglieder verließen daraufhin Hebron und flohen nach Jerusalem. Juden kehrten erst 1967 wieder zurück, nachdem Israel die Westbank besetzt hatte. Die Stadt ist bedeutend für alle drei monotheistischen Religionen, da sich in der sogenanten Machpela-Höhle die Gräber von Abraham, seiner Frau Sara, ihrem Sohn Isaak und dessen Sohn Jakob befinden sowie deren Frauen Rebekka und Lea. Heute ist das Heiligtum der Patriarchen, das über Jahrhunderte eine gotische Kreuzfahrerkirche war, eine Moschee mit einer im nördlichen Teil gelegenen Synagoge und wird sowohl von Juden als auch Muslimen genutzt. In den 60iger Jahren des 20. Jahrhunderts siedelten sich die ersten jüdischen Gläubigen in Hebrons arabischer Altstadt an, indem sie dort ein Hotel besetzten. Mittlerweile gibt es vier jüdische Siedlungen dort: Tel Rumeida, Beit Hadassah, Beit Romano und Avraham Avinu. Insgesamt leben dort 800 Siedler, die von 200 israelischen Soldaten

beschützt werden und mit Maschinengewehren – Typ M-16 – in den Straßen entlanggehen. Die Spannung in der Altstadt ist spürbar, besonders an hochsensiblen Stellen, wie enteigneten palästinensischen Wohnhäusern, den elf Checkpoints und im Umkreis der Ibrahimi-Moschee bzw. Machpela-Synagoge (siehe auch: http://www.palaestina.org/index.php?id=130 ) die streng bewacht wird. An jüdischen Feiertagen ist es Muslimen nicht erlaubt, ihren Eingang zu der Moschee zu benutzen.  Wir ökumenischen Begleiter positionieren uns am frühen Morgen am Checkpoint direkt bei der Cordoba-Schule, um die Lage zu beobachten. Die Schule ist arabisch, liegt aber direkt an einer der Siedlungen. Siedler mit Kippa und Zauselbart eilen im Laufschritt die Straße hinunter, während winzige palästinensische Mädchen mit riesigem Schulranzen und wippenden Zöpfen hüpfend Richtung Schule laufen. Die Kinder müssen einen Umweg nehmen, weil die Treppe zum Eingang von Siedlern okkupiert wurde. An diesem Morgen kommt es zu keinen weiteren Zwischenfällen, keine Beschimpfungen durch Siedler, keine fliegenden Steine. Am Abend erfahren wir, dass ein junger Siedler auf eines der Kinder mit einem Messer losgegangen ist. Das Kind konnte fliehen und blieb unverletzt. Die Homepage der jüdischen Gemeinde Hebrons ist es wert, angeklickt zu werden, weil dort sehr deutlich wird, dass der jüdische Anspruch auf Hebron arabisches Leben dort völlig ausschließt und auch, um sich selbst ein Bild der einseitigen Propaganda der jüdischen Siedler zu machen: http://www.hebron.com/english/index.php 


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