Archiv | September, 2012

Hebrons Superwoman

27 Sep
Nawal Slemiah vor einer ihrer Stickereien im Ladengeschäft in Idna.     Fotos: lha

Nawal Slemiah vor einer ihrer Stickereien im Ladengeschäft in Idna.           Fotos: lha

„Men can do something – women can do anything“. Der Schriftzug auf der kleinen Geldbörse ist echte Handarbeit, und er ist von Frauenhand gestickt. Naval Hassan Mahmood Slemiah (46) dreht das Täschchen in ihrer Hand und grinst. Der Spruch – Frauen können alles schaffen – ist ihr Lebensmotto.  Was auch sonst?

Nichts ist hier normal

Heute ist es relativ ruhig in Hebron. Die jüdischen Siedler, rund 800 an der Zahl, die in den vier illegalen Siedlungen in der arabischen Altstadt Hebrons leben, haben sich zurückgezogen in ihre Häuser. Gerade war Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag, und bald wird Rosh Hashana gefeiert, das Versöhnungsfest mit Gott. Noch ist die Ibrahimi-Moschee unweit von Nawal Ladengeschäft im Sukh für Muslime geöffnet. Doch in ein paar Tagen dürfen die

In der Moschee: Nach muslimischer, jüdischer und christlicher Überlieferung befinden sich hier die Gräber von Abraham und Sara.

In der Moschee: Nach muslimischer, jüdischer und christlicher Überlieferung befinden sich hier die Gräber von Abraham und Sara.

Gläubigen nicht mehr am Grab der Propheten in ihrem Gotteshaus beten. Sie müssen das Feld dann für die jüdischen Siedler räumen, die die Moschee für zehn Tage als Synagoge nutzen werden. „Hier ist nichts normal“, sagt eine Soldatin. Sie ist in Deutschland aufgewachsen und zum Wehrdienst nach Israel gekommen, wie viele Juden außerhalb des Landes. Maryam ist seit einem Jahr in Hebron stationiert und leistet ihren Armeedienst direkt vor der Ibrahimi-Moschee. Sie weiß, dass Hebron auch als „Ghost City“ bezeichnet wird, als verlassene Geister-Stadt. Auf die Frage, warum sie ihren Armeedienst hier

Streng bewacht: Der Eingang der Ibrahimi-Moschee wird Tag und Nacht von israelischen Soldaten kontrolliert.

Streng bewacht: Der Eingang der Ibrahimi-Moschee wird Tag und Nacht von israelischen Soldaten kontrolliert.

leistet, zuckt sie nur mit den Schultern. „Sie ist meine Freundin, sie ist eine gute Soldatin. Ja, sie ist auch meine Besatzerin, aber sie ist eine nette Frau“, sagt ein junger Palästinenser und lacht zynisch. Maryam guckt verlegen, dann versucht sie ein Lächeln.

Niemand öffnet die Straße wieder

Als die israelische Armee 2000 im Zuge der Zweiten Intifada die Stadt wiederbesetzte und die gesamte Altstadt für Palästinenser sperrte, mussten viele ihre Häuser und Geschäfte verlassen. Es gab hunderte Tote und Verletzte. Die Shuhada Straße, die „Straße der Märtyrer“, war einst die pulsierende Einkaufstraße und Achse Hebrons. Nach Israels Invasion stehen jetzt seit Jahren 1000 Läden leer,  die meisten wurden von der Armee verschlossen, Zugänge und Fenster wurden versperrt oder zugemauert. Gegenüber von Navals Shop hat jemand ein Graffitti an die Wand gesprüht. „Open Shuhada

Am Eingang zum Hauptsukh der Altstadt.

Am Eingang zum Hauptsouk der Altstadt.

Street“. Aber hier öffnet niemand mehr die Straße. In der Shuhada joggen Siedler mit Kippa, Davidstern und amerikanischem Akzent. Und Menschen aus anderen Ländern schlendern etwas unsicher durch die Shuhada, die sich dabei neugierig umsehen und ein bisschen was von der gewalttätigen Atmosphäre dieser Situation mitbekommen, vielleicht begreifen wollen. Hebron, das ist Trennung von Palästinensern und jüdischen Radikalen, dreizehn Checkpoints in der Altstadt und israelischen Soldaten, die ihren Job sehr ernst nehmen.

