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Friedenstaube in Jerusalem, Old City

Friedenstaube in Jerusalem, Old City.                  Fotos: Liva Haensel

Darf man Israels politische Linie kritisieren, wenn man deutsch ist?

Das tragische Dreieck „Israel-Deutschland-Palästina“ erinnert manchmal fast an eine obskure Wohngemeinschaft: In der WG zahlt der Deutsche, der Israeli frohlockt und die Palästinenserin ist die Geliebte, die mit beiden ein Verhältnis hat. Es wird gemeinsam gegessen, gestritten, geliebt, sich versöhnt und verteidigt. Man isst an einem Tisch und doch bleibt der Bissen im Halse stecken, obwohl die Mahlzeiten so lecker sein könnten.

Die Nachbarn tuscheln schon: Es soll sogar gemeinsame Kinder in dieser WG geben!

Als Deutsche können wir nicht wegsehen, wenn es zwischen Israelis und Palästinensern knallt. Nicht, weil wir alle selbst schuldig sind, sondern weil wir einem Volk angehören, das mittels einer von ihm gewählten Regierung eine immense Schuld auf sich lud. Das europäische Judentum wurde fast vollständig ausgelöscht. Bis heute ziehen sich seine Spuren zwar durch die Länder Europas, durch Deutschland und Berlin, aber eben nur noch in Form eines Museums, als Stolperstein oder restaurierte wiederhergestellte Synagoge, als mühsam aufgebaute kleine Gemeinde. Die Trauer darüber bleibt und sie ist kein nostalgisch-verschnörkelter Lampenständer, der für vergangene Zeiten steht. Sondern ein ganz reales Gefühl, das uns begleitet. Wir können die Geschichte nicht zurückdrehen. Sechs Millionen Tote können wir nicht wiederauferstehen lassen. Der Verlust, den sich Nazi-Deutschland damit selbstverschuldet einbrachte, ist  bis heute spürbar.

Graffiti in der Altstadt von Jerusalem

Graffiti in der Altstadt von Jerusalem.

Olivenbäume auf konfisziertem Land zwischen Bethlehem und Jerusalem.

Olivenbäume auf konfisziertem Land zwischen Bethlehem und Jerusalem.

Unsere Dreiecksbeziehung heisst Israel-Deutschland-Palästina. Ohne den Holocaust, Rassismus, Jahrhunderte lang währende Diskriminierungen, ohne die Notwendigkeit, eine jüdische Heimat zu schaffen, würde es den Staat Israel mit großer Wahrscheinlichkeit nicht geben. Und weil es ihn gibt, verloren Millionen Palästinenser ihre Heimat. Ihre Zukunft ist ungewiss. Ihre Freiheit, ihr Zugang zu Wasser, Bildung und Wirtschaftsstrukturen ist stark eingeschränkt. Als nicht-jüdische Bürger im Staat Israel genießen sie nicht dieselben Rechte wie ihre jüdische Umgebung. Der Kontakt zu Israelis beschränkt sich oftmals auf unerfreuliche Begegnungen an den zahlreichen Checkpoints der Westbank mit Soldaten. Gleichzeitig werden Palästinenser bis auf wenige Ausnahmen bis heute in deutschen Medien als „Terroristen“ geahndet und automatisch mit der Hamas gleichgesetzt. Auf die Idee, dass jüdische Siedler ebenso „Terroristen“ sein müssten, kommt kaum jemand.

Das Kräfteverhältnis zwischen Palästina und Israel ist unausgewogen. Unter Besatzung Lebende bestimmen nicht die Regeln, sondern die anderen. Oder?

Es ist ein bisschen so: Ein großer Mann sitzt auf einem Stuhl, er steht mit den Stuhlbeinen auf den Füßen seiner Geliebten, die sich dadurch nicht bewegen kann. Sie schreit und weint. Wenn man genau hinsieht, weint der Mann manchmal auch, aber er tut es sehr still und heimlich. Die Frau knallt ihm eine Ohrfeige. Sie will das alles nicht mehr ertragen, die Lügen, seine demonstrierte Stärke, seine Untätigkeit. „Und was ist die Lösung?“, schreit er sie wutentbrannt an. „Wir“, sagt sie ganz ruhig. „Dass Du keine Angst mehr haben musst. Gleiches Recht für alle. Und das gemeinsam.“

Daran glauben wir, an das  Gemeinsame, was uns deutsche Menschen mit palästinensischen und israelischen verbindet. Wir stehen in Beziehung zueinander. Auch darüber schreiben wir Autoren hier. Wenn Sie Lust haben, einen Artikel anzubieten, schicken Sie einfach eine Mail an: kontakt@blueolive.info

Zum Hintergrund: dreiecksbeziehung.net wurde 2011 von Liva Haensel gegründet. Die Berliner Journalistin ging damals als Menschenrechtsbeobachterin nach Bethlehem und nahm dies als Anlass, aus den besetzten Gebieten zu berichten. 2006 veröffentlichte sie das Buch „Lang ist der Weg zum Frieden“ über Konfliktintervention in Israel und Palästina. Sie arbeitet als Redakteurin und Kommunikationsberaterin in Deutschland und verschiedenen Ländern des globalen Südens.


2 Antworten to “About”

  1. Paul 08/02/2012 um 5:27 pm #

    Hallo Liva, erst einmal wünsche ich dir weiterhin viel Spass u. Erfolg bei deiner wichtigen Friedensmission. Du schreibst „Dieses Interesse für Jüdischsein, Judentum und jüdische Geschichte hält bis heute an.“, da wollte ich dir ein Buch empfehelen(wahrscheinlich hast du es schon gelesen)von Shlomo Sand, Professor für Geschichte „Die Erfindung des jüdischen Volkes“

    Autor/in: Sand, Shlomo
    Titel: Die Erfindung des jüdischen Volkes – Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand
    ISBN: 9783549073766
    Verlag: Propyläen Verlag
    Sprache: Deutsch
    Verlagstext: Gibt es ein jüdisches Volk? Nein, sagt der israelische Historiker Shlomo Sand und stellt damit den Gründungsmythos Israels radikal in Frage. Vertreibung durch die Römer? Exodus? Rückkehr nach 2000 Jahren ins Land der Väter? Alles Erfindungen europäischer Zionisten im 19. Jahrhundert, schreibt Sand in seinem aufsehenerregenden Buch, das in Israel und Frankreich zum …

    sg aus Hamburg

  2. Joachim Weisheit 17/12/2011 um 5:16 pm #

    Danke für die Arbeit und vor allem für die Information über Alltägliches von dem man so selten etwas hört. Grüße aus Bremen

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