Archiv | Juli, 2012

Ich hab kein Heimatland oder: Le chaim!

24 Jul
Max Raabe und das Palastorchester.    Foto: www.palastorchester.de

Max Raabe und das Palastorchester. Foto: http://www.palast-orchester.de

אהבה באה, אהבה הולכת Die Liebe kommt, die Liebe geht. Pause. Mit diesen Worten beginnt Max Raabe, der Chansonier mit seinem Berliner Palastorchester,  seine abendlichen Konzerte, damit stimmt er sein Publikum in Israel und sich selbst musikalisch ein.  Alle Lieder, Chansons und legendären Schlager, die er singt, stammen mehrheitlich aus der Feder jüdischer Komponisten. „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt‘“, „Bei mir bist Du schön“, „Armer Gigolo, schöner Gigolo“.  Es ist eine Hommage an die goldenen Zwanziger Jahre der Weimarer Republik, an die übersprudelnde Musikindustrie mit ihren frechen Texten und den augenzwinkernden Noten, der Ironie, dem Sarkasmus und Schalk im Nacken.  Das Markenzeichen dieser Lieder ist, das sie oft  – beladen mit Schwerstgewicht zwischen den Zeilen – leichtfüßig daherzukommen scheinen.  Tabus, wie Homosexualität, Geschlechtervermischung und Anderssein, werden mit dem Notenschlüssel gebrochen und bohren sich in Herz und Hirn. Denn: Wer denkt bei „Veronika, der Lenz ist da“ tatsächlich an frischen Spargel?

Wie soll man Worte finden?

Vielleicht war es auch ein Tabu, das Max Raabe brach, als er sich 2010 mit seiner Crew nach Israel aufmachte. Zumindest bricht er das Eis, irgendwie, manchmal hilflos, vor allem aber mit der Musik. Die internationale Tournee der deutschen Musiker – elf Instrumentalisten, eine erste Geige, ein Sänger – sollte ihren Abschluss in dem Land krönen, das so vielen deutschen Juden nach dem nationalsozialistischen  Terror zur zweiten Heimat geworden war. Max Raabe lud ein und die Jeckes kamen. Vier Regisseurinnen haben Raabes Tournee, seine Gespräche mit deutschen Juden und Begegnungen mit der Kamera begleitet. Die Dokumentation „Max Raabe in Israel“ lief kürzlich im Fernsehen. „Peinlich“ sei es manchmal gewesen, er habe manches Mal nicht gewusst, was er hätte sagen sollen zu den Überlebenden des Holocaust, gibt Raabe darin offenherzig zu. Wie Worte finden für diejenigen,  die es noch geschafft hatten aus Nazi-Deutschland rauszukommen, während ihre restlichen Verwandten in Konzentrationslagern vergast wurden?

An einer Stelle erwidert Raabe einer jungen israelischen Reporterin in Armeekleidung, die bei den Verteidigungskräften Zahal dient, dass die jüdischen Songschreiber auf Deutsch

Friedrich Hollaender, jüdischer Komponist und Revuetexter.  Von ihm stammt die Filmmusik aus "der blaue Engel".    Foto: jewprom.com

Berühmt geworden: Friedrich Hollaender schrieb die Filmmusik zu „Der blaue Engel“. Foto: jewprom.com

texteten, weil es ja ihre Muttersprache gewesen sei. Die Soldatin, vielleicht 25 Jahre alt und Enkelin von deutschen Holocaust-Überlebenden, hatte zuvor vorwurfsvoll gefragt, warum ausgerechnet auf Deutsch gesungen wird. Doch nicht alle sind voreingenommen oder assoziieren mit Deutschen nur Nationalsozialisten, das wird klar. Dass Juden zum Erstaunen vieler (meist nicht-jüdischer) Menschen verschieden sind und jüdisch nicht gleich jüdisch ist, zeigt sich wunderbar durch den ganzen Film hinweg. Da ist Shimon Yaron, der eigentlich mal Siggi hieß und in Berlin geboren wurde. Trotz der Kränkungen, Diskriminierungen und Verfolgung durch die Deutschen im Dritten Reich, ist dieser Mann reich an Würde und Bedachtsamkeit. „Jeder so wie er kann“, sagt der damals 90-Jährige zu Max Raabe im Flugzeug von Berlin nach Tel Aviv mit Berliner Dialekt und lacht. Hanna Schächter, 1936 mit einem Kindertransport nach Palästina entkommen, gibt zu, dass sie Berlin, „die Heimat“, immer noch liebt. Aber auch, „dass man das in Israel nicht sagen darf“, sagt sie verschmitzt hinter vorgehaltener Hand während ihr Enkelsohn, in Münster geboren, neben ihr sitzt und zuhört.

