Archive | November, 2012

Lieber Guido,

29 Nov

Guido for Human Rights. Foto: Deutscher Bundestag – eine bessere Quelle gibt es nicht.

 Eigentlich könnte ich es auch per SMS machen. So wie all die anderen, die Boris Beckers, Rihannas und Kylies dieser Welt. Einfach mit der Tür ins Haus fallen und einen Schlussstrich ziehen. Aber das ist nicht so meine Art. Also schreibe ich Dir lieber persönlich. Die ersten Zweifel – zugegeben – hatte ich ja damals schon, als Du im Big-Brother-Container auf dem Sofa saßest und von den 18 Prozent redetest. Da hatte ich so ein mulmiges Gefühl: Weiß er, wovon er spricht? Das grelle Gelb Deiner Partei schmerzte in meinen Augen, aber okay, vielleicht hätte ich mir einfach ne Sonnenbrille aufsetzen sollen. Die Besserverdienenden hat das nicht gestört mit dem Gelb. Du schwammst auf einer Erfolgswelle, schwapp-schwapp, hoch hinaus ging es, und als Du dann 2009 Außenminister wurdest, wurde aus dem Krönchen eine Krone. Über einige Dinge habe ich da ja hinweggesehen – Phrasen, Floskeln, gut, das nimmt man in Kauf. Zu einer Beziehung gehören nun mal immer zwei. Ich gebe zu: Vielleicht war es auch ein Mangel an Alternativen. Nicht jeder kommt so schnittig und glatt daher wie Du, ein Mann im besten Alter, der in seiner Freizeit gerne nach Italien und Spanien fährt. Das gefällt mir. Bella Italia, der Traum nach dem Trauma des Krieges der Deutschen, da hast Du einen Nerv getroffen.  Hm. Eigentlich passen wir ganz gut zusammen.

Aber dann begann es zu kriseln zwischen uns und ich möchte Dir gern erklären, woran das liegt. Anfang des Jahres hast Du Silwan besucht, den Stadtteil in Ost-Jerusalem. Dort war, kurz bevor Du ankamst, ein von der Bundesregierung wichtiges Projekt für die palästinensischen Bewohner von der israelischen Armee zerstört worden. Das hast Du Dir angesehen. Dein Bonner Referent war süß, bisschen jung vielleicht, aber er sah sich die politische Situation mit eigenen Augen an, indem er morgens den Kontrollpunkt Bethlehem 300 überquerte, von der Mauer betroffene Familien traf und später noch die Freitagsdemonstration von Bauern in Al Masara gegen die völkerrechtswidrige Konfiszierung ihres Landes beobachtete. Als das Taxi gerade wendete und davonfahren wollte, antwortete die israelische Armee – 40 Soldaten – mit Tränengas auf den Protest von Palästinensern und Menschen aus verschiedenen Ländern, die friedlich demonstriert hatten. Dein Referent hat sich die Augen gerieben. Traum? Wirklichkeit?

Meine Stimmung verschlechterte sich zunehmend. Du ludst mir nichts, Dir nichts den radikalen Rechtspolitiker Avigdor Lieberman, Deinen israelischen Kollegen, zum Axel-Springer-Verlags-Jubiläum nach Berlin ein und lobhudeltest vom Feinsten. Das durften wir dann am nächsten Tag in den Springer-Blättern lesen. Ach, Du unabhängige Journaille!

Schon einmal hattest Du mich ja tief enttäuscht. Es war vor einem Jahr, damals stimmtest Du dagegen, dass Palästina vollwertiges Mitglied der Vereinten Nationen wird. Aber Du stimmtest nicht für mich ab, nicht in meinem Namen, obwohl Du ein vom Volk gewählter Vertreter bist.  Du hast Angst, Farbe zu bekennen für Frieden in Nahost. Weil Du eine falsch verstandene Solidarität zu Israel  pflegst. Du misst mit zweierlei Maß, Freundschaft zu Israel kann nicht einhergehen mit Freundschaft zu Palästina, denkst Du? Warum steckt Deine Regierung  Millionen von Steuergeldern in einen nicht existenten palästinensischen Staat für dessen Aufbau und unterstützt gleichzeitig den Status Quo der israelischen Besatzung, die ihn unmöglich macht?

Du wirst heute Abend bei der UN in New York nicht für Palästina stimmen, das hast Du schon gesagt. Damit sagst Du Nein zu Frieden und Sicherheit im Nahen Osten. Du bist ein Angsthase, Guido Westerwelle, und darauf stehe ich nicht. Ich mag das Toughe, das Gradlinige. Schluss mit Ambivalenzen und falschen Freunden. Meine Geschichte trägst auch Du auf Deinem deutschen Rücken und es würde Dir ausgesprochen gut stehen, ehrlich damit umzugehen. Internationales Recht und Menschenrechte zu achten, das hat uns doch unsere Vergangenheit gelehrt, nicht wahr? Davon abgesehen, ähm, das gibt sogar ein paar Wählerstimmen, also, ich mein nur so. Deswegen sage ich Nein zu Dir, nicht Ja oder Vielleicht oder ich weiß nicht. Ich sage Nein.

Wenn Du das Video An Dich hier anklickst, vergiss bitte nicht, Dich vorher mit an den Tisch zu setzen.

Mit freundlichen Grüßen!

Deine deutsche Zivilbevölkerung


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