Archive | Januar, 2012

Fieber – Thapra

22 Jan
Amer aus Thapra

Amer aus Thapra

Es ist „Dorftag“. Das heißt, wir besuchen Dorfbewohner im Betlehem Distrikt gemeinsam mit der NGO Holy Land Trust (HLT). Diese Non-Profit-Organisation hat eine lange Tradition im Training von gewaltfreien Strategien und kümmert sich in persönlicher Weise um palästinensische Dörfer und ihre Probleme. Unsere Kontaktperson Marwan Al Farar’ja ist dort „Area Field Coordinator“ und holt uns mit einem Taxi ab. Es geht über viele Hügel mitten hinein in Bethlehems Umland. Wir bremsen vor einem Häuslein in Wadi Rahhal, in dem zwei Familien wohnen. Die meisten Dorfbewohner hier sind Schäfer und lassen ihre Tiere seit Jahrhunderten hier weiden. „Jeden Samstag, also am jüdischen Feiertag Schabbat, kommen jüdische Siedler von der benachbarten Siedlung Efrat hierher“, berichtet einer der Männer drinnen bei süßem Pfefferminztee. Manchmal kämen sie zu Fuß, manchmal auch mit dem Jeep. Begleitet werden die Siedler zumeist von riesigen Hunden, die keine Schäferhunde seien, sondern aussehen wie riesige Kälber. „Wir flüchten dann in unsere Häuser und schließen uns solange ein, bis sie weg sind“, sagt der Mann, das Familienoberhaupt. Dies geschehe seit Jahren an jeden Samstag regelmäßig, manchmal auch an anderen Tagen in der Woche. Die Siedler werden jedes Mal von privaten Sicherheitsleuten begleitet. Die Schäfer werden daran gehindert, ihre Tiere zu weiden. Der Tagesablauf ist gestört. „Manchmal werden die Siedler auch von israelischen Soldaten und der Polizei begleitet – in einer Eskorte.“

Wir machen uns Notizen und fahren weiter nach Thapra. Diese kleine Dorfgemeinschaft ist eine der ärmsten in der Westbank.

Obwohl wir in den zwei Monaten schon einiges gesehen haben, ist die Familie, die wir hier besuchen, mit Abstand auf dem niedrigsten Niveau bezüglich der Lebensqualität. In dem Haus mit den feuchten Wänden wohnen zwei Familien verteilt auf zwei Räume. Ein kleiner Elektroheizer versucht ein wenig Wärme in dem größeren Zimmer zu verteilen. Die Ehepaare, die Großmutter und alle Kinder strahlen und begrüßen uns offen und warmherzig. Draußen gießt es in Strömen. Auf dem Sofa liegt ein kleiner Junge mit müdem, blassem Gesicht. Ab und zu stöhnt er und schließt die Augen.

Seine Mutter erzählt:„Mein Sohn Amer ist krank. Er ist 15 Jahre alt, aber, ja, ich weiß, er sieht aus wie sechs oder sieben. 2002 als die zweite Intifada im Gange war, bekam er eines

Amers Rollstuhl

Amers Rollstuhl

Tages Fieber. Er hatte 41 Grad und ich schaffte es nicht, das Fieber zu senken. Also nahm ich ihn auf den Arm und trug ihn durch die Hügel Richtung Bethlehem (Anm.: Die Entfernung Thapra-Bethlehem beträgt etwa 14 Kilometer). Die gesamte Stadt stand unter Ausgangssperre, niemand durfte nach Bethlehem hinein oder heraus, überall standen Soldaten. Ich bat einen von ihnen, mich durchzulassen, weil ich mit Amer in ein Krankenhaus wollte. Aber sie ließen mich nicht. Mit meinem kranken Kind auf dem Arm musste ich den ganzen Weg wieder nach Hause laufen, ohne irgendeine

