Der Himmel über Yanoun

10 Jul

There is no occupation...Photo: John Brown, mehr unter mehr unter: http://972mag.com/nonexistent-occupation-memes-go-viral-in-israeli-social-media/50531/

Levy: „If it beats like an occupation, if it oppresses like an occupation, if it kills like an occupation, it’s a…“ Bibi: „A duck!“   Photo: John Brown

Es hätte ein friedlicher  Samstag in Yanoun, dem kleinen Dorf im Norden der Westbank nahe der Stadt Nablus sein können. Schäfer ließen ihre Tiere auf den Feldern weiden und beackerten ihr Land. Der Ramadan, der Fastenmonat der Muslime, steht vor der Tür, es ist heiß derzeit in Palästina, die Menschen schrauben das Tempo herunter. Doch der vergangene Samstag endete in einem Desaster für Israel. Am Abend flimmerten die ersten Nachrichten aus Yanoun weltweit durch die Kanäle des Internets und beschäftigten hunderttausende User. Bilanz eines Samstags in Yanoun: sechs verletzte palästinensische Männer, davon zwei schwer verwundet durch Schüsse von israelischen Soldaten, und drei tote Schafe, erstochen von jüdischen Siedlern der benachbarten Siedlung Itamar.

Fesseln und dann liegenlassen

Kein Schutz, nirgends: Israelische Soldaten und Palästinenser aus Yanoun am vergange

Kein Schutz, nirgends: Israelische Soldaten und Palästinenser aus Yanoun am vergangenen Samstag. Photo: Katherine Roldan

Was war passiert? Laut Augenzeugenberichten und Videos internationaler Menschenrechtsbeobachter von EAPPI (Ecumenical Accompaniment Programm for Palestine and Israel) kamen drei bewaffnete Siedler aus Itamar auf die Felder der Dorfbewohner, töteten die Schafe und wurden handgreiflich als die Palästinenser sie davon abhalten wollten. Außerdem wurden Felder und Olivenbäume in Brand gesetzt. In der Folge kam es zu einem Steinewerfen von beiden Seiten. Die israelische Armee, die in solchen Situationen gerufen wird, fesselte die Palästinenser trotz weiterer Schläge der Siedler mit Handschellen und ließ diese weiter gewähren. In dem englischen Bericht des EAPPI- Büros heißt es unter anderem: „Jawdat Ibrahim was handcuffed, beaten by Israeli soldiers and then released for the settlers to attack as they watched. He was then tied up by the settlers and left on his land; he was found the next morning. Konkret übersetzt: „Jawdat Ibrahim wurde an den Händen gefesselt, von den israelischen Soldaten geschlagen und dann für die Siedler freigegeben, die ihn attackierten während die Soldaten zuschauten. Er wurde dann von den Siedlern gefesselt und auf seinem Feld zurückgelassen; man fand ihn am nächsten Morgen.“ Ein Soldat schoss Jawdat Bani Jaber in das Gesicht und seinen Fuß. Er konnte erst nach drei Stunden ins Krankenhaus gebracht werden, die israelische Armee versagte ihm eine sofortige ärztliche Versorgung.  Einem weiteren Bewohner Yanouns, Hakimun Bani Jaber, wurde in den Arm geschossen.

Soldaten schauen zu

Soldaten und ein bewaffneter jüdischer Siedler.   Photo: Katherine Roldan

Soldaten und ein bewaffneter jüdischer Siedler. Photo: Katherine Roldan

Die Brutalität von jüdischen Siedlern, die häufig bewaffnet sind mit dem amerikanischen Gewehrtyp MP16, ist nichts Ungewöhnliches in der Westbank. Palästinenser wissen, dass sie schlechte Karten haben, wenn sie auf solche Leute treffen. Keinem von ihnen ist es gestattet, Waffen zu tragen. In der Stadt Hebron, in der 800 radikale Siedler das ihnen versprochene Land preisen, dürfen die palästinensischen Bewohner noch nicht einmal einfache Küchenmesser besitzen. Wer entlang der Siedlerstraßen, eine eigens für die jüdischen Kolonialisten gebaute Infrastruktur in der besetzten Westbank, entlang geht, muss damit rechnen, überfahren zu werden. Anzeigen bei der Polizei führen ins Nichts, die Akten zur Beweislage werden nach einigen Wochen ohne Ergebnis eingestellt. Eigenschutz ist nicht gestattet. Aber was dann?  Nach den Genfer Konventionen ist es Israel nicht erlaubt, seine Bevölkerung in besetzte Gebiete zu transferieren und dort anzusiedeln. Aber es ist dem jüdischen Staat, dessen Bevölkerung zu einem Fünftel aus arabischen Ureinwohnern besteht, mit den bindenden Konventionen geboten, die Menschen in den besetzten Gebieten verantwortlich zu schützen. Stattdessen werden internationale Menschenrechtsbeobachter, palästinensische und israelische NGOs und Mitarbeiter der Vereinten Nationen immer wieder Zeugen vom Gegenteil. Soldaten schauen nicht nur zu und weg, sie schlagen selbst noch drauf.

