Im Regen – Tulkarm

1 Feb

Demonstrieren für Freiheit: Frauen aus Tulkarm zeigen die Fotos ihrer Söhne.

Demonstrieren für Freiheit: Frauen aus Tulkarm zeigen die Fotos ihrer Söhne. Foto: Liva Haensel

Zerknittert, farbenfroh, alt, hell: Die Gesichter auf den Fotos blicken oft nachdenklich in die Kamera, manche lächeln. Einige Männer darauf wenden ihren Blick nach oben, so als würden sie dort die Antwort auf alle ihre Frage finden. Es ist Dienstag, 10 Uhr, in Tulkarm, und vor dem Gebäude des Roten Kreuzes sitzen Mütter, Väter, Schwestern und Brüder auf Plastikstühlen. Sie alle haben etwas gemeinsam: Ihre zumeist männlichen Verwandten sitzen in israelischen Gefängnissen und sie demonstrieren für ihre Freilassung. „Allein aus Tulkarm sitzen 600 Männer in Haft“, sagt ein Mann, der seinen Namen nicht öffentlich nennen möchte. Während des Gilat-Shalit-Deals zwischen Israel und der Hamas kamen tausende Palästinenser frei. Doch die gute Geste spiegelt nicht unbedingt wider, was sich hinter den Kulissen des „big deal“ abspielte. Denn während gerade junge Männer – oftmals der Kollaboration und gewalttätiger Akte verdächtig – aus israelischen Gefängnissen entlassen wurden, nahmen israelische Soldaten kurz danach erneut hunderte Palästinenser fest. Oft nachts, ohne Angabe von Gründen, und vor allem in Flüchtlingslagern. Den Orten, an denen Israelis die meisten Attentäter und Terroristen vermuten. Das Rote Kreuz organisiert die Gefangenenbesuche für die Familien und beobachtet deren Unterbringung in Israel.

Das erste Mauerstück war hier

„Mein Söhne sind beide weg. Wir haben sie verloren“, sagt eine Frau mit weißem Kopftuch und besticktem Kleid. Der eine sitzt seit acht Jahren ein, er wird voraussichtlich in 2020 entlassen. Der andere ist ein Märtyrer, jemand, der für Palästina starb, wie die Leute hier sagen. Ob er sich in die Luft sprengte oder während der Zweiten Intifada erschossen wurde? Die Frau blickt kurz nach vorne, dann wendet sie ihren Blick ab. Sie möchte nicht darüber reden, die Trauer sitzt zu tief. „In der ersten Freilassungswelle kamen rund 22 Männer aus Tulkarm frei. In der zweiten dann noch einmal zehn“, sagt der Mann mit dem unbekannten Namen. Die meisten Einwohner Tulkarms sind Flüchtlinge, die aus der Mittelmeerregion fliehen mussten als Israel 1948 seinen Unabhängigkeitskrieg führte. Nun leben sie gerade einmal 30 Kilometer von den israelischen Städten Netanja und Naharya entfernt, auf derem Grund einmal ihre Heimat war. Die israelische Mauer tangiert die 70.000-Einwohner-Stadt Tulkarm erheblich: Hier wurde 2003 das erste Mauerstück gebaut. Mittlerweile hat die Mauer eine Länge von 40 Kilometern erreicht, und noch immer ist ein Teil in Arbeit. Sie trennt die Einwohner von den umliegenden Dörfern und geht wie fast überall in der gesamten Westbank über die Grüne Linie hinaus. Viele Farmer verloren ihr Land, die Olivenbäume dort verrotten jetzt ohne jegliche Pflege.

Mahmoud Odeh undSaleh Diab vor dem improvisierten Haus in Jubara.

Mahmoud Odeh und Saleh Diab vor dem improvisierten Haus in Jubara.