Die Mutter vom Amer

Die Mutter von Amer

Chance auf medizinische Versorgung oder darauf, wenigstens einmal mit einem Arzt zu sprechen. Erst nach einer Woche durften wir mit unserem Sohn das staatliche Krankenhaus in Beit Jalla aufsuchen. Aber es war zu spät. Amer hatte eine Hirnhautentzündung bekommen und sein Gehirn war so geschädigt, dass uns die Ärzte keine Hoffnung mehr machen konnten. Jetzt liegt er hier, er kann nicht laufen und nicht sprechen. Das einzige, was er essen kann, ist flüssige Astronautenkost. Jedes Glas muss ich in der Apotheke kaufen und das kostet pro Stück 20 Shekel (ca. 4 Euro). Wir haben niemanden, der uns unterstützt und manchmal können wir uns die teure Astrokost nicht leisten. Letztes Jahr hat uns jemand einen Rollstuhl für Amer besorgt. Jetzt kann er im Sommer wenigstens draußen sitzen und die Sonne genießen, das liebt er. Und wenn jemand von ihm Fotos macht, das mag er auch. Das Foto über dem Sofa ist Amer kurz vor seiner Erkrankung. Wir lassen es dort hängen, wir finden es schön. Er war ein ganz normaler Junge. Wir lieben ihn so wie er ist.“

Existence is resistance Al Walaja

22 Jan
Abdul aus Al Walaja

Abdul aus Al Walaja

Abdul,  10 Jahre, lebt in dem Dorf Al Walaja – Bethlehem Distrikt:

„Letzte Woche gab es fünf Explosionen hier in der Nähe meines Hauses.  Das alles passiert wegen der Mauer. Die Israelis sprengen die Hügel, um so die Basis für die Mauer zu schaffen. Das erste Mal hörte ich einen Knall von ganz weit her. Ich lief hin und sah viele israelische Soldaten. Sie schlugen die Bauern und sägten unsere Olivenbäume ab. Ich bete dafür, dass noch ein Wunder passiert. Dass wir hier in Frieden leben können und alles an seinen alten Platz zurückkehrt so wie früher.
Vor der Zukunft habe ich Angst. Was für ein Leben sollen wir hier führen? Die Mauer wird uns umringen, wir sind eingesperrt und können nur durch einen Tunnel nach Beit Jalla gelangen. Ich habe seit ein paar Jahren Rheuma und muss regelmäßig nach Bethlehem ins Krankenhaus.  Ich habe jeden Tag Schmerzen- Was passiert, wenn mich die Soldaten nicht in die Klinik lassen?

Ich mag eigentlich alles: Computerspiele, Fußball, meine Freunde.  Nur schnell rennen beim Sport kann ich nicht mehr, meine Knie schmerzen dann immer. Was ich später werden will, weiß ich noch nicht genau. Vielleicht Polizist, Lehrer oder Krankenpfleger.  Am meisten wünsche ich mir, dass die Mauer verschwindet.“

(Abdul ist das jüngste Kind von insgesamt vier Geschwistern. Seine Familie wohnt an einem Abhang mit Blick auf Beit Jalla. 2006 erhielt die Familie eine „landconfiscation order“ – drei Seiten auf Hebräisch, davon eine Seite als Landkarte. Offziell ist es den Bewohnern von Al Walaja nicht erlaubt, in ihrem Dorf zu bauen oder zu renovieren, weil sie in Area C leben und nicht in Area A. Abduls Haus wurde in der Vergangenheit von israelischen Bulldozern zerstört. Der Vater baute das Haus wieder neu auf. Dies passiert in der Westbank in Area C täglich. Es gibt Familien, die ihre Häuser bis zu zehnmal wieder aufgebaut haben, immer mit der Gefahr, dass es erneut zerstört wird. „Existence is resistance“, sagen die Palästinenser.)

