Archiv | Juni, 2012

„Ich will alles sehen!“ – Mit einem Palästinenser zu Besuch im KZ

17 Jun
Waschbereich, Baracke im KZ-Sachsenhausen. Hier wurden dutzende Häftlinge von SS-Wachmännern ertränkt.   Foto: Liva Haensel

Waschbereich, Baracke im KZ-Sachsenhausen. Hier wurden dutzende Häftlinge von SS-Wachmännern ertränkt. Foto: Liva Haensel

Das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin war das erste KZ, das die Nationalsozialisten in Preußen errichteten. Von 1936 bis 1945 ermordete die SS dort zehntausende politische und jüdische Häftlinge, darunter auch den Schriftsteller Erich Mühsam und den Hitler-Attentäter Georg Elser. Das Curriculum zum Thema Zweiter Weltkrieg, Konzentrationslager und Holocaust sieht in dem meisten palästinensischen Schulen eher dürftig aus. Schüler in Palästina lernen nur unzureichend  im Unterricht, wie die Besatzungspolitik Hitlers genau aussah und wie sich das Leben europäischer Juden von anfänglicher Diskriminierung bis hin zum totalen Rassenwahn der Nazis dramatisch veränderte. Der Holocaust gilt nach wie vor als Tabu in der Diskussion, weil er offiziell die Legitimation für einen jüdischen Staat darstellt und Palästinenser dies als Gefährdung ihrer eigenen Existenz wahrnehmen. Das Interesse von Palästinensern, mehr über deutsche Geschichte und Judenverfolgung zu erfahren, ist dennoch groß. Ein Besuch mit einem Palästinenser im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Oranienburg, Eingang zum ehemaligen Konzentrationslager. Im Eingangsbereich stehen graue Blöcke, die trist in den Himmel ragen. Ein paar japanische Touristen streifen über das Gelände und knipsen Fotos.

Die Deutsche: So, hier sind wir also. An der Info liegt ein Plan zum KZ. Komm, wir gucken uns das mal an. Ich frage den Herrn an der Info, ob es den auch in Englisch gibt. Vielleicht haben sie sogar einen in Arabisch.

Zum Mitarbeiter an der Info: Hallo, guten Tag! Wir würden gerne einen Übersichtsplan in Deutsch haben und einen in Englisch. Gibt es den eigentlich auch auf Arabisch?

Mitarbeiter KZ Sachsenhausen: Nee, tut mir leid. Auf Arabisch? Nee, also, danach hat noch nie jemand hier gefragt, ehrlich gesagt. Sie sind die ersten.

Der Palästinenser: Oh, ich bin der erste. Noch nie hat jemand nach einem Infoplan auf Arabisch gefragt. Ok. Irgendwann ist immer das erste Mal. (lacht, dann zur Deutschen): Komm!

Die beiden machen sich auf, um das Gelände zu erkunden. In den letzten Jahren hat die Mahn- und Gedenkstätte die ehemaligen Baracken wiederaufgebaut und viele originale Details wiederhergestellt, um Besuchern einen authentischen Eindruck davon zu vermitteln, wie das KZ bis 1945 aussah und unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen die Häftlingen dort leben und arbeiten mussten.

Der Palästinenser: Ich möchte sehen, was den armen Juden passiert ist hier. Ja, ich will das alles sehen.

Die Deutsche: Was weißt Du denn? Habt ihr das in der Schule denn nicht gelernt? Was genau hat der Lehrer Euch denn erzählt?

Der Palästinenser: Ich weiß, dass Hitler sechs Millionen Juden umgebracht hat. Er hat den Krieg angefangen. Aber sag mal, hat er denn nur Böses gemacht? War nichts, wirklich nichts gut an ihm?

