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Israel verspiegelt

26 Apr

In der Reihe „Spiegel Geschichte“ ist jetzt Heft Nummer 2 mit dem Titel: „Israel. Land der Hoffnung, Land des Leids“ erschienen. Der etwas pathetisch anmutende Name erweckt den Eindruck, dass es sich hierbei um ein rein pro-israelisches Heft handeln könnte. Doch der Inhalt überrascht

Natürlich ist auch die Geschichte einer Holocaust-Überlebenden mit dabei. Das gehört dazu. Der Staat Israel, die „Heimstätte für das jüdische Volk“, war Rettungsanker für tausende Flüchtlinge, die aus dem nazifizierten Europa fliehen mussten. Und der Holocaust war es, der die Staatsgründung auf einem Stückchen Erde, auf dem vor 1948 bereits 800.000 Araber lebten, vielleicht gänzlich notwendig erschienen ließ.

So erfährt der Leser ab Seite 30 in dem Spiegel-Heft Israel also vom Leben der Schoschana Rabinovici, die eigentlich einmal im Wilma der 1930iger Jahre Susanne Weksler geheißen hatte und die Dank der Umsichtigkeit ihrer Mutter und einigen glücklichen Zufällen den Nazischergen im Ghetto und Konzentrationslager immer wieder von der Todesschippe springen konnte. Rabinovici lebt heute in Tel Aviv und blickt von ihrem Hochhaus-Apartment über das blaue Mittelmeer – Paradies und Hölle zugleich. „Ich bin Demokratin“, sagt die 82-Jährige in dem Text. „Ich kann nicht einen anderen behandeln so wie man mich selbst behandelt hat.“ Damit spielt die alte Dame, deren Sohn der bekannte Wiener Autor Doron Rabinovici ist, auf Israels Besatzungspolitik an. Und Zack! – der Leser befindet sich auch hier, mitten in der Autobiografie einer Frau auf fünf Seiten, die nur in allerletzter Sekunde den deutschen Gaskammern der Konzentrationslager entkam, im Nahostkonflikt.

Auch ein großer Palästinenser kommt zu Wort

Es ist die Stärke dieses Spiegel-Heftes und ihrer einzelnen Texte, dass die (zumeist) deutschen Autoren offensichtlich keine Scheu hatten vor Tabus. Das ist gut so. Die Auswahl zeigt, dass Israels Sonnenseiten – Hightechnation, Kulturland, Luftbrücke zu arabischen Juden – viele synchrone Schattenseiten hat. Und diese werden aufgezeigt. Denn die Geschichte Israels geht nicht ohne diejenige der Palästinenser. Nicht ohne geschichtliche Meilensteine, Theodor Herzls fragwürdige Thesen zum Zionismus, die schwierige Identität der israelischen Araber im Land und kritische Stimmen zum Sechs-Tage-Krieg. Die Krise des Mossad wird in dem Heft ebenso wenig ausgespart (Autor: Ronden Bergman) wie Israels Gebaren gegenüber seinem Staatsbürger Mordechai Vanunu, der 1986 die Weltöffentlichkeit über die Atompläne seines Landes informierte und dafür eine lange Gefängnisstrafe erhielt, die bis heute andauert. Auch einer der großen Palästinenser kommt zu Wort – Saeb Erekat, palästinensischer Unterhändler und Fatah-Politiker. „Besatzung macht korrupt“ und „Der Frieden wird kommen. Ich werde ihn erleben“, sind Sätze, die sich widersprechen. Und gerade deshalb so wichtig sind, als gedruckte Zeilen vor sich zu haben.

Neues Kopf-Futter für Leser

Es ist eine Kunst, ein kleines Land mit großer Sogwirkung auf wenig Papier allumfassend darzustellen. Noch dazu, wenn sich dieses Land in einem andauernden Ausnahmezustand befindet. Eine Besatzungsmacht ist und eklatant gegen Menschenrechte verstößt. Man kann nur ahnen, wie viele Diskussionen es die Redakteure gekostet haben muss, bis sie ihr Konzept für das Israel-Heft fertig hatten. Herausgekommen ist ein überraschend neuer deutscher Blick auf Israel und seinen ungewollten Zwilling Palästina, der Nahostanfängern eine gute Einführungslektüre bietet und alten Hasen neues Kopf-Futter mischt.