Hintergrund: Al Walaja ist ein Dorf in der Nähe von Bethlehem, in dem rund 2000 Menschen leben. Die Mauer der israelischen Regierung, die offiziell aus Sicherheitsgründen gebaut wird, soll künftig das gesamte Dorf umzingeln, um die benachbarten jüdischen Siedlungen Gilo und Har Gilo von der Westbank zu trennen und zu israelischem Gebiet zu machen, während Al Walaja in Area C verbleiben soll. Die Mauer wird nicht nur die Dorfbewohner von ihrer Umgebung – Schulen, Kliniken, öffentliche Einrichtungen, Freunde und Familien, – trennen, sondern beinhaltet auch eine Landkonfiszierung des Staates Israel von 1600 Dunum Ackerfläche (1 Dunum= 1000 m²). Al Walaja steht stellvertretend für alle Dörfer und Gemeinden in der Westbank, die ihr Land und ihren Zugang zu einem normalen Leben beklagen. Das Dorf klagt seit 2004 dagegen am Hohen Gerichtshof in Jerusalem (derzeit 550 Fälle von Dörfern und Gemeinschaften wegen Landkonfiszierung des Staates Israel).  Nichts destrotrotz gehen die Bauarbeiten für die Mauer täglich in rasanter Geschwindigkeit voran. In September vergangenen Jahres besuchte eine Delegation von EU-Parlamentariern Al Walaja, um sich ein Bild der Lage zu machen. Ein kurzes Video von Palestine News Network darüber gibt es hier: http://www.youtube.com/watch?v=oVZgnXn6t0E Die Anfrage des EU-Parlaments zum Fall Al Walaja: http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+WQ+E-2011-009045+0+DOC+XML+V0//EN Eine Karte zur Geografie der geplanten und bereits fertiggestellten Route der Mauer findet man bei UNOCHAhttp://www.ochaopt.org/documents/ocha_opt_barrier_route_alwalaja_feb_2011_a3.pdf  Mehr Hintergrundinformationen zum Dorf  Al Walaja und seinen Bewohnern liefert The United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East (UNRWA): http://www.unrwa.org/userfiles/2010070915338.pdf

Israelis für Frieden

13 Jan
Avihai Stollar

Avihai Stollar

Avihai Stollar 28 Jahre alt, West-Jerusalem, Mitarbeiter der Organisation „Breaking the silence – Israeli   soldiers talk about the territories“, die Berichte von israelischen Soldaten über ihren Wehrdienst in der    Westbank veröffentlicht

„Eigentlich bin ich ein ganz normaler Israeli. Ich wuchs in einem Vorort von Haifa in Nord-Israel auf. In meiner Familie ging jeder zur Armee, mein älterer Bruder, mein jüngerer, alle. Es ist keine Frage, ob Du gehst oder nicht, Du tust es einfach, weil der Staat es von Dir verlangt.  Ich hatte gerade die Highschool beendet und war  19, als ich Soldat in der israelischen Armee wurde. Mein Einsatzort waren die South Hebron Hills, südlich von Hebron also. Ich war dort von 2001 bis 2004 eingesetzt. Gerade hatte die erste Phase der 2. Intifada begonnen, die Stimmung war aufgeheizt. Die ersten acht Monate wurde uns in der Armee erzählt, dass wir alles schaffen können, dass wir Rambo sind. Du glaubst das erst, Du willst kämpfen, schießen, losrennen. Acht Monate wirst Du vorbereitet, dann geht es in den Einsatz. Endlich kannst Du was tun. Viele unserer Verhaftungen, die wir durchgeführt haben, machten keinen Sinn. Aber wir haben es gemacht, weil man nach 2 Jahren Militärdienst ausgebrannt ist und frustriert. Du willst ausbrechen aus der Routine, zum Beispiel, wenn Du an einem Checkpoint Palästinenser kontrollieren musst. Du lernst alles ganz genau: Wie verhalte ich mich, wenn eine schwangere Frau vor mir steht, was mache ich, wenn jemand eine Kamera hat und so weiter. Irgendwann glaubst Du dem Palästinenser nicht mehr, der Dir erzählt, dass er ins Krankenhaus muss, dass er wirklich krank ist. Du lässt ihn nicht durch. Ich habe erlebt, dass unser Kommandeur bei einem Einsatz in Yatta (Anm.: Stadt mit 80.000 Einwohnern in den South Hebron Hills) einfach zehn Bulldozer hinschickte, die dort Häuser zerstörten, weil es eben mal was anderes ist. Yatta wurde wochenlang blockiert für Palästinenser, die aus den umliegenden Dörfern kamen und andersherum, aus Sicherheitsgründen. Niemand hatte Zugang, niemand der Bewohner konnte sich frei bewegen. Oft haben die Befehle keinen höheren Sinn und es gibt auch nicht immer eine Strategie hinter allem. In den B- und C-Gebieten (Anm.:  palästinensische Gebiete, die unter voller Kontrolle des israelischen Militärs stehen = 75 %) kann das Militär sehr frei entscheiden und tut das auch. Kinder-Verhaftungen sind an der Tagesordnung, wir haben teilweise 8-Jährige festgenommen.  Oft geht es auch einfach um Abschreckung und Einschüchterung. Du gehst nachts in ein arabisches Haus mit deinen Waffen und Kameraden und erklärst das Haus zur militärischen Zone. Das passiert in Hebron sehr häufig.