Einen Kompromiss gibt es nicht

Palästinensern ist es lediglich erlaubt, nur eine Straßenseite zu benutzen, ein Teil ist für sie sogar ganz gesperrt. Palästinensische Fahrzeuge haben keinen Zugang. „Das ist nicht normal, das ist Apartheid“, hatte der SPD-Politiker Sigmar Gabriel im Frühjahr dazu auf facebook gepostet, nachdem er Hebrons Altstadt besucht hatte. Zu Hebron gibt es viele Meinungen. Die einen sagen, die Stadt sei ein konzentrierter Mikrokosmos der Gesamtsituation der Palästinenser unter israelischer Besatzung. Left-wing Israelis finden es gruselig dort, weil sie die Siedler hassen und dennoch vergessen, dass ihre Armee diese gleichzeitig bei jedem Zwischenfall sofort unterstützt. Siedler finden die eigene Anwesenheit berechtigt – schließlich sind Abraham und Sara ihre Stammesväter und in Hebron begraben. Das Land ist Eretz Israel, einen Kompromiss gibt es nicht. Jüdisches Leben in der arabischen Altstadt? Für sie ganz normal.

Er spuckte ihr ins Gesicht

Als Nawal Slemiah 2005 ihren Tisch mit Handstickereien im Sukh unweit der

Trendy: Die handbestickte Tasche kommt bei europäischen Kunden gut an.

Trendy: Die handbestickte Tasche kommt bei europäischen Kunden gut an.

Ibrahimi-Moschee das erste Mal aufbaute, stießen ihn Siedler jede Woche um – die israelischen Soldaten eilten herbei und beschützen die jüdischen Bewohner, nicht aber die einheimische Händlerin. „Einmal spuckte mir ein Siedler direkt ins Gesicht“, erinnert sie sich. Doch die Grundschullehrein, die in Amman studiert hat und drei Kinder aufzieht, ließ sich nie entmutigen. Auch nachdem der radikale Siedler wiederkam und ihr ein Foto des jüdischen Terroristen Baruch Goldstein (der amerikanische Arzt und Siedler Baruch Goldstein erschoß 1994 30 betende Muslime in der Ibrahimi-Moschee und verletzte rund 25 schwer) ins Gesicht klatschte, gab sie nicht auf, sondern machte weiter.

Mit einem Tisch vor der Moschee

Nawal ist eine Businessfrau. In Hebrons Altstadt hat sie es mittlerweile zu einer bescheidenen Berühmtheit gebracht. Ihre „Idna Cooperation – women in Hebron“ beschäftigt mittlerweile 150 Frauen. Die Frauen, meist ohne Studienabschluss oder Berufsbildung, sticken und nähen in Heimarbeit Shoppingtaschen, Laptop-Etuis und Portemonaies. Sie fertigen nach Wunsch Designs an, schneidern Hochzeitskleider oder verzieren Blusen mit

Kette mit Münze aus der Zeit des Ottomanischen Reiches.

Kette mit Münze aus der Zeit des Ottomanischen Reiches.

palästinenscher Stickerei. Laila, Navals Schwester, zwirbelt Fäden zwischen ihren Fingern und reiht Perlen auf für Ketten und Ohrringe mit palästinensischen Münzen, die die Frauen anschließend im Laden verkaufen. „Ich hatte kein Geld und war krank durch die politische Situation“, berichtet Nawal über ihre Anfänge. Weil sich aufgrund der Zusammenstöße mit der israelischen Armee 2005 niemand während der Zweiten Intifada in die Altstadt traute, gab es dort kein Geschäftsleben mehr. Nawal nutzte das und verkaufte anfangs mit einem kleinen Tisch vor der Moschee. Später konnte sie einen leerstehenden Laden im Souk beziehen, über dem im 1. Stock jüdische Siedler eingezogen waren.

Deutsche kaufen nichts

Heute leitet sie als Managerin die Idna Kooperation, benannt nach dem Dorf, in dem sie selbst lebt. „Wir machen noch nicht genug Umsatz, weil in Hebron kaum Touristen sind“, sagt sie. Das sei ein Problem, auch, weil das Material für die Taschen und Stickereien teuer sei. Heute aber ist ein guter Tag, die Frauen haben rund 600 Schekel eingenommen, 120 Euro. Deutsche kaufen nie etwas, hat Nawal beobachtet und es ärgert sie. „Die kommen und gucken. Aber kaufen tun sie nichts“.

Die Besatzung wird niemals Normalität

Women can do anything  - Naval mit Tochter Yaffa.

Women can do anything – Nawal mit Tochter Yaffa.

