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Rote Karte für’s Hamburger Rathaus

1 Mrz
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Eigentlich geht es um sie: Palästinenser unter israelischer Besatzung, hier eine Familie im Jordantal, das als sogenanntes C-Gebiet unter vollkommener Kontrolle Israels steht.          Foto: dreiecksbeziehung.net

 

Von Liva Haensel

Die Hamburger Bürgerschaft ist in Aufruhr : Die CDU-Fraktion möchte einen Antrag im Rathaus stellen, der die Israel kritische Boykottbewegung BDS  als antisemitisch einstuft. Dem ganzen vorausgegangen war die Berufung eines südafrikanischen Professors an die Universität Hamburg. Farid Esack ist Vorsitzender der BDS-Bewegung in seinem Heimatland, das als Pionier in Sachen ziviler Ungehorsam gilt. Die Boykottbewegung in Südafrika wurde zu Zeiten der Apartheid weltweit mitgetragen und unterstützte die mehrheitlich schwarze Bevölkerung damals darin, endlich gleichberechtigte Bürger in ihrem eigenen Staat zu werden, das von wenigen weißen Menschen regiert wurde. Sie beruht darauf, Menschenrechte  solange durch einen Boykott von z. Bsp. nationalen Waren aber auch akademischen und kulturellen Kooperationen auf Basis Internationalen Rechts einzufordern, bis das Land bereit ist, die durch seine Politik unterdrückte Bevölkerungsgruppe nachweisbar auf allen Ebenen gleichzustellen mit der bislang privilegierten Gruppe von Bürgern. Wer Parallelen zieht zwischen dem Apartheidregime Südafrikas und dem jüdischen Staat Israel, konzentriert sich vor allem dabei auf die Unrechtssituation: Hier wie dort genossen und genießen Menschen basale Rechte auf Bildung, Wasser, Gesundheit, Zugang zu Ressourcen und Religionsfreiheit, die anderen in demselben Land lebenden Menschen gleichzeitig vorenthalten wurden/werden.

Der Holocaust bleibt ein deutsches Thema

Die Gleichsetzung des Boykotts gegen Juden in Deutschland 1938 (Slogan „Deutsche, kauft nicht bei Juden“) mit der BDS-Bewegung, wie sie nun von der CDU-Fraktion vorgetragen wird, ist die Folge eines Denkfehlers. Deutsche Juden wurden durch die antisemitische Rassenpolitik Hitler-Deutschlands als „Nicht-Deutsche“ gekennzeichnet und entwürdigt von einer sie beherrschenden Bevölkerungsgruppe mit enormer Macht. Die zivilgesellschaftliche Bewegung BDS diskriminiert nicht Israelis als juedische Menschen, sie wurde gegründet von den Unterdrückten selbst und basiert auf der Charta der Menschenrechte. Die Bewegung setzt sich gewaltfrei für ein Ende der illegalen israelischen Besatzungspolitik ein, damit Palästinenser genauso gut  leben können wie juedische Israelis.

Im nationalsozialistischen Deutschland wurden juedische Bürger zunehmend entrechtet  – bis hin zu ihrer vollkommenen Vernichtung. Der Holocaust ist ein Teil des deutschen Geschichtsverständnisses, er kann niemals ausgeklammert werden. Die Sensibilisierung für die Diskriminierung von Menschen aufgrund von Zuschreibungen und damit einhergehende Ächtung ist und bleibt ein deutsches Thema. Dies gilt in Hinblick auf den Terror des Holocaust und juedische Menschen weltweit. Es gilt aber genauso für alle anderen diskriminierten Menschen.

Absagen und Offene Briefe

Die palästinensische BDS-Bewegung hat mittlerweile weltweit viele Anhänger. Und sie wächst weiter. Auch in Hamburg gibt es seit etwa zehn Jahren eine Gruppe von Menschen, die auf Israels Besatzungspolitik mit Aufklärungskampagnen reagieren, Veranstaltungen zum Nahostkonflikt organisieren und kritischen Jüdinnen und Juden sowie Israelis und Palästinensern und dem interessierten Publikum Raum bieten für einen offenen Meinungsaustausch. Dieser wäre nun gefährdet wenn dem Antrag stattgegeben würde. Gleichzeitig reagierte die Universität Hamburg umgehend und sagte die Veranstaltung der Akademie für Weltreligionen „Wem erlaube ich, im Zug neben mir zu sitzen? Religionsfreiheit in einer Zeit des Terrors“  von Professor Farid Esack ab.

