Am eigenen Leib

31 Dez

Hebron II
Turqumia Checkpoint, Hebron

Tarqumia Checkpoint, Hebron

Donnerstag, 3.45 Uhr: Wir steigen am Parkplatz am Checkpoint aus und verschaffen uns einen Überblick. Meine Kollegin von dem Hebron-Team kennt das Procedere schon, sie war schon einmal hier. Der Tarqumia Checkpoint wird von einer Privatfirma betrieben und nicht, wie so oft, von dem israelischen Militär. Internationale Beobachter und Menschenrechtsaktivisten sehen dies mit Sorge, denn künftig will der Staat Israel alle 70 Checkpoints in der Westbank privatisieren. Dies könnte eine noch weitaus unmoralischere Haltung gegenüber der palästinensischen Zivilbevölkerung bedeuten, so die Befürchtung. Diese Sorge ist nicht ganz unberechtigt, wie ich eine halbe Stunde später selbst am eigenen Leib zu spüren kriege. Da der Checkpoint für uns Außenstehende von innen kaum sichtbar ist, einigen wir uns im Team, dass ich einen „Spotcheck“ machen werde: Um 4.35 Uhr starte ich am Eingang und gehe den selben Weg wie alle Palästinenser, die nach Israel zur Arbeit müssen und in Tel Aviv, Haifa oder in anderen israelischen Städten arbeiten. Ich möchte sehen, was innen los ist und wie lange man für das Passieren braucht. Außerdem ist für uns wichtig zu wissen, wieviele Drehkreuze, Metalldetektoren und Sicherheitspersonal drinnen vorhanden ist.

Keine Frau weit und breit

Ich laufe los und winke meiner amerikanischen Kollegin und unserem arabischen Taxifahrer zu, bevor ich mich  in eine Schlange von Menschen einreihe. Los geht’s. Die Männer stehen einer nach dem anderen, nicht wie in Bethlehem, wo sich oftmals mehrere Leute dichtgedrängt nebeneinander quetschen. Ich bin die einzige Frau. Alle sind freundlich, wollen wissen, was ich hier mache und geben teilweise in gutem Englisch Auskunft. Ich halte mich an einen älteren Mann, der mir Details über Tarqumia erzählt, die Gold wert sind. So erfahre ich, dass die Männer mittwochs und sonntags durchschnittlich drei Stunden brauchen, bis sie den Checkpoint überquert haben. „This is very bad, but our daily life (Das ist sehr schlimm, aber gehört zu unserem täglichen Leben“), sagt der Mann, der in Tel Aviv in einer Metallfirma arbeitet. Falls er krank ist und nicht arbeiten kann, muss er seinem israelischen Arbeitgeber ein Ausfallgeld von 150 Schekeln (ca. 30 Euro) pro Tag bezahlen. Eine Kranken- oder Unfallversicherung hat er nicht – wie die meisten palästinensischen Arbeiter. Ich reihe mich hinter ihm in die Schlange der älteren Männer ein. An diesem Checkpoint unterscheiden die Israelis offensichtlich zwischen 45 plus und 19-44 Jahren. Die Jüngeren stehen weit von uns entfernt und werden noch intensiver kontrolliert, weil sie als potenzielle Terroristen gelten.

Auf dem Weg nach Israel

Auf dem Weg nach Israel

Nur 20 Minuten?

Nach rund einer Stunde und Drekkreuz Nummer vier stolpere ich durch den Metall-Detektor und lege schnell meine Weste und den Gürtel aufs Band. Eine israelische Security-Angestellte will meinen Ausweis sehen und fragt mich, was ich hier mache. Meine Antwort: „Ich bin ökumenische Begleitperson vom Weltrat der Kirchen“, befriedigt sie nicht. Die Fragerei steigert sich zu einer Schreierei, die mich erst nervös macht, mich dann aber daran erinnert, dass gewaltfreie Kommunikation hier die beste Methode ist, um heil rauszukommen. Ich bleibe also ruhig und antworte freundlich immer wieder das selbe. Nach weiteren 10 Minuten Wartens kommt ein anderer Israeli, der mich weiter befragt. „Wie findest Du diesen Checkpoint? Was fällt Dir auf?“, möchte er wissen. Auf die Frage, wie lange ich bis hierher gebraucht habe, antworte ich mit: 55 Minuten. Er korrigiert mich und sagt, dass der Weg von Hebron nach Israel  immer nur 20 Minuten dauert. Gut, dass ich es besser weiß.

Endlich durch das fünfte Drehkreuz

Nach 1,5, Stunden bewege ich mich in dem fünften und letzten Drehkreuz Richtung Israel, das mich schließlich in die demokratische Freiheit ausspuckt. Zum Entsetzen des israelischen Securityguards hatte ich zum Abschied noch wissen wollen, wie ich wieder Richtung Westbank und Hebron komme, da ich ja wieder zurück muss. Ich überschlage die Ereignisse schnell in meinem Kopf: Zu diesem Zeitpunkt habe ich ein Sonderinterview mit israelischen Sicherheitskräften,  zig Fotosshootings in den Gittergängen, eine Schimpftirade israelischer Security-Frauen bei der Passkontrolle und jede Menge informative Gespräche mit palästinensischen Leuten hinter mir. Ich bin um ein paar Erkenntnisse reicher, nämlich: Jeder Checkpoint hat seinen ganz eigenen Charakter. Bethlehem Checkpoint 300 ist schlimm, Tarqumia  bei Hebron ist schlimmer. Die Menschen brauchen teils bis zu drei Stunden, um ihn zu passieren. Und: Es scheint Architekten zu geben, die sich ausschließlich mit der Konstruktion von Kontrollpunkten auseinandersetzen. Methodisch legen sie eine gewisse Kreativität an den Tag, was Variationen bezüglich der innereren Gestaltung und des Zusammengehens von Funktionalität plus Wirkung auf die Nutzer anbelangt.

