Archive | Dezember, 2012

Ein großartiges Jahr

16 Dez
Es weihnachtet und neujahrt: Wer sich beeilt kann noch Anhänger wie diesen Stern au

Es weihnachtet und neujahrt. Wer sich beeilt, kann noch Anhänger wie diesen Stern aus Bethlehem bestellen. Infos am Ende des Artikels.                                                  Fotos: Haensel

EU-Mittelerde bebt. Das Jahr ist fast um, nur noch 15 Tage zählen wir, dann haben wir auch das geschafft. Die Gandalfs und Orks der Banken, Euro- und Sonstwiekrisen dieser Welt haben uns dabei begleitet, in guten wie in schlechten Tagen. Deutschland ist um zwei Tageszeitungen und eine Nachrichtenagentur ärmer geworden.  In Griechenland tragen Eulen keine Drachmen nach Athen, zumindest vorerst nicht. Dafür bekommt Angela Merkel dort jetzt ab und an das Hitlerbärtchen angeklebt und geht in Flammen auf. Zu dumm, dass man erst im 21. Jahrhundert gemerkt hat, dass eine Million Beamte nicht tragbar sind, wenn sie auf 10 Millionen Griechen kommen. Die Spanier buchen tausendfach Deutschkurse und pilgern ins gelobte, streng geordnete Land, in dem viel gearbeitet aber eben auch viel verdient wird. Moment, viel verdient…? Da stimmt doch was nicht, na, egal. Gut, der Hartz4-Satz ist nicht schlecht, man kann auch von Brot und Penny-Margarine leben. Obwohl jetzt, da die Flexi-Hexi-Quote von Frau Schröder endlich abgestimmt ist gegen die Mehrheit, haben ja auch Frauen richtig gute Chancen bekommen, eine Karriere aufs Parkett zu legen, dass den Herren da oben schwindelig wird. Danke, Frau Schröder, das ist ein gaaanz wichtiger Schritt in der Politik, es war schon seit langem Zeit, dass sich die Unternehmenskultur mal ändert. Gerade ja auch, weil eine graue alte Herrenmasse in Führungsetagen sich immer so freut, wenn sie mal ein junges Ding unter, äh, neben sich hat. Das Zeitfenster, das sie diesen Herren gegeben haben, wird sich sicher schnell öffnen für Frischluft. Nur das Durchatmen dann nicht vergessen, meine Herren. Damen hatten ja immer schon einen langen Atem und manch eine hat bis zu ihrem Tod auf eine Gehaltserhöhung warten müssen. Tja, das Leben ist kein Ponyhof.

Der Taubenanhänger der Behindertenwerkstatt Ma'an lil-Hayat kommt pünktlich zum Weihnachtsfest.

Der Taubenanhänger der Behindertenwerkstatt Ma’an lil-Hayat kommt pünktlich zum Weihnachtsfest.

Der dicke Berlusconi flitzt am Sternenhimmel entlang

In Italien ist dafür Bella Figura angesagt, die Italiener machen sich jetzt ihre Pasta selbst, wie meine toskanische Kollegin berichtet, und trinken einen Espresso weniger, also jetzt sechs anstelle von sieben. Sparmaßnahme è  basta! Berlusconi ist aber schon wieder überall zu haben, nicht nur auf dem Bildschirm seiner eigenen Fernsehsender, sondern auch in den Raketen in den Supermärkten. Sein Kopf lugt schon aus der Spitze heraus und Peng-Rabuff-Knall!, flitzt der kleine dicke Italiener mit dem Faible für Minderjährige über dem Nachthimmel, so schnell können wir gar nicht gucken wie sein Haartoupé hinterherfliegt, ein Sternenzauber über Europa – che bello, che cose! Frankreich hat einen Sozialisten mehr und dafür eine deutsche Freundin weniger. Carla und Nicolas sind 2012 zu blau-weiß-roter Elysee-Geschichte zerronnen, comme si de rien n’était

