Archive | April, 2012

Planet Palestine

26 Apr
"Life and work in Palestine": Den Stempel für einen Staat Palästina gibt es schon, das Vertsändnis dafür noch nicht: Der Reisepass wurde kurzerhand von FLughsafenmitarbeitern in Israel für ungültig erklärt.      Fotos: Liva Haensel

Klare Aussage: Den Stempel für einen Staat Palästina gibt es schon. Fotos: Liva Haensel

Der kleine Vogel streckt seinen gebogenen Schnabel im Höhenflug Richtung Blüte. Nur ein winziges Stück trennt ihn noch von dem kostbaren Nektar, den die Blüte wie einen Kelch in sich trägt.  Wer in den Raum im ersten Stock der Biennale an der Auguststraße, Berlin-Mitte, tritt, geht vielleicht erst mal an diesem Kunstwerk vorbei. Zu unauffällig, zu weit links da oben an der Wand. Aber – halt – da steht doch noch was: State of Palestine. Ein Stempel für Dokumente, etwas Offizielles. State of was? Palestine? Gibt es doch gar nicht!

Der Jerichonektarvogel als Symbol lebt in Jordanien, Israel und den palästinensischen Gebieten.

Der Jerichonektarvogel als Symbol für Freiheit lebt in Jordanien, Israel und den palästinensischen Gebieten.

Khalet Jarrar (36) ist Grafikdesigern und Fotograf und lebt in Ramallah.

Khaled Jarrar (36) ist Grafikdesiger und Fotograf und lebt in Ramallah.

Politisches Coming-Out

In den Köpfen und Herzen von Palästinensern ist der Staat Palästina  längst schon real. Und solange  Politiker, Unterhändler, Israel, die EU, USA und die Vereinten Nationen nicht in der Lage sind, Palästinas Urbevölkerung auch rechtlich ein Land zuzugestehen, schaffen einige eben Tatsachen. So wie Khaled Jarrar, der verantwortlich zeichnet für das Kunstwerk „State of Palestine“ auf der Berlin Biennale, die eine der wichtigsten Kunstevents deutschlandweit ist und nicht mit politischen Aussagen geizt. Die Macher haben sich in diesem Jahr für neuartige Projekte entschieden, ganz unter dem Motto: „Forget Fear“ (Vergiss die Angst). Jarrars Kunststempel als „einfache Geste, die Normalität behauptet anstatt wieder und wieder über die Ein-oder Zweistaatenlösung zu diskutieren“, passt da perfekt hinein. Vor zwei Jahren stand Jarrar das erste Mal mit seinem Stempel am Checkpoint Qualandia, der Ramallah von Jerusalem trennt, und verpasste Westbank-Reisenden seinen Jerichonektarvogel direkt in ihren Reisepass. „Zuerst hatten die Leute Angst, sie sahen den Stempel und erkannten die Botschaft. Aber dann haben sie gelächelt und sich gefreut“, erzählt Jarrar über seine Aktion und das „Coming-Out“ der Passbesitzer. Dieses Lächeln liebe er sehr, sagt er. Die Angst rührt daher, dass der Palestine-Stempel zumeist bei der Ausreise am israelischen Ben-Gurion-Airport von den Sicherheitsmitarbeitern gesehen wird, und anschließend gibt es unangenehme Fragen für den Reisepass-Besitzer. Einigen Israelis wurden kurzerhand sogar die Dokumente entrissen. Am Ende bekamen sie diese zwar wieder, aber mit einem anderen dicken Stempeleintrag: cancelled (ungültig).

Green Card für die Westbank

Jarrar lacht, als er das erzählt. Der Grafikdesigner, der in Jenin aufwuchs und an der International Academy of Art in Ramallah studierte, ist bisher als politischer Künstler verschont geblieben von Haft oder Drohungen. Nur 2007, als Jarrar seine künstlerische Laufbahn zunehmend in die Öffentlichkeit verlegte, wollte ihn das israelische Militär festnehmen. Damals hatte er Bildaufnahmen von wartenden Menschen an den Checkpoints gemacht und sie dann an der Mauer auf der israelischen Seite an den Grenzübergängen in Ramallah und Nablus befestigt. Das habe die Soldaten wütend gemacht, aber die Anwesenheit von internationalen Beobachtern hätte die Israelis von Strafmaßnahmen abgehalten. Auch die Ausstellung von Green Cards in einem winzigen Office in Ramallah für Menschen, die ins Westjordanland einwandern wollen, habe ihm niemand streitig gemacht, sagt der hünenhafte Künstler, der acht Jahre lang Arafats Leibwächter war.

