Bühne frei

6 Sep

Peter Brook.   Foto: starscolor.com

Peter Brook. Foto: starscolor.com

„Es ist schwer, Jude zu sein – doch Israeli zu sein, ist ein Fluch“, schreibt Omri Nitzan auf ynet. news, dem israelischen Onlineportal (gesamter Text auf Deutsch hier).  Nitzan ist Intendant des Cameri-Theaters in Tel Aviv und derzeit verschnupft. Der Grund dafür ist die Absage des britisch-jüdischen Theaterregisseurs Peter Brook an Nitzan und sein israelisches Theater. Eigentlich hatte Brook, Star der weltweiten Theaterszene, an dem Internationalen Theaterfestival des Cameri in Tel Aviv mit seinem Ensemble im Dezember teilnehmen wollen. Jetzt sagte der Regisseur in Hinblick auf Israels Menschenrechtsverletzungen gegen die palästinensische Bevölkerung ab. Nitzan rief daraufhin laut eines Tel Aviver Magazins umgehend eine Sondersitzung mit seinen engsten Mitarbeitern ein und überlegt nun, gegen Brook zu klagen.

Die Bewegung wächst stetig

Die jüngste Absage gegen einen israelische Einrichtung reiht sich damit ein in die Kette von Absagen und Verweigerungen internationaler und israelischer Künstler,  in Israel und den illegalen israelischen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten aufzutreten. Erst kürzlich zuvor hatte auch der US-Amerikanische Sänger Lenny Kravitz seine Konzerttournee für Israel abgesagt und sich damit als Befürworter des kulturellen Boykotts gegen Israel geoutet.  2005 hatte die palästinensische Zivilgesellschaft das erste Mal öffentlich dazu aufgerufen, Israel auf wirtschaftlicher, akademischer und kultureller Ebene solange zu boykottieren, bis der Staat die Einhaltung der Menschenrechte und internationalen Rechts gewährleiste. Der sogenannte BDS-Call („Boycotts, divestment and sanctions“) aus der Mitte der palästinensischen Gesellschaft wuchs langsam aber stetig zu einer globalen Bewegung an, die sich an der Boykott-Kampagne zu  Apartheid-Zeiten in Südafrika oriertiert und von Seiten israelischer Friedensaktivisten mit der Organisation „Voice from within“ befürwortet wird.

Neue Strategien auf dem Weltsozialforum

Logobild des Weltsozialsforums für 2012.    Foto: WSF Brasil

Logobild des Weltsozialsforums für 2012. Foto: WSF Brasil

Von Menschenrechtsaktivisten wird BDS als Segen angesehen. Gerade diejenigen, die selbst aus Ländern mit Apartheidserfahrungen stammen wie Südafrika, sind oftmals Anhänger der Bewegung. Auf dem Weltsozialforum, das dieses Jahr in Brasilien in Porto Alegre zum ersten Mal unter dem Motto „Free Palestine“ stattfinden wird, wird die Boykottbewegung für die Interessen des palästinensischen Volkes eines der Hauptthemen sein. „Wir werden nicht nur darüber sprechen, wie wir vor allem in Ländern , die intensiv mit Israel Handelsbeziehungen haben, BDS stärker umsetzen“, sagt Ahmad Jaradat, Mitarbeiter des israelisch-palästinensischen Alternative Information Center (AIC). „Sondern wir werden in Brasilien auch eine Strategie entwickeln, die nachhaltig in allen Ländern von Menschen umgesetzt werden kann, die sich mit Israel und seiner Nichtachtung von Menschenrechten auseinandersetzt.“
Auf dem Weltsozialforum Free Palestine werden mehr als 500 Vertreter von rund 170 kirchlichen und unabhängigen Nicht-Regierungs-Organisationen erwartet, die sich für einen gerechten Frieden im Nahen Osten einsetzen: Ende der israelischen Besatzung, Einhaltung der Menschenrechte und UN-Konventionen, Gleichberechtigung der palästinensischen Bevölkerung, Beendigung von Apartheid und Mauerbau sowie Realisierung des Rückkehrrechts der palästinensischen Flüchtlinge. An dem Forum werden laut des AIC auch zahlreiche jüdische und israelische Organisationen teilnehmen. „Jeder, der möchte, ist eingeladen“, sagt Jaradat. Bedingung dafür sei, dass jeder Teilnehmer die Prinzipien des Weltsozialforums bejahe.

