Archive | April, 2015

Israel verspiegelt

26 Apr

In der Reihe „Spiegel Geschichte“ ist jetzt Heft Nummer 2 mit dem Titel: „Israel. Land der Hoffnung, Land des Leids“ erschienen. Der etwas pathetisch anmutende Name erweckt den Eindruck, dass es sich hierbei um ein rein pro-israelisches Heft handeln könnte. Doch der Inhalt überrascht

Natürlich ist auch die Geschichte einer Holocaust-Überlebenden mit dabei. Das gehört dazu. Der Staat Israel, die „Heimstätte für das jüdische Volk“, war Rettungsanker für tausende Flüchtlinge, die aus dem nazifizierten Europa fliehen mussten. Und der Holocaust war es, der die Staatsgründung auf einem Stückchen Erde, auf dem vor 1948 bereits 800.000 Araber lebten, vielleicht gänzlich notwendig erschienen ließ.

So erfährt der Leser ab Seite 30 in dem Spiegel-Heft Israel also vom Leben der Schoschana Rabinovici, die eigentlich einmal im Wilma der 1930iger Jahre Susanne Weksler geheißen hatte und die Dank der Umsichtigkeit ihrer Mutter und einigen glücklichen Zufällen den Nazischergen im Ghetto und Konzentrationslager immer wieder von der Todesschippe springen konnte. Rabinovici lebt heute in Tel Aviv und blickt von ihrem Hochhaus-Apartment über das blaue Mittelmeer – Paradies und Hölle zugleich. „Ich bin Demokratin“, sagt die 82-Jährige in dem Text. „Ich kann nicht einen anderen behandeln so wie man mich selbst behandelt hat.“ Damit spielt die alte Dame, deren Sohn der bekannte Wiener Autor Doron Rabinovici ist, auf Israels Besatzungspolitik an. Und Zack! – der Leser befindet sich auch hier, mitten in der Autobiografie einer Frau auf fünf Seiten, die nur in allerletzter Sekunde den deutschen Gaskammern der Konzentrationslager entkam, im Nahostkonflikt.

Auch ein großer Palästinenser kommt zu Wort

Es ist die Stärke dieses Spiegel-Heftes und ihrer einzelnen Texte, dass die (zumeist) deutschen Autoren offensichtlich keine Scheu hatten vor Tabus. Das ist gut so. Die Auswahl zeigt, dass Israels Sonnenseiten – Hightechnation, Kulturland, Luftbrücke zu arabischen Juden – viele synchrone Schattenseiten hat. Und diese werden aufgezeigt. Denn die Geschichte Israels geht nicht ohne diejenige der Palästinenser. Nicht ohne geschichtliche Meilensteine, Theodor Herzls fragwürdige Thesen zum Zionismus, die schwierige Identität der israelischen Araber im Land und kritische Stimmen zum Sechs-Tage-Krieg. Die Krise des Mossad wird in dem Heft ebenso wenig ausgespart (Autor: Ronden Bergman) wie Israels Gebaren gegenüber seinem Staatsbürger Mordechai Vanunu, der 1986 die Weltöffentlichkeit über die Atompläne seines Landes informierte und dafür eine lange Gefängnisstrafe erhielt, die bis heute andauert. Auch einer der großen Palästinenser kommt zu Wort – Saeb Erekat, palästinensischer Unterhändler und Fatah-Politiker. „Besatzung macht korrupt“ und „Der Frieden wird kommen. Ich werde ihn erleben“, sind Sätze, die sich widersprechen. Und gerade deshalb so wichtig sind, als gedruckte Zeilen vor sich zu haben.

Neues Kopf-Futter für Leser

Es ist eine Kunst, ein kleines Land mit großer Sogwirkung auf wenig Papier allumfassend darzustellen. Noch dazu, wenn sich dieses Land in einem andauernden Ausnahmezustand befindet. Eine Besatzungsmacht ist und eklatant gegen Menschenrechte verstößt. Man kann nur ahnen, wie viele Diskussionen es die Redakteure gekostet haben muss, bis sie ihr Konzept für das Israel-Heft fertig hatten. Herausgekommen ist ein überraschend neuer deutscher Blick auf Israel und seinen ungewollten Zwilling Palästina, der Nahostanfängern eine gute Einführungslektüre bietet und alten Hasen neues Kopf-Futter mischt.

Eine definitiv gute Reiselektüre für alle, die noch dieses Jahr Israel und Palästina erkunden möchten und ihren vielen Fragezeichen im Kopf dazu Herr werden wollen – möglicherweise bevor in der Region schon wieder der nächste Krieg entbrennt.

Der Spiegel Geschichte: Israel – Land der Hoffnung, Land des Leids. Erschienen im März 2015. Preis: 8.70 Euro. Erhältlich im Buchhandel
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