Nachtgefühle

13 Mrz

Konfrontation: Ein Teilnehmer der Freitagsdemonstration in Al Masara steht israelischen Soldaten gegenüber.

Konfrontation: Ein Teilnehmer der Freitagsdemonstration in Al Masara steht israelischen Soldaten gegenüber.

Gestern Nacht machte ich eine eigenartige und für mich gänzlich neue Entdeckung: Ich machte die Entdeckung, wie es sich anfühlt, wenn man auf einmal als antisemitisch dargestellt wird. Ich las einen Artikel in der „Jüdischen Allgemeinen“ von Gil Yaron, der in der facebook-Gruppe der Zeitung von der Onlineredaktion gepostet worden war. In dem Artikel wurde vor allem die israelische Seite erwähnt, die Kinder,  die jetzt wieder in Tunneln sitzen müssen, um sich vor den Raketen der radikalen Palästinenser zu schützen. „Israel reagierte mit Luftangriffen auf Terrorzellen und Ausbildungslager“, heißt es da und dass die stellvertretende Bürgermeisterin Hefzi Sohar die Lage in ihrer Stadt Beer Sheva unhaltbar findet. Was nicht drinsteht ist, dass die Lage für palästinensische Kinder ebenso unhaltbar ist. In Sderot gibt es Spielplätze, in denen die Kinder in riesige Schneckenhäuser und Raupen schlüpfen können, die bombenfest sind, wenn Raketen aus dem Gazastreifen in der israelischen Grenzstadt einschlagen. Die Kinder sitzen dann dort drinnen auf Matratzen, haben vielleicht noch das Kaugummipapier in der Hand, mit dem sie eben noch draußen gespielt haben, und warten. Das ist nicht lustig und es ist definiv keine schöne Kindheit, die diese kleinen Bewohner in Sderot ertragen müssen. Es ist dann für diese israelischen Kinder natürlich auch nicht einfach wahrnehmen zu können, dass auf der „anderen Seite“ auch Menschen mit Ängsten wohnen. Man sieht sie nicht, man hört nur ihre Raketen und die schlagen krachend neben einem ein. Wo, bitteschön, soll da der gute Charakterzug von Palästinensern zu sehen sein, die ja zu den Arabern zählen und die laut Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu einen Dschungel an antiwestlichen und radikalislamischen Werten vertreten, der der einzigen Demokratie im Nahen Osten – Israel – feindlich und barbarisch gegenübersteht?

Von Jerusalem ganz zu schweigen

Die „andere Seite“ ist aber auch diejenige, die aufzeigen könnte, warum in Abständen seit Jahren immer wieder Kassamraketen von Gaza aus nach Israel abgefeuert werden. Der Gazastreifen ist seit 1967 unter israelischer Besatzung und wird nach Internationalem Recht auch so angesehen. Die Gaza-Bewohner sind ein besetztes Volk. Seit 2006 regiert die Hamas dort, die durch eine Wahl legitim an die Macht kam. Wer fragt, warum die Gaza-Bewohner eine konservative und islamistische Partei zum Zuge kommen ließen, die sich nicht um ihre Bevölkerung schert, der muss auch fragen, warum Israelis Netanjahu wählten, der in Koalition mit einer nationalistischen radikalen Partei ist, die illegale jüdische Siedlungen unterstützt und einen Außenminster hat, der südlich von Bethlehem in eben so einer wohnt. Die Realität des Gazastreifens ist die Blockade, die Israel verhängt und die die Fragmentierung der palästinensischen Gebiete zur Folge hatte. Kein Gaza-Bewohner kann in die Westbank fahren, kein Westbank-Palästinenser nach Gaza. Von Jerusalem ganz zu schweigen. Wenn man in der facebook-Gruppe der Jüdischen Allgemeinen das Ende der Besatzung fordert und darauf aufmerksam macht, dass die Besatzung illegal ist, beginnt ein Krieg wie im Nahen Osten. Es fallen Worte wie „Judenhasserin, Israelhasserin, Antisemitin und Deutsche Christin“. Zwei Männer drohten dort damit, meinen Namen an die israelische Grenzpolizei weiterzugeben und mich zu denunzieren. Mit Menschenrechten, internationalem Völkerrecht und Demokratieverständnis hat das wenig zu tun. Der Krieg zwischen Israelis und Palästinensern wird quasi online weiter fortgeführt, mit radikalen Miteln und allem, was einem zur Verfügung steht, auf eine billige Art und Weise. Es kostet nichts, Leute mal eben so zu Antisemiten zu machen. Die, die es wirklich sind, wird dies sogar extrem freuen.

Deutsche, die sagen, sie lieben Israel

Handala ist die Kreation des Künstlers Naji Al-Ali. Der zehnjährige Flüchtlingsjunge verkörpert wie kein andere Cartoon den Kampf der Palästinenser für Freiheit und Selbstbestimmung.

Handala ist die Kreation des Künstlers Naji Al-Ali. Der zehnjährige Flüchtlingsjunge verkörpert wie kein anderes Cartoon den Kampf der Palästinenser für Freiheit und Selbstbestimmung.

Das ist erschreckend, traurig. Es ist schockierend. Die Wirklichkeit trifft es auch, denn viele israelische Freunde und Bekannte berichten immer wieder davon, wie stark sie für ihre regierungskritische Meinung angegriffen werden. Aber wir leben hier in einer Demokratie in Deutschland, und Israel wird nicht müde zu erwähnen, dass es auch eine ist. Also verhalten wir uns so. Wenn Sie also eine Meinung zum Nahostkonflikt haben, wenn sie für Menschenrechte sind, dann werden sie nicht müde, das auch zu posten. Sie müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Sie werden auf Angehörige der IDF (Israel Defense Forces) stoßen, die stolz eine Timeline zu dem Gazakrieg auf ihre Website stellen. Sie stoßen auf überzeugte Zionisten und Evangelikale, auf jüdische Siedler und Deutsche, die sagen, sie lieben Israel und dass wir eine Verantwortung tragen wegen unserer Geschichte. Ja, stimmt, genau, tun wir. Und sie treffen auf Redakteure, die weghören und beleidigende Userkommentare nicht löschen. Kurzum: Sie werden ihr blaues Wunder erleben.  Aber all das machts nichts. Denn wenn wir leise werden, wird die Gewalt nur umso lauter. Jede Stimme zählt. Ihr Kommentar ist wichtig und zeigt, dass es eine andere Wirklichkeit gibt als die, die einige Menschen glauben wollen. Ob die je in der Westbank waren, in Gaza oder im von Israel annektierten Ost-Jerusalem? Das können sie ja mal ausdiskutieren, wie es da dann so aussieht, so voller radikaler Islamisten, Judenhasser und so weiter. Dort hängen sicher auch ganz viele Netze, um die Juden alle einzufangen und sie dann ins Rote – oder Tote – Meer zu werfen. Ich glaube, ich werde heute Nacht ruhig schlafen.

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