Gelbe Marken: Die Deutsche Post verkauft Jarrars politische Botschaft im 20iger-Pack.

Gelbe Marken: Die Deutsche Post verkauft Jarrars politische Botschaft im 20iger-Pack.

Deutsche Briefmarken unter dem Tisch

Auf der Biennale steht Jarrar ab jetzt für die kommenden drei Wochen an einem langen Holztisch mit Fotos, auf denen Menschen lachend, ernst oder schmunzelnd in die Kamera blicken und ihren Pass mit dem Palestine-Stempel entgegenstrecken. In der Hand dreht er dabei den Stempel zwischen seinen Fingern. Mittlerweile ist er durch die halbe Welt gereist, er war in Rom, Paris und Brüssel und vergangenen Frühling hat er auch schon mal am Checkpoint Charly gestanden. Seine Biennale-Ansprechpartnerin Franziska Zahl kam vor Monaten auf die Idee, der Deutschen Post Jarrars Stempelmotiv anzubieten. Jetzt kann man die Sondermarken zwar nicht am Postschalter kaufen – „der deutschen Post ist das irgendwie peinlich oder zu politisch“, so Jarrar – aber man bekommt sie entweder im Biennale-Shop in der Auguststraße 69 oder per Bestellung. Das Wichtigste ist dabei: Sie sind tatsächlich echt und frankieren Briefe und Karten. Der Palästinenser erzählt all dies mit einer Ruhe und Gelassenheit, als wäre es das Normalste der Welt. Wer es nicht besser weiß, der könnte denken, Palästina gibt es längst. Und so geht ein Staat, der noch keiner ist, auf eine Reise durch die ganze Welt und erzählt die Geschichte der Zukunft eines ganzen Volkes. Planet Palestine lebt.

Khaled Jarrar/State of Palestine auf der 7. Berlin Biennale for Contemporary Art   (27. April bis 1. Juli 2012). Ort: KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, Berlin – Die Briefmarken  sind  als 20er-Päckchen für  15 EUR zu haben (plus  1,45 EUR Portokosten) und können bei Franziska Zahl per E-Mail bestellt werden:  fz@berlinbiennale.de  – Khaled Jarrar ist am 3.5. auf der Filistina Hannover vertreten, mehr Infos dazu hier.

Nahostkonflikt – Fotoserie

15 Apr
Protest in Sheik JarrahDie andere SeiteHoffnung auf RückkehrLebensfreudeNachdenklichNie Langeweile
TrostlosIn der SchuleFehlt nieFlower-Power arabischZuhörenIMG_6296
DurchgeschnittenMasterplan JerusalemVolle FruchtParadiesischDem Himmel so nah
PufferzoneTür in die andere WeltZu klein?WeitermachenBasis legenEyewitness

Oliva Azul Fotostream auf Flickr.

Schwarze Schafe in Tel Aviv

14 Apr
Begrüßung am israelischen Flughafen: Dieses Schreiben veröffentlichte Netanjahus Sprecher am Samstagabend.

Begrüßung am israelischen Flughafen: Dieses Schreiben für die Westbank-Besucher veröffentlichte Netanjahus Sprecher Ofir Gendelman am Samstagabend via Twitter. Quelle: +972 mag

Guns' no Roses: Für die Passagiere der "Welcome-to-Palestine"-Kampane wird es keine Blumen zum Empfang gegen.          Foto: Liva Haensel

Guns no Roses: Für die Passagiere der "Welcome-to-Palestine"-Kampagne wird es keine Blumen zum Empfang geben. Foto: Liva Haensel