Siggi, was kann ein Mensch doch alles ertragen?

Max Raabe, der große deutsche Mann mit Po-Scheitel und Pomade, stakst ins Tote Meer, die Kamera geht mit. Grinst und zeigt Zunge. Zupft sich den Frack zurecht, bedankt sich artig beim Auditorium, redet über Gefühle und Religion. Und bleibt trotzdem sehr ungenau dabei. Es fallen Begriffe wie „Tragweite“, „schönes Land“ und „Offenheit“. Die „Probleme“ im Land werden nur vage erwähnt ohne sie tatsächlich zu bezeichnen, sie sind „ein anderes großes Thema“.  Auch ist erstaunlich, dass sich der Sänger, dessen Repertoire so immens viele deutsch-jüdische Urheber hat, so wenig mit dem Leid eben dieser und damit dem seines Publikums auseinandergesetzt hat. „Das kannte ich nicht“ und: „Das wäre zu schlimm für mich gewesen“, sagt er über die Schicksale der Jeckes. Aber warum nur? Ist es nicht schlimmer für diejenigen, die durch die deutsche Musik in dem Konzert an ihre Heimat erinnert werden, die ihnen am Ende das Gefühl gab, dass sie nichts mehr wert waren? „Siggi, was kann ein Mensch doch alles ertragen?“ Das fragt die Mutter ihren Sohn in einem der letzten Briefe 1935 aus Deutschland, nachdem sie ihn gerade noch in den rettenden Zug setzen konnte. Der alte Mann, Shimon Yaron,  liest ihn vor, er sitzt auf einem Stuhl, dann legt er die Briefe zurecht. Seine Hände zittern.

Deutsche Lieder will keiner hören

Keiner in Israel wolle die deutschen Lieder mehr hören, sagt Michael Ballhorn, ein alter deutscher Jude, beim Jerusalem Film Festival jetzt im Juli. Max Raabe ist wieder dabei, zwei Jahre nach der Tournee in Israel kehrt er zurück, um der Premiere der Doku beizuwohnen – und zu singen.  Ballhorn deutet damit etwas an, auf das der Videobeitrag der ARD nicht weiter eingeht:  Die Tragik, dass das Leid der Holocaust-Überlebenden, ihre Traumata und Schmerzen, nicht zu einem starken und jungen Israel der Nachkriegszeit passten. Man wollte den jüdischen Staat aufbauen, ein gesundes Selbstbewusstsein an den Tag legen. Deutsch war die Sprache der Täter, die Jeckes sollten schnell Hebräisch lernen und das alte hinter sich lassen. Der Holocaust als Absage an die deutschen Juden, die Jahrhunderte lang um Assimilation und Gleichberechtigung gerungen hatten, als vor allem Deutsche, dieser Bruch, der weitere Ängste und Spannungen nach sich zog, hätte einer intensiven Wundheilung bedurft. Aber dafür war kein Raum.

Nächstes Jahr in (Ost-)Jerusalem?

Immerhin, mag man am Ende erleichtert denken: Max Raabe hat es gut hinbekommen. Man atmet durch als Deutscher, wenn man die Doku sieht. Das Palastorchester mit seinem Sänger wurde in der israelischen Presse gefeiert. Das Eis war dünn, aber Raabe ist gut darauf entlangbalanciert, hat Eisschollen umschifft.  Er hat eine Hand ausgestreckt und ist mit einer Großzügigkeit dafür von den deutsch-israelischen Zuschauern belohnt worden , die nicht selbstverständlich ist. Das ist doch was. Ein Anfang. Da drängt sich die Frage auf: Könnten auch Palästinenser etwas mit deutscher Musik anfangen, die in den 20iger und 30iger Jahren populär war? Und dann noch von jüdischen Komponisten? Vielleicht in Ramallah, im Goethe-Institut oder im Al-Kasaba-Theater? Die nächste Doku könnte heißen: „Max Raabe in Israel und Palästina“. Nächstes Jahr in (Ost-)Jerusalem. Lebe wohl, gute Reise!

Max Raabe ist wieder auf Tournee, und zwar unter anderem im wilden und nicht Nahen Osten, Terminplan hier.

Hörprobe von: „Ich hab kein Heimatland – jüdischer Tango“ von Friedrich Schwarz. Schwarz, Pianist und Schlagerkomponist, musste Nazi-Deutschland  1933 verlassen und wurde wenig später in Paris ermordet. 

*Le chaim (hebr.)= auf das Leben!

