„Als Jude ist mein Herz gebrochen“

25 Mrz

"Für uns gibt es überall ein Denkmal": Mark Braverman am Holocaust-Mahnmal in Berlins Mitte.            Foto: Liva Haensel

"Für uns gibt es überall ein Denkmal": Mark Braverman am Holocaust-Mahnmal in Berlins Mitte. Fotos: Liva Haensel

Mark Braverman hat ein Buch verfasst, das Schweigen brechen und Menschenrechten Raum geben soll. Darin fordert der amerikanische Psychologe die Kirchen weltweit dazu auf, Israels Siedlungspolitik schnellstens Einhalt zu gebieten.  (Der Artikel erschien am 22.3.2012 in der evangelischen Wochenzeitung „die kirche“)

Von Liva Haensel
 

Der Mann blickt nach oben. Seine Augen wandern die graue Betonwand entlang, über die kleinen Unebenheiten, die Streifen, ein paar Risse. Sie bleiben an dem Stacheldraht hängen, der die Mauer entlang kriecht bis zum nächsten Wachturm. Wer als Kind mal beim Spielen in einem Stacheldrahtzaun hängengeblieben ist, der weiß wie spitz sich die Metallenden in das Fleisch bohren. Der Mann ist zierlich und schmal. Für eine Weile steht er da vor der riesigen Mauer, die ihm ihre graue Fassade entgegenstreckt und denkt nach. Dann hat er seine Antwort gefunden. Die Mauer hat sie ihm gegeben. Er kann es kaum glauben.

 Nur ein weltweiter Boykott kann den Frieden retten

Die Geschichte des Mannes, der an die Mauer in Bethlehem im besetzten Westjordanland kommt und dort sein eigenes Ich findet, ist die von Mark Braverman. Es ist die Geschichte eines amerikanischen Juden, der im Nachkriegs-Amerika in einem jüdisch-traditionellen Haushalt in Philadelphia großwird und viele Jahre zionistisches Dasein führt. Mark Braverman nennt es „my jewish bubble – meine jüdische Blase“. Es habe gedauert, zu verstehen, dass Jüdischsein nicht nur Opfersein bedeutet, dass nicht alle den Juden an den Kragen wollen und Araber und Deutsche per se keine schlechten Menschen seien, sagt er. Braverman steht vor 60 Menschen im Berliner Hendrik-Kraemer-Haus, die gekommen sind, um ihm zuzuhören. Seine Dolmetscherin schwitzt. Die deutschen Worte kommen ihr rasch über die Lippen. Aber der Nahostkonflikt ist kein leichtes Thema. Noch nicht einmal für Menschen, die ihn nur in eine andere Sprache übersetzen.

Madonna flevit: Weinende Madonna als Kunstwerk an der Mauer in Bethlehem in der Nähe des Car-Checkpoint.

Madonna flevit: Weinende Madonna als Kunstwerk an der Mauer in Bethlehem in der Nähe des Car-Checkpoint.