Auf sie warten kein Sekt oder Champagner. Keine bequemen Sessel,  erfrischendes Wasser oder gar Rosen zum Empfang. Wenn sie ankommen,  ist da nur Unverständnis. Viele Fragen. Festnahmen. Abschiebung. Oder Haft in einem israelischen Militärgefängnis. Die Rede ist von den rund 1500 Flugpassagieren, die in einer Stunde und dann den ganzen Sonntag über am Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv landen und von denen die israelischen Sicherheitskräfte wollen, dass sie so schnell wie möglich wieder verschwinden. Die „Welcome to Palestine“-Kampagne von palästinensischen Nicht-Regierungsorganisationen findet jetzt zum 3. Mal statt. Aus aller Welt kommen am 15. April Menschen in die palästinensischen Gebiete, um in palästinensischen Gastfamilien zu wohnen, den Alltag unter Besatzung hinter der Mauer in der Westbank mitzuerleben, an Workshops teilzunehmen, Olivenbäume zu pflanzen.

Deutsche Botschaft hielt sich zurück

Doch nie zuvor ist vorab so viel darüber berichtet worden wie jetzt. Im vergangenen Jahr fiel das Datum auf den 10. Juli. Damals berichteten die Medien vor allem über das Ergebnis: Israel hatte 124 Menschen abgeschoben, die am Flughafen erklärt hatten, dass sie in die besetzten Gebiete weiterfahren. Die Besucher wurden umgehend in Maschinen verfrachtet, die in ihre Heimatländer zurückflogen. Wer sich weigerte, kam für eine Woche in Haft. „Das Gefängnis war von den Haftbedingungen her gesehen noch sehr privilegiert, wenn man es mit denen für palästinensische Gefangene vergleicht“, berichtet eine Frau aus Deutschland. Die Berlinerin schaltete noch am Ben-Gurion-Flughafen ihren Anwalt ein und informierte auch die Deutsche Botschaft. Die habe sich allerdings“ feige rausgehalten und gar nichts unternommen“, stellte sie ernüchtert fest.

Lufthansa cancelte als erste Fluglinie die Tickets

Während die Sommer-Kampagne im Juli noch eine Art Premieren-Charakter hatte – und sich zeitgleich die israelische Regierung  in einer nervösen Anspannung wegen der zahlreichen Tent-Proteste für mehr soziale Gerechtigkeit befand – scheint nun alles gut vorbereitet. Die israelische Regierung glich dieses Mal zwar auch ihre sogenannten Black Lists mit Namen von „Aktivisten“ wieder mit denen der Airlines ab, die Tel Aviv anfliegen. Aber sie forderte auch im Vorfeld dazu auf, die gebuchten Tickets einiger Passagiere gleich wieder zu stornieren. Die Lufthansa kam dem als erste nach,  Air France und die britische Jet2.com folgten. Bis jetzt sind dazu 600 Artikel weltweit in mehr als sechs Sprachen darüber zu finden (AFP ist hier einer davon). Die Flytilla-Passagiere (Flytilla erinnert an das Wort Flotilla, das vor allem in Bezug auf die Gaza-Flotillen von 2010 und 2011, die die Blockade Gazas durchbrechen wollten, benutzt wurde) und die „Welcome-to-Palestine“-Organisatoren deuten dies als gutes Zeichen: „Israel hat eine Heidenangst vor diesen Besuchern. Der Staat will um alles in der Welt verhindern, dass Internationals sehen, was in der Westbank vor sich geht“, sagt Mazin Qumzieh, Menschenrechtsaktivist und Professor für Genetik an der katholischen Bethlehem University. Qumzieh, Autor von „Sharing the land of Canaan“ und einer der Sprecher der Pressekonferenz in Bethlehem, hält die Aktion für extrem wichtig. Nicht nur die Menschen in Gaza, sondern auch in der Westbank seien abgetrennt von der Außenwelt. Dass Israel auf Besucher, die am Flughafen nicht lügen, sondern ehrlich sagen, dass sie in die Westbank wollen, agressiv reagiere, zeige lediglich, „dass wir als Friedensaktivisten einen guten Job machen“.

