Archiv | August, 2012

Gewaltig daneben

19 Aug

1925 schrieb Kurt Tucholsky, einer der besten deutschen Journalisten und scharfsinnigsten Beobachter seiner Zeit, unter dem Namen Ignaz Wrobel: „Die Grausamkeit der meisten Menschen ist Phantasielosigkeit und ihre Brutalität Ignoranz“. Der Satz kam mir ins Gedächtnis als ich den Kommentar von „Al Bundy“ las, einem User, der zu meinen letzten Artikel „Wenn Tauben Trauer tragen“ schrieb. Der Kommentar ist insofern lesenswert, weil er sowohl bezüglich seiner Sprache als auch des Inhalts agressiv und grenzüberschreitend ist und damit ein typisches Verhaltensmuster im Kontext des Nahostkonflikts widerspiegelt: Statt sich tatsächlich an Fakten zu halten und sich mit dem Berichteten auseinanderzusetzen, wird die Information verlächerlicht („simple Recherche“, „scheinheiliges Gepluster“), dem Autor lieber rasch Propaganda („palästinasolidarisch loszuflennen“) unterstellt und eine Haltung zugeschoben, die Mitgefühl für getötete Israelis in dem Zusammenhang nicht miteinbezieht (Burgas „findet keine Erwähnung auf ihrem super-duper […] Blog“).

Sie wollen keine Entschuldigung

Liegt seit Donnerstagabend in der Hatadassah-Klinik: Muhammad Hassan, vier Jahre alt.      Foto: privat

Liegt seit Donnerstagabend in der Hadassah-Klinik: Muhammad Hassan, vier Jahre alt. Foto: privat

Indes, einmalig ist so ein Kommentar nicht, man liest so etwas tausendfach in Internetforen zum Thema Palästina-Israel-Konflikt. Ein Mensch, der sich bisher nur mit der israelischen Seite beschäftigt hat, die aber dann erstaunlicherweise weder eine detaillierte Beschäftigung mit der Geschichte noch der Entstehung des jüdischen Staates, seiner Politik und Kriege miteinbezieht, möchte Israel damit etwas Gutes tun. Nur: Tut er das wirklich? Wer Israel verstehen will, muss sich mit Israelis unterhalten. Auch über die Besatzung, sie ist ein Teil der israelischen Realität. Und er muss die palästinensische Bevölkerung fragen, sie kennenlernen, mit ihr in Kontakt treten. Al erwähnte in seinem Kommentar, dass noch nicht geklärt sei, wer hinter dem Anschlag auf das palästinensische Taxi steckt. Ich muss Sie leider enttäuschen, Al, denn doch, das wissen wir alle ganz genau. Siedler aus Kfar Etzion haben es gestern bestätigt, ein paar Friedensaktivisten haben sich bei einigen Palästinensern aus Nahalin für das Verbrechen entschuldigt. Ein Siedler schreibt: „We must open our hearts (and still see the problems, the challenges) and leave the rhetoric of hate while we complain about the evils of Occupation and the conflict. This is not easy for someone living under Occupation.. I know that.“  Richtig, das ist es nicht. Palästinenser brauchen keine Entschuldigung. Sie wollen ein Ende der israelischen Besatzung, ein Stoppschild für das tägliche Bauen der jüdischen Siedlungen, ein Aufhören der Demütigungen an den Checkpoints, ein freies Passieren in alle Richtungen, Bewegungs- und Meinungsfreiheit, uneingeschränkten Zugang zu religiösen Stätten, zu ihrer Familie und Freunden. Sie wollen selbst entscheiden, ob sie eine Palästinenserin oder einen Juden heiraten. Sie sind es leid, ständig Landkonfiszierungsbefehle des israelischen Staates zu erhalten, die ihnen wieder mehrere tausend Quadratmeter palästinensischen Landes rauben.

Israelisch, aber mit Westbank-ID

Nahalin, aus dem die betroffene Familie stammt, hat bereits 60 % seiner Fläche zugunsten jüdischer Siedlungen verloren; nun diskutiert der Militärgoverneur darüber, ob in Gush Etzion ein Hotelprojekt gebaut wird und ob dann das Dorf Nahalin mit seinen 8000 Einwohnern auf die israelische Seite kommt oder Westbank-Gebiet bleibt. In beiden Fällen werden die Einwohner verlieren und in beiden Fällen werden sie – wie so oft vorher und besonders deutlich sichtbar gerade am Beispiel der Jahalin-Beduinen  – nicht gefragt: Im Falle einer Einverleibung Israels werden die Nahaliner in die fatale Lage kommen, Westbank-ID-Holder auf israelischem Staatsgebiet zu sein, also „illegal residents“, wie es bereits 20.000 Palästinenser sind, denen Israel bis heute die israelische Stattsbürgerschaft verweigert. Das Dorf An Numan, östlich von Bethlehem gelegen und zum „Großraum Jerusalems“ zählend, leidet darunter seit Jahren und hat sogar einen eigenen Checkpoint hingesetzt bekommen, den die 150 Bewohner täglich passieren müssen. Und den Besucher nicht passieren dürfen, die nach An Numan möchten.