Die Kirchen sind passiv

2006 fuhr der 64-Jährige, der in Washington DC lebt, nach Israel und besuchte das erste Mal auch die Westbank. Als er vor dem israelischen Sperrwall stand, der Bethlehem von Jerusalem trennt, habe er das erste Mal verstanden, was mit ihm als Jude los ist: „Diese Mauer stand für die physische Manifestation unserer jüdischen Identität. Wir Juden sind umringt von einer Mauer, wir haben uns in einer Burg verschanzt“, sagt er zu seinen deutschen Zuhörern. Von Klein auf lerne jeder Jude, dass er verfolgt werde und Feinde habe. Die Welt ist voller Antisemiten und Bösewichten, voller iranischer Nuklearwaffen und arabischer Nachbarn, deutscher Nazis  – und antijüdischer Christen. „So wachsen wir auf“, sagt Braverman, der klinischer Psychologe ist und an der Medical Harvard University studiert hat. Fatal sei daran, dass sich Juden dadurch in eine Sonderrolle begeben, die vor allem an der Politik Israels zum Ausdruck kommt. In seinem soeben im Gütersloher Verlagshaus erschienenen Buch „Verhängnisvolle Scham – Israels Politik und das Schweigen der Christen“, prangert Mark Braverman genau dies an. Und fordert umgehend zum Handeln auf. Aber nicht, indem er sich an eine jüdische Leserschaft wendet, sondern explizit an Christen. Sie seien diejenigen, die seit Jahrhunderten über ein gut funktionierendes Netzwerk verfügen und dies nun ausnutzen sollten, um Israels Verstöße gegen die Menschenrechte der palästinensischen Bevölkerung zu ahnden. „Kirchen sind überall aktiv. Nur im Israel-Palästina-Konflikt mischen sie sich nicht ein, das ist ein Tabu, an das sie nicht rangehen.“ Dabei sei gerade das 2009 erschienene Kairos-Palestine-Dokument mit seinem Boykottaufruf für Palästina ein Meilenstein und eine große Chance, findet er. Denn nur durch einen weltweiten Boykott gegen Israel, wie er damals durch die Kirchenführer in Südafrikas Apartheidssystem öffentlich gemacht wurde, kann die Internationale Gemeinschaft noch das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat und Frieden im Nahen Osten retten, findet er.

Schreibt schon wieder an einem neuen Buch: Braverman nachdenklich.Deutschland und Israel – eine besondere Beziehung

Braverman kommt gerade aus der Westbank, er war Teilnehmer der Konferenz „Christ at the Checkpoint“, die zum zweiten Mal in Bethlehem am Bible College stattfand und 600 renommierte Theologen aus aller Welt versammelte. Er ist deprimiert. Die Israelis haben gerade wieder tausende Dunum palästinensischen Lands enteignet und mehrere Dutzend Palästinenser verhaftet, die ohne Anwalt und Gerichtsverhandlungen festgehalten werden. In Khallet Sakarya, einem Dorf bei Bethlehem, haben radikale jüdische Siedler 450 Olivenbäume abgeholzt. UN Ocha, das Büro der Vereinten Nationen in den besetzten palästinensischen Gebieten, dokumentiet die Zahl von 24 toten Palästinensern diese Woche in Gaza und 24 Palästinensern, die bei gewaltfreien Demonstrationen in der Westbank von israelischen Soldaten verletzt wurden. Es ist eine unruhige Zeit, in der Braverman sein Buch auf Deutsch herausgebracht hat. Eine Zeit, in der der SPD-Politiker Sigmar Gabriel seinen Eindruck von Hebron bei seiner Nahostreise mit dem Wort Apartheid beschreibt  und kurz danach Antisemitismus-Vorwürfe erntet. Deutschland und Israel, das ist eine besondere Beziehung. Braverman weiß das.

Du bist jüdisch, na und?

In der Konferenz ging es darum, wie sich Hoffnung in einem Konflikt säen lässt, der hoffnungslos erscheint in einer Stadt, die mittlerweile von 15 illegalen jüdischen Siedlungen und 90.000 jüdischen Einwohnern darin umschlossen ist. Seiner Erfahrungen im Jahr 2006 in der Westbank ließen Braverman, den überzeugten Juden, der immer an den Staat Israel geglaubt hatte, entsetzt zurück.  Der Psychologe, der sich in den USA in seiner Arbeit intensiv mit Traumaopfern befasst hatte, fuhr nach Nablus und Jenin im Norden, er sprach mit palästinensischen Muslimen und Christen in Ost-Jerusalem und Ramallah. Er besuchte Daoud Nassar, der das Friedensprojekt „Tent of nations“ bei Bethlehem unterhält und der seit 1991 gegen die Ladenteignung seines Hügels ankämpft. Braverman gründete kurz danach den Verein „Freunde von Tent of Nations in Nordamerika“, dessen Vorsitzender er jetzt ist. Im Gegensatz zu verschlossenen Israelis, die nichts über die Besatzung und ihre dunkle Seite wissen wollten, stieß er auf der anderen Seite auf offene Ohren. „Okay, Du bist jüdisch, na und, toll, dass Du hier bist. Jetzt lass uns endlich reden“, war die Reaktion von palästinensischen Menschen, die er dort traf. Sein Buch habe die Türen der Synagogen nicht gerade geöffnet, sagt er und lacht. Aber in christlichen Gemeinden sei er auf „einen Hunger gestoßen, mehr über den Nahostkonflikt zu erfahren und sich für Gerechtigkeit einzusetzen“.

