Archiv | März, 2012

„Als Jude ist mein Herz gebrochen“

25 Mrz
"Für uns gibt es überall ein Denkmal": Mark Braverman am Holocaust-Mahnmal in Berlins Mitte.            Foto: Liva Haensel

"Für uns gibt es überall ein Denkmal": Mark Braverman am Holocaust-Mahnmal in Berlins Mitte. Fotos: Liva Haensel

Mark Braverman hat ein Buch verfasst, das Schweigen brechen und Menschenrechten Raum geben soll. Darin fordert der amerikanische Psychologe die Kirchen weltweit dazu auf, Israels Siedlungspolitik schnellstens Einhalt zu gebieten.  (Der Artikel erschien am 22.3.2012 in der evangelischen Wochenzeitung „die kirche“)

Von Liva Haensel
 

Der Mann blickt nach oben. Seine Augen wandern die graue Betonwand entlang, über die kleinen Unebenheiten, die Streifen, ein paar Risse. Sie bleiben an dem Stacheldraht hängen, der die Mauer entlang kriecht bis zum nächsten Wachturm. Wer als Kind mal beim Spielen in einem Stacheldrahtzaun hängengeblieben ist, der weiß wie spitz sich die Metallenden in das Fleisch bohren. Der Mann ist zierlich und schmal. Für eine Weile steht er da vor der riesigen Mauer, die ihm ihre graue Fassade entgegenstreckt und denkt nach. Dann hat er seine Antwort gefunden. Die Mauer hat sie ihm gegeben. Er kann es kaum glauben.

 Nur ein weltweiter Boykott kann den Frieden retten

Die Geschichte des Mannes, der an die Mauer in Bethlehem im besetzten Westjordanland kommt und dort sein eigenes Ich findet, ist die von Mark Braverman. Es ist die Geschichte eines amerikanischen Juden, der im Nachkriegs-Amerika in einem jüdisch-traditionellen Haushalt in Philadelphia großwird und viele Jahre zionistisches Dasein führt. Mark Braverman nennt es „my jewish bubble – meine jüdische Blase“. Es habe gedauert, zu verstehen, dass Jüdischsein nicht nur Opfersein bedeutet, dass nicht alle den Juden an den Kragen wollen und Araber und Deutsche per se keine schlechten Menschen seien, sagt er. Braverman steht vor 60 Menschen im Berliner Hendrik-Kraemer-Haus, die gekommen sind, um ihm zuzuhören. Seine Dolmetscherin schwitzt. Die deutschen Worte kommen ihr rasch über die Lippen. Aber der Nahostkonflikt ist kein leichtes Thema. Noch nicht einmal für Menschen, die ihn nur in eine andere Sprache übersetzen.

Madonna flevit: Weinende Madonna als Kunstwerk an der Mauer in Bethlehem in der Nähe des Car-Checkpoint.

Madonna flevit: Weinende Madonna als Kunstwerk an der Mauer in Bethlehem in der Nähe des Car-Checkpoint.

Die Kirchen sind passiv

2006 fuhr der 64-Jährige, der in Washington DC lebt, nach Israel und besuchte das erste Mal auch die Westbank. Als er vor dem israelischen Sperrwall stand, der Bethlehem von Jerusalem trennt, habe er das erste Mal verstanden, was mit ihm als Jude los ist: „Diese Mauer stand für die physische Manifestation unserer jüdischen Identität. Wir Juden sind umringt von einer Mauer, wir haben uns in einer Burg verschanzt“, sagt er zu seinen deutschen Zuhörern. Von Klein auf lerne jeder Jude, dass er verfolgt werde und Feinde habe. Die Welt ist voller Antisemiten und Bösewichten, voller iranischer Nuklearwaffen und arabischer Nachbarn, deutscher Nazis  – und antijüdischer Christen. „So wachsen wir auf“, sagt Braverman, der klinischer Psychologe ist und an der Medical Harvard University studiert hat. Fatal sei daran, dass sich Juden dadurch in eine Sonderrolle begeben, die vor allem an der Politik Israels zum Ausdruck kommt. In seinem soeben im Gütersloher Verlagshaus erschienenen Buch „Verhängnisvolle Scham – Israels Politik und das Schweigen der Christen“, prangert Mark Braverman genau dies an. Und fordert umgehend zum Handeln auf. Aber nicht, indem er sich an eine jüdische Leserschaft wendet, sondern explizit an Christen. Sie seien diejenigen, die seit Jahrhunderten über ein gut funktionierendes Netzwerk verfügen und dies nun ausnutzen sollten, um Israels Verstöße gegen die Menschenrechte der palästinensischen Bevölkerung zu ahnden. „Kirchen sind überall aktiv. Nur im Israel-Palästina-Konflikt mischen sie sich nicht ein, das ist ein Tabu, an das sie nicht rangehen.“ Dabei sei gerade das 2009 erschienene Kairos-Palestine-Dokument mit seinem Boykottaufruf für Palästina ein Meilenstein und eine große Chance, findet er. Denn nur durch einen weltweiten Boykott gegen Israel, wie er damals durch die Kirchenführer in Südafrikas Apartheidssystem öffentlich gemacht wurde, kann die Internationale Gemeinschaft noch das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat und Frieden im Nahen Osten retten, findet er.