Die Deutsche: Du stellst komische Fragen! Nein, es war nichts gut an ihm, gar nichts. Er hat einen Pakt nach dem anderen gebrochen, mit den Nachbarländern und den anderen. England, Frankreich, Polen und so weiter, was meinst Du, warum die Deutschen so unbeliebt sind. Das ist unser Erbe, das ist so. Wir werden nie geliebt werden. Und Hitler hat die europäischen Juden verfolgt, erst perfide und leise, aber dann kamen die Nürnberger Rassengesetze und es wurde gesellschaftsfähig, dass man antisemitisch war. Erst dürfen Juden nicht mehr als Ärzte arbeiten, dann nicht mehr an der Universität, es ging immer so weiter, dann dürfen sie ihr Haus nicht mehr verlassen nach 18 Uhr, Ausgangssperre, einfach, weil sie Juden sind. Sie dürfen sich nicht mehr auf Parkbänke setzen. Sie werden ausgeschlossen aus der Gesellschaft, kannst Du Dir das vorstellen? Das Wasser wird ihnen abgegraben, die Luft zum Atmen genommen. Was soll daran gut sein? Die Nazis haben diese Menschen getötet, sie haben damit einfach Leben ausgelöscht und auch eine vielfältige Kultur vernichtet, die wir nicht wiederbekommen werden. Erinnerst Du Dich daran, dass ich Dir von Ada erzählte, der israelischen Friedensaktivistin mit der deutschen Mutter? Die Mutter hat ja nie über diese ganzen Diskriminierungen mit ihrer Familie gesprochen, aber es hat Spuren hinterlassen. Ada sagt, sie möchte nicht nach Deutschland fahren, in das Land der Täter. Das verstehe ich irgendwie. Auch wenn wir keine Mörder mehr sind.

Der Palästinenser (bleibt vor dem Galgen stehen auf dem Appellplatz, den die SS für öffentliche Hinrichtungen nutzte, um die anderen Häftlinge damit abzuschrecken): Ja, ich erinnere mich, die Ada habe ich ja selbst kennengelernt. Aber sag mal, warum fühlst Du Dich jetzt immer noch schuldig als Deutsche? Das verstehe ich irgendwie nicht. Du hast damals nicht gelebt, Du bist nicht für den Tod von sechs Millionen Juden verantwortlich. Ich begreife nicht, warum Deutschland gesamt in diesem Schuldgefühl verstrickt ist. Und dann alles macht, was Israel will. Das ist merkwürdig. Es behindert einen palästinensischen, lebendigen Staat. Es ist schlimm, was Deutschland den Juden angetan hat. Aber es ist vorbei.

Die Deutsche: Das verstehst Du nicht. Ich bin Deutsche, ich werde es immer sein. Wenn ich verantwortlich mit meiner Geschichte umgehe, dann heißt das, dass ich den Holocaust nie vergesse, er ist immer präsent für mich. Unsere Außenpolitik muss diplomatisch sein, das erwarten sowohl die Palästinenser als auch die Israelis von uns. Wir können nun mal nicht einfach reinhauen und sagen: So, jetzt reicht es mit der kolonialen Politik, mit dem Zionismus, ihr habt euren Staat, jetzt sind die Palästinenser dran. Das ist hochsensibel. Aber ja, es stimmt schon, eine uneingeschränkte blinde Solidarität mit Israel nach dem Motto „Wir-machen-alles-mit“, das ist natürlich Unsinn. Wenn ich hier stehe und die Baracken sehe, die Gitter, den Appellplatz, dann muss ich mir auch eingestehen, dass palästinensische Häftlinge von ähnlichen Haftbedingungen berichten, von Folter und Erpressung. Der Holocaust war einmalig in seiner Grausamkeit, aber Unmenschlichkeit ist kein Attribut, was nur die Deutschen gepachtet haben, sicher nicht.

Beide gehen in das sogenannte „Kleine Lager“, in dem vor allem jüdische KZ-Häftlinge einsaßen. Sie bleiben vor den Waschräumen stehen: In der Mitte steht ein Becken, ähnlich einem schäbigen Springbrunnen, an dem sich bis zu 50 Gefangene wuschen. Links daneben befinden sich kleine Waschbecken am Boden. Die Infotafel am Türrahmen verrät, dass die Wachleute dort gerne Häftlinge ertränkten, indem sie ihren Kopf in das Wasser hielten. Beide bleiben stehen, sie lesen den Text und starren auf die Waschbecken. Stille.

Der Palästinenser macht Fotos mit seiner Digitalkamera: Das muss ich Shlomi zeigen, meinem Freund in der jüdischen Siedlung. Ich werde ihm erzählen, dass ich hier war. Das glaubt er nur, wenn er die Fotos sieht.

Die Deutsche: Ja, aber sei vorsichtig. Das setzt ihm bestimmt zu, wenn er das sieht. Du sagtest ja, er kommt aus den USA, aber vielleicht hat er Verwandte, die in einem KZ in Europa umkamen. Wer weiß, vielleicht redet ihr irgendwann mal darüber. Die Nazis waren sehr kreativ in Bezug auf Mordmethoden. Einige wurden berühmt-berüchtigt dafür, wie sie die Häftlinge quälten.