Eine definitiv gute Reiselektüre für alle, die noch dieses Jahr Israel und Palästina erkunden möchten und ihren vielen Fragezeichen im Kopf dazu Herr werden wollen – möglicherweise bevor in der Region schon wieder der nächste Krieg entbrennt.

Der Spiegel Geschichte: Israel – Land der Hoffnung, Land des Leids. Erschienen im März 2015. Preis: 8.70 Euro. Erhältlich im Buchhandel

Jakob, der Lügner?

19 Feb
"Ich bitte Sie, beenden Sie diesen Krieg." Bar Mitzwah an der Klagemauer in Jerusalem 2012. Foto: Liva Haensel

„Ich bitte Sie, beenden Sie diesen Krieg.“ Bar Mitzwah an der Klagemauer in Jerusalem 2012.
Foto: Liva Haensel

Im Januar erhitzte der Antisemitismusstreit um den Freitag-Herausgeber und Publizisten Jakob Augstein die deutschen Gemüter. Jetzt ist ein Buch erschienen, das wissenschaftlich antisemitische Sprache analysiert. „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ könnte Antworten auf die Frage geben, wo genau Antisemitismus beginnt. Aber es hinterlässt eher Fragezeichen.

Von Liva Haensel

Berlin – Inge Deutschkron steht vorne am Rednerpult im Berliner Centrum Judaicum, eine kleine Person mit fester Stimme. Sie ist 90 Jahre alt, man sieht ihr das Alter nicht an. „Ich habe im Holocaust meine ganze Familie verloren“, sagt sie, „und als der Krieg zu Ende war, bin ich durch die Stadt gegangen und habe zu mir selbst gesagt: So was wie Antisemitismus wird es hier nie wieder geben.“ Die rund 100 Besucher, die zur Buchvorstellung gekommen sind, lauschen aufmerksam als sie weiter redet: „Aber ich glaube, Antisemitismus in Deutschland hat nie aufgehört. Und er wird auch nie aufhören.“

In der Mitte der Gesellschaft

224 Seiten, ISBN 978-3-423-30000-1 24. Auflage, November 2012, 12,90 Euro, dtv Foto: dtv

224 Seiten, ISBN 978-3-423-30000-1
24. Auflage, November 2012, 12,90 Euro, dtv
Foto: dtv

Inge Deutschkron, Berliner Jüdin, überlebte den Naziterror, weil sie sich zweieinhalb Jahre unter schwierigsten Bedingungen und mit Hilfe von Freunden gemeinsam mit ihrer Mutter verstecken konnte. Die Nationalsozialisten ermordeten fast alle 66.000 Berliner Juden, die ab 1941 in die Konzentrationslager im Osten deportiert wurden. Nur 1423 von ihnen überlebten. Inge Deutschkron ist eine von ihnen. Sie hat mehrere Bücher darüber geschrieben, am bekanntesten ist ihr Werk „Ich trug den gelben Stern“, den in Deutschland jedes Schulkind kennt. Als Botschafterin gegen Antisemitismus und als Erzählerin ihrer eigenen Leidensgeschichte geht sie noch immer regelmäßig in Schulen und berichtet darüber. Ihre Rede, die sie am 30. Januar dieses Jahres im Bundestag hielt und ihre Worte im Centrum Judaicum decken sich mit den Ergebnissen der Studie „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“. Die Verfasser des Buches sind Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz, sie Linguistik-Professorin an der TU Berlin, er Historiker an der Brandeis Universität in Massachusetts. Beide kommen in ihrem 444-Seiten-Werk zu dem Schluss, dass Antisemitismus in der Mitte der deutschen Gesellschaft sitzt. Ihre Auswertung von über 14.000 Briefen und E-Mails an den Zentralrat der Juden in Deutschland und die israelische Botschaft in den Jahren 2002 bis 2012 lautet zugespitzt: Antisemitismus ist vor allem in gebildeten Kreisen verbreitet. Es sind Ärzte und Pfarrer, Lokalpolitiker und Lehrer, die Schmähkritik an Juden üben und gerne betonen, dass sie dennoch „keine Nazis“ seien. Das ist erschütternd.