Schreibt schon wieder an einem neuen Buch: Braverman nachdenklich.Deutschland und Israel – eine besondere Beziehung

Braverman kommt gerade aus der Westbank, er war Teilnehmer der Konferenz „Christ at the Checkpoint“, die zum zweiten Mal in Bethlehem am Bible College stattfand und 600 renommierte Theologen aus aller Welt versammelte. Er ist deprimiert. Die Israelis haben gerade wieder tausende Dunum palästinensischen Lands enteignet und mehrere Dutzend Palästinenser verhaftet, die ohne Anwalt und Gerichtsverhandlungen festgehalten werden. In Khallet Sakarya, einem Dorf bei Bethlehem, haben radikale jüdische Siedler 450 Olivenbäume abgeholzt. UN Ocha, das Büro der Vereinten Nationen in den besetzten palästinensischen Gebieten, dokumentiet die Zahl von 24 toten Palästinensern diese Woche in Gaza und 24 Palästinensern, die bei gewaltfreien Demonstrationen in der Westbank von israelischen Soldaten verletzt wurden. Es ist eine unruhige Zeit, in der Braverman sein Buch auf Deutsch herausgebracht hat. Eine Zeit, in der der SPD-Politiker Sigmar Gabriel seinen Eindruck von Hebron bei seiner Nahostreise mit dem Wort Apartheid beschreibt  und kurz danach Antisemitismus-Vorwürfe erntet. Deutschland und Israel, das ist eine besondere Beziehung. Braverman weiß das.

Du bist jüdisch, na und?

In der Konferenz ging es darum, wie sich Hoffnung in einem Konflikt säen lässt, der hoffnungslos erscheint in einer Stadt, die mittlerweile von 15 illegalen jüdischen Siedlungen und 90.000 jüdischen Einwohnern darin umschlossen ist. Seiner Erfahrungen im Jahr 2006 in der Westbank ließen Braverman, den überzeugten Juden, der immer an den Staat Israel geglaubt hatte, entsetzt zurück.  Der Psychologe, der sich in den USA in seiner Arbeit intensiv mit Traumaopfern befasst hatte, fuhr nach Nablus und Jenin im Norden, er sprach mit palästinensischen Muslimen und Christen in Ost-Jerusalem und Ramallah. Er besuchte Daoud Nassar, der das Friedensprojekt „Tent of nations“ bei Bethlehem unterhält und der seit 1991 gegen die Ladenteignung seines Hügels ankämpft. Braverman gründete kurz danach den Verein „Freunde von Tent of Nations in Nordamerika“, dessen Vorsitzender er jetzt ist. Im Gegensatz zu verschlossenen Israelis, die nichts über die Besatzung und ihre dunkle Seite wissen wollten, stieß er auf der anderen Seite auf offene Ohren. „Okay, Du bist jüdisch, na und, toll, dass Du hier bist. Jetzt lass uns endlich reden“, war die Reaktion von palästinensischen Menschen, die er dort traf. Sein Buch habe die Türen der Synagogen nicht gerade geöffnet, sagt er und lacht. Aber in christlichen Gemeinden sei er auf „einen Hunger gestoßen, mehr über den Nahostkonflikt zu erfahren und sich für Gerechtigkeit einzusetzen“.