Im April ist Nawal in die Türkei gereist, als Gast einer internationalen Frauenkonferenz. Sie hat dort vor 2000 Frauen gesprochen. Am Ende weinten alle. Und lachten dann gemeinsam. Sie sagt, das vergisst man nicht so schnell. Die Frau, die zwölf Jahre lang auf ihren Verlobten warten musste, weil der in einem israelischen Gefängnis saß, sprach dort nicht über Frauenrechte. „Die sind ganz klar wichtig“, sagt sie. Aber eins sei das Wichtigste überhaupt: Dass die Palästinenser eines Tages frei sein werden. „Darum geht es, darüber habe ich erzählt. Ich möchte, dass die israelische Besatzung aufhört. Sie ist nicht normal und ich werde sie auch niemals als Normalität akzeptieren.“ Nawal fährt morgen wieder von ihrem Dorf Idna nach Hebron. Sie wird wieder mit den wenigen Touristen sprechen, die vorbeikommen, vielleicht wird sie eine Tasche verkaufen oder zwei. Auf dem Weg zur Arbeit wird sie am Checkpoint gestoppt, wie jeden Tag, ganz normal, vielleicht muss sie ihre grüne Westbank-ID-Karte herausholen und sie dem 19-jährigen israelischen Soldaten zeigen. Was bedeutet Normalität schon in einer Stadt wie Hebron?

Die „Women in Hebron“ sind auf facebook.

Der Deutsche Sam Lee ist derzeit als ökumenischer Begleiter für das Programm EAPPI in Hebron im Einsatz. in seinem Blog „Witness Hebron“ kann man aktuelle Berichte aus der größten Stadt der Westbank lesen.

Gute Schuhe braucht das Land

9 Sep
Pumps to go von Rahalashoes.           Fotos: Liva Haensel

Pumps to go von Rahalashoes. Fotos: Liva Haensel

Man kann nicht gerade sagen, dass Palästina arm an Schuhen ist. Im Gegenteil. Ballerinas, Schnürschuhe, Sandalen, Tiptoes, sie alle baumeln vor den Shops der Städte an Drahtgerüsten und warten darauf, dass sie ein williger Käufer mitnimmt. Aber wer hat Lust auf „made in China“, wenn es doch auch „made in Palestine“ gibt?

Sandale mit palästinensischer Stickerei.

Sandale mit palästinensischer Stickerei.

Imad Abed Al Qader ist ein kleiner, rundlicher Mann mit breitem Schädel, auf dem sich kein einziges Haar mehr befindet. Er bindet sich eine Schürze um, setzt sich flink an die Nähmaschine und greift sich dann einen kirschroten Lederflecken. „Deutsche wollen, dass immer alles glatt geht, sie sind klar und zielgerichtet und wenn etwas nicht klappt, sind sie schnell verärgert“, sagt der Besitzer von Rahala Shoes. Erfahrungen, die ein Schuhdesigner in Ramallah mit deutschen Kunden macht. Die Einwohner der Stadt mit Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde, die prozentual die meisten Ausländer aufgrund der hohen NGO-Dichte hat, kaufen gerne bei Imad ein. Denn die Schuhe im kleinen Laden sind handgemacht, alle aus Leder und in trendy Farben erhältlich. Dass es sie nicht in Berlin-Kreuzberg gibt, aber dafür ausgerechnet in Ramallah-City, unauffällig auf 40 Quadratmetern, ist da fast verwunderlich. Aber weil in Palästina vieles möglich ist, sich auch Mini-Ananas neben Kentucky Fried Chicken und kitschigen Herz-Gasluftballons finden, gibt es hier eben auch erstklassige Rahala Shoes.

Schuhmacher Imad Abed Al Qader

Schuhmacher Imad Abed Al Qader

In Ramallah Mangel an Schuhmachern

Imad fertigt pro Tag rund 30 Paar Schuhe  in seiner kleinen Werkstatt um die Ecke des Geschäfts an. Wenn es besonders viele Bestellungen gibt, müssen seine Mitarbeiter in Hebron ebenfalls ran an die Werkmaschinen. „Ich würde lieber Schuhhandwerker in Ramallah haben“, sagt Imad, „aber hier gibt es keine mehr.“ Die jungen Männer wollen lieber studieren, Mädchen kennenlernen und in die Welt hinaus. Da sei kein Platz mehr für ein echtes Handwerk, bedauert der Schuhmacher. Imad lernte seinen Beruf in Jerusalem bei dem armenischen Schuhdesigner Karkur Bustian. Der Künstler brachte ihm nicht nur bei, wie man Schuhe selbst handgemacht herstellt, sondern auch, wie Designs und Farben entwickelt und

Chic in Ramallah

Chic in Ramallah

diese gekonnt kombiniert werden. 1985 eröffnete Imad seinen ersten Laden in Nablus, seiner Heimatstadt. Weil er gegen die israelische Besatzung kämpfte, landete er während der Ersten Intifada im Gefängnis und musste sein Geschäft wieder schließen. 2008 zog er mit der Familie nach Ramallah.

