Archive | Mai, 2012

Schlüsselrolle

15 Mai
Passt zumindest in Berlin: Der Bethlehemer Schlüssel aus dem Aida-Flüchtlingslager mit seinen beiden Wächtern Fadi Kattan (links) und Munther A Meewa.       Fotos: Liva Haensel  mit

Passt zumindest in Berlin: Der Bethlehemer Schlüssel aus dem Aida-Flüchtlingslager auf der Biennale mit seinen beiden Wächtern Fadi Kattan (links) und Munther A Meewa. Fotos: Liva Haensel

Man könnte sich vorstellen, wie er den Schlüssel in die Hand nimmt, ihn in seinen Händen wiegt, hin- und her, hin- und her. Ein wenig verrostet ist er, alt, ein Modell aus vergangenen Zeiten. Aber er passt noch, nach so vielen Jahren. Der Schlüssel sitzt fast wie angegossen im Schloss, er dreht sich jetzt quietschend einmal um die eigene Achse, klick, die Tür springt auf. Licht fällt in den Raum, der einmal sein Leben beherbergte, seine ganze Existenz. Das Haus im Westen Jerusalems steht noch. Sein Haus. Seine Tür. Der Schlüssel.

Ein Kunstobjekt in Berlin-Mitte

Munther A Meeva (40) lehnt neben dem monströsen Kunstwerk, das sein eigenes Schicksal und das tausender anderer Palästinenser symbolisiert. Er ist geduldig mit den Berlinern, die etwas verwundert die Szenerie im Hof der Bienalle an der Auguststraße betrachten und viele Fragen stellen. A Meeva betrachtet den riesigen, acht Meter langen rostigen Schlüssel auf dem Boden neben sich. Der Palästinenser ist Leiter der Jugendarbeit im Flüchtlingslager Aida, eines von dreien in der Geburtsstadt Jesu. Auf dem Eingangstor zum Camp thront der riesige Schlüssel normalerweise. Jetzt ist er in Berlin eines der Objekte bei der Biennale, eine der bekanntesten und renommiertesten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst.

Die Rückkehr, ein Traum

Das Heimatdorf seiner Eltern und Großeltern kannte A Meewa nur noch aus Erzählungen, sagt er.“Meine Familie stammt aus Diraban, nicht weit von Bethlehem, aber damals gehörte es zu Jerusalem“, sagt er. „1948 vertrieben jüdische Soldaten die Bewohner, die aus Angst vor Krieg und Tod ihre Häuser über Nacht verließen und ihre Schlüssel mitnahmen.“ Man habe sich darauf eingestellt, dass es für einige Zeit Unruhen geben würde, berichtet er. Eine Flucht auf Lebenszeit sei aber niemals für die Dörfler aus Diraban präsent gewesen. „Wir dachten, wir kommen bald wieder zurück. Bis heute haben wir diesen Traum“, sagt A Meeva. Übrig aus der Zeit blieben allein die Schlüssel der verlassenen Häuser, die Palästinenser bis heute aufbewahren als eine Art mahnende Erinnerung, als Status Quo. Wer seinen Schlüssel hat, der hat Hoffnung. Die 536 zerstörten arabischen Dörfer aus der damaligen Zeit sind entweder verschwunden oder wurden durch die neuen jüdischen Bewohner verändert. Diraban beispielsweise gibt es noch. A Meewa besuchte sein Dorf als er 14 Jahre alt war und als Westbank-Bewohner eine Erlaubnis von Israel dafür bekam. Jetzt ist er ein Flüchtling von insgesamt rund eine Million anderer Palästinenser, die damals fliehen mussten.

Die Angst vor zu vielen Palästinensern

Das Kapitel der Flüchtlinge ist kein beliebtes im jüdischen Staat Israel, in dem 20 Prozent Palästinenser leben, die damals in ihrer Heimat verblieben. Im Falle einer Rückkehr

Im Juni wieder zurück: Der Schlüssel auf dem Eingangstor des Aida-Camps.