Mit Babybauch vier Stunden warten

Aber es trifft auch immer andere. Eine schwedische Touristin, im fünften Monat schwanger und gerade von Jordanien kommend, staunte nicht schlecht an der Grenze zu Eilat im Süden Israels. Sie musste eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, in der steht, dass sie weder an pro-palästinensischen Aktivitäten teilnehmen werde und dass sie aber im Falle dass doch  „Deportation und Abweisung Israels“ akzeptieren werde. Statt eines normalen 3-Monats-Visums bekam sie nur noch sieben Tage im Heiligen Land zugebilligt. Und dass erst nach vier Stunden und 20 Minuten Wartens an der Grenze zu Israel (siehe hierzu den Bericht des israelischen Journalisten Dimi Reider für das Onlinemagazin +972)

Mal abgesehen von Grammatik und Rechtschreibung: Eine schwedische Touristin unterschrieb gerade diese Erklärung an der jordanisch-israelischen Grenze.

Mal abgesehen von Grammatik und Rechtschreibung: Eine schwedische Touristin unterschrieb gerade diese Erklärung an der jordanisch-israelischen Grenze. Quelle: +972 mag

Deutsche machen sich ein Bild des Konflikts

Das Vorgehen gegen sogenannte Activists, schwarze Schafe in den Augen Israels, könnte der einzigen Demokratie im Nahen Osten künftig zum Verhängnis werden. Denn die Grenze zwischen Aktivismus, den die Teilnehmer selbst als friedlich und gewaltfrei bezeichnen, zwischen Tourismus, Arbeit und Abenteuerlust, ist längst verwischt. Allein sämtliche christliche Einrichtungen und Organisationen in Israel und Palästina ziehen jährlich tausende Besucher an. Deutschland ist das Land mit der höchsten Zahl an Volunteers, Freiwilligen, die für eine Zeit lang in Israel leben und arbeiten. Alle diese Menschen machen sich während ihres Aufenthalts ein umfassendes Bild der Region, sie sprechen mit Palästinensern und Israelis  und lernen damit durch eigene Anschauung den Nahostkonflikt ganz praktisch kennen. Ist sich Israel selbst genug als jüdischer Staat (mit einem Fünftel davon palästinensischer Einwohner), der auf Touristen und Andersdenkende und -gläubige künftig verzichten möchte, ist dies der richtige Weg dafür. Möchte sich das kleine Land aber offen gegenüber Fremden zeigen, und dass auch von seiner bitteren Schokoladenseite, kann es sich dieses Vorgehen nicht lange leisten. Auch schwarze Schafe tragen weiße Westen. Manchmal sind sie aber auch blau. So wie diejenigen der Security-Mitarbeiter morgen am Ben-Gurion-Airport.

Das Licht brennt

4 Apr
Juliano Mer Khamis

Juliano Mer Khamis wurde vor einem Jahr ermordet. Er ist in einem Kibbuz in der Nähe von Haifa begraben. Foto: Freedom Theatre Jenin

After one year of fruitless investigations,

We demand results!

We demand justice!

(Text from the Freedom Theatre, call for today‘ s demonstration in Ramallah)

Die Antwort liegt irgendwo im Sand begraben. Verschüttet unter Schichten von Fragezeichen, von Hoffnung, Mut und Verzagtheit. Die Antwort wartet darauf, entdeckt zu werden. Oder für immer unter den Erdmassen zu verschwinden während das Leben weitergeht. Irgendwie.