Apfelgrün anstelle von silber

Ehefrau Raheb stellt mit anderen Frauen traditionelle palästinensische Stickereien auf Samtstoff her, die anschließend von ihrem Mann auf Stiefelschafte, Sandalenriemen oder Pumps genäht werden. Das Logo „Made in Palestine“ mit dem kleinen Schäfer daneben auf der Sohle rundet die Authentizität vollends ab. Wer guten Laufkomfort zu einem moderaten Preis haben will, ist bei Rahala Shoes richtig. Zu wählerisch darf man allerdings nicht sein: Da jeder Schuh handgefertigt ist, sind Größen schnell ausverkauft und Imad braucht eine Woche, um diese nachzumachen. Da kann es dann auch schon mal passieren, dass der Kunde ein alternatives Paar nimmt oder beim Abholen seiner Wunschschuhe feststellt, dass der Silberstreif auf der Sandale jetzt apfelgrün ist. Aber das spielt keine Rolle. Denn Hauptsache, das „Made in Palestine“ stimmt.

100 % echte Kunst

100 % echte Kunst

Rahala Shoes – Hand Made in Palestine  –

Al Ersal Street/Daragma Center, Ramallah – Westbank

www.rahalashoes.com

Bühne frei

6 Sep
Peter Brook.   Foto: starscolor.com

Peter Brook. Foto: starscolor.com

„Es ist schwer, Jude zu sein – doch Israeli zu sein, ist ein Fluch“, schreibt Omri Nitzan auf ynet. news, dem israelischen Onlineportal (gesamter Text auf Deutsch hier).  Nitzan ist Intendant des Cameri-Theaters in Tel Aviv und derzeit verschnupft. Der Grund dafür ist die Absage des britisch-jüdischen Theaterregisseurs Peter Brook an Nitzan und sein israelisches Theater. Eigentlich hatte Brook, Star der weltweiten Theaterszene, an dem Internationalen Theaterfestival des Cameri in Tel Aviv mit seinem Ensemble im Dezember teilnehmen wollen. Jetzt sagte der Regisseur in Hinblick auf Israels Menschenrechtsverletzungen gegen die palästinensische Bevölkerung ab. Nitzan rief daraufhin laut eines Tel Aviver Magazins umgehend eine Sondersitzung mit seinen engsten Mitarbeitern ein und überlegt nun, gegen Brook zu klagen.

Die Bewegung wächst stetig

Die jüngste Absage gegen einen israelische Einrichtung reiht sich damit ein in die Kette von Absagen und Verweigerungen internationaler und israelischer Künstler,  in Israel und den illegalen israelischen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten aufzutreten. Erst kürzlich zuvor hatte auch der US-Amerikanische Sänger Lenny Kravitz seine Konzerttournee für Israel abgesagt und sich damit als Befürworter des kulturellen Boykotts gegen Israel geoutet.  2005 hatte die palästinensische Zivilgesellschaft das erste Mal öffentlich dazu aufgerufen, Israel auf wirtschaftlicher, akademischer und kultureller Ebene solange zu boykottieren, bis der Staat die Einhaltung der Menschenrechte und internationalen Rechts gewährleiste. Der sogenannte BDS-Call („Boycotts, divestment and sanctions“) aus der Mitte der palästinensischen Gesellschaft wuchs langsam aber stetig zu einer globalen Bewegung an, die sich an der Boykott-Kampagne zu  Apartheid-Zeiten in Südafrika oriertiert und von Seiten israelischer Friedensaktivisten mit der Organisation „Voice from within“ befürwortet wird.

