Archive | Juni, 2014

Glaube, Liebe – Hoffnung

1 Jun

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Vor zwei Wochen zerstörten israelische Bulldozer 1500 Obstbäume der Familie Nasser im Friedensprojekt „Tent of Nations“ bei Bethlehem. Die Familie kämpft seit über 23 Jahren vor Gericht um ihr Land. Ein Besuch.

Von Liva Haensel

„Eines Tages wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen“, sagt Daoud Nasser. 25 Menschen aus der lutherischen Erlösergemeinde in Jerusalem sitzen in einer Kapelle aus Stein und hören dem Mann in dem blauen Polohemd zu. Die blonde Frau neben ihm, eine Musiklehrerin, guckt stumpf auf den Boden. Der Satz von Daoud Nasser bleibt kurz in der Luft hängen. Man versucht krampfhaft, sich jetzt einen strahlenden goldgelben Sonnenball vorzustellen, der ein warmes Licht verbreitet. Der so aussieht, wie man sich Güte und so etwas wie Gerechtigkeit als Form und Farbe vorstellen könnte. Aber da kommt nichts. Das Kopfkino funktioniert  irgendwie nicht im „Tent of Nations“ bei Bethlehem. Nicht jetzt, nachdem die Bulldozer da waren. Nicht, wenn man die ganze Geschichte der Familie Nasser hört, sich ein Bild vor Ort macht.

Es ist die Geschichte eines dramatischen Kampfes, aber auch eine ohne Happy End. Vorläufig. Die Sonne ist hier gerade hinter den Wolken verschwunden. „Tent of Nations“, das Zelt der Völker, wie es auf Deutsch heißt, ist nicht Hollywood. Es ist palästinensisches Land unter israelischer Besatzung. Hier gibt es kein Stromnetz und kein Wasser aus Hähnen, weil die Nassers keine Baugenehmigungen dafür vom Staat Israel bekommen.

Symbol für gewaltfreien Widerstand

Am 19. Mai fuhren drei israelische Bulldozer der israelischen Armee den Berg bei der jüdischen Siedlung Neve Daniel herunter und auf das Land der Familie Nasser zu. Dort zerstörten sie 1500 Obstbäume, darunter 700 Weinstöcke. Die Reste der Bäume – Zweige und Stämme – versteckten die Soldaten in großen Erdlöchern. Dieser Akt ist illegal, denn die Nassers befinden sich seit 1991 in einem schwebendem Gerichtsverfahren mit dem Staat Israel. Damals erfuhren sie nur durch einen Zufall, dass ihre 400 Dunum Land (1 Dunum=1000 m²) für Israel zu „Staatsland“ erklärt worden waren. „Wir zeigten vor Gericht alle unsere Besitzurkunden, die mein Großvater seit dem Landerwerb 1916 lückenlos aufbewahrt hatte“, erzählt Daoud Nasser, der Leiter des Projektes „Tent of Nations“. Die israelische Seite reagierte schockiert, damit hatte sie nicht gerechnet. Doch noch schockierender muss es für sie gewesen sein, dass die christlich-palästinensische Familie ab 2000 systematisch damit begann, ein Friedensprojekt für Menschen auf ihrem Land aufzubauen, das so gar nicht in das gängige Klischee des Steine werfenden Palästinensers passte. Seitdem pflanzen dort auf dem Hügel bei Bethlehem jüdische Friedensaktivisten Bäume, arabische Kinder aus den Flüchtlingslagern malen Herzen und deutsche Volontäre basteln an Zisternen und Solaranlagen. Rupert Neudeck von der Organisation „Kap Anamur“ berät zu Alternativen Energien. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hält gerne ihre schützende Hand über das Stück Land.