„Delegitimierung der hebräischen Kultur“

In seinem Gastbeitrag auf dem israelischen Onlineportal ynet news fasst der abservierte Theaterdirektor Nitzan seine Wut über Brooks Boykott in Worte. „Wenn Brooks Théâtre des Bouffes du Nord“, schreibt er dort, „das als das wichtigste internationale Ensemble der Welt gilt, sich weigert, hierher zu kommen, dann kann man die Augen nicht mehr davor verschließen. Wir müssen verstehen, dass das kein Protest gegen diese oder jene Institution ist, sondern eine Delegitimierung der gesamten hebräischen Kultur, die für den Zionismus steht, der wiederum die raison d’être des Staates Israel ist. Es ist das Glück der Literatur, dass sie schweigt. Es ist das Glück der Schriftsteller, dass – wegen der fürchterlichen Assoziationen dazu – bisher noch keine Bücher verbrannt werden.“

Lieber die Opferrolle behalten

Mit diesem Vergleich zielt Nitzan direkt auf die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten im Dritten Reich ab, bei der tausende Schriften jüdischer Autoren öffentlich verbrannt wurden. Damit schafft er eine künstliche Parallele, die jüdische Israelis zu reine Opfer stilisiert – und ihnen damit eine aktive Täterschaft und Entscheidungsgewalt nimmt. Dieser Diskurs ist so alt wie der Staat Israel selbst, verhindert aber eine echte Auseinendersetzung mit Israels Verantwortung gegenüber 5,5 Millionen Palästinensern, die seit 1967 unter israelischer Besatzung leben und nach internationalem Recht ihrer basalsten Rechte beraubt sind. Anfang des Jahres beschlosss der jüdische Staat, 70.000 in der Negev-Wüste lebende Beduinen zwangsumzusiedeln. Vor zwei Tagen räumte die israelische Armee den illegalen jüdischen Außenposten Migron mit etwa zehn jüdischen Familien. Dafür schworen rechtsradikale Siedler Rache mit ihren sogenannten Price-Tag-Attacken („Einen Preis dafür zahlen“) und diese folgte promt gestern: Die Einganstür des französischen Trappistenklosters Latrun im Norden Jerusalems wurde abgebrannt, mehrere Graffitti-Slogans  („Jesus ist ein Affe“) und direkte Anspielungen auf die Räumung Migrons fanden sich auf den Mauern des Klosters. Das französische Außenministerium forderte nun umgehend eine Aufklärung des Verbrechens. Benjamin Netanjahu hat diese, wie schon bei vielen anderen Price-Tag-Verbrechen von terroristischen Siedlern vorher, versprochen.

Palästinenser-Staat in Eretz Israel undenkbar

Die Gewalt einer jüdischen Minderheit erleichtert es dem jüdisch-israelischen

Buchtipp "Das zionistische Israel".   Foto: Schöningh Verlag

Buchtipp „Das zionistische Israel“. Foto: Schöningh Verlag

Mainstream, sich davon klar abzugrenzen. Dennoch werden damit Situationen geschaffen, die offenlegen, worum es wirklich geht: Der Zionismus ist die Grundlage des Staates Israel, sein Gerüst, seine Staatsräson. Nitzan betont das in seinem Text. Solange es keine Alternative gibt oder zu geben scheint, wird es keine Gleichberechtigung im jüdischen Staat für nicht-jüdische Bürger, vornehmlich für die rund 20 Prozent israelischen Palästinenser, geben. Das Interesse an einem eigenständigen palästinensischen Staat auf Eretz Israel, also auf dem Gebiet der Westbank (für Zionisten Judea und Samaria) ist unter zionistischer Betrachtungsweise nicht denkbar. Die israelische Historikerin Tamal Amar-Dahl hat dies in ihrem neuen Buch „Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts“ wissenschaftlich erläutert. Amar-Dahl hatte 2006 ihre israelische Staatsbürgerschaft als politisches Statement gegen die Invasion ihres Heimatlandes im Südlibanon aufgegeben – „eine nicht einfache Entscheidung, deren Gründe meine Mutter bis heute nicht kennt“, wie sie sagt.