Der Himmel über Yanoun

10 Jul
There is no occupation...Photo: John Brown, mehr unter mehr unter: http://972mag.com/nonexistent-occupation-memes-go-viral-in-israeli-social-media/50531/

Levy: „If it beats like an occupation, if it oppresses like an occupation, if it kills like an occupation, it’s a…“ Bibi: „A duck!“   Photo: John Brown

Es hätte ein friedlicher  Samstag in Yanoun, dem kleinen Dorf im Norden der Westbank nahe der Stadt Nablus sein können. Schäfer ließen ihre Tiere auf den Feldern weiden und beackerten ihr Land. Der Ramadan, der Fastenmonat der Muslime, steht vor der Tür, es ist heiß derzeit in Palästina, die Menschen schrauben das Tempo herunter. Doch der vergangene Samstag endete in einem Desaster für Israel. Am Abend flimmerten die ersten Nachrichten aus Yanoun weltweit durch die Kanäle des Internets und beschäftigten hunderttausende User. Bilanz eines Samstags in Yanoun: sechs verletzte palästinensische Männer, davon zwei schwer verwundet durch Schüsse von israelischen Soldaten, und drei tote Schafe, erstochen von jüdischen Siedlern der benachbarten Siedlung Itamar.

Fesseln und dann liegenlassen

Kein Schutz, nirgends: Israelische Soldaten und Palästinenser aus Yanoun am vergange

Kein Schutz, nirgends: Israelische Soldaten und Palästinenser aus Yanoun am vergangenen Samstag. Photo: Katherine Roldan

Was war passiert? Laut Augenzeugenberichten und Videos internationaler Menschenrechtsbeobachter von EAPPI (Ecumenical Accompaniment Programm for Palestine and Israel) kamen drei bewaffnete Siedler aus Itamar auf die Felder der Dorfbewohner, töteten die Schafe und wurden handgreiflich als die Palästinenser sie davon abhalten wollten. Außerdem wurden Felder und Olivenbäume in Brand gesetzt. In der Folge kam es zu einem Steinewerfen von beiden Seiten. Die israelische Armee, die in solchen Situationen gerufen wird, fesselte die Palästinenser trotz weiterer Schläge der Siedler mit Handschellen und ließ diese weiter gewähren. In dem englischen Bericht des EAPPI- Büros heißt es unter anderem: „Jawdat Ibrahim was handcuffed, beaten by Israeli soldiers and then released for the settlers to attack as they watched. He was then tied up by the settlers and left on his land; he was found the next morning. Konkret übersetzt: „Jawdat Ibrahim wurde an den Händen gefesselt, von den israelischen Soldaten geschlagen und dann für die Siedler freigegeben, die ihn attackierten während die Soldaten zuschauten. Er wurde dann von den Siedlern gefesselt und auf seinem Feld zurückgelassen; man fand ihn am nächsten Morgen.“ Ein Soldat schoss Jawdat Bani Jaber in das Gesicht und seinen Fuß. Er konnte erst nach drei Stunden ins Krankenhaus gebracht werden, die israelische Armee versagte ihm eine sofortige ärztliche Versorgung.  Einem weiteren Bewohner Yanouns, Hakimun Bani Jaber, wurde in den Arm geschossen.

Soldaten schauen zu

Soldaten und ein bewaffneter jüdischer Siedler.   Photo: Katherine Roldan

Soldaten und ein bewaffneter jüdischer Siedler. Photo: Katherine Roldan

Die Brutalität von jüdischen Siedlern, die häufig bewaffnet sind mit dem amerikanischen Gewehrtyp MP16, ist nichts Ungewöhnliches in der Westbank. Palästinenser wissen, dass sie schlechte Karten haben, wenn sie auf solche Leute treffen. Keinem von ihnen ist es gestattet, Waffen zu tragen. In der Stadt Hebron, in der 800 radikale Siedler das ihnen versprochene Land preisen, dürfen die palästinensischen Bewohner noch nicht einmal einfache Küchenmesser besitzen. Wer entlang der Siedlerstraßen, eine eigens für die jüdischen Kolonialisten gebaute Infrastruktur in der besetzten Westbank, entlang geht, muss damit rechnen, überfahren zu werden. Anzeigen bei der Polizei führen ins Nichts, die Akten zur Beweislage werden nach einigen Wochen ohne Ergebnis eingestellt. Eigenschutz ist nicht gestattet. Aber was dann?  Nach den Genfer Konventionen ist es Israel nicht erlaubt, seine Bevölkerung in besetzte Gebiete zu transferieren und dort anzusiedeln. Aber es ist dem jüdischen Staat, dessen Bevölkerung zu einem Fünftel aus arabischen Ureinwohnern besteht, mit den bindenden Konventionen geboten, die Menschen in den besetzten Gebieten verantwortlich zu schützen. Stattdessen werden internationale Menschenrechtsbeobachter, palästinensische und israelische NGOs und Mitarbeiter der Vereinten Nationen immer wieder Zeugen vom Gegenteil. Soldaten schauen nicht nur zu und weg, sie schlagen selbst noch drauf.