Seine einwöchige Leserreise führt in zum Abschluss auch nach Berlin, der Stadt, die Adolf Hitlers Plänen zum Großreich Germania ein Gesicht geben sollte. Braverman blickt auf ein Stück Berliner Mauer beim früheren SS-Reichshauptquartier in Mitte. Touristen knipsen Fotos auf dem Gelände von der „Topografie des Terrors“, der Ausstellung über Deutschlands Nazi-Apparat. „In Bethlehem ist die Mauer zwölf Meter hoch“, sagt Braverman. Mauern schaffen keinen Frieden. An dem „Stiftung Denkmal zur Ermordung der Juden Europas“ setzt er sich auf eine der grauen Stelen und blickt um sich. „Für uns Juden gibt es überall ein Denkmal.“

 Jesus ist ein Revoluzzer unter römischer Besatzung

Sein Buch ist dick geworden, teilweise kommen die Worte auf den 336 Seiten sogar ein wenig schwülstig-langatmig daher. Jesus ist darin ein palästinensischer Jude, der unter römischer Besatzung lebt, ein Revoluzzer. Hanna Lehming, Referentin für christlich-jüdischen Dialog der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, bezeichnet es in einer Rezension als „Stimmungsmache ohne Aufklärung“ und den Autor „als weder historisch, noch theologisch sachkundig“. Doch die Stärke des Autors liegt in seinem psychologischen Verständnis für Menschen und seines Graswurzel-Aktionismus, der Wissenschaft zwar mit einbezieht, aber sie nicht als Voraussetzung für eine Friedensbewegung sieht. Die These, dass Christen durch ihr Engagement einen gerechten Frieden in Israel und Palästina verantwortlich hervorrufen können aus jüdischer Sicht, ist die wahre Sensation des Buches . „Ich bin zutiefst verstört und mein Herz ist gebrochen, wenn ich als Jude sehe, was der jüdische Staat in meinen Namen macht“, sagt Braverman. Den Vorwurf des Antijudaismus und Antisemitismus, wenn man mit klaren Worten die Menschenrechtsverletzungen Israels benennt, müssten gerade die Deutschen überwinden. „Es wird unangenehm für Sie werden, aber sie müssen sich davon befreien. Dieses Kreuz müssen jetzt Sie tragen.“

"Fatal embrace" erschien das erste Mal 2010 auf Englisch in den USA.

"Fatal embrace" erschien das erste Mal 2010 auf Englisch in den USA.

Buch: Mark Braverman: Verhängnisvolle Scham. Israels Politik und das Schweigen der Christen. Gütersloher Verlagshaus 2011, 29,90 Euro
 
 
 Zur Person: Mark Braverman, geb. 1948, wuchs in einer jüdischen Familie in Philadelphia auf. Er studierte englische Literatur und Psychologie und promovierte später in Harvard. Bevor er sich ganz dem Engagement im Nahostkonflikt widmete, arbeitete er in mehreren Kliniken und NGOs. Als Psychologe ist er spezialisiert auf posttraumatische Störungen bei Menschen, die in Konfliktregionen leben. Braverman ist Vorsitzender und Mitglied mehrerer Menschenrechtsorganisationen, darunter von „Friends of Tent of Nations Northamerica“, dem „Israeli Commitee against house demolishions“ sowie „American Jews for a just peace“.

Israel’s Love and Iran’s fear

21 Mrz
Israel loves Iran

Der Regierung eins ausgewischt: israelische Posterkampagne auf facebook.

Wer hat eigentlich Angst vor wem im Nahen Osten? Muss Israel Angst haben vor iranischen Bombentüftlern, die an einem Atomwaffenprogramm arbeiten, das noch gar nicht fertig ist? Oder sind es vielmehr die 75 Millionen Iraner, die jetzt zittern seit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im vergangenen  November den Iran als Israels Erzfeind Nummer eins ausgemacht hat? Ich traf gestern eine Frau auf der Straße aus der Nachbarschaft, deren Stimme ernst und dunkel wurde als sie ihre Sorge vortrug: „Der Iran droht mit der Atombombe und will Israel auslöschen. Vielleicht wird es den Staat Israel dann irgendwann nicht mehr geben. Ich habe Angst!“ Ja, ich auch, dachte ich nur während ich den silbernen hebräischen Buchstaben l’chaim   (= auf das Leben), der an ihrer Halskette baumelte, betrachtete. Ich habe Angst, dass sich weiter Spaliere bilden zwischen dem ach so zivilisierten Westen, dessen Teil ich als Deutsche bin, und dem verwilderten arabischen Osten, der nach Demokratie sucht und islamische Parteien gründet. Mein gebildeter, aufgeklärter Westen in Form der Bundesrepublik Deutschland hat jetzt gerade wieder Israel Unterstützung zugesagt, indem es drei U-Boote der Sorte Dolphin zugesagt hat. Dolphins sind Kriegswaffen, die Raketen transportieren können und werden genau zu dem Zweck eingesetzt. Die Bevölkerung des eingesperrten Gazastreifens litt besonders unter deutschen Waffen 2008/2009 als die israelische Armee in Gaza einrückte und 1500 Zivilisten tötete. Die unbemannten Drohnen, die vom Himmel herunterkamen und Kinder, Frauen und Männer schwer verletzten und töteten, kamen aus unserer Heimat. Hatten wir Deutsche nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, der Zerstörung und fast vollkommenen Auslöschung des jüdischen Volkes mit Massenvernichtungsmitteln gesagt „NIE WIEDER?“