Vor einem Jahr überschlugen sich die Zeitungen in Israel, den palästinensischen Gebieten, in der ganzen Welt. Der Regisseur und Theatermacher Juliano Mer Khamis war von fünf Kugeln im Flüchtlingslager Jenin getroffen worden und starb noch am Tatort (Haaretz-Artikel vom 4.4. 2011 hier). Die unbekannten Täter, wie es damals und jetzt noch heißt, werden gesucht. Heute  findet man nur noch wenig über Juliano, den großen Freiheitskämpfer, in den Medien. Ein Jahr ist vergangen seit seinem gewaltsamen Tod. Das Freedom Theatre, das er nach dem Tod seiner Mutter Arna Mer in Jenin im Nodern der besetzten Westbank gegründet hatte, macht indes weiter. Die Filmschule, die Theaterproduktionen und Workshops gehen ihren Gang. Aber der Tod des jüdisch-palästinensischen Grenzgängers bleibt unaufgeklärt und lässt die Theaterstudenten, „Julianos children“, wütend zurück. Sie fordern eine Aufklärung des Mordes an ihrem Vorbild Mer Khamis, das das Theater 2006  etablierte, um den Kindern des Flüchtlingslagers eine Stimme zu geben und durch Kreativität einen kulturellen Aufstand gegen die israelische Besatzung zu wagen. Das ist ihm gelungen.

Operation Schutzschild als Vergeltung für Attentate

Von vielen Israelis als Verräter an der jüdischen Sache gebrandmarkt, ließ sich Mer Khamis nicht beirren und schaffte es tatsächlich in einem Ort von Hoffnungslosigkeit und Resignation eine Oase zu bauen. Dabei verleugnete er nicht die Realität der Besatzung und die kaputten Fassaden des Flüchtlingslagers, das 2002 mit der israelischen Militäroperation „Schutzschild“  in einem gewaltsamen Massaker gegen die Zivilbevölkerung einen traurigen Höhepunkt fand. Damals wurden hunderte Menschen verletzt und ein großer Teil des Flüchtlingslagers zerstört („Operation Schutzschild – Zehn Jahre nach dem Massaker von Dschenin“, Deutschlandradio Kultur-Bericht hier) Der Bericht des ARD-Korrespondenten Torsten Teichmann konzentriert sich vor allem auf diese Vergangenheit und zeigt auf, wie schwierig nach wie vor Das (Über-)Leben in Jenin ist. Es kommen Palästinenser zu Wort, die im Lager aufgewachsen sind und sogar ein Weggefährte Julianos, Zakaria Zubeidi, wird erwähnt. Der als „Bekannter“ des Theatermachers Bezeichnete war tatsächlich ein enger Freund von Mer Khamis. Zubeidi, der während der Zweiten Intifada der Anführer der Al-Aksa-Brigaden Nord war, legte danach offiziell die Waffen nieder und ließ sich auf ein Abkommen mit Israel ein. Er durfte daraufhin nicht mehr die Stadt verlassen und musste nachts im Gebäude des Gouverneurs schlafen sowie sich regelmäßig bei der Palästinensischen Autonomiebehörde und den israelischen Stellen melden. Israel verzichtete auf eine Gefängnisstrafe und drastischere Strafen. Doch die Zeit danach blieb für niemandem ruhig in Jenin. Bewohner berichten, dass bis vor zwei Jahren nachts immer wieder israelische Panzer in die 50.000-Einwohner-Stadt einrollten. Nach 18 Uhr trauten sich die Menschen nicht mehr auf die Straße, sondern verbarrikadierten sich lieber in ihren Häusern aus Angst vor Soldaten, die männliche Angehörige zu Verhören mitnahmen, die nicht wieder zurückkehren. Das Alternative Information Center, eine israelisch-palästinensische NGO mit Sitz in West-Jerusalem und Beit Sahour, hat  in regelmäßigen Abständen neben vielen anderen Menschenrechtsorganisationen immer wieder über Attacken der israelischen Armee gegen Zivilisten aus Jenin berichtet. So wurden nach Mer Khamis Tod in kurzer Abfolge mehrere Theater-Mitarbeiter grundlos verhaftet, ein Teil der Requisiten sogar zerstört (Artikel AIC hier und hier). Zubeidis Immunität wurde zeitweilig aufgehoben. Er galt wieder als „Wanted“, als gesuchte Person made by Israel.