Günstiges Leben in Gush Etzion

„Tent of Nations“ ist ein interreligiöses Begegnungsprojekt von Lutheranern. Und mittlerweile zu einem Symbol für gewaltfreien palästinensischen Widerstand geworden, das weltweit hohes Ansehen genießt. Die Familie Nasser will keinen Streit mit den benachbarten Siedlungen, sondern in Frieden mit ihnen leben. Sie ist mittlerweile umringt von 5 Siedlungen mit 90.000 Einwohnern, alle Israelis, die nach Internationalem Recht illegal dort auf palästinensischem Land leben und von ihrem jüdischen Staat dafür subventioniert werden. Das Leben in Gush Etzion ist günstiger als in Jerusalem oder Tel Aviv. Außerdem bekommen die neuen Bewohner Zulagen und bei Gründung eines Unternehmens eine Anschubfinanzierung, die in den Siedlungen fünfmal höher liegt als im Kerngebiet Israel.

Alles, was Recht ist?

Die Nassers bekommen kein Staatsgeld von Israel, sondern entweder nächtliche Blitz-Besuche von Siedlern oder Landkonfiszierungsbefehle der israelischen Armee. Letztere übergibt diese nie persönlich. Die Zettel werden, immer auf Hebräisch verfasst, irgendwo auf dem Grundstück abgelegt. Eine Praktik, die oft zur Folge hat, dass palästinensische Bewohner die Zettel gar nicht erst finden, weil sie vom Regen durchnässt sind oder vom Wind weggefegt wurden. Ungünstig, wenn es um gerichtliche Einsprüche und Deadlines geht, um schnelles überlegtes Handeln, um Land und die eigene Existenz. Günstig, wenn man Land haben will und kein Interesse daran hat, den Landbesitzer rechtzeitig zu informieren. Aber sich auch nicht vorwerfen lassen möchte, man hätte die andere Seite nicht informiert. Das funktioniert in Israel, denn Gesetze sind dehnbar wie Kaugummi und lassen sich zudem aus den unterschiedlichsten Besatzungszeiten anwenden: jordanisches, britisches, israelisches Militärrecht oder das aus dem Osmanischen Reich – alle sind anwendbar, weil Israel Notstandsgesetzte nutzt und immer noch nicht über ein Grundgesetz verfügt, obwohl der Staat 2008 bereits sein 60-jähriges Bestehen feierte.

Bauern können ihr Land nicht erreichen

„Hier gilt: Alles, was Recht ist“, sagt ein palästinensischer Anwalt aus Jetusalem, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Nur rund 20 % seiner Mandanten bekommen am Ende ihr Land zurück, dass der Staat Israel zumeist nach einigen Jahren als Staatsland deklariert, weil es nicht kultiviert wurde, berichtet der Jurist. Was der Staat nicht sagt ist, dass die israelische Mauer nicht auf der Grünen Linie verläuft, sondern sich laut dem Büro von UN Ocha (United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs Occuied Palestinian Territories) zu 85 % auf palästinensischem Land befindet – und damit für viele Bauern das Bewirtschaften ihres Land verhindert, weil sie es nicht mehr erreichen können.

Siedlerkolonialismus stoppen

„Der Siedlerkolonialismus ist das gefährlichste Projekt des Staates Israel, das auf dem Rücken der Ureinwohner Palästinas – der Palästinenser – ausgetragen wird“, kritisierte der israelische Historiker Gadi Algazi von der Universität Tel Aviv kürzlich auf einem Politikkongress in Hebron. Dort trafen sich antizionistische Israelis und Palästinenser. Der Friedensaktivist ist für eine Neuordnung in der Region mit einem Staat, der gleiches Recht für alle auf Land und Wasser bedeutet, ein Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge miteinbezieht und die Zerstörungen palästinensischer Existenzen ausschließt. „Das muss sofort gestoppt werden“, sagte Algazi auf der Bühne in Hebron. Aber er sah müde aus bei diesen Worten.

