Archive | Dezember, 2013

Die Knaller des Jahres

31 Dez

Jerusalem in der SylvesternachtDie Sterne lügen nicht, vor allem in Jerusalem – oder? Ein paar Eindrücke und Prophezeiungen aus dem alten Jahr in Hinblick auf 2014

Von Liva Haensel

Jerusalem – Es hätte so gut werden können, dieses Jahr. Vor genau 364 Tagen griff man tapfer nach dem Sektglas, es prickelte ein bisschen darin, und man hoffte. Auf bessere Zeiten, persönlich und beruflich. Auf ein glückstrahlendes Jahr, das einen umarmt, kaum dass es angefangen hat. Darauf, dass sich das Jahreshoroskop der Brigitte für einen erfüllt.

Die Sterne hatten mir viel versprochen für 2013. Unter anderem auch, dass sich ein Konflikt in meiner näheren Umgebung lösen lässt, fast wie von selbst. Das ist erstaunlich, denn eigentlich lösen sich Konflikte ja nie von selbst. Sondern schreien nach Arbeit, Selbstreflexion und schmerzhaften Eingeständnissen. Deswegen mochte ich mein Jahreshoroskop für 2013 besonders gerne. Es hörte sich so leicht an.

Wir sind einfach gestrickt

Im Nahost-Konflikt explodieren die Sterne. Es gibt ein Feuerwerk, aber kein Ende. Ich sehe Israel-Versteher und Palästina-Liebhaber, Aktivisten, an Jerusalem Leidende und deutsche Menschen, die seit Jahren hier leben, aber die illegale israelische Besatzung ignorieren als wäre ihre Erwähnung wie ein unartiges, zappelndes  Kind am Esstisch, das der Mutter dauernd über den Mund fährt. Ich sehe Bürger, die sich mit israelischer Kultur, mit Holocaust und Jeckes „aus Prinzip“ nicht mehr beschäftigen wollen, weil die Verletzung von Internationalem Recht und Menschenrechten von seiten Israels angeblich damit nicht vereinbar sei. Das ist Humbug, aber ein Weltbild, mit dem es sich gut leben lässt, weil wir Menschen einfach gestrickt sind und eben bloß glücklich sein wollen. Haus, Familie, Hund und Garten, Palästinenser hier und Israelis dort – wo ist das Problem, bitte?

Die Sterne meinten es gut mit Siedlern

Hier leben auch Leute, die die Westbank aus Prinzip nicht mehr verlassen. Zu dieser Gruppe zählen zum einen die Bewohner mit dem grünen Westbank-Ausweis, die

Blick auf E1, von Maale Adumim aus gesehen.

Blick auf E1, von Maale Adumim aus gesehen.

meistens gar keine andere Wahl haben. Oder die anderen, die meinen, dass Gott ihnen ein Grundrecht verliehen hat, das Eretz Israel heisst und vom Mittelmeer bis zum Jordan reicht. Der göttliche Funke ist aber auch auf Israelis übergesprungen, die eigentlich nur Geld sparen wollen, das sie ohnehin nicht besitzen. Wer in Maale Adumim bei Jerusalem siedelt, der spart 30 Prozent Miete im Vergleich zu Wohnraum in anderen Großstädten. Und wer dort ein Unternehmen aufzieht, der bekommt fünf Mal mehr Subventionen vom israelischen Staat als er es je innerhalb der Grünen Linie bekommen würde. Das ist doch was. Die Sterne meinten es gut mit den Bewohnern solcher Siedlungen in 2013.  Benjamin Netanjahu auch. Zionismus ist nicht mehr ganz en vogue, aber noch funktioniert er. Irgendwie.

Tagestour nach Bethlehem

Für das kommende Jahr heißt es  für Palästinener in Ost-Jerusalem: Zähne zusammenbeißen und durch. Nur das Durch wird dann nicht mehr möglich sein, wenn das E1-Gebiet den Norden vom Süden trennt. Aber egal, wer mit 100 Checkpoints lebt und ein paar männlichen Verwandten in Gefängnissen, der kann auch damit umgehen. Eine Fahrt von Jenin nach Bethlehem, früher machbar in 2,5 Stunden, wird dann eben zur Tagestour mit Picknick. Es geht alles.

Der Stern ist zwar über Bethlehem aufgegangen, um den Drei Heiligen Königen den Weg zu weisen, aber geholfen hat es irgendwie nicht. So langsam aber sicher schließt sich nun der Siedlungsgürtel um die Stadt unweit von Jerusalem. Die Mauer steht fest und weicht nicht. Es sieht nicht gut aus für die Dörfer ringsum Bethlehem, der Stadt, die kürzlich einem Kinofilm seinen Namen gab. Nahalin trifft es besonders hart. Das Dorf liegt genau zwischen fünf jüdischen Siedlungen und stört. Also wird es „eingemeindet“. Ob die Bewohner dann einen Jerusalem-Ausweis bekommen (undenkbar) oder die Westbank-ID (denkbar), wird nicht von den israelischen Autoritäten beantwortet. Im Horoskop steht auch nichts dazu. Mist! Der Stern über Bethlehem schüttelt müde seinen Schweif über den Nacht-Himmel.