Im Juni wieder zurück: Der Schlüssel auf dem Eingangstor des Aida-Camps.

hunderttausender Palästinenser wäre das demografische Gleichgewicht in Israel empfindlich gestört. Zwar bekommen palästinensische Frauen nicht mehr so viele Kinder wie noch vor einigen Jahren und die ultraorthodoxen Frauen dafür um so mehr. Dennoch wäre eine jüdische Mehrheitsbevölkerung nicht mehr gewährleistet. Israel, rechtlich und laut seinen „basic laws“ ein Staat für Juden, müsste seine Demokratie auf die nicht-jüdischen Bevölkerungsanteile ausweiten. Die dann gleichgestellte arabische Bevölkerung könnte ein großer Gewinn sein für das kleine Land und den Weg ebnen für einen multireligiösen und multiethnischen Staat mit Vorzeige-Charakter im Nahen Osten. Doch davon ist die momentane Regierung weit entfernt. Benjamin Netanjahus Politik zielt auf eine klare Judaisierung der besetzte Gebiete und Ost-Jerusalems ab, was sich derzeit besonders im Masterplan der heiligen Stadt zeigt. Nach Plänen des Bauministeriums, die in den 70iger Jahren ihren Anfang nahmen, möchte die Stadtverwaltung Jerusalems die jüdische Bevölkerung bis zum Jahr 2020 auf 70 Prozent anheben und die der arabischen Bewohner auf 35 Prozent reduzieren. Palästinenser bekommen keine Baugenehmigungen in der Stadt, deren Land zum großen Teil von zionistischen halbstaatlichen Organisationen wie dem Jewish National Fund vergeben werden und damit einen Grundstückserwerb für Palästinenser unmöglich machen.

Neun Millionen Flüchtlinge weltweit

Die UN-Resolution 194 besagt, dass alle Flüchtlinge ein Recht auf Rückkehr haben. In jedem einzelnen Flüchtlingslager in der Westbank findet man sie überall an den Mauern, die die Grenze zwischen Camp und Stadt markieren. In Aida, wo A Meewa lebt und arbeitet, prangt die „194“ dick gemalt direkt am Eingang unweit des Schlüssels. Ist es realistisch, dass er eines Tages zurückkehren wird in sein Dorf? „Ja, das ist es. Ich kämpfe weiter dafür, ich bin Flüchtling“, sagt A Meewa. Und: „Es ist mir egal, wie der Staat dann dort heißt, ob Israel oder Palästina. Erst die Rückkehr. Danach reden wir über den Namen des Staates.“ Nach Auskunft der palästinensischen Nichtregierungsorganisation Badil aus Bethlehem leben mittlerweile 9 Millionen Palästinenser im weltweiten Exil, in Europa, den USA, Kanada, Südamerika. Darunter fallen Menschen, die 1948 und 1967 in den Kriegen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn flohen,  genauso wie die zweite und dritte Generation, die die Heimatorte nur noch als eine schwammige Erinnerung wahrnehmen.

Mauer im Aida-Camp mit UN-Resolution und Bewohnern, die im Kampf für die Freiheit ums Leben kamen.

Mauer im Aida-Camp mit UN-Resolution und Bildern von Bewohnern, die im Kampf für die Freiheit Palästinas ums Leben kamen.

Gelobtes Land

Der „Key of Return“, der Rückkehrschlüssel, war Ende März über den Seeweg aufwändig vom Aida-Flüchtlingslager in Bethlehem über den israelischen Hafen Ashdod nach Deutschland verschifft worden. 1948 kämpften Araber und Juden um das Heilige Land, es ging um Landnahme und Eroberung. Am 14. Mai 1948 rief Ben Gurion, Israels erster Ministerpräsient, den jungen Staat Israel aus. Die jüdische Bevölkerung jubelte, gerade die Holocaust-Flüchtlinge Europas  reagierten mit immenser Freude über einen jüdischen Staat, der ihnen endlich Heimkehr und Sicherheit vor Verfolgung und Diskriminierung versprach. Die britische Mandatsmacht  – schon lange nicht mehr Herr der Lage in dem komplizierten Konflikt  – zog erleichtert ab. Doch sie  hinterließ auch rund 800.000 arabische Menschen, die ihre Heimat gleichzeitig verloren. Was dem einen zu neuer Zuflucht und einer sicheren Existenz verhalf, bedeutete für den anderen Vertreibung und Flucht. Der britische Regisseur Peter Kosminsky hat dies in seinem mehrteiligen Spielfilm „Gelobtes Land“ gekonnt gezeigt, der kürzlich auf Arte lief.