Ich laufe zurück zu meinen Teamkollegen und berichte, was ich gesehen habe, später fertigen wir eine Zeichnung des Checkpoints an.  „Thank you, that you are here“, sagt ein Mann mit Wollmütze und rennt dann weiter Richtung Drehkreuz Nummer 1. Es ist kalt an diesem Morgen. Der Mann hat heute noch einen langen Weg vor sich.

4 Antworten to “Am eigenen Leib”

  1. Paul 08/02/2012 um 6:05 pm #

    Wenn die Siedler nicht dort wären…:
    Eine Botschaft aus Hebron an Mitzna

    Nach einem Artikel von Rafi Mann, M’ariw

    Man sollte sich die harten Worte merken, die die Eltern der Soldatin Keren Yaakovi den Hebroner Siedlern entgegenhielten. Die Soldatin war vor einem Monat zusammen mit ihrem Kameraden Meor Kalfon von Palästinensern in Hebron getötet worden. Die untröstlichen Eltern sagten zu den Siedlern: „Wenn ihr nicht hier wärt, wären unsere Kinder noch am Leben“.

    Hebron ist das augenfälligste Beispiel dafür, dass die Siedlungsfrage in der West Bank immer mehr Komplikationen hervorruft. Israel braucht weder die Gräber der Erzväter noch das Massaker von 1929, aus der jüdischen Tradition streichen, das heisst aber noch lange nicht, dass überall Siedlungen nach dem Modell der Siedlungen der Pionierzeit entstehen müssen, die der moderne Zionismus als Alternative für die faktische Rettung des jüdischen Volkes gegründet hat.
    Die Anklage der trauernden Eltern werden sich die Siedler nicht zu Herzen nehmen. Doch Amram Mitzna sollte auf sie hören. Er hat jetzt die einmalige Gelegenheit, den Wählern eine politische Alternative anzubieten, die den exorbitanten Preis der Siedlungen herausstreicht. Diese Siedlungen verbauen jede Friedenschance, Milliarden Schekel wurden in sie gesteckt, sie reiben die Sicherheitsressourcen Israels auf. Ressourcen die nutzbringender zum Schutz der Existenz des jüdischen Staates innerhalb der Grünen Linie eingesetzt werden sollten.

    28.01.2003, haGalil

    http://www.nahost-politik.de/israel/wahlen/2003/hebron.htm

    • livahaensel 08/02/2012 um 6:25 pm #

      Vielen Dank für die guten Wünsche! Der Artikel zu Hebron ist ja schon recht alt (2003), die Siedlungen expandieren weiter und unter der Situation leiden allen voran die Palästinenser, die bestimmte Straßen nicht benutzen dürfen, deren wirtschaftliches und soziales Leben zum Erliegen gekommen ist, weil die jüdischen Sielder geschützt werden, nicht aber sie selbst, und die unter enormen psychischem Stress leiden (Depressionen, Bettnäßen von Kindern, Migräne etc…) Die Eltern der getöteten Soldaten haben in den Siedlern das Hauptprobelm geseheh und dies benannt. Tatsächlich aber ist der hauptverursacher der Staat Israel und seine Armee, die die jüdischen Siedler unterstützt und teilweise mit ihnen kooperiert, was das Gebahren dieser Terroristen erst möglich macht. Es mag einfacher für Israelis zu sein, die Schuld den Siedlern zu geben, es ist leichter, aber diejenigen, die den tatsachen ins Auge sehen, wissen, dass es ihr eig. Staat ist, dessen Demokratie extrem gefährdet ist, wenn das so weitergeht. Bürger verhalten sich immer so frei, wie es ihnen der Staat erlaubt…

  2. Doris Ghannam 10/01/2012 um 1:19 pm #

    Ergänzung zu „Am eigenen Leib“ – checkpoints privatisiert:

    The Privatization of the Checkpoints and the Late Occupation
    http://www.whoprofits.org/Article%20Data.php?doc_id=705

    Outsourcing the checkpoints – A privatized Occupation

    Outsourcing the checkpoints
    http://www.haaretz.com/weekend/week-s-end/outsourcing-the-checkpoints-1.230416

    Viele Grüße aus Berlin
    Doris

  3. Jürgen Friedrich 31/12/2011 um 7:05 pm #

    Die tiefen Risse zwischen Wunsch und Wirklichkeit im Ursprungsland der so genannten FROHEN BOTSCHAFT werden in den Dreiecksbeziehungs-Berichten akkurat beschrieben.

    Den Frieden „in die Gegend hinein“ zu bekommen dürfte ähnlich schwierig sein wie die weltweite Zusammenlegung von Weihnachten und Sylvester/Neujahr, obwohl beide events aufs selbe Ereignis zielen. Vielleicht verhelfen ein paar Reime, die diesbezügliche Ungereimtheit vorort aufzumöbeln:

    P R O S T B E T H L E H E M !

    Das neue Jahr mit zwanzig zwölf
    folgt logisch auf die zwanzig elf.
    Von der Wiege bis zur Bahre
    zeigt es genau die Anzahl Jahre,
    die seit Geburt von einem Kind
    zwischen Esel, Ochs und Rind
    wechselhaft vergangen sind.

    Ob christlich oder familiär,
    Weihnachten gibt viel mehr her,
    wo Jubel ganzjährig erklingt,
    weil Glaube Licht ins Dunkel bringt.

    Darum lasst es fröhlich krachen,
    dass die Ohren Augen machen:
    Statt PROST NEUJAHR nur zu schrein,
    kann es der Titel da oben sein.

    31.12.2011

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