Planet Palestine

26 Apr

"Life and work in Palestine": Den Stempel für einen Staat Palästina gibt es schon, das Vertsändnis dafür noch nicht: Der Reisepass wurde kurzerhand von FLughsafenmitarbeitern in Israel für ungültig erklärt.      Fotos: Liva Haensel

Klare Aussage: Den Stempel für einen Staat Palästina gibt es schon. Fotos: Liva Haensel

Der kleine Vogel streckt seinen gebogenen Schnabel im Höhenflug Richtung Blüte. Nur ein winziges Stück trennt ihn noch von dem kostbaren Nektar, den die Blüte wie einen Kelch in sich trägt.  Wer in den Raum im ersten Stock der Biennale an der Auguststraße, Berlin-Mitte, tritt, geht vielleicht erst mal an diesem Kunstwerk vorbei. Zu unauffällig, zu weit links da oben an der Wand. Aber – halt – da steht doch noch was: State of Palestine. Ein Stempel für Dokumente, etwas Offizielles. State of was? Palestine? Gibt es doch gar nicht!

Der Jerichonektarvogel als Symbol lebt in Jordanien, Israel und den palästinensischen Gebieten.

Der Jerichonektarvogel als Symbol für Freiheit lebt in Jordanien, Israel und den palästinensischen Gebieten.

Khalet Jarrar (36) ist Grafikdesigern und Fotograf und lebt in Ramallah.

Khaled Jarrar (36) ist Grafikdesiger und Fotograf und lebt in Ramallah.

Politisches Coming-Out

In den Köpfen und Herzen von Palästinensern ist der Staat Palästina  längst schon real. Und solange  Politiker, Unterhändler, Israel, die EU, USA und die Vereinten Nationen nicht in der Lage sind, Palästinas Urbevölkerung auch rechtlich ein Land zuzugestehen, schaffen einige eben Tatsachen. So wie Khaled Jarrar, der verantwortlich zeichnet für das Kunstwerk „State of Palestine“ auf der Berlin Biennale, die eine der wichtigsten Kunstevents deutschlandweit ist und nicht mit politischen Aussagen geizt. Die Macher haben sich in diesem Jahr für neuartige Projekte entschieden, ganz unter dem Motto: „Forget Fear“ (Vergiss die Angst). Jarrars Kunststempel als „einfache Geste, die Normalität behauptet anstatt wieder und wieder über die Ein-oder Zweistaatenlösung zu diskutieren“, passt da perfekt hinein. Vor zwei Jahren stand Jarrar das erste Mal mit seinem Stempel am Checkpoint Qualandia, der Ramallah von Jerusalem trennt, und verpasste Westbank-Reisenden seinen Jerichonektarvogel direkt in ihren Reisepass. „Zuerst hatten die Leute Angst, sie sahen den Stempel und erkannten die Botschaft. Aber dann haben sie gelächelt und sich gefreut“, erzählt Jarrar über seine Aktion und das „Coming-Out“ der Passbesitzer. Dieses Lächeln liebe er sehr, sagt er. Die Angst rührt daher, dass der Palestine-Stempel zumeist bei der Ausreise am israelischen Ben-Gurion-Airport von den Sicherheitsmitarbeitern gesehen wird, und anschließend gibt es unangenehme Fragen für den Reisepass-Besitzer. Einigen Israelis wurden kurzerhand sogar die Dokumente entrissen. Am Ende bekamen sie diese zwar wieder, aber mit einem anderen dicken Stempeleintrag: cancelled (ungültig).

Green Card für die Westbank

Jarrar lacht, als er das erzählt. Der Grafikdesigner, der in Jenin aufwuchs und an der International Academy of Art in Ramallah studierte, ist bisher als politischer Künstler verschont geblieben von Haft oder Drohungen. Nur 2007, als Jarrar seine künstlerische Laufbahn zunehmend in die Öffentlichkeit verlegte, wollte ihn das israelische Militär festnehmen. Damals hatte er Bildaufnahmen von wartenden Menschen an den Checkpoints gemacht und sie dann an der Mauer auf der israelischen Seite an den Grenzübergängen in Ramallah und Nablus befestigt. Das habe die Soldaten wütend gemacht, aber die Anwesenheit von internationalen Beobachtern hätte die Israelis von Strafmaßnahmen abgehalten. Auch die Ausstellung von Green Cards in einem winzigen Office in Ramallah für Menschen, die ins Westjordanland einwandern wollen, habe ihm niemand streitig gemacht, sagt der hünenhafte Künstler, der acht Jahre lang Arafats Leibwächter war.

Gelbe Marken: Die Deutsche Post verkauft Jarrars politische Botschaft im 20iger-Pack.

Gelbe Marken: Die Deutsche Post verkauft Jarrars politische Botschaft im 20iger-Pack.

Deutsche Briefmarken unter dem Tisch

Auf der Biennale steht Jarrar ab jetzt für die kommenden drei Wochen an einem langen Holztisch mit Fotos, auf denen Menschen lachend, ernst oder schmunzelnd in die Kamera blicken und ihren Pass mit dem Palestine-Stempel entgegenstrecken. In der Hand dreht er dabei den Stempel zwischen seinen Fingern. Mittlerweile ist er durch die halbe Welt gereist, er war in Rom, Paris und Brüssel und vergangenen Frühling hat er auch schon mal am Checkpoint Charly gestanden. Seine Biennale-Ansprechpartnerin Franziska Zahl kam vor Monaten auf die Idee, der Deutschen Post Jarrars Stempelmotiv anzubieten. Jetzt kann man die Sondermarken zwar nicht am Postschalter kaufen – „der deutschen Post ist das irgendwie peinlich oder zu politisch“, so Jarrar – aber man bekommt sie entweder im Biennale-Shop in der Auguststraße 69 oder per Bestellung. Das Wichtigste ist dabei: Sie sind tatsächlich echt und frankieren Briefe und Karten. Der Palästinenser erzählt all dies mit einer Ruhe und Gelassenheit, als wäre es das Normalste der Welt. Wer es nicht besser weiß, der könnte denken, Palästina gibt es längst. Und so geht ein Staat, der noch keiner ist, auf eine Reise durch die ganze Welt und erzählt die Geschichte der Zukunft eines ganzen Volkes. Planet Palestine lebt.

Khaled Jarrar/State of Palestine auf der 7. Berlin Biennale for Contemporary Art   (27. April bis 1. Juli 2012). Ort: KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, Berlin – Die Briefmarken  sind  als 20er-Päckchen für  15 EUR zu haben (plus  1,45 EUR Portokosten) und können bei Franziska Zahl per E-Mail bestellt werden:  fz@berlinbiennale.de  – Khaled Jarrar ist am 3.5. auf der Filistina Hannover vertreten, mehr Infos dazu hier.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: