Schwarze Schafe in Tel Aviv

14 Apr

Begrüßung am israelischen Flughafen: Dieses Schreiben veröffentlichte Netanjahus Sprecher am Samstagabend.

Begrüßung am israelischen Flughafen: Dieses Schreiben für die Westbank-Besucher veröffentlichte Netanjahus Sprecher Ofir Gendelman am Samstagabend via Twitter. Quelle: +972 mag

Guns' no Roses: Für die Passagiere der "Welcome-to-Palestine"-Kampane wird es keine Blumen zum Empfang gegen.          Foto: Liva Haensel

Guns no Roses: Für die Passagiere der "Welcome-to-Palestine"-Kampagne wird es keine Blumen zum Empfang geben. Foto: Liva Haensel

Auf sie warten kein Sekt oder Champagner. Keine bequemen Sessel,  erfrischendes Wasser oder gar Rosen zum Empfang. Wenn sie ankommen,  ist da nur Unverständnis. Viele Fragen. Festnahmen. Abschiebung. Oder Haft in einem israelischen Militärgefängnis. Die Rede ist von den rund 1500 Flugpassagieren, die in einer Stunde und dann den ganzen Sonntag über am Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv landen und von denen die israelischen Sicherheitskräfte wollen, dass sie so schnell wie möglich wieder verschwinden. Die „Welcome to Palestine“-Kampagne von palästinensischen Nicht-Regierungsorganisationen findet jetzt zum 3. Mal statt. Aus aller Welt kommen am 15. April Menschen in die palästinensischen Gebiete, um in palästinensischen Gastfamilien zu wohnen, den Alltag unter Besatzung hinter der Mauer in der Westbank mitzuerleben, an Workshops teilzunehmen, Olivenbäume zu pflanzen.

Deutsche Botschaft hielt sich zurück

Doch nie zuvor ist vorab so viel darüber berichtet worden wie jetzt. Im vergangenen Jahr fiel das Datum auf den 10. Juli. Damals berichteten die Medien vor allem über das Ergebnis: Israel hatte 124 Menschen abgeschoben, die am Flughafen erklärt hatten, dass sie in die besetzten Gebiete weiterfahren. Die Besucher wurden umgehend in Maschinen verfrachtet, die in ihre Heimatländer zurückflogen. Wer sich weigerte, kam für eine Woche in Haft. „Das Gefängnis war von den Haftbedingungen her gesehen noch sehr privilegiert, wenn man es mit denen für palästinensische Gefangene vergleicht“, berichtet eine Frau aus Deutschland. Die Berlinerin schaltete noch am Ben-Gurion-Flughafen ihren Anwalt ein und informierte auch die Deutsche Botschaft. Die habe sich allerdings“ feige rausgehalten und gar nichts unternommen“, stellte sie ernüchtert fest.

Lufthansa cancelte als erste Fluglinie die Tickets

Während die Sommer-Kampagne im Juli noch eine Art Premieren-Charakter hatte – und sich zeitgleich die israelische Regierung  in einer nervösen Anspannung wegen der zahlreichen Tent-Proteste für mehr soziale Gerechtigkeit befand – scheint nun alles gut vorbereitet. Die israelische Regierung glich dieses Mal zwar auch ihre sogenannten Black Lists mit Namen von „Aktivisten“ wieder mit denen der Airlines ab, die Tel Aviv anfliegen. Aber sie forderte auch im Vorfeld dazu auf, die gebuchten Tickets einiger Passagiere gleich wieder zu stornieren. Die Lufthansa kam dem als erste nach,  Air France und die britische Jet2.com folgten. Bis jetzt sind dazu 600 Artikel weltweit in mehr als sechs Sprachen darüber zu finden (AFP ist hier einer davon). Die Flytilla-Passagiere (Flytilla erinnert an das Wort Flotilla, das vor allem in Bezug auf die Gaza-Flotillen von 2010 und 2011, die die Blockade Gazas durchbrechen wollten, benutzt wurde) und die „Welcome-to-Palestine“-Organisatoren deuten dies als gutes Zeichen: „Israel hat eine Heidenangst vor diesen Besuchern. Der Staat will um alles in der Welt verhindern, dass Internationals sehen, was in der Westbank vor sich geht“, sagt Mazin Qumzieh, Menschenrechtsaktivist und Professor für Genetik an der katholischen Bethlehem University. Qumzieh, Autor von „Sharing the land of Canaan“ und einer der Sprecher der Pressekonferenz in Bethlehem, hält die Aktion für extrem wichtig. Nicht nur die Menschen in Gaza, sondern auch in der Westbank seien abgetrennt von der Außenwelt. Dass Israel auf Besucher, die am Flughafen nicht lügen, sondern ehrlich sagen, dass sie in die Westbank wollen, agressiv reagiere, zeige lediglich, „dass wir als Friedensaktivisten einen guten Job machen“.

Mit Babybauch vier Stunden warten

Aber es trifft auch immer andere. Eine schwedische Touristin, im fünften Monat schwanger und gerade von Jordanien kommend, staunte nicht schlecht an der Grenze zu Eilat im Süden Israels. Sie musste eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, in der steht, dass sie weder an pro-palästinensischen Aktivitäten teilnehmen werde und dass sie aber im Falle dass doch  „Deportation und Abweisung Israels“ akzeptieren werde. Statt eines normalen 3-Monats-Visums bekam sie nur noch sieben Tage im Heiligen Land zugebilligt. Und dass erst nach vier Stunden und 20 Minuten Wartens an der Grenze zu Israel (siehe hierzu den Bericht des israelischen Journalisten Dimi Reider für das Onlinemagazin +972)

Mal abgesehen von Grammatik und Rechtschreibung: Eine schwedische Touristin unterschrieb gerade diese Erklärung an der jordanisch-israelischen Grenze.

Mal abgesehen von Grammatik und Rechtschreibung: Eine schwedische Touristin unterschrieb gerade diese Erklärung an der jordanisch-israelischen Grenze. Quelle: +972 mag

Deutsche machen sich ein Bild des Konflikts

Das Vorgehen gegen sogenannte Activists, schwarze Schafe in den Augen Israels, könnte der einzigen Demokratie im Nahen Osten künftig zum Verhängnis werden. Denn die Grenze zwischen Aktivismus, den die Teilnehmer selbst als friedlich und gewaltfrei bezeichnen, zwischen Tourismus, Arbeit und Abenteuerlust, ist längst verwischt. Allein sämtliche christliche Einrichtungen und Organisationen in Israel und Palästina ziehen jährlich tausende Besucher an. Deutschland ist das Land mit der höchsten Zahl an Volunteers, Freiwilligen, die für eine Zeit lang in Israel leben und arbeiten. Alle diese Menschen machen sich während ihres Aufenthalts ein umfassendes Bild der Region, sie sprechen mit Palästinensern und Israelis  und lernen damit durch eigene Anschauung den Nahostkonflikt ganz praktisch kennen. Ist sich Israel selbst genug als jüdischer Staat (mit einem Fünftel davon palästinensischer Einwohner), der auf Touristen und Andersdenkende und -gläubige künftig verzichten möchte, ist dies der richtige Weg dafür. Möchte sich das kleine Land aber offen gegenüber Fremden zeigen, und dass auch von seiner bitteren Schokoladenseite, kann es sich dieses Vorgehen nicht lange leisten. Auch schwarze Schafe tragen weiße Westen. Manchmal sind sie aber auch blau. So wie diejenigen der Security-Mitarbeiter morgen am Ben-Gurion-Airport.

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