Frustriert, angeödet, gelangweilt

Alle Soldaten, die Kombattanten sind, kommen gerade aus der Schule und sehen alles schwarz-weiß, auch wenn sie aus liberalen, sogenannten linken Elternhäusern stammen und nicht in jüdischen Siedlungen aufgewachsen sind. Ich stamme aus einem lockeren Elternhaus, meine Eltern waren immer entspannt, beide gebildet und europäischstämmig. In der Armee wird zwischen den „yellow soldiers“ und den „black soldiers“ unterschieden.  Die Yellows sind die soften, die aschkenazi-stämmigen Juden, die Blacks sind die Sefardi, die arabischstämmigen Juden.  Wenn Du ein tougher, harter Junge bist, dann bist Du ein „black soldier“ und natürlich wollen alle so sein, auch die Frauen. Ich war immer der „yellow soldier“. Für Soldaten gibt es nur die Guten und die Bösen, die Israelis und die Palästinenser. Einem 19-Jährigen klarzumachen, dass dies anders ist, ist sehr schwierig. Die meisten Soldaten sind frustriert, gelangweilt und angeödet von ihrem Militärdienst. Und es findet derzeit ein Wandel statt: Früher kamen die Offiziere aus nicht-religiösen Kibbuzim, heute kommen sie aus jüdischen Siedlungen. Ob die Armee mit den Siedlern zusammenarbeitet? Naja, offiziell  nicht. Es gibt Auflagen, die Soldaten erfüllen müssen und die richten sich auch gegen gewalttätige Siedler. Aber in der Praxis sieht das anders aus. Kein einziger Soldat würde je gegen einen Siedler vorgehen. Die religiösen erst recht nicht, weil es ihre eigenen Leute sind.

Ich redete drei Stunden lang

Nach meinem Armeedienst bin ich erst einmal in der Welt herumgereist, ich war 1,5 Jahre in Indien. Dann kam ich wieder und fing an, auf Demonstrationen gegen die israelische Besatzung zu gehen und machte dort ein paar Fotos. Irgendwann sprach mich jemand an und erzählte von „Breaking the silence“.  Der Typ fragte mich, ob ich über meinen Armeedienst erzählen wolle, ich sagte, klar, kann ich machen, aber ich habe eigentlich nichts zu sagen. Wir trafen uns auf einen Kaffee und ich redete drei Stunden lang.“
Homepage Breaking the Silence: http://www.breakingthesilence.org.il/

Ex-Soldaten kommen auf Anfrage gerne nach Deutschland und halten Vorträge und Diskussionsrunden.  Außerdem bietet die Organisation Führungen in den besetzten Gebieten an.

Ruth Hiller

Ruth Hiller

Ruth Hiller
58 Jahre alt, Kibbuz Haogen Nord-Israel. Gründerin der NGO „New profile for he Civil-aziation of the Israeli Society“, die junge Menschen über Demilitarisierung aufklärt und rechtliche Beratung für Israelis anbietet, die den Militärdienst verweigern möchten

