Das Licht brennt

4 Apr

Juliano Mer Khamis

Juliano Mer Khamis wurde vor einem Jahr ermordet. Er ist in einem Kibbuz in der Nähe von Haifa begraben. Foto: Freedom Theatre Jenin

After one year of fruitless investigations,

We demand results!

We demand justice!

(Text from the Freedom Theatre, call for today‘ s demonstration in Ramallah)

Die Antwort liegt irgendwo im Sand begraben. Verschüttet unter Schichten von Fragezeichen, von Hoffnung, Mut und Verzagtheit. Die Antwort wartet darauf, entdeckt zu werden. Oder für immer unter den Erdmassen zu verschwinden während das Leben weitergeht. Irgendwie.

Vor einem Jahr überschlugen sich die Zeitungen in Israel, den palästinensischen Gebieten, in der ganzen Welt. Der Regisseur und Theatermacher Juliano Mer Khamis war von fünf Kugeln im Flüchtlingslager Jenin getroffen worden und starb noch am Tatort (Haaretz-Artikel vom 4.4. 2011 hier). Die unbekannten Täter, wie es damals und jetzt noch heißt, werden gesucht. Heute  findet man nur noch wenig über Juliano, den großen Freiheitskämpfer, in den Medien. Ein Jahr ist vergangen seit seinem gewaltsamen Tod. Das Freedom Theatre, das er nach dem Tod seiner Mutter Arna Mer in Jenin im Nodern der besetzten Westbank gegründet hatte, macht indes weiter. Die Filmschule, die Theaterproduktionen und Workshops gehen ihren Gang. Aber der Tod des jüdisch-palästinensischen Grenzgängers bleibt unaufgeklärt und lässt die Theaterstudenten, „Julianos children“, wütend zurück. Sie fordern eine Aufklärung des Mordes an ihrem Vorbild Mer Khamis, das das Theater 2006  etablierte, um den Kindern des Flüchtlingslagers eine Stimme zu geben und durch Kreativität einen kulturellen Aufstand gegen die israelische Besatzung zu wagen. Das ist ihm gelungen.

Operation Schutzschild als Vergeltung für Attentate

Von vielen Israelis als Verräter an der jüdischen Sache gebrandmarkt, ließ sich Mer Khamis nicht beirren und schaffte es tatsächlich in einem Ort von Hoffnungslosigkeit und Resignation eine Oase zu bauen. Dabei verleugnete er nicht die Realität der Besatzung und die kaputten Fassaden des Flüchtlingslagers, das 2002 mit der israelischen Militäroperation „Schutzschild“  in einem gewaltsamen Massaker gegen die Zivilbevölkerung einen traurigen Höhepunkt fand. Damals wurden hunderte Menschen verletzt und ein großer Teil des Flüchtlingslagers zerstört („Operation Schutzschild – Zehn Jahre nach dem Massaker von Dschenin“, Deutschlandradio Kultur-Bericht hier) Der Bericht des ARD-Korrespondenten Torsten Teichmann konzentriert sich vor allem auf diese Vergangenheit und zeigt auf, wie schwierig nach wie vor Das (Über-)Leben in Jenin ist. Es kommen Palästinenser zu Wort, die im Lager aufgewachsen sind und sogar ein Weggefährte Julianos, Zakaria Zubeidi, wird erwähnt. Der als „Bekannter“ des Theatermachers Bezeichnete war tatsächlich ein enger Freund von Mer Khamis. Zubeidi, der während der Zweiten Intifada der Anführer der Al-Aksa-Brigaden Nord war, legte danach offiziell die Waffen nieder und ließ sich auf ein Abkommen mit Israel ein. Er durfte daraufhin nicht mehr die Stadt verlassen und musste nachts im Gebäude des Gouverneurs schlafen sowie sich regelmäßig bei der Palästinensischen Autonomiebehörde und den israelischen Stellen melden. Israel verzichtete auf eine Gefängnisstrafe und drastischere Strafen. Doch die Zeit danach blieb für niemandem ruhig in Jenin. Bewohner berichten, dass bis vor zwei Jahren nachts immer wieder israelische Panzer in die 50.000-Einwohner-Stadt einrollten. Nach 18 Uhr trauten sich die Menschen nicht mehr auf die Straße, sondern verbarrikadierten sich lieber in ihren Häusern aus Angst vor Soldaten, die männliche Angehörige zu Verhören mitnahmen, die nicht wieder zurückkehren. Das Alternative Information Center, eine israelisch-palästinensische NGO mit Sitz in West-Jerusalem und Beit Sahour, hat  in regelmäßigen Abständen neben vielen anderen Menschenrechtsorganisationen immer wieder über Attacken der israelischen Armee gegen Zivilisten aus Jenin berichtet. So wurden nach Mer Khamis Tod in kurzer Abfolge mehrere Theater-Mitarbeiter grundlos verhaftet, ein Teil der Requisiten sogar zerstört (Artikel AIC hier und hier). Zubeidis Immunität wurde zeitweilig aufgehoben. Er galt wieder als „Wanted“, als gesuchte Person made by Israel.