Wahre Freundschaft zu Israel?

Einwohner der Stadt Kiel wollen jetzt beim Ostermarsch gegen Israel und die deutsche Beteiligung an Kriegen demonstrieren, wie die taz berichtet. Im taz-Artikel heißt es: „Seit Ende Februar liegt das erste U-Boot der neuen Dolphin-Klasse im Dock der Kieler HDW-Werft. Nach Informationen der ARD-Tagesschau haben die Boote Mittelstreckenraketen an Bord, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. Ein israelischer Regierungsmitarbeiter sagte der Tageszeitung Haaretz, die Lieferung aus Kiel habe „große strategische Bedeutung“ für Israels Sicherheit.“ Aha, da haben wir sie also wieder, die Atomwaffen. Die „Freundschaft“ zu Israel besteht nicht aus Reflexion über die deutsch-jüdische Geschichte, aufrichtige Anteilnahme und konstruktive Kritik bezüglich Israels  auf der Basis internationalen Völkerrechts. Sondern Waffen- und Geldlieferungen. Geht so Frieden? Aber kommen wir zurück zum Iran und einer möglichen Bombengefahr. Die Verwirrung ist da. Und groß. Bei aller Ernsthaftigkeit, die das Thema birgt und bei allen Ängsten auf beiden Seiten, ist dennoch bemerkenswert, dass sich derzeit – seit sich die Drohgebärden auf beiden Seiten gesteigert haben – fast niemand in der deutschen Medienlandschaft und darüber hinaus mit der Bedrohung israelischer Atomwaffen beschäftigt. Das ist fast schon putzig. Der Iran ist böse, aber Israel nicht? Dabei ist Israels Rüstungsprogramm im Gegensatz zu der vermuteten iranischen Atomwaffe ein ganz reales. Es ist daher passend an einen alten Freund Israels zu erinnern, der als erster öffentlich über Israels Atomwaffen sprach. Mordechai Vanunu, Nukleartechniker in Dimona, hatte 1986 nach seinem Weggang aus Israel in einer englischen Zeitung über die Rüstungsprogramme und Waffen seines Heimatlandes gesprochen. Er wurde als Landesverräter inhaftiert und kam 2004 unter strengen Auflagen frei. Vanunu hat sicher eine Meinung zur derzeitigen Endzeitstimmung, die Netanjahu verbreitet. Leider darf er die aber nicht sagen, da er weder reden noch schreiben noch das Land verlassen kann. So kann Heimat zum Gefängnis werden und Demokratie verkommt zu einer Worthülse. Der israelische Friedensaktivist mit deutschen Wurzeln, Uri Avnery, hat einmal einen Witz dazu erzählt, der so geht: In der Dunkelheit eines Kinosaales hört man eine Frauenstimme: „He! Nimm deine Hände weg! Nicht du! Du!“ Dieser alte Witz illustriert die amerikanische Politik, wenn es sich um Atomwaffen im Nahen Osten handelt. „He, ihr da, der Irak, der Iran und Libyen macht Schluss damit! Nein, Israel, du nicht!“

Iranische Juden gehen nicht nach Israel

Aber, hey, was ist jetzt eigentlich mit den 250.000 iranischen Juden, die im jüdischen Staat mit 20%-iger palästinensischer Bevölkerung leben? Und was ist mit den rund 25.000 Juden,

Die iranische Antwort auf die Posterkampagne ließ nicht lange auf sich warten...

