Hebrons Superwoman

27 Sep

Nawal Slemiah vor einer ihrer Stickereien im Ladengeschäft in Idna.     Fotos: lha

Nawal Slemiah vor einer ihrer Stickereien im Ladengeschäft in Idna.           Fotos: lha

„Men can do something – women can do anything“. Der Schriftzug auf der kleinen Geldbörse ist echte Handarbeit, und er ist von Frauenhand gestickt. Naval Hassan Mahmood Slemiah (46) dreht das Täschchen in ihrer Hand und grinst. Der Spruch – Frauen können alles schaffen – ist ihr Lebensmotto.  Was auch sonst?

Nichts ist hier normal

Heute ist es relativ ruhig in Hebron. Die jüdischen Siedler, rund 800 an der Zahl, die in den vier illegalen Siedlungen in der arabischen Altstadt Hebrons leben, haben sich zurückgezogen in ihre Häuser. Gerade war Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag, und bald wird Rosh Hashana gefeiert, das Versöhnungsfest mit Gott. Noch ist die Ibrahimi-Moschee unweit von Nawal Ladengeschäft im Sukh für Muslime geöffnet. Doch in ein paar Tagen dürfen die

In der Moschee: Nach muslimischer, jüdischer und christlicher Überlieferung befinden sich hier die Gräber von Abraham und Sara.

In der Moschee: Nach muslimischer, jüdischer und christlicher Überlieferung befinden sich hier die Gräber von Abraham und Sara.

Gläubigen nicht mehr am Grab der Propheten in ihrem Gotteshaus beten. Sie müssen das Feld dann für die jüdischen Siedler räumen, die die Moschee für zehn Tage als Synagoge nutzen werden. „Hier ist nichts normal“, sagt eine Soldatin. Sie ist in Deutschland aufgewachsen und zum Wehrdienst nach Israel gekommen, wie viele Juden außerhalb des Landes. Maryam ist seit einem Jahr in Hebron stationiert und leistet ihren Armeedienst direkt vor der Ibrahimi-Moschee. Sie weiß, dass Hebron auch als „Ghost City“ bezeichnet wird, als verlassene Geister-Stadt. Auf die Frage, warum sie ihren Armeedienst hier

Streng bewacht: Der Eingang der Ibrahimi-Moschee wird Tag und Nacht von israelischen Soldaten kontrolliert.

Streng bewacht: Der Eingang der Ibrahimi-Moschee wird Tag und Nacht von israelischen Soldaten kontrolliert.

leistet, zuckt sie nur mit den Schultern. „Sie ist meine Freundin, sie ist eine gute Soldatin. Ja, sie ist auch meine Besatzerin, aber sie ist eine nette Frau“, sagt ein junger Palästinenser und lacht zynisch. Maryam guckt verlegen, dann versucht sie ein Lächeln.

Niemand öffnet die Straße wieder

Als die israelische Armee 2000 im Zuge der Zweiten Intifada die Stadt wiederbesetzte und die gesamte Altstadt für Palästinenser sperrte, mussten viele ihre Häuser und Geschäfte verlassen. Es gab hunderte Tote und Verletzte. Die Shuhada Straße, die „Straße der Märtyrer“, war einst die pulsierende Einkaufstraße und Achse Hebrons. Nach Israels Invasion stehen jetzt seit Jahren 1000 Läden leer,  die meisten wurden von der Armee verschlossen, Zugänge und Fenster wurden versperrt oder zugemauert. Gegenüber von Navals Shop hat jemand ein Graffitti an die Wand gesprüht. „Open Shuhada

Am Eingang zum Hauptsukh der Altstadt.

Am Eingang zum Hauptsouk der Altstadt.

Street“. Aber hier öffnet niemand mehr die Straße. In der Shuhada joggen Siedler mit Kippa, Davidstern und amerikanischem Akzent. Und Menschen aus anderen Ländern schlendern etwas unsicher durch die Shuhada, die sich dabei neugierig umsehen und ein bisschen was von der gewalttätigen Atmosphäre dieser Situation mitbekommen, vielleicht begreifen wollen. Hebron, das ist Trennung von Palästinensern und jüdischen Radikalen, dreizehn Checkpoints in der Altstadt und israelischen Soldaten, die ihren Job sehr ernst nehmen.

Einen Kompromiss gibt es nicht

Palästinensern ist es lediglich erlaubt, nur eine Straßenseite zu benutzen, ein Teil ist für sie sogar ganz gesperrt. Palästinensische Fahrzeuge haben keinen Zugang. „Das ist nicht normal, das ist Apartheid“, hatte der SPD-Politiker Sigmar Gabriel im Frühjahr dazu auf facebook gepostet, nachdem er Hebrons Altstadt besucht hatte. Zu Hebron gibt es viele Meinungen. Die einen sagen, die Stadt sei ein konzentrierter Mikrokosmos der Gesamtsituation der Palästinenser unter israelischer Besatzung. Left-wing Israelis finden es gruselig dort, weil sie die Siedler hassen und dennoch vergessen, dass ihre Armee diese gleichzeitig bei jedem Zwischenfall sofort unterstützt. Siedler finden die eigene Anwesenheit berechtigt – schließlich sind Abraham und Sara ihre Stammesväter und in Hebron begraben. Das Land ist Eretz Israel, einen Kompromiss gibt es nicht. Jüdisches Leben in der arabischen Altstadt? Für sie ganz normal.