„Es ist ein Mythos, dass man den Militärdienst in Israel nicht verweigern darf. Es stimmt einfach nicht. Aber niemand klärt Dich darüber in diesem Land auf, und junge Menschen sind verunsichert, was sie tun sollen. Deshalb habe ich mit anderen gemeinsam 1989 „New Profile“ gegründet. Unsere Gesellschaft ist bis zu den Zähnen bewaffnet, überall, in der Werbung, im Fernsehen und draußen. Alles ist militarisiert. Egal, ob Du eine Telefonkarte kaufst oder eine Hustentablette in Israel, alles steht in Zusammenhang mit dem israelischen Militär. Kleine Kinder wachsen von Anfang an damit auf, dass dies normal ist und dass es gut ist, für unser Land zu sterben. Aber was sind wir? Ist Israel mittlerweile ein Militärapparat mit Staat oder ein Staat mit Militär? Dieses Land gibt rund 7 % seiner Haushaltskosten für Verteidigung und Sicherheit aus (Anm: Deutschland liegt bei 1,3 Prozent). Im Sommer sind unsere Leute auf die Straße gegangen wegen Humus und zu hoher Mieten. Tatsächlich aber ging es um die Besatzung und die Kosten dafür. Und das erste Mal in der Geschichte ging die Polizei auch gegen ihre eigenen Leute vor. Vorher hatten sie die Palästinenser geschlagen, nun sind es auch jüdische Leute.

Wir gingen vor Gericht

Als ich in das Land kam, war ich überzeugte Zionistin. Das war 1972, ich war voller Tatendrang und verließ die USA. Ich wollte Israel aufbauen, dieses junge Land, mit meinen eigenen Händen. Ich lernte meinen Mann, auch ein amerikanischer Jude, kennen und wir heirateten. Wir haben sechs Kinder, davon zwei Töchter. Meine erste Tochter ging zum Militär und ich machte mir Sorgen, wie jede Mutter. Wie würde es ihr ergehen? Zu allem Übel entschied sie sich dafür, eine Offizierslaufbahn einzuschlagen. Wir sagten okay, das ist deine Entscheidung, wir akzeptierten es. Meine 2. Tochter machte ihren Armeedienst. Dann kam mein Sohn. Er wusste schon mit elf, dass er niemals Soldaten werden würde, dass das nicht in sein Konzept passt. Er wollte den Wehrdienst verweigern. Wir als Eltern waren hilflos, wir wussten nicht, was wir tun sollen. Verweigern aus ideologischen Gründen? Das bedeutete Gefängnis. Jeder, der in Israel seinen Armeedienst aus politischen Gründen ablehnt, muss für einen Monat in ein Militärgefängnis. Leute, die religiös sind, auch Frauen, können verweigern, aber ansonsten gab es keine Alternative. Wir entschlossen uns, unseren Sohn zu unterstützen und den Fall vor Gericht zu bringen und zwar mit dem Ziel, dass er auf keinen Fall ins Gefängnis muss. Niemand vor uns hatte das je versucht, wir waren die ersten Israelis überhaupt. Aber wir fanden keinen Anwalt, niemand wollte diesen Fall übernehmen, noch nicht einmal israelische Juristen, die ansonsten Palästinenser als Klienten haben! Schließlich meldete sich ein junger Anwalt aus Jerusalem. Der Fall dauerte drei Jahre, dann war unser Sohn frei. Wir hatten es geschafft, wir hatten einen Präzedenzfall geschaffen.

Ich bin guter Hoffnung

Wer beim Militär arbeitet, hat die Fäden in der Hand. Dort sitzt die Macht. Und die meisten Frauen sind nicht darunter, was „New Profile“ kritisiert. Viele hochrangige Militärs gehen in die Politik und machen dort weiter und nach wie vor sitzen in fast allen Führungspositionen europäischstämmige Juden und keine afrikanischen oder arabischen. Die Armee missbraucht oftmals ihre Position, indem sie Rekruten abhängig macht. Junge äthiopische Soldaten beispielsweise verdienen nur 150 Dollar im Monat dort, das ist miserabel, aber sie machen es dem Staat Israel gegenüber aus Pflichtgefühlt und auch gegenüber ihrer Familie, weil die Eltern vielleicht arbeitslos sind.
Israel befindet sich seit über 60 Jahren in einem Dauer-Alarmzustand. Wenn es nicht die Palästinenser sind, dann gibt es ein neues Feindbild. Derzeit ist das der Iran.  Es gibt immer wieder Gründe für die Regierung, nicht auf Frieden einzugehen, und zwar aus Sicherheitsgründen, das Lieblingsargument meines Landes. Wir missbrauchen Euch Europäer, indem wir den Holocaust als Vorwand dafür benutzen, Menschenrechte zu verletzen und die Besatzung zu argumentieren. Aber die junge israelische Aktivistenszene wächst gerade und ich bin guter Hoffnung, dass sich was ändert. Gilat Shalits Vater möchte jetzt in die Politik gehen und ein bekannter israelischer Journalist ebenfalls. Hier passiert gerade was!“ htttp://www.newprofile.org/english/