Kirchen müssen sich positionieren

Der Protest gegen Israels Politik hat viele Formen. Dass Siedlergewalt

Ein Priester des Trappistenordens vor dem Kloster. Foto: leavelike

Ein Priester des Trappistenordens vor dem Kloster. Foto: leavelike

vornehmlich gegen Palästinenser in der unmittelbaren Nachbarschaft geschieht, ist ein Phänomen, an das sich der Staat gewöhnt hat. Attacken gegen die eigenen Leute  –  zumeist Militärposten – finden dagegen nicht täglich statt. Die Agressionen gegen Mönche macht nun deutlich, dass es jeden treffen kann – und auch wird. Damit geraten Kirchen weltweit in eine unliebsame Situation: Sie müssen sich positionieren für einen gerechten Frieden in Nahost und für ein Ende der israelischen Besatzung. Die Presbyterianische Kirche in den USA hat jetzt auf ihrer Sommer-Synode einen Boykott von Produkten aus israelischen Siedlungen beschlossen. Vor drei Wochen stimmte die Vereinigte Kirche Kanadas ebenfalls mit großer Mehrheit dafür ab, im Mai dieses Jahres entschlossen sich die Methodisten für das selbe Anliegen. Alle drei Kirchen rufen alle Nationen dazu auf, eine Komplizenschaft mit Israels Kolonialpolitik  in Form eines Importes von Waren aus besetztem palästinensischem Land zu beenden. Dafür ernteten sie harsche Kritik von jüdischen Lobbygruppen. Und Lob von (jüdischen) Menschenrechtsaktivisten.

Latrun öffnet jetzt Türen

Zerstörte Tür im Kloster Latrun.  Foto: leavelike

Zerstörte Tür im Kloster Latrun. Foto: leavelike

Latrun, das beschmierte Kloster, öffnet nun möglicherweise unverhofft – zu einem hohen Preis – Türen zu wegweisenden Pfaden und Fragen, wie jeder einzelne und jede Institution sowie jedes Land künftig mit Israels Politik umgehen möchte. Die Zeit der Schauspiele, der großen Dramen ist vorbei. Zwei Palästinenser haben sich gerade selbst verbrannt, weil sie die steigenden Lebenshaltungskosten im Gazstreifen und der Westbank nicht mehr ertragen wollten. Die aktuellen Demonstrationen gegen die Palästinensische Autonomiebehörde (PA), die 1995 im Zuge des Oslo-Abkommens implementiert wurde, könnten sich zu Massenbränden ausweiten. „Das Oslo-Abkommen hat uns nur noch mehr Checkpoints, Landfragementierung und – Konfiszierung eingebracht. Die PA ist eine Schande und kooperiert mit Israel“, sagt der bekannte palästinensische Aktivist und Intellektuelle Naji Odeh aus Bethlehem.

Der große Spiegel

„Theater zeigt nicht nur die Oberfläche, es zeigt, was hinter der Oberfläche in den komplexen sozialen Beziehungen verborgen liegt – und dahinter wiederum die letztendliche existenzielle Bedeutung dieses Treibens, das wir Leben nennen. All dies kommt  zusammen und wird in dem großen Spiegel reflektiert“, schreibt der Israel-Boykottierer Brook.

2 Antworten to “Bühne frei”

  1. abumidian 12/02/2013 um 8:48 am #

    Omri Nitzan ist nicht Athol Fugard.
    Peter Brook hat die Aufführung seiner Produktion im Kameri-Theater in Tel-Aviv abgesagt. Daraufhin reagierte der Kameri-Intendant in einer israelischen Zeitung. Hier meine Antwort zur Reaktion von Omri Nitzan auf Peter Brook
    http://abumidian.wordpress.com/deutsch/nicht-in-unserm-namen/brook/

    • livahaensel 14/02/2013 um 4:33 pm #

      Lieber abumidian,

      danke für deinen Kommentar! Auf Deinem Blog heißt es, „ein Boykott hat eine Eigendynamik, und die muss kontrolliert werden. Die antisemitischen Elemente müssen verpönt und vertrieben werden.“ Du bennenst diese Elemente aber nicht, bleibst vage in dieser Aussage. Wie genau sehen die aber aus, was müssen sich Leser darunter vorstellen? Übrigens hat es eine „Rückeroberung der Westbank“ 2002 und auch sonst nie gegeben. Bei dem Boykott BDS geht es nicht um eine Bestrafung einzelner Israelis, sondern es ist eine gewaltfreie Methode, um auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen und damit Druck auf Israel auszuüben, sich an internationales Völkerrecht zu halten. Das tut es nicht. Es gibt einige Untersuchungen, u.a. von der israelischen NGO Who Profits und dem Alternative Information Center, deren Ergebnisse deutlich zeigen, wie profitabel die Besatzung Palästinas ist. Allein schon, wenn es um die Wasserreservoirs geht…

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