Er spuckte ihr ins Gesicht

Als Nawal Slemiah 2005 ihren Tisch mit Handstickereien im Sukh unweit der

Trendy: Die handbestickte Tasche kommt bei europäischen Kunden gut an.

Trendy: Die handbestickte Tasche kommt bei europäischen Kunden gut an.

Ibrahimi-Moschee das erste Mal aufbaute, stießen ihn Siedler jede Woche um – die israelischen Soldaten eilten herbei und beschützen die jüdischen Bewohner, nicht aber die einheimische Händlerin. „Einmal spuckte mir ein Siedler direkt ins Gesicht“, erinnert sie sich. Doch die Grundschullehrein, die in Amman studiert hat und drei Kinder aufzieht, ließ sich nie entmutigen. Auch nachdem der radikale Siedler wiederkam und ihr ein Foto des jüdischen Terroristen Baruch Goldstein (der amerikanische Arzt und Siedler Baruch Goldstein erschoß 1994 30 betende Muslime in der Ibrahimi-Moschee und verletzte rund 25 schwer) ins Gesicht klatschte, gab sie nicht auf, sondern machte weiter.

Mit einem Tisch vor der Moschee

Nawal ist eine Businessfrau. In Hebrons Altstadt hat sie es mittlerweile zu einer bescheidenen Berühmtheit gebracht. Ihre „Idna Cooperation – women in Hebron“ beschäftigt mittlerweile 150 Frauen. Die Frauen, meist ohne Studienabschluss oder Berufsbildung, sticken und nähen in Heimarbeit Shoppingtaschen, Laptop-Etuis und Portemonaies. Sie fertigen nach Wunsch Designs an, schneidern Hochzeitskleider oder verzieren Blusen mit

Kette mit Münze aus der Zeit des Ottomanischen Reiches.

Kette mit Münze aus der Zeit des Ottomanischen Reiches.

palästinenscher Stickerei. Laila, Navals Schwester, zwirbelt Fäden zwischen ihren Fingern und reiht Perlen auf für Ketten und Ohrringe mit palästinensischen Münzen, die die Frauen anschließend im Laden verkaufen. „Ich hatte kein Geld und war krank durch die politische Situation“, berichtet Nawal über ihre Anfänge. Weil sich aufgrund der Zusammenstöße mit der israelischen Armee 2005 niemand während der Zweiten Intifada in die Altstadt traute, gab es dort kein Geschäftsleben mehr. Nawal nutzte das und verkaufte anfangs mit einem kleinen Tisch vor der Moschee. Später konnte sie einen leerstehenden Laden im Souk beziehen, über dem im 1. Stock jüdische Siedler eingezogen waren.

Deutsche kaufen nichts

Heute leitet sie als Managerin die Idna Kooperation, benannt nach dem Dorf, in dem sie selbst lebt. „Wir machen noch nicht genug Umsatz, weil in Hebron kaum Touristen sind“, sagt sie. Das sei ein Problem, auch, weil das Material für die Taschen und Stickereien teuer sei. Heute aber ist ein guter Tag, die Frauen haben rund 600 Schekel eingenommen, 120 Euro. Deutsche kaufen nie etwas, hat Nawal beobachtet und es ärgert sie. „Die kommen und gucken. Aber kaufen tun sie nichts“.

Die Besatzung wird niemals Normalität

Women can do anything  - Naval mit Tochter Yaffa.

Women can do anything – Nawal mit Tochter Yaffa.

Im April ist Nawal in die Türkei gereist, als Gast einer internationalen Frauenkonferenz. Sie hat dort vor 2000 Frauen gesprochen. Am Ende weinten alle. Und lachten dann gemeinsam. Sie sagt, das vergisst man nicht so schnell. Die Frau, die zwölf Jahre lang auf ihren Verlobten warten musste, weil der in einem israelischen Gefängnis saß, sprach dort nicht über Frauenrechte. „Die sind ganz klar wichtig“, sagt sie. Aber eins sei das Wichtigste überhaupt: Dass die Palästinenser eines Tages frei sein werden. „Darum geht es, darüber habe ich erzählt. Ich möchte, dass die israelische Besatzung aufhört. Sie ist nicht normal und ich werde sie auch niemals als Normalität akzeptieren.“ Nawal fährt morgen wieder von ihrem Dorf Idna nach Hebron. Sie wird wieder mit den wenigen Touristen sprechen, die vorbeikommen, vielleicht wird sie eine Tasche verkaufen oder zwei. Auf dem Weg zur Arbeit wird sie am Checkpoint gestoppt, wie jeden Tag, ganz normal, vielleicht muss sie ihre grüne Westbank-ID-Karte herausholen und sie dem 19-jährigen israelischen Soldaten zeigen. Was bedeutet Normalität schon in einer Stadt wie Hebron?

Die „Women in Hebron“ sind auf facebook.

Der Deutsche Sam Lee ist derzeit als ökumenischer Begleiter für das Programm EAPPI in Hebron im Einsatz. in seinem Blog „Witness Hebron“ kann man aktuelle Berichte aus der größten Stadt der Westbank lesen.

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