Zielorientierte Liebe

In Wadi Joz, einem Stadtteil in Ost-Jerusalem, hat die Schulleiterin 25 Jahre darauf gewartet, eine Mädchenschule bauen zu dürfen. Jetzt ist sie fast 80,  der Grundriss steht, aber die Behörde gibt kein grünes Licht für die Wasserleitungen. Aber ohne Wasser keine Toiletten, ohne Toiletten keine Schülerinnen. Ohne Schülerinnen kein Schulbetrieb.

„Ich habe einen Mann kennengelernt. Er ist Arzt und arbeitet in Hebron“, berichtet mir eine palästinensische Freundin aus Ost-Jerusalem freudestrahlend. Sie hat einen Jerusalem-Ausweis, er die grüne Westbank-ID. Wenn sie heiraten sollten, sagt die Freundin, müsste er mit ihr in Jerusalem leben, sonst verliert sie ihren Aufenthaltsstatus. Das haben sie gleich beim ersten Date geklärt. Weil er Arzt ist, hat er Chancen auf eine Sondergenehmigung vom jüdischen Staat. Danke, Israel. So ist die Liebe hier, denke ich: zielorientiert.

 Latrun war mal arabisch

Schön, aber ohne Erinnerung: Gelände der Latrun-Gemeinschaft

Schön, aber ohne Erinnerung: Gelände der Latrun-Gemeinschaft

„Ich bin nicht hier, um den Konflikt zu lösen“, sagt ein Bekannter von der Erlöserkirche in Jerusalem an mich gerichtet und steckt sich eine Zigarette an. Wir haben gerade eine unliebsame Diskussion über die Region hinter uns. Sein Satz bedeutet eigentlich: Ich habe keinen Bock mehr, mit Dir zu diskutieren. Also schweige ich und beschließe zum Ende des Jahres nach Latrun zu fahren, einem kleinen Ort zwischen Tel Aviv und Jerusalem an der Straße Nummer 1. Dort lebt eine christliche Gemeinschaft, die zu einem Schweigewochenende eingeladen hat. Ich bete viel, esse reichlich und schweige. Meine Zimmernachbarin und ich nicken uns verständig zu bevor wir ins Bett gehen, ohne Worte, versteht sich. Bei einem einsamen Spaziergang entdecke ich Reste eines alten arabischen Dorfes, daneben ein israelisches Denkmal, das an den Sieg von 1967 erinnert. Latrun, das waren einmal drei Dörfer mit arabischen Bewohnern, die aus ihren Häusern fliehen mussten. 18 Menschen schafften es nicht reichtzeitig und starben in dem Gefecht. Die Erde, auf der ich mit meiner Kamera sitze und Fotos mache, riecht nach dunkler Vergangenheit und Gras, das jetzt drüberwächst. Die Brüder der Latrun Communitiy schweigen. In der Kapelle beten wir für Juden, das Land und das Erkennen des Messias. Am Freitagabend feiern wir Shabbat in einem Ort, der einmal arabisch war und jetzt christlich bewohnt ist. Ich fange an, rosa Sternchen zu sehen.

Lieber Sex als Holocaust

Es war nicht einfach, dieses 2013. Nicht immer prickend wie der Sekt im Glas. Kein Konflikt, der einfach zu lösen gewesen wäre. Aber ein paar Sterne sind vom Himmel gefallen, direkt in meinen Schoß. „Weißt Du“, sagt eine Freundin aus Jerusalem zu mir, „seit ich mit ein paar Männern hier ausgegangen bin und mit ihnen über uns Deutsche gesprochen habe, weiß ich, dass die gar nicht als erstes bei uns an Holocaust denken. Die beliebtesten Pornofilme von Israelis werden in Deutschland produziert. Also denken die an Sex, wenn sie uns deutsche Frauen kennenlernen.“ Mein Jahreshoroskop für den Krebs prophezeit, dass ich viele besondere Begegenungen in 2014 haben werde. Das glaube ich sofort, seit ich hier wohne. „Besonders aufgeschlossen sollten Sie in der Sylvesternacht sein“, lese ich da.

Das neue Jahr wird echt Bombe.

sterneAllen Leserinnen und Lesern ein wunderbares Jahr 2014 mit vielen Sternen im Schoß wünscht die Redaktion von dreiecksbeziehung.net!

23 Dez
Foto: Liva Haensel

Foto: Liva Haensel

Inside Jerusalem

Die Stadt

Sie hat ausgedient.

Ihre Steine sind sich altgeworden

unter der Last ihrer Aussagen.

Das Gold der Dächer hat sich

verbittert davongemacht

ob der Intoleranz seiner Könige und Ritter

Am Tisch für alle Götter und Menschen

sitzt jetzt nur noch Einer

Leibesfülle gedeihend.

die Luft zum Atmen zieht ein

nichts bewegt sich

aber alle rennen

in die Nacht hinein

weil die Sonne zum Mond gemacht wurde.

Nervös ziehst Du an deiner Zigarette

die TAGE sind gezählt

sagst Du

mit Zuversicht

das Lachen hängt in den Ritzen

zwischen den Wünschen und Gebeten

aber Gott macht nichts

außer einer Siesta

in der Wüsten-Höhle

die uns retten wird.

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