„Ihr drangsaliert die armen Palästinenser“

Eine Holocaustleugnung komme so gut wie nicht vor in dem untersuchten Material, dafür aber historisch tradierte Vorurteile gegenüber Juden, die sich

intensiv anhand von Kritik an der Politik Israels bemerkbar machen und denen beide Wissenschaftler das Kapitel „Anti-Israelismus als moderne Formvariante des Verbal-Antisemitismus“ mit mehreren Unterebenen widmen. „Anti-Israelismus ist die dominante Erscheinungsform des modernen Antisemitismus“, sagt die Wissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel. Dabei greife der Kritiker auf Juden als Kollektiv zurück, er dämonisiere oder abstrahiere sie und stelle sie als Stellvertreter für den Staat Israel dar. Der Gegensatz zum Anti-Israelismus ist in ihren Augen die legitime Israel-Kritik. „Es ist

Erscheinungsdatum Dezember 2012,  ISBN 978-3-11-027772-2  , Europäisch-jüdische Studien – Beiträge 7, 79,90 Euro, Verlag De Gruyter

Erscheinungsdatum Dezember 2012,
ISBN 978-3-11-027772-2 , Europäisch-jüdische Studien – Beiträge 7, 79,90 Euro, Verlag De Gruyter

einfach nicht wahr, dass man Israel in Deutschland nicht kritisieren darf, dass das ein Tabubruch sein soll“, sagt Monika Schwarz-Friesel und ist sichtlich erregt. Gerade die deutschen Medien würden Israel sehr häufig als Aggressor darstellen, betont sie, lässt aber ungesagt, woran sie das belegt. Den Besuchern zeigt sie Zitate aus Mails und Briefen, die sie untersucht hat. „Ihr drangsaliert die armen Palästinenser völlig grundlos und sperrt sie hinter Mauern. Pfui!“  hat dort jemand an die israelische Botschaft am 10.3.2011 geschrieben. Dass es sich um Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der israelischen Zivilbevölkerung handele (die nach zahlreichen terroristischen Attacken eingeführt worden seien), bleibe unerwähnt, schreiben Schwarz-Friesel und Reinharz in ihrem Werk. Von Wissenschaftlern würde man etwas anderes erwarten: nämlich, dass sie nicht nur die offizielle PR-Kommunikation Israels wahrnehmen, sondern sich zumindest differenzierter auf Grundlage des Internationalen Völkerrechts und den Entscheidungen  von israelischen Gerichten sowie dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag (der den Mauerverlauf 2004 kritisierte) auskennen. Demnach verläuft die israelische Sperranlage zu 85 Prozent auf palästinensischem Gebiet und immer dort, wo die illegalen jüdischen Siedlungen stehen, die direkte Nachbarbauten der Palästinenser sind. Das führt ebenfalls zu Terror, nach UN-Angaben aber vor allem von israelischen  Siedlern verursachtem.

Ist das antisemitisch?

Es gibt viele eindeutige Fälle in all dem untersuchten Material, die gar keine Diskussion darüber entstehen lassen, ob sie antisemitisch sind oder nicht. „Hallo ihr bluttriefenden Judenschweine! Ich bestreite ein Existenzrecht Israels und ein Lebensrecht der jüdischen Pestilenz.“ (an die israelische Botschaft vom 26.4. 2009) ist eine mit antisemitischen, indiskutablen Stereotypen durchsetzte Mail. Aber was ist mit „Stoppt eure Brüder in Israel und macht endlich Frieden?“ Oder: „Ich protestiere nachdrücklich und entschieden gegen die fortgesetzten und vorsätzlichen Vergehen gegen die Menschenrechte… Es ist eine Schande, durch nichts zu rechtfertigen, Israel stellt sich nach meiner Ansicht dadurch in die Reihe der Schurkenstaaten.“ Letzteres Schreiben ist für den Adressaten nicht schön, es ist kein Kompliment, irgendwie beleidigend und sehr direkt. Aber ist es antisemitisch?

Der Antisemitismus wird zunehmen

Jakob Augstein ist es, zumindest nach Ansicht von Schwarz-Friesel. Sie habe, so erzählt sie, allein 12 Verbalantisemitismen in Augsteins umstrittenen Spiegel-Kolumnen „Im Zweifel