Gefangene Hana Shalabi  jetzt in Gaza

Protestkundgebung für die Freilassung Hana Shalabis vor demGebäude des Roten Kreuzes,  Ost-Jerusalem.   Foto: AIC

Protestkundgebung für die Freilassung Hana Shalabis vor dem Gebäude des Roten Kreuzes, Ost-Jerusalem. Foto: AIC

Jenin, das sind vor allem die traurigen Schlagzeilen. Hana Shalabi (30), die zwei Jahre in einem israelischen Gefängnis in Administrativhaft, ähnlich einer Untersuchungshaft ohne Anklage, Gerichtsverhandlung und normalen Rechten eines Häftlings, einsaß, stammt aus dem Dorf Burqin bei Jenin. Ihr Fall erregte Aufsehen, allerdings kaum in israelischen Medien oder in den deutschen. Weil sie im Zuge des Gilat-Shalit-Deals im vergangenen Dezember zwar freigelassen wurde, aber Anfang dieses Jahres erneut in einer Nacht-und-Nebel-Aktion umringt von 50 Soldaten wieder inhaftiert, trat sie daraufhin in einen Hungerstreik, den sie vor ein paar Tagen am 43. Tag der Nahrungsverweigerung beendete. Eine Hungerstreik-Welle von palästinensischen Inhaftierten überschwappte ganz Israel 2011. Der Jubel über die Freilassung Shalits überdeckte die Realität tausender Gefangener, die unter unwürdigen Bedingungen, die teilweise Misshandlungen mit einschlossen, festgehalten wurden. „Die ersten zwei Wochen war ich in einer Einzelzelle mit hunderten von Kakerlaken, die Handteller groß waren, eingesperrt“, berichtet ein ehemaliger Gefangener. Die Tiere hätten ihn nachts gebissen und ihn fast seines Verstands beraubt, sagt der heute 38-Jährige, der seinen Namen nicht nennen möchte. Die Kakerlaken-Zelle soll die Häftlinge zermürben und psychisch foltern. „Ich bin nicht durchgedreht, aber ich war nah davor und voller Ekel.“

Er lehnte jede Art von Normalisierung ab

Oster von Juliano Mer Khamis im Gästehaus des Cinema Jenin.   Foto: Liva Haense

Poster von Juliano Mer Khamis im Gästehaus des Cinema Jenin.
Foto: Liva Haensel

Hana Shalabi wurde jetzt nach Gaza abgeschoben und muss dort für drei Jahre bleiben, bevor sie nach Jenin zurückkehren darf. Den Bericht über Hana Shalabi und eine ausführliche Dokumentation findet man hier: „Addameer – Prisoner Support and Human Rights Association“). Die Studenten und Mitarbeiter des Freedom Theatre haben unterdessen heute Morgen für eine Aufklärung des Mordes an Juliano Mer Khamis vor der Muquattah, dem palästinensischen Polizeirevier in Ramallah, protestiert. Mer Khamis wurde sein Leben genommen. Aber er hatte seinen Weg, den Weg des Freedom Theatres in Zuneigung für die Menschen Jenins, selbst gewählt. Der streitbare und selbstbewusste Jude mit palästinensischen Wurzeln war bis zum Schluss der größe Kritiker seiner Heimat Israel  – er wuchs in Nazareth auf – und lehnte jede Art von Zusammenarbeit mit Israel in Form von einer „Normalisierung der Besatzung“ ab  (zu der Normalization-Debatte hier ein Kommentar von Aziz Abu Sarah im +972 Magazin). Nach eingehender Reflexion werden Zeiten kommen, in denen der Staat Israel flächendeckend noch stolz sein wird auf Menschen wie Mer Khamis, die unverzichtbar in der moralischen Debatte des Landes sind. Je verschärfter sich die Lage im Nahen Osten zuspitzt, je eisiger der Wind zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn weht, desto dringlicher braucht das Land nun Leute, die zornig und gleichzeitig emphatisch Menschlichkeit auf die Bühnen der Welt bringen. Die Mörder von Juliano Mer Khamis haben einen wichtigen Botschafter der Menschlichkeit vor einem Jahr das Leben genommen. Sein Licht konnten sie aber nicht auslöschen.

  • Den Dokumentarfilm „Arna’s children“ von Juliano Mer Khamis über seine Mutter und ihre Arbeit im Jeniner Flüchtlingslager kann man kostenlos hier auf youtube ansehen.
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