Die iranische Antwort auf die Posterkampagne ließ nicht lange auf sich warten...

die in ihrer Heimat Iran leben? Nach dem Inkrafttreten des Mullahregimes im Iran verließen nach 1979 viele Juden das Land und siedelten sich woanders an –  nur ein Drittel der Exilanten allerdings im jüdischen Staat. Warum geht ein bedrohtes Volk nicht in das „Land der Väter“, wenn es doch dort eine Heimstätte und Zuflucht vor Verfolgung und Feinden dieser Welt finden wird? Die Antwort liegt irgendwo im Graubereich zwischen Diskriminierung von arabischen und afrikanischen Juden in Israel, einer fatalen Spaltung zwischen „jüdischer“ und „arabischer“ Lebens-Welt (die Jahrhunderte lang eine war!) und einem Unwohlsein arabischer Juden, sich zwischen dem jüdischen Staat und ihrer arabischen Herkunft, Sprache und Kultur entscheiden zu müssen, weil Israels Politik ihnen keine andere Wahl lässt. Mittlerweile verlassen mehr Juden Israel, als dass sie dort einwandern. Ein Staat, der die palästinensische Bevölkerung ihrer Lebensgrundlage beraubt und sich seit 1967 (und in Teilen auch schon vorher) dem Völkerrecht widersetzt, ist nicht mehr attraktiv. Und Sicherheit garantiert er seinen Bürgern schon mal gar nicht.

Wir lieben Euch!

Ein paar iranische Juden sind schon in Berlin gestrandet. Die Poster-Kampagne eines israelischen Ehepaares mit der Aufschrift „Iranians, we love you. We will never bomb your country“ ist fast rührend, die facebook-Gruppe „Israel loves Iran“ hat jetzt 8500 Mitglieder. Ich finde, wir sollten nicht  nur traumatisierte Israelis hier aufnehmen, die mittlerweile schon eine ganze  Kleinstadt mit ihren rund 15.000 Einwohnern in Berlin füllen könnten und die Stadt bunt machen. Iraner, welcome, too! Wer immer Angst vor der israelischen Atombombe hat, der komme hierher! Lasst uns gemeinsam türkischen Kaffee in Mitte trinken.

Nachtgefühle

13 Mrz
Konfrontation: Ein Teilnehmer der Freitagsdemonstration in Al Masara steht israelischen Soldaten gegenüber.

Konfrontation: Ein Teilnehmer der Freitagsdemonstration in Al Masara steht israelischen Soldaten gegenüber.

Gestern Nacht machte ich eine eigenartige und für mich gänzlich neue Entdeckung: Ich machte die Entdeckung, wie es sich anfühlt, wenn man auf einmal als antisemitisch dargestellt wird. Ich las einen Artikel in der „Jüdischen Allgemeinen“ von Gil Yaron, der in der facebook-Gruppe der Zeitung von der Onlineredaktion gepostet worden war. In dem Artikel wurde vor allem die israelische Seite erwähnt, die Kinder,  die jetzt wieder in Tunneln sitzen müssen, um sich vor den Raketen der radikalen Palästinenser zu schützen. „Israel reagierte mit Luftangriffen auf Terrorzellen und Ausbildungslager“, heißt es da und dass die stellvertretende Bürgermeisterin Hefzi Sohar die Lage in ihrer Stadt Beer Sheva unhaltbar findet. Was nicht drinsteht ist, dass die Lage für palästinensische Kinder ebenso unhaltbar ist. In Sderot gibt es Spielplätze, in denen die Kinder in riesige Schneckenhäuser und Raupen schlüpfen können, die bombenfest sind, wenn Raketen aus dem Gazastreifen in der israelischen Grenzstadt einschlagen. Die Kinder sitzen dann dort drinnen auf Matratzen, haben vielleicht noch das Kaugummipapier in der Hand, mit dem sie eben noch draußen gespielt haben, und warten. Das ist nicht lustig und es ist definiv keine schöne Kindheit, die diese kleinen Bewohner in Sderot ertragen müssen. Es ist dann für diese israelischen Kinder natürlich auch nicht einfach wahrnehmen zu können, dass auf der „anderen Seite“ auch Menschen mit Ängsten wohnen. Man sieht sie nicht, man hört nur ihre Raketen und die schlagen krachend neben einem ein. Wo, bitteschön, soll da der gute Charakterzug von Palästinensern zu sehen sein, die ja zu den Arabern zählen und die laut Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu einen Dschungel an antiwestlichen und radikalislamischen Werten vertreten, der der einzigen Demokratie im Nahen Osten – Israel – feindlich und barbarisch gegenübersteht?