Gefangene Hana Shalabi  jetzt in Gaza

Protestkundgebung für die Freilassung Hana Shalabis vor demGebäude des Roten Kreuzes,  Ost-Jerusalem.   Foto: AIC

Protestkundgebung für die Freilassung Hana Shalabis vor dem Gebäude des Roten Kreuzes, Ost-Jerusalem. Foto: AIC

Jenin, das sind vor allem die traurigen Schlagzeilen. Hana Shalabi (30), die zwei Jahre in einem israelischen Gefängnis in Administrativhaft, ähnlich einer Untersuchungshaft ohne Anklage, Gerichtsverhandlung und normalen Rechten eines Häftlings, einsaß, stammt aus dem Dorf Burqin bei Jenin. Ihr Fall erregte Aufsehen, allerdings kaum in israelischen Medien oder in den deutschen. Weil sie im Zuge des Gilat-Shalit-Deals im vergangenen Dezember zwar freigelassen wurde, aber Anfang dieses Jahres erneut in einer Nacht-und-Nebel-Aktion umringt von 50 Soldaten wieder inhaftiert, trat sie daraufhin in einen Hungerstreik, den sie vor ein paar Tagen am 43. Tag der Nahrungsverweigerung beendete. Eine Hungerstreik-Welle von palästinensischen Inhaftierten überschwappte ganz Israel 2011. Der Jubel über die Freilassung Shalits überdeckte die Realität tausender Gefangener, die unter unwürdigen Bedingungen, die teilweise Misshandlungen mit einschlossen, festgehalten wurden. „Die ersten zwei Wochen war ich in einer Einzelzelle mit hunderten von Kakerlaken, die Handteller groß waren, eingesperrt“, berichtet ein ehemaliger Gefangener. Die Tiere hätten ihn nachts gebissen und ihn fast seines Verstands beraubt, sagt der heute 38-Jährige, der seinen Namen nicht nennen möchte. Die Kakerlaken-Zelle soll die Häftlinge zermürben und psychisch foltern. „Ich bin nicht durchgedreht, aber ich war nah davor und voller Ekel.“

Er lehnte jede Art von Normalisierung ab

Oster von Juliano Mer Khamis im Gästehaus des Cinema Jenin.   Foto: Liva Haense

Poster von Juliano Mer Khamis im Gästehaus des Cinema Jenin.
Foto: Liva Haensel

Hana Shalabi wurde jetzt nach Gaza abgeschoben und muss dort für drei Jahre bleiben, bevor sie nach Jenin zurückkehren darf. Den Bericht über Hana Shalabi und eine ausführliche Dokumentation findet man hier: „Addameer – Prisoner Support and Human Rights Association“). Die Studenten und Mitarbeiter des Freedom Theatre haben unterdessen heute Morgen für eine Aufklärung des Mordes an Juliano Mer Khamis vor der Muquattah, dem palästinensischen Polizeirevier in Ramallah, protestiert. Mer Khamis wurde sein Leben genommen. Aber er hatte seinen Weg, den Weg des Freedom Theatres in Zuneigung für die Menschen Jenins, selbst gewählt. Der streitbare und selbstbewusste Jude mit palästinensischen Wurzeln war bis zum Schluss der größe Kritiker seiner Heimat Israel  – er wuchs in Nazareth auf – und lehnte jede Art von Zusammenarbeit mit Israel in Form von einer „Normalisierung der Besatzung“ ab  (zu der Normalization-Debatte hier ein Kommentar von Aziz Abu Sarah im +972 Magazin). Nach eingehender Reflexion werden Zeiten kommen, in denen der Staat Israel flächendeckend noch stolz sein wird auf Menschen wie Mer Khamis, die unverzichtbar in der moralischen Debatte des Landes sind. Je verschärfter sich die Lage im Nahen Osten zuspitzt, je eisiger der Wind zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn weht, desto dringlicher braucht das Land nun Leute, die zornig und gleichzeitig emphatisch Menschlichkeit auf die Bühnen der Welt bringen. Die Mörder von Juliano Mer Khamis haben einen wichtigen Botschafter der Menschlichkeit vor einem Jahr das Leben genommen. Sein Licht konnten sie aber nicht auslöschen.

  • Den Dokumentarfilm „Arna’s children“ von Juliano Mer Khamis über seine Mutter und ihre Arbeit im Jeniner Flüchtlingslager kann man kostenlos hier auf youtube ansehen.

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