Archiv | September, 2015

Ihr seid die Reben

18 Sep
Aus für Olivenbäume: Israelische Soldaten entwurzeln die kostbaren Bäume zugunsten des Mauerbaus. Foto: Olivera D.

Aus für Olivenbäume: Israelische Soldaten entwurzeln die kostbaren Bäume zugunsten des Mauerbaus.                                                            Fotos: Olivera D.

In dem Tal Cremisan bauen katholische Mönche berühmte Weinreben an und Nonnen unterrichten 200 Kinder. Doch der Oberste Gerichtshof in Jerusalem hat entschieden: Hier wird die israelische Trennmauer gebaut. Die palästinensischen Bewohner sind verzweifelt. Jeden Freitag halten Geistliche einen Gottesdienst unter freiem Himmel ab. Menschenrechtsbeobachterin Olivera D. besucht das Tal regelmäßig und berichtet aus Bethlehem

BETHLEHEM  – Nach nun 28 Tagen schreiten die Arbeiten im christlichen Tal von Cremisan, in Bir Ouna, einem Teil von Beit Jala, westlich von Bethlehem, voran. Wo zu Beginn der Arbeiten am 17. August der Olivenhain noch deutlich als solcher zu erkennen war, liegen nun weite Teile des Landes brach. Stück für Stück müssen jahrhundertealte Olivenbäume der Erweiterung der israelischen Trennmauer weichen

Zum Hintergrund

Am 17. August 2015 begann ein Bauunternehmen damit, Olivenbäume – von denen einige aus der Römerzeit stammen – zu schneiden, um die Entwurzelung für das endgültige Abroden zu ermöglichen. Soldaten der israelischen Armee (IDF) sowie Polizei und private Sicherheitskräfte bewachen die Arbeiten. Die Ohnmacht und Trauer auf Seiten der Landbesitzer ist groß und tief. Lokale christliche Familien aus der überwiegend christlichen Region Bethlehems sind hauptsächlich betroffen. Im Tal von Cremisan sind das insgesamt 58 Familien, die vom israelischen Verteidigungsministerium enteignet wurden und deren Land in diesem Fall der Erweiterung der Mauer zum Opfer fällt – und dies, obwohl im April 2015 der Oberste Gerichtshof Israels noch zugunsten der Familien entschieden und die Enteignungsbefehle aufgehoben hatte. Das israelische Verteidigungsministerium hob jedoch bald darauf die Entscheidung des Obersten Gerichts auf (und machte sie dadurch quasi wertlos).

Ein Mann zeigt den Verlauf der Mauer im Cremisan-Tal. Foto: Olivera D.

Ein Mann zeigt den Verlauf der Mauer im Cremisan-Tal.

Abwehr von Terroristen

Der angebliche Zweck der Konstruktion lautet: Attentäter von Jerusalem und Israel fernzuhalten. „Mit dem Bau würde ein fruchtbares Tal – de facto das letzte in der Gegend um Bethlehem – an Jerusalem angegliedert und damit die Erweiterung der illegalen israelischen Siedlung Gilo ermöglicht. Der Anschluss von Land ist jedoch nach internationalem Recht verboten, ebenso ist das Ansiedeln eigener Bevölkerung auf besetztem Gebiet ein klarer Verstoß gegen § 49 der 4. Genfer Konvention, in der es heißt: ,Die Besetzungsmacht darf nicht Teile ihrer eigenen Zivilbevölkerung in das von ihr besetzte Gebiet deportieren oder umsiedeln.’ Israel macht sich somit einer eklatanten Verletzung des Völkerrechts schuldig“, so Manfred Budzinski, der Sprecher der pax christi‐Nahostkommission.

Beit Jala im Sandsturm

Patrouille im Sandsturm: Die Zufahrtsstraßen sind mittlerweile auch für die Anwohner teilweise gesperrt.

Die Grüne Linie wird ignoriert

Der Bau der israelischen Trennmauer begann im Jahre 2002 und soll Terrorangriffe auf Israel abwehren. Neun Meter hoch ist sie, höher als die Berliner Mauer. Gebaut wurde sie auf palästinensischem Gebiet. Teilweise reicht sie sogar tief in das palästinensische Land hinein. Die sogenannte „grüne Linie“, die Grenze, die 1949 von der UNO festgelegt wurde, existiert somit nicht mehr bzw. wird ignoriert. Stück für Stück, Meter für Meter wird Land von Israel konfisziert und annektiert. So auch in Bir Ouna: 3 Quadratkilometer wird die Mauer, wenn sie einmal fertig ist, in das palästinensische Gebiet hineinragen. Und die Menschen können nur hilflos dabei zusehen.