Neue Strategien auf dem Weltsozialforum

Logobild des Weltsozialsforums für 2012.    Foto: WSF Brasil

Logobild des Weltsozialsforums für 2012. Foto: WSF Brasil

Von Menschenrechtsaktivisten wird BDS als Segen angesehen. Gerade diejenigen, die selbst aus Ländern mit Apartheidserfahrungen stammen wie Südafrika, sind oftmals Anhänger der Bewegung. Auf dem Weltsozialforum, das dieses Jahr in Brasilien in Porto Alegre zum ersten Mal unter dem Motto „Free Palestine“ stattfinden wird, wird die Boykottbewegung für die Interessen des palästinensischen Volkes eines der Hauptthemen sein. „Wir werden nicht nur darüber sprechen, wie wir vor allem in Ländern , die intensiv mit Israel Handelsbeziehungen haben, BDS stärker umsetzen“, sagt Ahmad Jaradat, Mitarbeiter des israelisch-palästinensischen Alternative Information Center (AIC). „Sondern wir werden in Brasilien auch eine Strategie entwickeln, die nachhaltig in allen Ländern von Menschen umgesetzt werden kann, die sich mit Israel und seiner Nichtachtung von Menschenrechten auseinandersetzt.“
Auf dem Weltsozialforum Free Palestine werden mehr als 500 Vertreter von rund 170 kirchlichen und unabhängigen Nicht-Regierungs-Organisationen erwartet, die sich für einen gerechten Frieden im Nahen Osten einsetzen: Ende der israelischen Besatzung, Einhaltung der Menschenrechte und UN-Konventionen, Gleichberechtigung der palästinensischen Bevölkerung, Beendigung von Apartheid und Mauerbau sowie Realisierung des Rückkehrrechts der palästinensischen Flüchtlinge. An dem Forum werden laut des AIC auch zahlreiche jüdische und israelische Organisationen teilnehmen. „Jeder, der möchte, ist eingeladen“, sagt Jaradat. Bedingung dafür sei, dass jeder Teilnehmer die Prinzipien des Weltsozialforums bejahe.

„Delegitimierung der hebräischen Kultur“

In seinem Gastbeitrag auf dem israelischen Onlineportal ynet news fasst der abservierte Theaterdirektor Nitzan seine Wut über Brooks Boykott in Worte. „Wenn Brooks Théâtre des Bouffes du Nord“, schreibt er dort, „das als das wichtigste internationale Ensemble der Welt gilt, sich weigert, hierher zu kommen, dann kann man die Augen nicht mehr davor verschließen. Wir müssen verstehen, dass das kein Protest gegen diese oder jene Institution ist, sondern eine Delegitimierung der gesamten hebräischen Kultur, die für den Zionismus steht, der wiederum die raison d’être des Staates Israel ist. Es ist das Glück der Literatur, dass sie schweigt. Es ist das Glück der Schriftsteller, dass – wegen der fürchterlichen Assoziationen dazu – bisher noch keine Bücher verbrannt werden.“

Lieber die Opferrolle behalten

Mit diesem Vergleich zielt Nitzan direkt auf die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten im Dritten Reich ab, bei der tausende Schriften jüdischer Autoren öffentlich verbrannt wurden. Damit schafft er eine künstliche Parallele, die jüdische Israelis zu reine Opfer stilisiert – und ihnen damit eine aktive Täterschaft und Entscheidungsgewalt nimmt. Dieser Diskurs ist so alt wie der Staat Israel selbst, verhindert aber eine echte Auseinendersetzung mit Israels Verantwortung gegenüber 5,5 Millionen Palästinensern, die seit 1967 unter israelischer Besatzung leben und nach internationalem Recht ihrer basalsten Rechte beraubt sind. Anfang des Jahres beschlosss der jüdische Staat, 70.000 in der Negev-Wüste lebende Beduinen zwangsumzusiedeln. Vor zwei Tagen räumte die israelische Armee den illegalen jüdischen Außenposten Migron mit etwa zehn jüdischen Familien. Dafür schworen rechtsradikale Siedler Rache mit ihren sogenannten Price-Tag-Attacken („Einen Preis dafür zahlen“) und diese folgte promt gestern: Die Einganstür des französischen Trappistenklosters Latrun im Norden Jerusalems wurde abgebrannt, mehrere Graffitti-Slogans  („Jesus ist ein Affe“) und direkte Anspielungen auf die Räumung Migrons fanden sich auf den Mauern des Klosters. Das französische Außenministerium forderte nun umgehend eine Aufklärung des Verbrechens. Benjamin Netanjahu hat diese, wie schon bei vielen anderen Price-Tag-Verbrechen von terroristischen Siedlern vorher, versprochen.