Die Nassers sind nicht naiv

Daoud Nasser hingegen scheint seine Kraft auf wundersame Weise immer wieder neu zu nähren. „Tent of Nations“ ist zu seiner Lebensaufgabe geworden. Er reist mindestens zweimal im Jahr nach Deutschland und in die USA, um über seine Arbeit zu berichten. Er hat viele Pläne. Eine Berufsschule, mehr Jugendarbeit und Umweltbildung soll es hier bald geben. Aber die zerstörten Bäume wird das nicht zurückbringen. „Wir wollten dieses Jahr Weinreben ernten und das erste Mal Wein abfüllen“, sagt er. Daraus werde nun nichts. Es wird vier Jahre dauern, bis die Weinstöcke wieder Ernte reife Trauben tragen werden. Und auch die Olivenbäume müssen neu gepflanzt werden. Die von der Armee illegal abgeholzten Bäume hatten ein Alter von zwölf Jahren. Ein Olivenbaum ist empfindlich und benötigt viel Pflege und Fachkenntnis. Erst nach sieben Jahren trägt er die ersten Früchte. Der Gewaltakt der israelischen Armee war vorsätzlich. Die Nassers sind jetzt erst einmal geschwächt, aber sie sind nicht am Ende. Sie sind nicht naiv. Sie wissen, dass sie mit ihrer Klage am israelischen Gerichtshof – sie wollen eine Entschädigungssumme für die Bäume – niemals durchkommen werden.

Unberechtigte Kritik an Kirchen

Die Zerstörung des Landstückes schlug hohe Wellen und verbreitete sich vor allem Stunden später als erstes in den sozialen Netzwerken. In Deutschland schrieb einzig die Südwestpresse aus Ulm über den Vorfall, während palästinensische und israelische Nichtregierungsorganisationen und Blogger längst schon Berichte auf twitter und facebook veröffentlicht hatten. Johannes Gerloff, ein Theologe, der sich selbst als „Journalist“ und „Korrespondent“ der fundamentalistischen Israel-Nachrichten bezeichnet, kritisierte in seinem öffentlichen Facebook-Profil die Solidarität der Kirchen mit der Familie Nasser nach dem Gewaltakt: „Wer die Augen verschließt, ist mit verantwortlich, wenn mit „Dahers Weinberg“ unter dem Motto „Wir weigern uns, Feinde zu sein“, Zwietracht gesät, antiisraelisch gehetzt und persönliche Bereicherung vorangetrieben wird“, heißt es dort. Gerloff, ein christlicher Zionist, hatte vor kurzem erst in einem Artikel auf Israelnetz.com die illegale Enteignung des palästinensischen Rajabi-Hauses in Hebron verteidigt, das sich nun vollständig in Siedlerhänden befindet. Er ist mit Ulrich Sahm befreundet, einem ehemaligen Israelkorrespondenten des Nachrichtensenders n-tv, der sich zum Ende seiner journalistischen Karriere hin verstärkt mit der Herstellung von Kerzen und der Veröffentlichung von Kochbüchern befasst.

Roadblocks aus Sicherheitsgründen

All das macht Daoud Nasser nicht wütend. Er ist die Ruhe selbst. „Gewalt ist keine Option für uns. Es ist leicht zu hassen und schwer, negative Gefühle konstruktiv in positive umzuwandeln. Aber wir gehen diesen Weg weiter“, sagt er überzeugt. Die Sonne steht jetzt hoch oben am Himmel und scheint ihre ganze Strahlkraft auf die 25 Besucher dort unten abzugeben, die sich auf den Rückweg nach Jerusalem machen. Mühsam klettern die Menschen aus der Erlöserkirche über die beiden Roadblocks, mit denen der israelische Staat 2001 die Zufahrtstraße zum „Tent of Nations“ dichtmachte. Aus Sicherheitsgründen, wie es damals hieß. Da hilft nur noch eins: Glaube, Liebe – Hoffnung. Sagt Daoud Nasser jedenfalls.

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