Liberté. Toujours!

14 Jan

Nicht nur Affen essen Bananen.   Bild: Weltbühne 1929

Nicht nur Affen essen Bananen. Bild: Weltbühne 1929

Was darf Satire? Alles.

Sie darf beißen, lechzen, streicheln, werten, reinzeichnen, übertreiben, auf den Kopf stellen, kotzen, auf den Punkt bringen, verlachen, stigmatisieren, boxen, ächzen, seitenhiebeln, verbiegen, heulen, geraderücken, verteufeln, spötteln, vergeistigen, ängstigen, ermöglichen, weiterdenken.

All das muss sie sogar. Sonst wäre es keine Satire.

Es gab sie immer und es wird sie immer geben.

Satire hat seit jeher Oberhäupter angegriffen, Popanze entlarvt, Kleingeister eingekerkert und Treudoofe auch noch für dumm erklärt.

In der Charlie Hebdo (und anderen Zeitungen der Welt) wird nicht der Islam an sich kritisiert, sondern die Art, wie Menschen ihn auslegen und mit ihm umgehen. In Ost-Jerusalem zum Beispiel: Dort finden viele arabische Männer es lustig, nicht-arabische Frauen mit Begriffen wie „Tochter einer Hure“ oder auch nur „Hure“ (Sharmutta) zu beschimpfen. Das hört man jeden Tag mindestens zweimal, wenn man durch die Straßen dort läuft. Eine dahintersteckende rigide Sexualmoral und eine Frauen verachtende Haltung von vielen jungen muslimischen Männern wird (Frauen) ganz deutlich. Wer dort lebt, wechselt radikal seinen Kleiderschrank: Anstelle Spagettiträgertops wie in Tel Aviv besser lange Leinenhose und T-Shirt.

Pure Realsatire

Ultraorthodoxe Juden können es nicht ertragen, wenn ihnen eine normal gekleidete Frau entgegenkommt mit, sagen wir mal, nackten Füßen in

Der Beste, immer noch: Journalist und Jurist Kurt Tucholsky war Mitherausgeber der Berliner "Weltbühne"

Der Beste, immer noch: Journalist und Jurist Kurt Tucholsky war Mitherausgeber der Berliner „Weltbühne“

Sandalen. Sie wechseln dann lieber die Straßenseite oder spucken aus. Weil weibliche Oberhäupter nicht in ihr strenges Weltbild passen, wurde Angela Merkel kurzerhand wegradiert Dank Photoshop auf dem Foto zur Massendemonstration Charlie Hebdo in Paris am vergangenen Sonntag in einer ultraorthodoxen Zeitung. Jüdisch-orthodoxe Männer konnten es nicht ertragen in 2014, dass weibliche Fluggäste neben ihnen in der Maschine saßen und beschwerten sich bei El Al und Delta Airlines. Die Flüge konnten nicht pünktlich starten. Die Airlines äußerten später dazu, sie hätten nicht vor, künftig eine getrennte Sitzordnung nach Geschlechtern einzuführen. Seit 1982 kämpfen jüdische Frauen dafür, gleichberechtigt an der Klagemauer neben dem Platz der Männern laut beten und singen zu dürfen.

Pure Realsatire

In der Grabeskirche in Jerusalems Altstadt halten russisch-orthodoxe Frauen andächtig am Grab Jesu inne, küssen den Stein, wo er gesalbt wurde und bekreuzigen sich heftig. Als die Theologin Margot Käßmann noch Ratsvorsitzende der EKD war und damit das höchste Amt an der Spitze der evangelischen Kirche Deutschlands inne hatte, erlebte sie Überraschendes: Der damalige russische Patriarch wollte ihr bei einem Meeting nicht die Hand geben und lehnte ein Treffen mit ihr generell ab. Er könne – so sein Argument – keine Frau als geistliches Oberhaupt einer Kirche akzeptieren.

Pure Realsatire

Zeigs mir: In der Charlie Hebdo ist Mohammed häufig der nackte Star.  Bild: Charlie Hebdo

Zeigs mir: In der Charlie Hebdo ist Mohammed häufig der nackte Star.
Bild: Charlie Hebdo

Diese drei Beispiele zeigen, wie tagtäglich Diskriminierungen stattfinden, jeden Tag zu tausenden mit uns und unter uns und durch uns. Religiös motiviert manchmal, manchmal nicht. Hallo, Sexismus! Hallo, Rassismus! Hallo, bunte, böse Welt!

Charlie Hebdo wurde von einigen im Nachgang als rassistisch, islamophob und sexistisch bezeichnet. Es handele sich dabei ja gar nicht um einen Massenmedium, sondern nur um eine kleine Ramdzeitung, hieß es. Klar. Satire trägt keine weiße Weste und wird nicht von massenhaft Leuten gelesen. Weil sie spitze Zähne trägt, mag sie nicht jedermann. Es gehört eine Portion Mut, Reflexionsvermögen und vielleicht auch Distanz beim Leser dazu, in so eine Zeitung zu schauen. Nicht über alles kann und muss man lachen. Bürger dürfen Zeichnungen schrecklich-beleidigend finden. Einer der überlebenden Redakteure der Charlie Hebdo hatte später gesagt: „An dem Tag als die Tat passierte, hatten wir gerade unsere Redaktionskonferenz beendet. Eigentlich waren wir alle nur Scherzkekse.“

Liberté toujours

Keiner wird umgebracht, weil er nicht richtig gekleidet ist. Eine andere Religion hat. Keine hat. Gar nichts hat. Zuviel hat. Nicht passt. Anders aussieht. Sein Leben lebt. Eine Vision hat. Einfach da ist.

Kann sein, dass ihr muslimischen Männer da was falsch verstanden habt. Wir müssen reden? Mal abends auf ne Zigarette um die Ecke? Nein, ihr müsst reden. Untereinander.

 

 

 

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