Von Jerusalem ganz zu schweigen

Die „andere Seite“ ist aber auch diejenige, die aufzeigen könnte, warum in Abständen seit Jahren immer wieder Kassamraketen von Gaza aus nach Israel abgefeuert werden. Der Gazastreifen ist seit 1967 unter israelischer Besatzung und wird nach Internationalem Recht auch so angesehen. Die Gaza-Bewohner sind ein besetztes Volk. Seit 2006 regiert die Hamas dort, die durch eine Wahl legitim an die Macht kam. Wer fragt, warum die Gaza-Bewohner eine konservative und islamistische Partei zum Zuge kommen ließen, die sich nicht um ihre Bevölkerung schert, der muss auch fragen, warum Israelis Netanjahu wählten, der in Koalition mit einer nationalistischen radikalen Partei ist, die illegale jüdische Siedlungen unterstützt und einen Außenminster hat, der südlich von Bethlehem in eben so einer wohnt. Die Realität des Gazastreifens ist die Blockade, die Israel verhängt und die die Fragmentierung der palästinensischen Gebiete zur Folge hatte. Kein Gaza-Bewohner kann in die Westbank fahren, kein Westbank-Palästinenser nach Gaza. Von Jerusalem ganz zu schweigen. Wenn man in der facebook-Gruppe der Jüdischen Allgemeinen das Ende der Besatzung fordert und darauf aufmerksam macht, dass die Besatzung illegal ist, beginnt ein Krieg wie im Nahen Osten. Es fallen Worte wie „Judenhasserin, Israelhasserin, Antisemitin und Deutsche Christin“. Zwei Männer drohten dort damit, meinen Namen an die israelische Grenzpolizei weiterzugeben und mich zu denunzieren. Mit Menschenrechten, internationalem Völkerrecht und Demokratieverständnis hat das wenig zu tun. Der Krieg zwischen Israelis und Palästinensern wird quasi online weiter fortgeführt, mit radikalen Miteln und allem, was einem zur Verfügung steht, auf eine billige Art und Weise. Es kostet nichts, Leute mal eben so zu Antisemiten zu machen. Die, die es wirklich sind, wird dies sogar extrem freuen.

Deutsche, die sagen, sie lieben Israel

Handala ist die Kreation des Künstlers Naji Al-Ali. Der zehnjährige Flüchtlingsjunge verkörpert wie kein andere Cartoon den Kampf der Palästinenser für Freiheit und Selbstbestimmung.

Handala ist die Kreation des Künstlers Naji Al-Ali. Der zehnjährige Flüchtlingsjunge verkörpert wie kein anderes Cartoon den Kampf der Palästinenser für Freiheit und Selbstbestimmung.

Das ist erschreckend, traurig. Es ist schockierend. Die Wirklichkeit trifft es auch, denn viele israelische Freunde und Bekannte berichten immer wieder davon, wie stark sie für ihre regierungskritische Meinung angegriffen werden. Aber wir leben hier in einer Demokratie in Deutschland, und Israel wird nicht müde zu erwähnen, dass es auch eine ist. Also verhalten wir uns so. Wenn Sie also eine Meinung zum Nahostkonflikt haben, wenn sie für Menschenrechte sind, dann werden sie nicht müde, das auch zu posten. Sie müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Sie werden auf Angehörige der IDF (Israel Defense Forces) stoßen, die stolz eine Timeline zu dem Gazakrieg auf ihre Website stellen. Sie stoßen auf überzeugte Zionisten und Evangelikale, auf jüdische Siedler und Deutsche, die sagen, sie lieben Israel und dass wir eine Verantwortung tragen wegen unserer Geschichte. Ja, stimmt, genau, tun wir. Und sie treffen auf Redakteure, die weghören und beleidigende Userkommentare nicht löschen. Kurzum: Sie werden ihr blaues Wunder erleben.  Aber all das machts nichts. Denn wenn wir leise werden, wird die Gewalt nur umso lauter. Jede Stimme zählt. Ihr Kommentar ist wichtig und zeigt, dass es eine andere Wirklichkeit gibt als die, die einige Menschen glauben wollen. Ob die je in der Westbank waren, in Gaza oder im von Israel annektierten Ost-Jerusalem? Das können sie ja mal ausdiskutieren, wie es da dann so aussieht, so voller radikaler Islamisten, Judenhasser und so weiter. Dort hängen sicher auch ganz viele Netze, um die Juden alle einzufangen und sie dann ins Rote – oder Tote – Meer zu werfen. Ich glaube, ich werde heute Nacht ruhig schlafen.

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