Israel hat eine Antwort gegeben

Niemand der Armeeangehörigen hat sich bisher zu dem Fall in Yanoun geäußert. Wie geht es Jawdat Bani Jaberm, was machen seine Verletzungen? Wie wird Jawdat Ibrahim psychisch und physisch überstehen, dass er misshandelt, gefesselt und über Nacht einfach auf dem Acker liegengelassen wurde? Der Staat Israel hat vor zwei Tagen darauf seine Antwort gegeben. Laut der Zeitung Haaretz und anderer israelischer Medien hat eine von der Regierung unter Benjamin Netanjahu eingesetzte Richterinstanz nun verkündet, dass es „in Israel keine Besatzung gibt“. Die jüdischen Siedlungen seien daher gesondert zu betrachten und legal. In dem Papier des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem empfiehlt das religiöse Likudmitglied Edmond Levy, ein pensionierter Richter, Judea and Samaria (Westbank) einzugemeinden. „Der größte Verlierer im Angesicht des Levy-Kommittees sind die liberalen Zionisten, die sich für eine Zwei-Staaten-Lösung aussprechen“, schreibt Joseph Dana, amerikanisch-jüdischer Journalist aus Ramallah und Zionismus-Gegner, in seinem facebook-Profil. Und weiter: „Für die israelische Regierung seid ihr nichts weiter als ein paar Trottel.“ Der Satz zielt darauf ab, dass Israel schon lange keinen Palästinenserstaat mehr vorsieht. Gerade plant Netanjahu eine neue Siedlung, die Har Homa und Gilo – beide Siedlungen bei Bethlehem  –  verbinden soll.  Doch diese Gewalt, mit der rund 4,5 Millionen Palästinenser ihrer Freiheit seit 45 Jahren beraubt werden, wird keine Wunden heilen. Sie schafft nur neue. Ein Knesset-Gesetz steht kurz vor dem Beschluss, dass künftig Palästinenser in Israel dazu verpflichten könnte, für den israelischen Staat, der sich ausschließlich als jüdisch definiert, Armee- und Zivildienst leisten zu müssen. Ein Staat, der nicht für ihre Sicherheit sorgt, sie nicht gleichstellt, ihre Geschichte totschweigt und an zionistischen Grundprinzipien festhält, die mit Landkonfiszierung, Kollektivstrafen und Vertreibung für sie einhergehen.

Die Antwort ist eindeutig. Am Samstag, am Sabbath, dem heiligen Tag der Juden, verfärbte sich der Himmel grau über Yanoun. Aber in Israel selbst ist er jetzt schwarz.

– Der Schweizer Christian Schelbert  ist zur Zeit in Yanoun als ökumenische Begleitperson von EAPPI tätig. In dem Blog „barierrer ahead“ schreibt er über den Alltag in der Westbank.

Hintergrundinfo Yanun (English)

Yanoun is a small village in Area C of the West Bank, just southeast of Nablus. It has about 65 inhabitants who are dependent upon farming and animal husbandry as their main source of livelihood. The village is surrounded by the illegal Israeli settlement of Itamar and since 1996 the residents of Yanoun have consistently experienced settler harassment and violence, as well as property damage and confiscation. In October of 2002 the settlers of Itimar forcibly evacuated Yanoun of its inhabitants. International humanitarian agencies and Israeli human rights organizations then came to Yanoun to provide a protective presence with the aim of facilitating the return of the community. These left Yanoun within weeks of the community’s return; however, the Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) has remained in Yanoun since October 2002. Based in Yanoun Ecumenical Accompaniers (EAs) provide a protective presence, monitor, and report on human rights violations in the community, as well as the entire Nablus Governorate and Jordan Valley.

INTERNATIONAL HUMANITARIAN LAW:

The International Court of Justice has stated that the 1949 Fourth Geneva Convention for the Protection of Civilian persons in Times of War applies to the occupied Palestinian territory.

All Israeli settlements are illegal according to Article 49 the Fourth Geneva Convention, which states, “The Occupying Power shall not deport or transfer parts of its own civilian population into the territory it occupies.

Article 4
of the Fourth Geneva Convention states, “Persons protected by the Convention are those who, at a given moment and in any manner whatsoever, find themselves, in case of a conflict or occupation, in the hands of a Party to the conflict or Occupying Power of which they are not nationals.” Thus, according to International Humanitarian Law, Israel has the duty as an occupying power to protect Palestinians from settler attacks.

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