Die Mauer ist illegal

Hilflosigkeit fühlt auch der Bürgermeister der Stadt Beit Jala, Nikola Kharmis, aber auch tiefe Trauer. Die Region Bir Ouna und das Cremisan‐Tal gehören zu Beit Jala: Er ist damit für sie verantwortlich. Der Beginn der Arbeiten wirkt sich stark auf seine Arbeit als Bürgermeister aus. Seine Arbeitstage sind geprägt von Terminen, Interviews und Demonstrationen, um das Irgendmögliche zu tun gegen den Bau des Übels – gegen die illegale Mauer, die Bürgerinnen und Bürger ihrer Ländereien beraubt – die einzige Einnahmequelle und einziges Anbaugebiet der Stadt, wie er selbst sagt.

Hoffen und Beten: Geistliche der katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche halten einen Gottesdienst ab. IM Hintergrund beobachten israelische Militärs die Lage. Foto: Olivera D.

Hoffen und Beten: Geistliche der katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche halten einen Gottesdienst ab. IM Hintergrund beobachten israelische Militärs die Lage.

Hoffnung und Halt

Doch was tun, wenn selbst der Oberste Gerichtshof dem „Sicherheitsbedürfnis“ und somit den Methoden des Verteidigungsministeriums weichen muss? Sowohl Nikola Kharmis als auch die Landbesitzer, Nachbarn und viele Unterstützer nehmen seit dem 18. August täglich um halb neun an der Morgenandacht im Tal teil. Viele verschiedene kirchliche Vertreter beten gemeinsam, um sich und ihren Mitbürgern Hoffnung und Halt zu geben und schlussendlich etwas zu bewirken.

Im Rahmen der Andacht wird die folgende Bibelpassage gesprochen:

Lukas 19:41-47, Neue Genfer Übersetzung (NGU-DE): Jesus weint über Jerusalem

41 Als Jesus sich nun der Stadt näherte und sie vor sich liegen sah, weinte er über
sie 42 und sagte: „Wenn doch auch du am heutigen Tag erkannt hättest[a], was dir Frieden bringen würde! Nun aber ist es dir verborgen, du siehst es nicht. 43 Es kommt für dich eine Zeit, da werden deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und dich von allen Seiten bedrängen. 44 Sie werden dich zerstören und deine Kinder[b], die in dir wohnen, zerschmettern und werden in der ganzen Stadt[c] keinen Stein auf dem anderen lassen,weil du die Zeit, in der Gott dir begegnete,[d] nicht erkannt hast.“3

Eine ökumenische Begleitperson des Programms EAPPI beobachtet die Lage vor Ort. Foto: Olivera D.

Olivera D., mit der Weste des Programms EAPPI, vor Ort. Die Weste ist das Markenzeichen des Programms und signalisiert „Schutz durch Anwesenheit“ durch alle Mitwirkenden. 

Seit dem 18. August habe ich an 14 Morgenandachten teilgenommen. Ich habe gesehen, wie ein wunderschönes Tal mit uralten Olivenbäumen Tag für Tag schwindet. Wo über 100 Bäume standen, ist nun Brachland. Ich habe neben der ausführenden Baufirma viele Soldaten, Polizisten und private Sicherheitskräfte gesehen, die die Arbeiten bewachen. Ich habe Menschen gesehen, die zusammenkommen und beten, in der Hoffnung, dass dieses Verbrechen gestoppt wird. Ich habe Geistliche gesehen mit Tränen in den Augen. Ich habe den Bürgermeister der Stadt mit Tränen in den Augen gesehen. Ich selbst habe die Ohnmacht gespürt und meine Tränen versucht zurückzuhalten.

Am 15. November wird es eine Anhörung vor dem israelischen Obersten Gericht für die Familien geben, denen das Land gehört. Sie werden von der katholischen Menschenrechtsorganisation „Society of St. Yves“ vertreten, die hier einen ausführlichen Bericht über die Situation im Cremisan-Tal veröffentlicht hat. 

Über die Autorin: Olivera D. ist derzeit in Israel und den besetzten Gebieten im Rahmen des Programms EAPPI (Ecumenical Accompaninemt Program for Palestine and Israel – Ökumenisches Begleitprogramm in Palästina und Israel), das sich zum Ziel gesetzt hat, Freiwillige aus der ganzen Welt vor Ort einzusetzen und ihnen durch Begegnungen und Beobachtungen einen eigenen Einblick in den Konflikt zu geben, tätig. Ihre Entsende-Organisation ist die EMS (Evangelische Mission in Solidarität) im Verbund mit dem ökumenischen Weltrat der Kirchen/Genf.
Die Fotorechte liegen bei der Autorin.
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