Die NGOs nerven

Graffiti im Aida-Flüchtlingslager.

Graffiti im Aida-Flüchtlingslager.

Bis heute fällt es sowohl israelischen Juden als auch Palästinensern schwer, sich das Narrativ der jeweils anderen Seite anzuhören und es zu akzeptieren. Sich als Opfer zu sehen und nicht die eigenen Täteraspekte miteinzubeziehen, scheint leichter zu fallen als das Leid des anderen anzuerkennen und reflektiert damit umzugehen. Der israelische Psychologe Dan Bar-On hatte dies erkannt und die getrennten Narrative aufgebrochen, indem er bis zu seinem Tod 2008 Israelis und Palästinenser sich gegenseitig konditioniert ihre persönliche Geschichte erzählen ließ. Die Story-Telling-Methode war sehr erfolgreich, Dan Bar-On veröffentlichte mehrere Bücher dazu. Ohnehin ist die Opferrolle wohl auch nicht gerade die erstrebenswerteste, wenn man sich weiterentwickeln möchte. Das gilt in der Westbank auch für das Verhältnis NGOs-Palästinenser, hat A Meewa mit seinem Kollegen Fadi Kattan aus Bethlehem festgestellt. „Was wir brauchen, ist politische Solidarität, keine Almosen. Wir müssen nicht gefüttert werden, Palästina ist nicht Somalia“, sagt Kattan (34) trocken in perfektem Englisch. Ihn nerve die totale Abhängigkeit der Palästinenser von internationalen Geldern. Bevor die NGOs ins Land kamen, seien die Palästinenser selbst ihre besten Volontäre gewesen, sagt er. Das sei nun anders, die NGOs hätten sie quasi abgelöst.

Das Ende des Hungerstreiks

Von der Biennale erhoffen sich beide nun mehr Aufmerksamkeit für die Sache der Palästinenser. Und während die beiden Männer neben dem Schlüssel stehen und reden, tut sich derweil wirklich etwas im Nahen Osten. Rund 1600 palästinensische Gefangene, ein großer Teil von ihnen seit zwei Monaten im Hungerstreik, haben Israel bessere Haftbedingungen abgerungen. Die Häftlinge, darunter mehrere Abgeordnete, sitzen in sogenannter Administrativhaft in israelischen Gefängnissen. Ohne Anklageschrift, Urteil, Kontakt zu Anwälten und Familienangehörigen, einige davon sogar in jahrelanger Isolationshaft. Letztere wird nun aufgehoben, die Bewilligung für juristischen Beistand und Angehörigenbesuche wurde von Israels Seite gestern zugesagt. Die Gefangenen, deren spektakulärer Hungerstreik zwar auf allen NGO-Kanälen, aber kaum in der westlichen Medienlandschaft  Erwähnung fand, interpretieren dies als Sieg am 64. Jahrestag der Nakba – der arabischen Katrastrophe von 1948. Rechtsgerichtete Siedlergruppen wird dies jedoch nicht davon abhalten, in den kommenden Tagen ihren Jerusalem-Marsch zu begehen und damit den jüdischen Anspruch auf die Stadt  deutlich zu machen. Im Gegenteil. Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet, dass die Polizeit dieses Jahr  ihr Okay für eine neue Route durch das muslimische Altstadt-Viertel gegeben habe. Vor einem Jahr hatten die Marschierer dabei „Tod den Arabern“ und „Mohammed ist tot“ gerufen. Der Schlüssel zum Frieden sucht noch nach dem passenden Schloss.

Der „Key of Return“ auf der Biennale in Berlin: mehr Informationen hier.

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