Die Briten mümmeln nur ihre Cookies

Die Schweiz und Österreich sind langweilig. Dort kann man nur Ski fahren, in stinkteure Clubs gehen oder Apfelstrudel essen. Oder man rutscht die Alpen runter auf dem nackten Popo, das neue Konzept von Stefan Raab, aber pst! – bloß nicht weitersagen, ist noch geheim! Also kein Wort mehr darüber. Die Briten igeln sich mal wieder auf ihrer vernebelten Insel ein und träumen von alten Kolonialzeiten, in denen sie noch die prächtigen Segel hievten und die Weltpolitik bestimmten. Jetzt sind sie bloß schrullig und mümmeln an ihren Five-o’clock-Cookies. Nur als Max Mosley den Giganten google auf die Löschung aller Fotos seiner Sex-Party verklagte, wachten sie noch einmal kurz aus ihrer Sleeping-Beauty-Phase auf. Aus Occupy ist Horrify geworden in London, weil sich die Masse junger Demonstrierender als oftmals unwillige Studis entpuppt hat, die sich zwar gerne als Journalisten bezeichnen, aber noch nie Artikel geschrieben haben, die den Begriff wert sind. Überhaupt, dieser Journalismus, diese verdammte Journaille! Da gibt man ihnen eine gute Story und dann machen sie doch nur, was sie wollen! Es ist wie mit Claudia Roth, ihr roter Bubikopf wird plötzlich goldfarben, dann weißblond und irgendwann vielleicht grün, alles ist möglich, spätestens wenn sie gänzlich von der Grünen-Wiese abgewählt wird, also 2032.

Aber, jetzt mal ehrlich, was ist 2012 denn nun wirklich passiert? Hier der einzig echte Jahres-Rückblick:

1. Januar: Vier Menschenrechtsaktivisten feiern in Bethlehem Neujahr im Restaurant „La Terrace“mit Rotwein aus Cremisan. Die Stadt ist überfüllt – mit Palästinensern aus Hebron und Nablus, die endlich mal richtig Alkohol trinken wollen ohne sich dafür entschuldigen zu müssen. Eine Frau mit Hijab tanzt ausgelassen mit ihrer Freundin im Scheinwerferlicht auf der Tanzfläche. Sorry, Westen, aber: Auch Muslime sind normale Menschen. Wer sagt eigentlich, dass Christen besser sind?

2. Februar: Die Minister Dirk Niebel und Guido Westerwelle reisen in den Nahen Osten. Während Westerwelle in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem deutsch-israelische Beziehungen pflegt, sieht sich Niebel gemeinsam mit Mitarbeitern der giz das Jordantal an. Dort ernten die Bauern im von Israel kontrollierten palästinensischen C-Gebiet Datteln, Avocados, Tomaten und Trauben, die man später in deutschen Supermärkten unter dem Label „Israel“ findet. Irgendwie unappetitlich.

3. März: Ein Mann aus Tulkarm im Norden der Westbank freut sich: Schon vor Monaten hat er einen Antrag für ein Arbeitsvisum in Norwegen gestellt, jetzt ist es genehmigt worden. Der Vater von vier Kindern kann für drei Monate im Sommer dort auf einer Farm arbeiten.

 10. April: Es steht fest: Alex Traiman muss sein Haus verlassen. Der Israeli ist einer von 500.000, die in den illegalen jüdischen Siedlungen in der Westbank leben. Der Oberste Gerichtshof hat beschlossen, dass Traimans Haus zusammen mit vier anderen in der Siedlung Bet El bei Ramallah abgerissen werden soll. Bis Ende des Jahres werden 581 palästinensische Häuser von israelischen Bulldozern zerstört, oft ohne Ankündigung. Traiman hat wenigestens Zeit, seinen Umzug vorzubereiten. Gott hat es so gewollt.

20. Mai: Israelis feiern den „Jerusalemtag“ mit Israel-Flaggen und Märschen durch die Stadt. Siedler mit Kippa tanzen und singen in der arabischen Altstadt, während die palästinensischen Bewohner  aus der Distanz das Spektakel betrachten. Christliche Zionisten jubeln mit. Die Armee hat ihre israelischen Soldaten in diesen Tagen um das Dreifache verstärkt. Ein Video auf youtube macht die Runde: Ein amerikanisch-jüdischer Friedensaktivist kritisiert vor laufender Kamera die völkerrechtswidrige Politik in Bezug auf Jerusalems arabische Bevölkerung. Er wird von Sicherheitsleuten verbal ermahnt, als er nicht aufhört, gibt es Schläge. Polizisten schleifen ihn schließlich in ein Auto und fahren weg.

Juni, ohne Datum: In Tel Aviv ist es einfach zu heiß, um am Strand zu hocken. Man rettet sich lieber ins Haus oder fährt gleich ins kühlere Europa. Wer es nicht mehr aushält, wandert ohnehin aus in lieblichere Gefilde. Laut Haaretz leben jetzt 15.000 Israelis allein in Berlin. Die ältere Generation schüttelt den Kopf darüber, dass die jüngere nach Deutschland abwandert. Und hört trotzdem weiter Bach und Mozart.

15. Juli: In der Mitte des Jahres bekommt ein Deutscher auf einmal eine E-Mail. Ein Freund aus Palästina will wissen, ob es „wirklich 6 Millionen Juden waren“. Der Adressat stutzt, kann es denn sein, das Palästinenser in der Schule gelernt haben, dass es noch mehr Juden waren, die in Deutschland bis 1945 umgebracht wurden? Antworten gibt es nur ad fontes. Adressat und Absender verabreden sich dafür, bald gemeinsam das KZ Sachsenhausen zu besuchen und der Frage auf den Grund zu gehen.