Israel hat eine Antwort gegeben

Niemand der Armeeangehörigen hat sich bisher zu dem Fall in Yanoun geäußert. Wie geht es Jawdat Bani Jaberm, was machen seine Verletzungen? Wie wird Jawdat Ibrahim psychisch und physisch überstehen, dass er misshandelt, gefesselt und über Nacht einfach auf dem Acker liegengelassen wurde? Der Staat Israel hat vor zwei Tagen darauf seine Antwort gegeben. Laut der Zeitung Haaretz und anderer israelischer Medien hat eine von der Regierung unter Benjamin Netanjahu eingesetzte Richterinstanz nun verkündet, dass es „in Israel keine Besatzung gibt“. Die jüdischen Siedlungen seien daher gesondert zu betrachten und legal. In dem Papier des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem empfiehlt das religiöse Likudmitglied Edmond Levy, ein pensionierter Richter, Judea and Samaria (Westbank) einzugemeinden. „Der größte Verlierer im Angesicht des Levy-Kommittees sind die liberalen Zionisten, die sich für eine Zwei-Staaten-Lösung aussprechen“, schreibt Joseph Dana, amerikanisch-jüdischer Journalist aus Ramallah und Zionismus-Gegner, in seinem facebook-Profil. Und weiter: „Für die israelische Regierung seid ihr nichts weiter als ein paar Trottel.“ Der Satz zielt darauf ab, dass Israel schon lange keinen Palästinenserstaat mehr vorsieht. Gerade plant Netanjahu eine neue Siedlung, die Har Homa und Gilo – beide Siedlungen bei Bethlehem  –  verbinden soll.  Doch diese Gewalt, mit der rund 4,5 Millionen Palästinenser ihrer Freiheit seit 45 Jahren beraubt werden, wird keine Wunden heilen. Sie schafft nur neue. Ein Knesset-Gesetz steht kurz vor dem Beschluss, dass künftig Palästinenser in Israel dazu verpflichten könnte, für den israelischen Staat, der sich ausschließlich als jüdisch definiert, Armee- und Zivildienst leisten zu müssen. Ein Staat, der nicht für ihre Sicherheit sorgt, sie nicht gleichstellt, ihre Geschichte totschweigt und an zionistischen Grundprinzipien festhält, die mit Landkonfiszierung, Kollektivstrafen und Vertreibung für sie einhergehen.

Die Antwort ist eindeutig. Am Samstag, am Sabbath, dem heiligen Tag der Juden, verfärbte sich der Himmel grau über Yanoun. Aber in Israel selbst ist er jetzt schwarz.

– Der Schweizer Christian Schelbert  ist zur Zeit in Yanoun als ökumenische Begleitperson von EAPPI tätig. In dem Blog „barierrer ahead“ schreibt er über den Alltag in der Westbank.

Hintergrundinfo Yanun (English)

Yanoun is a small village in Area C of the West Bank, just southeast of Nablus. It has about 65 inhabitants who are dependent upon farming and animal husbandry as their main source of livelihood. The village is surrounded by the illegal Israeli settlement of Itamar and since 1996 the residents of Yanoun have consistently experienced settler harassment and violence, as well as property damage and confiscation. In October of 2002 the settlers of Itimar forcibly evacuated Yanoun of its inhabitants. International humanitarian agencies and Israeli human rights organizations then came to Yanoun to provide a protective presence with the aim of facilitating the return of the community. These left Yanoun within weeks of the community’s return; however, the Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) has remained in Yanoun since October 2002. Based in Yanoun Ecumenical Accompaniers (EAs) provide a protective presence, monitor, and report on human rights violations in the community, as well as the entire Nablus Governorate and Jordan Valley.

INTERNATIONAL HUMANITARIAN LAW:

The International Court of Justice has stated that the 1949 Fourth Geneva Convention for the Protection of Civilian persons in Times of War applies to the occupied Palestinian territory.

All Israeli settlements are illegal according to Article 49 the Fourth Geneva Convention, which states, “The Occupying Power shall not deport or transfer parts of its own civilian population into the territory it occupies.

Article 4
of the Fourth Geneva Convention states, “Persons protected by the Convention are those who, at a given moment and in any manner whatsoever, find themselves, in case of a conflict or occupation, in the hands of a Party to the conflict or Occupying Power of which they are not nationals.” Thus, according to International Humanitarian Law, Israel has the duty as an occupying power to protect Palestinians from settler attacks.

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