Gibt seit 2009 den "Freitag" heraus: Jakob Augstein

Umstritten: Freitag-Herausgeber Jakob Augstein.
Foto: Jakob_Augstein_2010.jpg: xtranews.de derivative work: Hic et nunc  via Wikimedia Commons

links“ gefunden, die „eindeutig“ seien. Typisch für Antisemiten ist, dass sie die Realität ausblenden. Augstein sei noch nicht ein Mal in Israel gewesen, das sei merkwürdig, weil er ja so eine klare Meinung zum Nahostkonflikt habe, sagt Schwarz-Friesel, die selbst mit einem israelischen Juden verheiratet ist. Was aber ist die Realität in einem komplexen Konflikt inmitten einer komplexen Welt? „Durch die Politik Israels, durch die Besatzung der palästinensische Gebiete wird der Antisemitismus weltweit wieder steigen“, hat Ada Gorny, eine israelische Menschenrechtsaktivistin von „Machsom Watch – women against occupation and for human rights“ einmal gesagt. Das sei gefährlich, Israel verhalte sich absolut falsch mit seiner Siedlungspolitik, kritisiert sie, deren Mutter 1933 aus Hamburg ins damalige Palästina fliehen musste. Das hat auch Augstein gesagt. Ist er ein Lügner, wenn er behauptet, er sei kein Antisemit?

Emotionen zwischen Buchdeckeln

Ob also tatsächlich 90 Prozent der Schreiber des untersuchten Materials im Buch Antisemiten sind, können die Wissenschaftler ebenso wenig konkret beantworten wie auch die Frage, wie genau sich legitime Israel-Kritik anhören darf. Doch das ist genau der Knackpunkt. Ein Buch, das viel verspricht im wissenschaftlichen Gewand. Aber am Ende doch aufzeigt: Es gibt keine reine Wissenschaft, sondern am Ende köcheln die Emotionen zwischen den Buchdeckeln. Und ein Rabbiner Cooper erscheint noch nicht einmal zu einer Buchvorstellung, die ihm aus der Seele gesprochen hätte.

„Als Jude ist mein Herz gebrochen“

25 Mrz
"Für uns gibt es überall ein Denkmal": Mark Braverman am Holocaust-Mahnmal in Berlins Mitte.            Foto: Liva Haensel

"Für uns gibt es überall ein Denkmal": Mark Braverman am Holocaust-Mahnmal in Berlins Mitte. Fotos: Liva Haensel

Mark Braverman hat ein Buch verfasst, das Schweigen brechen und Menschenrechten Raum geben soll. Darin fordert der amerikanische Psychologe die Kirchen weltweit dazu auf, Israels Siedlungspolitik schnellstens Einhalt zu gebieten.  (Der Artikel erschien am 22.3.2012 in der evangelischen Wochenzeitung „die kirche“)

Von Liva Haensel
 

Der Mann blickt nach oben. Seine Augen wandern die graue Betonwand entlang, über die kleinen Unebenheiten, die Streifen, ein paar Risse. Sie bleiben an dem Stacheldraht hängen, der die Mauer entlang kriecht bis zum nächsten Wachturm. Wer als Kind mal beim Spielen in einem Stacheldrahtzaun hängengeblieben ist, der weiß wie spitz sich die Metallenden in das Fleisch bohren. Der Mann ist zierlich und schmal. Für eine Weile steht er da vor der riesigen Mauer, die ihm ihre graue Fassade entgegenstreckt und denkt nach. Dann hat er seine Antwort gefunden. Die Mauer hat sie ihm gegeben. Er kann es kaum glauben.

 Nur ein weltweiter Boykott kann den Frieden retten

Die Geschichte des Mannes, der an die Mauer in Bethlehem im besetzten Westjordanland kommt und dort sein eigenes Ich findet, ist die von Mark Braverman. Es ist die Geschichte eines amerikanischen Juden, der im Nachkriegs-Amerika in einem jüdisch-traditionellen Haushalt in Philadelphia großwird und viele Jahre zionistisches Dasein führt. Mark Braverman nennt es „my jewish bubble – meine jüdische Blase“. Es habe gedauert, zu verstehen, dass Jüdischsein nicht nur Opfersein bedeutet, dass nicht alle den Juden an den Kragen wollen und Araber und Deutsche per se keine schlechten Menschen seien, sagt er. Braverman steht vor 60 Menschen im Berliner Hendrik-Kraemer-Haus, die gekommen sind, um ihm zuzuhören. Seine Dolmetscherin schwitzt. Die deutschen Worte kommen ihr rasch über die Lippen. Aber der Nahostkonflikt ist kein leichtes Thema. Noch nicht einmal für Menschen, die ihn nur in eine andere Sprache übersetzen.

Madonna flevit: Weinende Madonna als Kunstwerk an der Mauer in Bethlehem in der Nähe des Car-Checkpoint.

Madonna flevit: Weinende Madonna als Kunstwerk an der Mauer in Bethlehem in der Nähe des Car-Checkpoint.