Minem Maroof

Minem Maroof

Minem Maroof

35 Jahre alt, Haifa. Mitarbeiter am „Mossawa Center – the Advocacy Center for Arab Citizens in Israel“, das zum Thema Benachteiligung palästinensischer Israelis forscht, sich für Gleichberechtigung einsetzt und Hintergrundinformationen vermittelt

„Ich bin in Haifa aufgewachsen und habe in den USA studiert. Mein Großvater stammt aus einem kleinen Dorf bei Haifa, aus dem er 1948 vertrieben wurde. Aber meine Familie flüchtete nicht in die heutige Westbank oder in ein arabisches Land, sondern verblieb in dem Land, das heute Israel ist. In Israel leben 20% Palästinenser, die sich entweder „Israeli Arabs“ oder auch „Israeli Palestinians“ nennen. Wir sind Bürger 2. Klasse in einem Staat, der sich als einzige Demokratie im Nahen Osten bezeichnet, als Demokratie inmitten des arabischen Dschungels, wie Benjamin Netanjahu gerne zu sagen pflegt. Die Knesset, das israelische Abgeordnetenhaus, hat mehr als 20 Gesetze, die uns als nicht-jüdische Bürger in Israel direkt betreffen und diskriminieren. Eins davon wurde im Sommer verabschiedet und beinhaltet, dass ich als Palästinenser das arabische Wort Al-Nakba (Anm.: =Katastrophe, steht für die Vertreibung der arabischen Bevölkerung 1948 zeitgleich mit der Staatsgründung Israels) nicht erwähnen darf. Ich darf meine persönliche Geschichte nicht erzählen. Westbank- und Gaza-Bewohner bekommen keine israelische Staatsbürgerschaft zugesprochen, auch dann nicht, wenn sie mit einem Israeli oder einer Israelin verheiratet sind. Deshalb leben viele illegal in Israel, immer mit der Gefahr, dass sie entdeckt und rausgeworfen werden. Das Militär macht immer wieder Nacht- und Nebelaktionen, in denen diese Menschen heimlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit in die Westbank oder nach Gaza evakuiert werden.

Die Gesellschaft spaltet sich

Wir arabischen Israelis zahlen Steuern so wie alle anderen auch, aber die Teilnahme am öffentlichen Leben und damit an den Einrichtungen, für die wir unsere Steuern zahlen, ist begrenzt. Haifa ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Trennung praktiziert wird. Im Süden leben Russen, im Norden Äthiopier, in Downtown Palästinenser und im Karmelgebirge die Aschkenazi. Apartheid würde ich die Situation hier nicht nennen. Aber es geht einfach darum, ob Du  jüdisch bist oder nicht. Sobald man jüdisch ist, klappt auf einmal alles. Eine Mitarbeiterin von uns, eine amerikanische Anwältin, bekam lediglich ein 3-Wochen-Visum. Sie heißt Maryam Hussein und ist Muslimin. Sie versuchte es immer wieder im Innenministerium, aber mit so einem Namen ist es schwierig. Ein amerikanisch-jüdischer Praktikant von uns dagegen wollte eigentlich nur ein Touristenvisum haben und bekam gleich eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Wir arbeiten dafür, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, niemand benachteiligt oder bevorzugt wird. Ich denke, dass sich Israel darüber künftig klar werden muss, wohin die Reise geht. Ich beobachte, dass sich die israelische Gesellschaft mittlerweile spaltet: In diejenigen, die für,  und andere, die gegen die Menschenrechte sind. Das ist bedenklich.“  http://www.mossawa.org/