Der Palästinenser nickt und geht dann weiter. Beide treten in die Baracke 37 ein, in der die Häftlinge auf Holzpritschen schliefen. Schließlich sehen sie sich die Einzelzellen für die politischen Gefangenen an. In den Zellen hängen Gedenktafeln an die Ermordeten und die Fahnen ihrer Länder. Einige Zellen waren völlig abgedunkelt, um die Insassen durch Lichtentzug besonders zu strafen.

Der Palästinenser: Das ist trostlos hier. Der Tod ist in jedem Winkel spürbar, die Trauer. Auch ich habe mal in einem Gefängnis gesessen, in Israel, in Einzelhaft, ohne Licht. Drei Monate lang. Am Ende weißt Du nicht mehr, wo oben und unten ist, welcher Tag ist, welche Uhrzeit. Du hast niemanden zum Reden. Du denkst nach und dann hörst Du auf, Du schläfst ein bisschen, wachst auf, nickst wieder ein. Du hast kein Gefühl mehr – für nichts.

Die Deutsche (geschockt): Du warst in Einzelhaft? Das wusste ich nicht. (nach einer Weile) Okay, das ist deine Geschichte. Aber das kannst Du jetzt nicht mit dem Holocaust vermischen, finde ich. Das hier ist was anderes. Hast Du eigentlich die Inschrift gesehen in der Eingangstür zum Appellplatz? „Arbeit macht frei.“ Das steht auch in Auschwitz in Polen. Die Nazis benutzten gerne solche ironischen Sprüche, purer Hohn.

Der Palästinenser: Oh, das wusste ich nicht. Auschwitz, ja, davon habe ich gehört. Können wir dahin fahren, was meinst Du? Ich würde mir das gerne ansehen.

Die Deutsche: Hm, würde ich gerne, aber lass uns erst mal hier weitermachen, bevor wir gleich nach Polen fahren. Sachsenhausen ist nicht so anders, auf dem Plan steht, dass sie hier auch medizinische Experimente gemacht haben und dass es dort drüben (zeigt mit dem Finger Richtung Westen) ein Krematorium mit Verbrennungsöfen gab.

Der Palästinenser wendet sich nach links und entdeckt den Erschießungsgraben, in dem KZ-Wächter tausende Kriegsgefangene und Oppositionelle töteten. Er geht die Rampe hinunter und steht nun an der Stelle, an der die Häftlinge kurz vor ihrer Erschießung standen.

Die Deutsche: Geh da weg, das ist gruselig, ich kann das nicht  mit ansehen! (Sie folgt ihm langsam und liest den Text der Gedenktafeln durch, die dort hängen.)

Der Palästinenser: Du, aber was sieht man nun wirklich hier? Ich will doch alles sehen, das habe ich Dir doch gesagt!

Die Deutsche: Reicht es nicht, dass wir hier sind? 1945 ist nun mal vorbei. Glaubst Du die Geschichte erst, wenn die Leichen wiederauferstehen? DU bist an einem Originalschauplatz, mehr geht nicht. Vielleicht weißt Du einfach zu wenig über die Zeit damals.

Der Palästinenser: Ja, ich glaube, ich muss noch mehr lesen darüber. Dann verstehe ich alles besser. Es gibt nicht so viel arabische Literatur über den Holocaust und die Judenverfolgung und das Dritte Reich. (Geht zur Mauer mit einem meterlangen Text, der über den Alltag der Häftlinge in Sachsenhausen, Einzelschicksale und die Bau-Etappen des KZ berichtet.)

Nach vier Stunden.

Deutsche: Du, wir müssen gehen, die schließen. Es ist 18 Uhr. Bis zum Ausgang ist noch ein weiter Weg, wir müssen uns ein bisschen beeilen.

Der Palästinenser: Nee, ich bleibe noch. Wir haben noch nicht mal die Hälfte geschafft. Wir müssen unbedingt wiederkommen, ich muss noch weiterlesen. (Knipst rund 15 Fotos von KZ-Gelände). Ich bin noch lange nicht fertig.

 Zur Website „Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen“ hier
Das „Arab Educational Institute“ (Arabisches Institut für Bildung und Erziehung) mit Sitz in Bethlehem hat kürzlich eine Publikation für arabische Jugendliche zum Thema Holocaust herausgebracht. Website hier
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