Palästinenser-Staat in Eretz Israel undenkbar

Die Gewalt einer jüdischen Minderheit erleichtert es dem jüdisch-israelischen

Buchtipp "Das zionistische Israel".   Foto: Schöningh Verlag

Buchtipp „Das zionistische Israel“. Foto: Schöningh Verlag

Mainstream, sich davon klar abzugrenzen. Dennoch werden damit Situationen geschaffen, die offenlegen, worum es wirklich geht: Der Zionismus ist die Grundlage des Staates Israel, sein Gerüst, seine Staatsräson. Nitzan betont das in seinem Text. Solange es keine Alternative gibt oder zu geben scheint, wird es keine Gleichberechtigung im jüdischen Staat für nicht-jüdische Bürger, vornehmlich für die rund 20 Prozent israelischen Palästinenser, geben. Das Interesse an einem eigenständigen palästinensischen Staat auf Eretz Israel, also auf dem Gebiet der Westbank (für Zionisten Judea und Samaria) ist unter zionistischer Betrachtungsweise nicht denkbar. Die israelische Historikerin Tamal Amar-Dahl hat dies in ihrem neuen Buch „Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts“ wissenschaftlich erläutert. Amar-Dahl hatte 2006 ihre israelische Staatsbürgerschaft als politisches Statement gegen die Invasion ihres Heimatlandes im Südlibanon aufgegeben – „eine nicht einfache Entscheidung, deren Gründe meine Mutter bis heute nicht kennt“, wie sie sagt.

Kirchen müssen sich positionieren

Der Protest gegen Israels Politik hat viele Formen. Dass Siedlergewalt

Ein Priester des Trappistenordens vor dem Kloster. Foto: leavelike

Ein Priester des Trappistenordens vor dem Kloster. Foto: leavelike

vornehmlich gegen Palästinenser in der unmittelbaren Nachbarschaft geschieht, ist ein Phänomen, an das sich der Staat gewöhnt hat. Attacken gegen die eigenen Leute  –  zumeist Militärposten – finden dagegen nicht täglich statt. Die Agressionen gegen Mönche macht nun deutlich, dass es jeden treffen kann – und auch wird. Damit geraten Kirchen weltweit in eine unliebsame Situation: Sie müssen sich positionieren für einen gerechten Frieden in Nahost und für ein Ende der israelischen Besatzung. Die Presbyterianische Kirche in den USA hat jetzt auf ihrer Sommer-Synode einen Boykott von Produkten aus israelischen Siedlungen beschlossen. Vor drei Wochen stimmte die Vereinigte Kirche Kanadas ebenfalls mit großer Mehrheit dafür ab, im Mai dieses Jahres entschlossen sich die Methodisten für das selbe Anliegen. Alle drei Kirchen rufen alle Nationen dazu auf, eine Komplizenschaft mit Israels Kolonialpolitik  in Form eines Importes von Waren aus besetztem palästinensischem Land zu beenden. Dafür ernteten sie harsche Kritik von jüdischen Lobbygruppen. Und Lob von (jüdischen) Menschenrechtsaktivisten.

Latrun öffnet jetzt Türen

Zerstörte Tür im Kloster Latrun.  Foto: leavelike

Zerstörte Tür im Kloster Latrun. Foto: leavelike

Latrun, das beschmierte Kloster, öffnet nun möglicherweise unverhofft – zu einem hohen Preis – Türen zu wegweisenden Pfaden und Fragen, wie jeder einzelne und jede Institution sowie jedes Land künftig mit Israels Politik umgehen möchte. Die Zeit der Schauspiele, der großen Dramen ist vorbei. Zwei Palästinenser haben sich gerade selbst verbrannt, weil sie die steigenden Lebenshaltungskosten im Gazstreifen und der Westbank nicht mehr ertragen wollten. Die aktuellen Demonstrationen gegen die Palästinensische Autonomiebehörde (PA), die 1995 im Zuge des Oslo-Abkommens implementiert wurde, könnten sich zu Massenbränden ausweiten. „Das Oslo-Abkommen hat uns nur noch mehr Checkpoints, Landfragementierung und – Konfiszierung eingebracht. Die PA ist eine Schande und kooperiert mit Israel“, sagt der bekannte palästinensische Aktivist und Intellektuelle Naji Odeh aus Bethlehem.

Der große Spiegel

„Theater zeigt nicht nur die Oberfläche, es zeigt, was hinter der Oberfläche in den komplexen sozialen Beziehungen verborgen liegt – und dahinter wiederum die letztendliche existenzielle Bedeutung dieses Treibens, das wir Leben nennen. All dies kommt  zusammen und wird in dem großen Spiegel reflektiert“, schreibt der Israel-Boykottierer Brook.

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