Die Kirchen sind passiv

2006 fuhr der 64-Jährige, der in Washington DC lebt, nach Israel und besuchte das erste Mal auch die Westbank. Als er vor dem israelischen Sperrwall stand, der Bethlehem von Jerusalem trennt, habe er das erste Mal verstanden, was mit ihm als Jude los ist: „Diese Mauer stand für die physische Manifestation unserer jüdischen Identität. Wir Juden sind umringt von einer Mauer, wir haben uns in einer Burg verschanzt“, sagt er zu seinen deutschen Zuhörern. Von Klein auf lerne jeder Jude, dass er verfolgt werde und Feinde habe. Die Welt ist voller Antisemiten und Bösewichten, voller iranischer Nuklearwaffen und arabischer Nachbarn, deutscher Nazis  – und antijüdischer Christen. „So wachsen wir auf“, sagt Braverman, der klinischer Psychologe ist und an der Medical Harvard University studiert hat. Fatal sei daran, dass sich Juden dadurch in eine Sonderrolle begeben, die vor allem an der Politik Israels zum Ausdruck kommt. In seinem soeben im Gütersloher Verlagshaus erschienenen Buch „Verhängnisvolle Scham – Israels Politik und das Schweigen der Christen“, prangert Mark Braverman genau dies an. Und fordert umgehend zum Handeln auf. Aber nicht, indem er sich an eine jüdische Leserschaft wendet, sondern explizit an Christen. Sie seien diejenigen, die seit Jahrhunderten über ein gut funktionierendes Netzwerk verfügen und dies nun ausnutzen sollten, um Israels Verstöße gegen die Menschenrechte der palästinensischen Bevölkerung zu ahnden. „Kirchen sind überall aktiv. Nur im Israel-Palästina-Konflikt mischen sie sich nicht ein, das ist ein Tabu, an das sie nicht rangehen.“ Dabei sei gerade das 2009 erschienene Kairos-Palestine-Dokument mit seinem Boykottaufruf für Palästina ein Meilenstein und eine große Chance, findet er. Denn nur durch einen weltweiten Boykott gegen Israel, wie er damals durch die Kirchenführer in Südafrikas Apartheidssystem öffentlich gemacht wurde, kann die Internationale Gemeinschaft noch das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat und Frieden im Nahen Osten retten, findet er.

Schreibt schon wieder an einem neuen Buch: Braverman nachdenklich.Deutschland und Israel – eine besondere Beziehung

Braverman kommt gerade aus der Westbank, er war Teilnehmer der Konferenz „Christ at the Checkpoint“, die zum zweiten Mal in Bethlehem am Bible College stattfand und 600 renommierte Theologen aus aller Welt versammelte. Er ist deprimiert. Die Israelis haben gerade wieder tausende Dunum palästinensischen Lands enteignet und mehrere Dutzend Palästinenser verhaftet, die ohne Anwalt und Gerichtsverhandlungen festgehalten werden. In Khallet Sakarya, einem Dorf bei Bethlehem, haben radikale jüdische Siedler 450 Olivenbäume abgeholzt. UN Ocha, das Büro der Vereinten Nationen in den besetzten palästinensischen Gebieten, dokumentiet die Zahl von 24 toten Palästinensern diese Woche in Gaza und 24 Palästinensern, die bei gewaltfreien Demonstrationen in der Westbank von israelischen Soldaten verletzt wurden. Es ist eine unruhige Zeit, in der Braverman sein Buch auf Deutsch herausgebracht hat. Eine Zeit, in der der SPD-Politiker Sigmar Gabriel seinen Eindruck von Hebron bei seiner Nahostreise mit dem Wort Apartheid beschreibt  und kurz danach Antisemitismus-Vorwürfe erntet. Deutschland und Israel, das ist eine besondere Beziehung. Braverman weiß das.

Du bist jüdisch, na und?