Zack – die Akte ist zu

Auf die Untersuchungen bezüglich der Täter bin ich übrigens genauso gespannt wie Al. Laut UN Ocha (Office for the Coordination of Humanatarian Affairs occupied palestinian territory) werden 90% aller strafrechtlichen Untersuchungen gegen jüdische Siedler (Abholzen/Abbrennen von Fruchttbäumen in der Westbank, körperliche Gewalt gegen palästinensische Bewohner bis hin zu Tötungen und viele weitere) eingestellt; es kommt am Ende zu keiner Verurteilung. Zack, die Akte ist zu. Die Fälle von jüdischen Siedlern werden  – wenn sie denn vor Gericht gestellt werden – von Zivilgerichten begutachtet – Palästinenser von israelischen Militärgerichten. Ein großer Unterschied. Welche Rolle die Richter dabei spielen und wie man sich das vorstellen muss, berichtet die Israelin Ofra Ben-Artzi treffend hier.

Recherche in Flammen

Al, wenn Sie in die Siedlung Bat Ayin fahren, aus der der Molotow-Cocktail geschleudert wurde, deretwegen nun fünf Menschen mit verbranntem Fleisch in der Jerusalemer Hadassah-Klinik liegen, dann fahren Sie die Straße entlang, auf der die Eltern, ihre Kinder und der Fahrer vor ihnen dieselbe Strecke fuhren. Gucken Sie sich alles genau an und denken Sie scharf nach. Und ich rate ihnen eins: Nehmen Sie bloß kein palästinensisches Taxi, sondern ein israelisches. Sonst könnte es für sie dort ganz schlecht enden. Und die Recherche vor Ort geht schneller in Flammen auf als ihnen lieb ist.

Wenn Tauben Trauer tragen

16 Aug

Heute Abend, vor wenigen Stunden, ging ein palästinensisches Fahrzeug, das auf einer Straße nahe der israelischen Siedlungskette Gush Etzion/Bethlehem, entlangfuhr, in Flammen auf. Dabei wurden alle fünf Insassen  – palästinensische Zivilisten – schwer verletzt. Die Bombe, vermutlich mehrere Molotow-Cocktails, wurde von jüdischen Siedlern absichtlich auf das Auto geworfen. Benjamin Netanjahu hat versprochen, die Täter zu verurteilen. Erst vor kurzem war bei einer Gewalttat – ein israelischer Soldat hatte einen Mann und eine Frau in derselben Gegend getötet – lediglich eine Haftstrafe von 42 Tagen verhängt worden. „Was wird aus so einer Untersuchung?“, fragt ein Dorfbewohner, der aus derselben Familie stammt wie die Opfer. „Netanjahu wird gar nichts machen – außer sich bei den Siedlern für diese Tat zu bedanken.“ Die Eltern, ihre beiden Kinder sowie der Fahrer, liegen in Jerusalem im Krankenhaus.

Hier ist der Artikel, der auf der israelischen Website ynet. news. com erschien. Auch die palästinensische Nachrichtenagentur maan news berichtet darüber.

Firebomb injures 5 Palestinians; police say Jews behind attack

Vehicle travelling in West Bank catches fire after being hit by Molotov cocktail; parents, children, driver suffer moderate to serious wounds. Police: Jews behind attack

Itamar Fleishman

Five Palestinians sustained moderate to serious injuries Thursday evening when the taxi they were travelling in was hit by a Molotov cocktail and caught fire. The vehicle was struck as it was travelling between the West Bank settlements of Bat Ayin and Gvaot, in the Gush Etzion region, and overturned. The injured Palestinians were evacuated to Jerusalem’s Hadassah Ein Kerem Hospital for treatment.

Related stories:

  • Firebombs hurled at Jerusalem bus

A police official said the attack was carried out by Jews and was nationalistically-motivated.
IDF forces were scouring the area in search of the assailants, whose identity remains unclear. During the search, another firebomb was found, but it was not lit. Most of the wounded Palestinians are members of the same family from the Nahalin village, near Bethlehem. Red Cross officials in Bethlehem identified the injured Palestinians as a 35-year-old man, his wife, 27, and their children, aged four and five. The driver was also hurt.

The parents are suffering from second and third-degree burns, while the children are suffering from first-degree burns, the Red Cross said. Osama Shakarneh, head of the Nahalin council, told Ynet that village residents travelling to Bethlehem along the same road are frequently attacked with stones.

Elior Levy contributed to the report

המונית. הפצועים פונו לבית חולים בדרגות כוויה שונות (צילום: דוברות משטרת מחוז שי)

Picture @Ynet.news: Taxi after attack                                                                                      Photo: Israel Police

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