Sihams Revolution

7 Mrz

Keine Fotos von vorne: Siham vor ihrem zerstörten Haus in An Numan.  Foto: Liva Haensel

Keine Fotos von vorne: Siham vor ihrem zerstörten Haus in An Numan.
Fotos: Liva Haensel

„Ich vergesse mein Englisch so allmählich. Ich kann mich nicht mehr ausdrücken in dieser Sprache. Es ist entsetzlich.“ Siham schüttelt ungläubig den Kopf über sich selbst, die Baumwollkapuze ihres Sweaters fliegt hin und her. Die junge Frau beugt sich zu ihrer Tochter herunter, streicht ihr kurz über das Haar und schlappt dann in Plastiklatschen ins Haus. In einer Stunde kommt ihr Mann nach Hause, sie will noch frisches Brot für ihn backen.

 Frauen tauchen nicht auf

In Palästina ist die Hälfte der Bevölkerung weiblich. Fast alle Frauen hier können – das ist der Unterschied zu ihren arabischen Nachbarinnen – lesen und schreiben. Über die Hälfte hat einen Hochschulabschluss, mindestens einen Bachelor, zahlreiche Frauen weisen einen Master oder gleich einen Doktortitel auf. Aber auf dem palästinensischen Arbeitsmarkt tauchen diese Frauen am oberen Ende der Bildungsleiter nicht mehr auf. Nur 15 Prozent haben einen Job, darunter fallen vor allem Teilzeitjobs. Das ist die Parallele zu hochentwickelten Industrienationen wie Deutschland. Auch im reichen Europa bleiben Frauen oftmals ausgeschlossen von den Kreisen der Macht, des Geldes, der Teilhabe. Aber immerhin leben sie nicht unter Besatzung einer anderen Nation.

Ich bin nichts

Siham ist 30 Jahre alt, sie hat drei Kinder, eine Tochter und zwei Söhne. Nach dem Abitur studierte sie Pharmazie an der Bethlehem Universität, die mit Forschungseinrichtungen in den USA kooperiert. Sie wollte Apothekerin werden. In Palästina gibt es viele davon, fast an jeder Ecke findet man eine „Pharmacy“. Mit 21 heiratete Siham und wurde schwanger. Ihr Mann Rahed, der keine akademische Ausbildung hat, arbeitete eine Zeit lang in der jüdischen Siedlung Har Homa, die gegenüber von An Numan, ihrem Wohnort, liegt. Mit dem Geld brachte er die Familie durch und sparte für ein Haus. Als sich chronische Rückenprobleme bei ihm bemerkbar machten, musste er aufhören. Siham konnte ihre Unisemester nicht mehr bezahlen und brach ihr Studium ab. Darunter leidet sie noch heute. „Ich bin nichts, ich habe nichts. Ich kann noch nicht einmal Geld für uns verdienen, ich kriege keine Arbeit“, sagt sie.

Grafik mit Verlauf der israelischen Sperranlage zwischen Jerusalem und Bethlehem. An Numan ist östlich von Bethlehem an der roten Linie eingezeichnet.  Grafik: Applied Research Institute Jerusalem

Grafik mit Verlauf der israelischen Sperranlage zwischen Jerusalem und Bethlehem. An Numan ist östlich von Bethlehem an der roten Linie eingezeichnet.
Grafik: Applied Research Institute Jerusalem

An Numan ist isoliert

Erschwerend kommt noch hinzu, dass das Dorf in dem sie lebt, völlig isoliert ist. An Numan, in der Westbank östlich von Bethlehem gelegen, wurde 1967 im Zuge des 6-Tage-Krieges von Israel besetzt. Die damalige Regierung beschloss daraufhin, das Dorf Jerusalem einzuverleiben. Die Dorfbewohner versuchten, blaue Jerusalem-Ausweise zu beantragen, um einen legalen Rechtsstatus zu erlangen. Aber bis zum heutigen Jahr erhalten sie nur Absagen. Siham ist nun eine illegale Einwohnerin ihres eigenen Dorfes. Westbank-Ausweis-Inhabern ist es untersagt, An Numan zu betreten. Müllabfuhr, Ärzte, sogar Verwandte und Freunde können den Checkpoint unten am Fuß des Dorfes nicht passieren.

Israelisches Recht

„Seit ich geheiratet habe und hierher gezogen bin, hat sich mein Leben radikal verschlechtert“, sagt Siham mit Tränen in den Augen, während sie auf die Trümmer ihres Lebens blickt. Vor ihr zieht sich ein riesiger Schutthaufen von Bauresten hoch in den Himmel, der einst das Haus der Familie war. 2011 zerstörten israelische Bulldozer  ihr Heim, weil Bauen dort nicht erlaubt ist. Jetzt muss Siham seit zwei Jahren auf ihr steingewordenes Trauma blicken, weil Transporter von außerhalb nicht die Schuttreste wegfahren dürfen. Israelisches Recht. Manchmal wenn Siham mit ausländischen Besucherinnen spricht, wird sie nachdenklich. Sie begegnet Frauen, die nicht verheiratet sind, die sich selbst verwirklichen, studieren, streiten, sich trennen, ein Kind alleine großziehen. „Es ist eine riesige Verantwortung,  wenn man einen Ehemann hat und Kinder erziehen muss“, sagt sie. Der Mann mache,  was er wolle, aber sie als Frau müsse allein schon der Kinder wegen funktionieren. „Das ist nicht einfach.“

Europäerinnen kapierten es nicht

Im Fernsehen hat Siham viele Länder gesehen, China, Bolivien, Indien, Portugal. In Gedanken ist sie schon oft auf Reisen gegangen, hat ihren Koffer gepackt

Stell Dir vor, sie duftet nur für Dich...

Stell Dir vor, sie duftet nur für Dich…

und ist einfach abgehauen. Als Mitarbeiterinnen einer internationalen Organisation aus Bethlehem sie zu ihrer Abschiedsparty in die Stadt einluden, winkte sie ab. „Nein, das geht nicht, mein Mann möchte das nicht, ich kann hier nicht das Dorf verlassen“, gab sie den verdutzten Ausländerinnen zur Antwort. Es hat eine Weile gedauert bis die Frauen aus Europa begriffen: Das ist Sihams Art der Revolution. Zu bleiben, als Frau und Mensch, wo andere längst feige die Flucht ergriffen hätten. Hasta la victoria siempre, collega!

 Die Redaktion von Dreiecksbeziehung gratuliert am 8. März, dem Internationalen Weltfrauentag, allen Frauen aufs Herzlichste: Weiter so, ihr seid Spitze!

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