Seine einwöchige Leserreise führt in zum Abschluss auch nach Berlin, der Stadt, die Adolf Hitlers Plänen zum Großreich Germania ein Gesicht geben sollte. Braverman blickt auf ein Stück Berliner Mauer beim früheren SS-Reichshauptquartier in Mitte. Touristen knipsen Fotos auf dem Gelände von der „Topografie des Terrors“, der Ausstellung über Deutschlands Nazi-Apparat. „In Bethlehem ist die Mauer zwölf Meter hoch“, sagt Braverman. Mauern schaffen keinen Frieden. An dem „Stiftung Denkmal zur Ermordung der Juden Europas“ setzt er sich auf eine der grauen Stelen und blickt um sich. „Für uns Juden gibt es überall ein Denkmal.“

 Jesus ist ein Revoluzzer unter römischer Besatzung

Sein Buch ist dick geworden, teilweise kommen die Worte auf den 336 Seiten sogar ein wenig schwülstig-langatmig daher. Jesus ist darin ein palästinensischer Jude, der unter römischer Besatzung lebt, ein Revoluzzer. Hanna Lehming, Referentin für christlich-jüdischen Dialog der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, bezeichnet es in einer Rezension als „Stimmungsmache ohne Aufklärung“ und den Autor „als weder historisch, noch theologisch sachkundig“. Doch die Stärke des Autors liegt in seinem psychologischen Verständnis für Menschen und seines Graswurzel-Aktionismus, der Wissenschaft zwar mit einbezieht, aber sie nicht als Voraussetzung für eine Friedensbewegung sieht. Die These, dass Christen durch ihr Engagement einen gerechten Frieden in Israel und Palästina verantwortlich hervorrufen können aus jüdischer Sicht, ist die wahre Sensation des Buches . „Ich bin zutiefst verstört und mein Herz ist gebrochen, wenn ich als Jude sehe, was der jüdische Staat in meinen Namen macht“, sagt Braverman. Den Vorwurf des Antijudaismus und Antisemitismus, wenn man mit klaren Worten die Menschenrechtsverletzungen Israels benennt, müssten gerade die Deutschen überwinden. „Es wird unangenehm für Sie werden, aber sie müssen sich davon befreien. Dieses Kreuz müssen jetzt Sie tragen.“

"Fatal embrace" erschien das erste Mal 2010 auf Englisch in den USA.

"Fatal embrace" erschien das erste Mal 2010 auf Englisch in den USA.

Buch: Mark Braverman: Verhängnisvolle Scham. Israels Politik und das Schweigen der Christen. Gütersloher Verlagshaus 2011, 29,90 Euro
 
 
 Zur Person: Mark Braverman, geb. 1948, wuchs in einer jüdischen Familie in Philadelphia auf. Er studierte englische Literatur und Psychologie und promovierte später in Harvard. Bevor er sich ganz dem Engagement im Nahostkonflikt widmete, arbeitete er in mehreren Kliniken und NGOs. Als Psychologe ist er spezialisiert auf posttraumatische Störungen bei Menschen, die in Konfliktregionen leben. Braverman ist Vorsitzender und Mitglied mehrerer Menschenrechtsorganisationen, darunter von „Friends of Tent of Nations Northamerica“, dem „Israeli Commitee against house demolishions“ sowie „American Jews for a just peace“.

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