Roni Keidar

Roni Keidar

Roni Keidar
63, Netive Ha’sara/ israelische Grenze zu Gaza. Mitarbeiterin der NGO „Other Voice“, die sich auf zwischenmenschlicher Ebene mit Bewohnern aus dem Gazastreifen trifft und über  Alltagssorgen austauscht. Das Dorf in der Nähe der Stadt Sderot wird monatlich von Raketen aus dem Gazastreifen heimgesucht und hat überall Luftschutzbunker sowie einen speziellen Spielplatz mit Einschlag sicheren  Metallwänden

„Ich bin in England aufgewachsen und lebe schon lange in Israel. Mein Mann ist ägyptischer Jude, spricht also Arabisch. Und weil er Agrarwissenschaftler ist und aus Ägypten stammt, hatten wir die Möglichkeit, fünf Jahre in Kairo zu leben. Erst fand ich diese Idee nicht gut, ich lehnte es ab, aber dann entschieden wir uns zu diesem Schritt. In Kairo lernte meine Tochter ein Mädchen in der Schule kennen, mit der sie sich sehr anfreundete. Eigentlich stimmte alles, die beiden mochten sich. Aber als die erste Geburtstagsfeier der Freundin anstand, wurde meine Tochter als einzige nicht dazu eingeladen. Warum, darüber wurde nie gesprochen. Es war einfach tabu, darüber zu reden, dass wir jüdisch sind, dass dieser enge Kontakt eigentlich nicht sein soll mit einer arabischen Familie. Wir fanden schließlich Wege, damit sich die beiden Mädchen auch außerhalb der Schule treffen konnten, aber das dauerte drei Jahre. Nach drei langen Jahren waren wir mit der Familie befreundet, konnten uns austauschen und gemeinsam lachen. Ich habe daraus gelernt, dass Dialog das Wichtigste ist im Leben.

Gaza? Die Armee wird den Fall klären

Ich bin pro-palästinensisch und pro-israelisch, es geht beides. Und ich bin keine Träumerin. Wer glaubt, dass man die Israelis ins Meer werfen kann, der irrt genauso wie derjenige, der meint, dass die Palästinenser keinen eigenen Staat brauchen und dass man den Gazastreifen vernichten kann. Wenn wir hier in Israel an der Grenze das Chanukkafest feiern, entzünden wir den Leuchter oben auf dem Hügel, damit die Menschen in Gaza ihn sehen können und wissen, dass wir an sie denken. Wir senden ihnen Briefe mit Grüßen und Botschaften. Manchmal veranstalten wir Symposien und freuen uns dann, wenn Gaza-Bewohner eine Erlaubnis von der israelischen Seite dafür bekommen, daran teilzunehmen. Wir sprechen über unsere Sorgen und Ängste, unsere Kinder und alles, was uns bewegt. Über Politik reden wir nicht so viel, wir begegnen uns vor allem auf menschlicher Ebene. In meinem Dorf gehöre ich einer Minderheit an, die für „Other Voice“ arbeitet. Die meisten meiner Familienmitglieder verstehen meinen Einsatz für Dialog mit der palästinensischen Seite nicht. Aber immerhin akzeptieren sie es und ich darf für Veranstaltungen unseren Dorf-Gemeinschaftsaal benutzen. Was ich über den Einsatz der israelischen Armee auf der Gaza-Flotilla denke, bei der zehn Menschen ums Leben kamen? Hm. Ich denke, dass eventuell einige der Soldaten ihre Macht vielleicht missbraucht haben. Vielleicht. Ich weiß es nicht. Ich bin überzeugt davon, dass darüber aber nur unsere Armee urteilen darf und niemand anderes. Und ich glaube daran, dass unsere Armee diesen Fall dann intern klärt, dessen bin ich mir ganz sicher. www.othervoice.org

(Alle Gesprächsprotokolle wurden von Liva Haensel aufgezeichnet.)

Hintergrundinformationen und  aktuelle Karten zum Nahostkonflikt sowie monatliche Berichte über die Situation in den besetzten palästinensischen Gebieten gibt es bei OCHA – Office for the Coordination of the Humanitarian Affairs United Nations: http://www.ochaopt.org/default.aspx

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