26. August: Mehr als 100 Besuchern aus der ganzen Welt, darunter vielen Franzosen, wird die Einreise nach Israel über die jordanische Grenze an der Allenby-Brücke verwehrt. Die Friedensaktivisten hatten sich gemeinsam dafür verabredet, nachdem ihnen 2011 die herkömmliche Einreise über den Ben-Gurion-Flughafen mit den Worten: „Dann kommt doch über Jordanien“ verweigert worden war. Die Gruppe hatte vor, Palästinenser in Bethlehem und anderen Orten in der Westbank für eine Woche als Ausdruck von Solidarität zu besuchen.

9. September:  In den palästinensischen Gebieten beginnen die Menschen, gegen die steigenden Lebenshaltungskosten zu protestieren. Die Preise von Gas, Strom, Wasser und öffentlicher Transportmittel sowie Benzin sind für viele nicht mehr bezahlbar. Rufe gegen die Palästinensische Autonomiebehörde und Mahmoud Abbas werden laut. In Ramallah trägt eine Frau inmitten der Demonstrationszüge ein Plakat: Oslo is our cancer.

3. Oktober: Am Tag der Deutschen Einheit sitzen die Deutschen auf ihren Möbel-Höffner-Sofas und  Mama holt den Schweinebraten aus dem Ofen. Sie lachen über das ganze Gesicht und freuen sich, dass die Berliner Mauer weg ist. Zeitgleich stehen rund 300.000 Palästinenser an den Checkpoints in der Westbank und Jerusalem und warten sich die Beine in den Bauch. Nach Schweinebraten ist ihnen nicht so, aber nach Permits und einem reibungslosen Ablauf, damit sie zu ihren Universitäten, Arbeitsstätten und ins Krankenhaus nach Israel kommen. Die Mauer schlängelt sich neben ihnen entlang und versperrt Sicht, Freiheit und Bewegung. Jemand hat ein Graffiti  auf den grauen Beton gesprüht. „Justice will win.“

15. November: Nachdem die Hamas Raketen in israelisches Kernland abfeuert, startet die israelische Armee eine Militäroffensive im Gazastreifen. 150 Menschen sterben, über 1000 werden verletzt. In Süd-Israel kommen fünf Menschen um. Nach einem achttägigen Krieg kommt es zu einem Waffenstillstand. Deutschland sagt 1,5 Millionen Euro Entwicklungshilfe  für den Gazastreifen zu. Die Tunnelgräber freuen sich: Sie können endlich wieder weitergraben, während des Bombenhagels ging das nicht. Was sie aufhalten könnte? Die Aufhebung der israelischen Blockade. Dann gäbe es wieder Baumaterialien, Medikamente und echtes Leben. Eigentlich gar nicht so eine schlechte Idee, auch, wenn man dann vielleicht arbeitslos werden würde…

12. Dezember: Mahmoud Salameh sitzt in seinem Elternhaus und telefoniert mit Shlomi. Shlomi ist ein jüdischer Siedler und wohnt seit drei Jahren auf dem Land, das eigentlich Mahmouds Großeltern gehörte, bevor es von Israel enteignet wurde. Der Palästinenser und der Israeli haben sich zufällig in den Bergen kennengelernt, Shlomi hatte Durst und Mahmoud eine Wasserflasche. Seitdem treffen sie sich und reden über ihr Leben. Sie mögen sich. Mahmoud dreht das Telefonkabel zwischen seinen Fingern während er spricht: „Du, wie geht es meinem Land? Wie geht es dem Land, auf dem jetzt Dein Haus steht, Shlomi?“

4-er Set Baumschmuck

Die Anhänger gibt es im 10er Set. Gefertigt hat sie David Mansour aus Beit Sahour in seiner Werkstatt.

Die Anhänger gibt es im 10er Set. Gefertigt hat sie David Mansour aus Beit Sahour in seiner Werkstatt.

Allen Lesern von dreiecksbeziehung ein friedvolles Weihnachtsfest und einen guten Rutsch nach 2013! Danke für ihr Interesse, für viele Klicks und likes. Bleiben Sie bei Verstand und bewahren Sie ihr Herz. Denn wie sagen die Frauen sonst in Nablus-Balata so schön: Shu badna Ensawi – walla ishi! Was können wir schon tun? Nichts, natürlich.

Psssst! Die Weihnachsprodukte aus Bethlehem kann man bestellen. E-Mail an: tahonahshop@gmail.com

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