In der Konferenz ging es darum, wie sich Hoffnung in einem Konflikt säen lässt, der hoffnungslos erscheint in einer Stadt, die mittlerweile von 15 illegalen jüdischen Siedlungen und 90.000 jüdischen Einwohnern darin umschlossen ist. Seiner Erfahrungen im Jahr 2006 in der Westbank ließen Braverman, den überzeugten Juden, der immer an den Staat Israel geglaubt hatte, entsetzt zurück.  Der Psychologe, der sich in den USA in seiner Arbeit intensiv mit Traumaopfern befasst hatte, fuhr nach Nablus und Jenin im Norden, er sprach mit palästinensischen Muslimen und Christen in Ost-Jerusalem und Ramallah. Er besuchte Daoud Nassar, der das Friedensprojekt „Tent of nations“ bei Bethlehem unterhält und der seit 1991 gegen die Ladenteignung seines Hügels ankämpft. Braverman gründete kurz danach den Verein „Freunde von Tent of Nations in Nordamerika“, dessen Vorsitzender er jetzt ist. Im Gegensatz zu verschlossenen Israelis, die nichts über die Besatzung und ihre dunkle Seite wissen wollten, stieß er auf der anderen Seite auf offene Ohren. „Okay, Du bist jüdisch, na und, toll, dass Du hier bist. Jetzt lass uns endlich reden“, war die Reaktion von palästinensischen Menschen, die er dort traf. Sein Buch habe die Türen der Synagogen nicht gerade geöffnet, sagt er und lacht. Aber in christlichen Gemeinden sei er auf „einen Hunger gestoßen, mehr über den Nahostkonflikt zu erfahren und sich für Gerechtigkeit einzusetzen“.

Seine einwöchige Leserreise führt in zum Abschluss auch nach Berlin, der Stadt, die Adolf Hitlers Plänen zum Großreich Germania ein Gesicht geben sollte. Braverman blickt auf ein Stück Berliner Mauer beim früheren SS-Reichshauptquartier in Mitte. Touristen knipsen Fotos auf dem Gelände von der „Topografie des Terrors“, der Ausstellung über Deutschlands Nazi-Apparat. „In Bethlehem ist die Mauer zwölf Meter hoch“, sagt Braverman. Mauern schaffen keinen Frieden. An dem „Stiftung Denkmal zur Ermordung der Juden Europas“ setzt er sich auf eine der grauen Stelen und blickt um sich. „Für uns Juden gibt es überall ein Denkmal.“

 Jesus ist ein Revoluzzer unter römischer Besatzung

Sein Buch ist dick geworden, teilweise kommen die Worte auf den 336 Seiten sogar ein wenig schwülstig-langatmig daher. Jesus ist darin ein palästinensischer Jude, der unter römischer Besatzung lebt, ein Revoluzzer. Hanna Lehming, Referentin für christlich-jüdischen Dialog der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, bezeichnet es in einer Rezension als „Stimmungsmache ohne Aufklärung“ und den Autor „als weder historisch, noch theologisch sachkundig“. Doch die Stärke des Autors liegt in seinem psychologischen Verständnis für Menschen und seines Graswurzel-Aktionismus, der Wissenschaft zwar mit einbezieht, aber sie nicht als Voraussetzung für eine Friedensbewegung sieht. Die These, dass Christen durch ihr Engagement einen gerechten Frieden in Israel und Palästina verantwortlich hervorrufen können aus jüdischer Sicht, ist die wahre Sensation des Buches . „Ich bin zutiefst verstört und mein Herz ist gebrochen, wenn ich als Jude sehe, was der jüdische Staat in meinen Namen macht“, sagt Braverman. Den Vorwurf des Antijudaismus und Antisemitismus, wenn man mit klaren Worten die Menschenrechtsverletzungen Israels benennt, müssten gerade die Deutschen überwinden. „Es wird unangenehm für Sie werden, aber sie müssen sich davon befreien. Dieses Kreuz müssen jetzt Sie tragen.“

"Fatal embrace" erschien das erste Mal 2010 auf Englisch in den USA.

"Fatal embrace" erschien das erste Mal 2010 auf Englisch in den USA.

Buch: Mark Braverman: Verhängnisvolle Scham. Israels Politik und das Schweigen der Christen. Gütersloher Verlagshaus 2011, 29,90 Euro
 
 
 Zur Person: Mark Braverman, geb. 1948, wuchs in einer jüdischen Familie in Philadelphia auf. Er studierte englische Literatur und Psychologie und promovierte später in Harvard. Bevor er sich ganz dem Engagement im Nahostkonflikt widmete, arbeitete er in mehreren Kliniken und NGOs. Als Psychologe ist er spezialisiert auf posttraumatische Störungen bei Menschen, die in Konfliktregionen leben. Braverman ist Vorsitzender und Mitglied mehrerer Menschenrechtsorganisationen, darunter von „Friends of Tent of Nations Northamerica“, dem „Israeli Commitee against house demolishions“ sowie „American Jews for a just peace“.
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