Fieber – Thapra

22 Jan

Amer aus Thapra

Amer aus Thapra

Es ist „Dorftag“. Das heißt, wir besuchen Dorfbewohner im Betlehem Distrikt gemeinsam mit der NGO Holy Land Trust (HLT). Diese Non-Profit-Organisation hat eine lange Tradition im Training von gewaltfreien Strategien und kümmert sich in persönlicher Weise um palästinensische Dörfer und ihre Probleme. Unsere Kontaktperson Marwan Al Farar’ja ist dort „Area Field Coordinator“ und holt uns mit einem Taxi ab. Es geht über viele Hügel mitten hinein in Bethlehems Umland. Wir bremsen vor einem Häuslein in Wadi Rahhal, in dem zwei Familien wohnen. Die meisten Dorfbewohner hier sind Schäfer und lassen ihre Tiere seit Jahrhunderten hier weiden. „Jeden Samstag, also am jüdischen Feiertag Schabbat, kommen jüdische Siedler von der benachbarten Siedlung Efrat hierher“, berichtet einer der Männer drinnen bei süßem Pfefferminztee. Manchmal kämen sie zu Fuß, manchmal auch mit dem Jeep. Begleitet werden die Siedler zumeist von riesigen Hunden, die keine Schäferhunde seien, sondern aussehen wie riesige Kälber. „Wir flüchten dann in unsere Häuser und schließen uns solange ein, bis sie weg sind“, sagt der Mann, das Familienoberhaupt. Dies geschehe seit Jahren an jeden Samstag regelmäßig, manchmal auch an anderen Tagen in der Woche. Die Siedler werden jedes Mal von privaten Sicherheitsleuten begleitet. Die Schäfer werden daran gehindert, ihre Tiere zu weiden. Der Tagesablauf ist gestört. „Manchmal werden die Siedler auch von israelischen Soldaten und der Polizei begleitet – in einer Eskorte.“

Wir machen uns Notizen und fahren weiter nach Thapra. Diese kleine Dorfgemeinschaft ist eine der ärmsten in der Westbank.

Obwohl wir in den zwei Monaten schon einiges gesehen haben, ist die Familie, die wir hier besuchen, mit Abstand auf dem niedrigsten Niveau bezüglich der Lebensqualität. In dem Haus mit den feuchten Wänden wohnen zwei Familien verteilt auf zwei Räume. Ein kleiner Elektroheizer versucht ein wenig Wärme in dem größeren Zimmer zu verteilen. Die Ehepaare, die Großmutter und alle Kinder strahlen und begrüßen uns offen und warmherzig. Draußen gießt es in Strömen. Auf dem Sofa liegt ein kleiner Junge mit müdem, blassem Gesicht. Ab und zu stöhnt er und schließt die Augen.

Seine Mutter erzählt:„Mein Sohn Amer ist krank. Er ist 15 Jahre alt, aber, ja, ich weiß, er sieht aus wie sechs oder sieben. 2002 als die zweite Intifada im Gange war, bekam er eines

Amers Rollstuhl

Amers Rollstuhl

Tages Fieber. Er hatte 41 Grad und ich schaffte es nicht, das Fieber zu senken. Also nahm ich ihn auf den Arm und trug ihn durch die Hügel Richtung Bethlehem (Anm.: Die Entfernung Thapra-Bethlehem beträgt etwa 14 Kilometer). Die gesamte Stadt stand unter Ausgangssperre, niemand durfte nach Bethlehem hinein oder heraus, überall standen Soldaten. Ich bat einen von ihnen, mich durchzulassen, weil ich mit Amer in ein Krankenhaus wollte. Aber sie ließen mich nicht. Mit meinem kranken Kind auf dem Arm musste ich den ganzen Weg wieder nach Hause laufen, ohne irgendeine

Die Mutter vom Amer

Die Mutter von Amer

Chance auf medizinische Versorgung oder darauf, wenigstens einmal mit einem Arzt zu sprechen. Erst nach einer Woche durften wir mit unserem Sohn das staatliche Krankenhaus in Beit Jalla aufsuchen. Aber es war zu spät. Amer hatte eine Hirnhautentzündung bekommen und sein Gehirn war so geschädigt, dass uns die Ärzte keine Hoffnung mehr machen konnten. Jetzt liegt er hier, er kann nicht laufen und nicht sprechen. Das einzige, was er essen kann, ist flüssige Astronautenkost. Jedes Glas muss ich in der Apotheke kaufen und das kostet pro Stück 20 Shekel (ca. 4 Euro). Wir haben niemanden, der uns unterstützt und manchmal können wir uns die teure Astrokost nicht leisten. Letztes Jahr hat uns jemand einen Rollstuhl für Amer besorgt. Jetzt kann er im Sommer wenigstens draußen sitzen und die Sonne genießen, das liebt er. Und wenn jemand von ihm Fotos macht, das mag er auch. Das Foto über dem Sofa ist Amer kurz vor seiner Erkrankung. Wir lassen es dort hängen, wir finden es schön. Er war ein ganz normaler Junge. Wir lieben ihn so wie er ist.“

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