Archiv | Februar, 2017

Deutsche Freunde

19 Feb
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Babykleidung in der Altstadt Jerusalems.

Das Jahr 2016 hat uns medial heftige Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Meinungsträgern in Deutschland beschert, wenn es um Israel und Palästina ging. Hat es uns aber auch weitergebracht, wenn wir uns für Antisemitismus-Gefahr und Menschenrechte sensibilisieren wollen? Eine Reflexion

 

Im vergangenen Jahr– so meint man zu beobachten – passierte eine ganze Menge in Hinblick auf die deutsch-israelische Freundschaft. Und das zieht sich bis in dieses noch junge neue Jahr hinein. Die Beziehung zwischen Deutschland und Israel ist nicht mehr ganz so rund und straff wie ein frischgepflückter Apfel oder, sagen wir salopp, ein Baby-Po. Stattdessen machen sich hässliche Spannungsfältchen an der Oberfläche bemerkbar. Was ist passiert? Sind die Deutschen keine Freunde Israels mehr?

Linke Juden in Deutschland fühlen sich angegriffen von hier zionistisch Überzeugten, die wiederum am liebsten hätten, dass nicht-jüdische Menschen am besten gleich ganz die Klappe halten, wenn es um Israels Besatzungspolitik geht. Zu antisemitisch, zu pro-palästinensisch, zu irgendwas pro oder contra, so lautet stets der Vorwurf an Kritiker der israelischen Politik.

Ein paar Beispiele: Die Zeit

„Die Zeit“ experimentierte gerade mit einer Antisemitismusprüfung in Berlin-Neukölln. Sie liess Redakteurin Mariam Lau mit einem Rabbiner durch den Kiez laufen, in dem bekanntermassen ziemlich viele Araber leben. Dass in Berlin-Neukoelln auch ziemlich viele Israelis, Italiener und so manche Hipster wohnen, ist nicht so wichtig. Am Ende ist klar: Ja, in Neukölln haust der Antisemitismus. Der Rabbi musste sich einiges an Schmähungen anhören. Darüber ärgerte sich wiederum Armin Langer, ein jüdischer Publizist, der in Neukölln wohnt und das stereotype und voraussehbare Verhalten von Lau und Rabbiner daraufhin auf Zeit Online unter dem Titel „An der Front nichts Neues“ kritisch kommentiert.

Beispiel II : mit Israelflagge im Tagesspiegel

Der Tagesspiegel lässt 2016 – ebenfalls als journalistischen Test – zwei Redakteure mit Israelflagge Richtung Brandenburger Tor laufen. Es ist Fussballzeit und ja, hier sind viele Fans unterwegs, manche davon bierselig, manche auch nicht, aber alle mit einem festen Gewinner im Herzen und im Kopf. Die Redakteure kommen ins Schwitzen, denn – Überraschung! – mit der Israelflagge werden die beiden Jungs als vermeintliche Israelis wahrgenommen und ernten einige negative Reaktionen. Das ist gut für den Text und die beiden Jung-Journalisten – sie haben ihre Story für die Zeitung, genau das, was sie erhofft hatten zu schreiben und anhand von Zitaten darstellen wollen: Es gibt böse Menschen in Deutschland, die Israel nicht mögen und das auch sagen. Und spucken. Was Menschen mit der israelischen Flagge assoziieren und woher diese Meinungen kommen, was davon antisemitisch ist und was als Israel kritisch eingestuft werden könnte, diese Leistung bleiben sie den Lesern leider schuldig. Es wäre das eigentliche Thema des Artikels gewesen. Davon abgesehen, dass das Anspucken von Leuten generell absolut daneben ist, ganz gleich, mit was oder wem man sie verbindet, war auch diese Idee des Tagesspiegel möglicherweise etwas daneben. Zwei Fake-Israelis gehen mal los und sehen, was passiert… hm.

Israel kritisch, also tschüss

Ein drittes Beispiel ist der Streit um die palästinensische Filmreihe „After the last sky“ im Berliner Herbst vergangenen Jahres. Antisemitismus-Vorwürfe gegen das Ballhaus in der Naunynstraße in Kreuzberg werden laut. Worte, wie Kolonialisierungsprojekt und ethnische Säuberung in Zusammenhang mit Israel sollen gefallen sein.  Debatten zwischen linken Israelis, deutschen Behördenträgern und politischen Aktivisten, pro und contra, entstehen. Und obwohl es so scheint, als würde sich in Berlin immer auch der Spiegel der gesamten Republik zeigen, setzen sich auch in Freiburg, München, Oldenburg und an vielen anderen Orten in Deutschland Menschen mit ihren unterschiedlichen Meinungen über Israels Besatzungspolitik und seiner Verletzung internationalen Rechts auseinander. Oft führte dies 2016 zum Ausladen, zum Tür-Zumachen für diese Menschen. Tschüss, Du bist Israel kritisch, ergo antisemitisch, also musst Du draussen bleiben! Im billigsten Fall werden kritische Juden als „selfhating“ Jews bezeichnet. Im besten und seltensten Fall bemühen sich Journalisten in deutschen Medien darum, ihre Position zu verstehen und einem differenzierten Verständnis des Nahostkonflikts schreibend einen Raum zu geben. Aber ein/-e scharfsichtige(r) Journalist_in, der/ die zum Beispiel die israelische Besiedelungsstrategie der Westbank permanent für uns analytisch begleitet und seziert, davon gibt es noch viel zu wenige. Oder haben Sie eine Ahnung davon, wie alt die ältesten Siedlungsblöcke Israels sind und wann Netanjahu diese nun annektieren wird? Eben.

Antisemitismusvorwurf als dunkle Wolke

Die Bilanz von 2016 ist wohl diese: Es wurde viel geschrieben über Israel, über Palästina und das in Deutschland, und alles eher auf Mikroebene. Gerade auch in den sozialen Medien wie facebook und twitter, in denen Menschenrechtsgruppen intensiv aktiv sind. Diese wehrten sich rege gegen Antisemitismusvorwürfe in 2016 und bezogen häufig Stellung für die Menschenrechte. Aber Deutschland hat, wenn es eine offene und differenzierte Debatte zum Nahostkonflikt betrifft – immer noch die Babyschühchen an. Sobald der Antisemitismusvorwurf wie eine depressive Wolke am grauen deutschen Himmel auftaucht, reagieren Veranstalter (Städte, Gemeinden, Universitäten, Rathäuser, Konzert- und Veranstaltungsräume) wie das Kaninchen vor der Schlange. Gelähmt und vor Angst erfüllt.

Dies muss anders werden, wenn wir tatsächlich an kritischen Diskursen interessiert sind, die sich nicht von Internationalem Recht lösen, sondern es als unabdingbare Basis betrachten wollen. Und wenn wir Antisemitismus als solchen wahrnehmen und ihm präventiv entgegengehen möchten. Bei inflationärem Nutzen eines Begriffs laufen wir Gefahr, zu verblöden. Wir werden immer kleiner und schlichter bis am Ende nichts mehr an der Bedeutung eines Wortes und seiner Folgen übrig bleibt in unseren Streitgesprächen. Wir treten diejenigen mit Füssen, die in ihrem Leben unter Antisemitismus wirklich leiden mussten und es heute noch tun. Wollen wir das?

Alles Gute für 2017. Bleiben wir Freunde.

 

 

 

 

 

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