Die Tür ist nur ein Plastiktisch

Bei klarem Licht erkennt man am Horizont erst die Mauer, die sich wie eine Schlange durch die Landschaft entlangzieht. Danach einen blauen Streifen, das Meer. Unerreichbar für Palästinenser, die die Westbank nicht verlassen können. In Jubara, einem Dorf zehn Kilometer von Tulkarm entfernt, leben 300 Einwohner. Das Dorf ist idyllisch auf einer Anhöhe gelegen, aber durch den Mauerbau und drei nahe gelegene jüdische Siedlungen in einer misslichen Lage. Wer nach Jubara will, muss erst einen israelischen Checkpoint passieren und dann darauf warten, dass ein israelischer Grenzsoldat das Gatter zum Dorf aufschließt, das mit Stacheldraht überzogen ist. Auf der Straße daneben rasen Autos Richtung Avne Hefez und Enav, den jüdischen Siedlungen im Norden. Die Siedlerstraße darf von Palästinensern nicht benutzt werden. Ihnen bleibt lediglich eine matschige Schotterstraße für den Transport und ein steiniger Weg bergauf von dort zum Checkpoint, denn für sie gibt es keine richtige Straße auf dem Weg nach Jubara. Wer das Gatter passieren darf, hat einen 15-Minuten-Marsch vor sich, bevor die ersten Häuser kommen. Familie Diab wohnt ganz am Ende. Die Tür zu ihrem Haus besteht aus einem Plastiktisch ohne Beine, den Familien normalweise für Grillpartys benutzen. Drinnen stehen alte Sessel neben abgewetzten Matratzen. Mutter und Vater haben sich um eine kleine Feuerstelle geschart,  eine dicke weiße Katze gähnt herzhaft daneben. Der älteste Sohn Tariq liegt nebenan. Er ist geistig und körperlich seit seiner Geburt behindert. Die Diabs nennen ihr Haus Karawan, weil es keine richtigen Wände hat. Seit 20 Jahren hat die Familie eine Hauszerstörungs-Mitteilung vom Staat Israel. Letztes Jahr wurde ihr Stall von der israelischen Armee zerstört. „Dabei sind auch unsere drei Schafe ums Leben gekommen“, sagt Saleh Diab, während seine Frau arabischen Kaffee neben dem Feuer serviert. Jubara ist im Gebiet C, das unter israelischer Kontrolle ist. Das bedeutet, dass niemand im Dorf bauen darf. Die Aufteilung der palästinensischen Gebiete in A, B und C ist ein großes Thema auf dem Papier. In Wirklichkeit bringt sie den Bewohnern lediglich Probleme, denn „die israelische Armee macht ohnehin, was sie will“, sagt Ahmed Odeh, ein ehemaliger Lehrer, der die neue Schule im Ort mitaufgebaut hat. Gerade gestern Nacht seien wieder israelische Soldaten in Jubara eingedrungen und hätten die Häuser nach Menschen durchsucht, die heimlich die Grenze nach Israel passieren, um dort zu arbeiten. „Sie kommen mindestens einmal pro Woche, ohne anzuklopfen, nachts, zack, und sie sind da.“

Trotz großer Armut: Einen Kaffee und einen armen Platz  gibt es immer für jeden Gast

Trotz großer Armut: Einen Kaffee und einen warmen Platz gibt es immer für jeden Gast. Foto: Liva Haensel

Die Hoffnung auf Schafe

Saleh Diab hofft, dass sie noch ein bisschen in ihrem Karawan bleiben können. Der Wind pfeift unaufhörlich, das Wellblech-Dach  ist innen nass vom Dauerregen. „Ich wünsche mir, dass wir wenigsten wieder ein paar Schafe  vom Roten Kreuz kriegen“, sagt er. Seine Frau lächelt und nickt. Unten am Gatter wartet Muawya, der Taxifahrer. Israel inhaftierte ihn zweimal, das letzte Mal kurz bevor er zum Studium in die USA gehen wollte. Während der Zweiten Intifada wurde jeder 2. Mann einer Familie in Tulkarm  verhaftet. Aus Sicherheitsgründen, oftmals ohne Gerichtsverhandlung. Als Muawya nach anderthalb Jahren freikam, hörte er sich wieder seine Lieblingsplatten von Bryan Adams an – „so far so good.“ Seinen Lieblingstitel hat er sich damals mit schwarzen Lettern auf sein Taxi geklebt. Morgen soll es wieder regnen. So far so good.

Fakten zu Tulkarm:
Laut Angaben des „Office for the Coordination of Humanitarian Affairs” der Vereinten Nationen (UN) hat Tulkarm derzeit 31 Absperrungen in Form von:
4 Checkpoints
1 Checkpoint auf der Grünen Linie
2 „partial“ checkpoints
13 von der israelischen Armee aufgeschüttete Erdhügel als Blockade
2 Straßensperren
5 Straßengatter
Erdwälle mit einer Höhe von rund 3 Metern
Straßenbarrieren mit einer Länge von bis zu 2 Metern

Eine Antwort to “Im Regen – Tulkarm”

  1. Jürgen Friedrich 01/02/2012 um 10:37 am #

    Die plastisch-anschauliche Schilderung lässt das Blut gefrieren über den „dort“ praktizierten Unfug. Unfug deswegen, weil „die klugen Köpfe aller Beteiligten“ zu 100% überzeugt sind zu wissen, wie der Frieden „eigentlich“ zu wahren ist.

    Aber: Intellekt und Wissenschaft reichen nicht aus. Vielleicht hilft eine Prise Poesie:

    Ich gehe langsam aus der Welt hinaus
    in eine Landschaft jenseits aller Ferne
    und was ich war und bin und was ich bleibe
    geht mit mir ohne Ungeduld und Eile
    in ein bisher noch nicht betretenes Land.

    Ich gehe langsam aus der Zeit heraus
    in eine Zukunft jenseits aller Sterne
    und was ich war und bin und immer bleiben will
    geht mit mir ohne Ungeduld und Eile
    als wär ich nie gewesen oder kaum.

    Hans Sahl (Schriftsteller; 1902-1993)
    *****

    Bei allem Respekt vor den wunderschönen 10 Zeilen mir gibt zu denken, dass Hans Sahl aus Zeit und Welt heraus geht. Nur das Schlusswort ‚kaum‘ lässt einen Hauch von andersartiger Erwartung . . . wofür meine selbstgebauten 4 Zeilen aus dem letzten Sommer für die „EWIGKEIT hier und jetzt“ eine Lanze brechen:

    Keiner kann zu Staub zerfallen.
    Heiligkeit steckt in uns allen.
    Sie schenkt mit ihrem hellen Schein
    uns EWIGKEIT und ZEIT und SEIN.

    Natürlich kann man sich über das Wunder wundern, dass in nur 4 Zeilen „so viel drin steckt“, was selbstverständlich noch interpretiert gehört.

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