Die BDS-Bewegung Hamburg antwortete darauf mit einem Offenen Brief auf ihrer Webseite.

Universale Menschenrechte sind zentral

Wenn eine gewaltfreie Boykottbewegung, die auch von jüdischen Organisationen in Israel und den USA mitgetragen wird, nun von der Hamburger CDU-Fraktion als „antisemitisch“ gelabelt wird – was bedeutet dies dann konkret für einen ersehnten Frieden in Israel und Palästina und für die dort lebenden Menschen? Dass sich nichts ändern wird. 7 Millionen Palästinenser leben unter einer Besatzung, die im Kern gewalttätig ist. Gerade von deutschen Politikern sollten Palästinenser, Israelis und Deutsche im Sinne der Dreiecksbeziehung eigentlich mehr erwarten können, wenn es um die Einhaltung universaler Menschenrechte geht.

 

+++ Die israelische Künstlerin Nirit Sommerfeld hat einen Offenen Brief an alle Fraktionen im Hamburger Rathaus verfasst, der hier im Folgenden nachzulesen ist:

©Nirit Sommerfeld

©Nirit Sommerfeld

Sehr geehrte Damen und Herren der Hamburger Bürgerschaft,

am morgigen Mittwoch werden Sie über einen Antrag der CDU-Fraktion beraten, der fordert, die BDS-Initiative und ihre Aktivitäten als antisemitisch zu verurteilen. Ich bin in Israel geboren und aufgewachsen, mein Vater war Holocaust-Überlebender, der fast seine ganze Familie in Konzentrationslagern verloren hat. Ich habe mit der Muttermilch gelehrt bekommen, was Antisemitismus ist, ich habe ihn zum Glück sehr selten am eigenen Leib erfahren. Meine ganze Familie mütterlicherseits lebt in Israel, mich verbinden enge Freundschaften dorthin – und dennoch musste ich mich vor einigen Jahren gegen ein Leben in diesem Land entscheiden. Denn nirgendwo ist mir so viel Antisemitismus begegnet wie dort.
Ich möchte Ihnen im Folgenden erläutern, warum ich Ihnen dringend und aus meiner sehr persönlichen Sicht als Israelin empfehlen möchte, diesem Antrag nicht stattzugeben.
Über die politischen Hintergründe muss ich Ihnen wohl nichts erzählen; ich gehe davon aus, dass Sie wissen, wie etwa in der EU mit dem Boykott von Waren aus den illegalen Siedlungen umgegangen wird. Sie alle kennen die Forderung, das EU-Assoziierungsabkommen auszusetzen, solange Israel massiv Menschenrechte verletzt; natürlich wissen Sie auch alle, dass Meinungsfreiheit und die Freiheit, Dinge zu boykottieren, zu unseren demokratischen Grundrechten gehören. Sie kennen die Geschichte Südafrikas und erinnern sich alle daran, dass der wirtschaftliche Boykott damals ein Schlüssel zur Wende in der Apartheidpolitik war.
Sie haben sicher auch alle fraktionsübergreifend eine ähnliche Meinung zu Antisemitismus: Er ist eine besondere Form des Rassismus, weil er sich auf Juden und deren angebliche Eigenschaften bezieht. Und er ist – wie jede Form von Rassismus – verabscheuenswürdig und muss bekämpft werden. In Deutschland umso mehr, zu Recht: Denn die Geschichte des Holocaust erinnert uns mahnend daran, wohin Rassismus und Antisemitismus führen kann.
Worüber die aller wenigsten von Ihnen vermutlich urteilen können ist die Realität, in der Palästinenser unter und Israelis mit Besatzung leben. Dass Palästinenser tagtäglich extrem leiden unter eingeschränkter Bewegungsfreiheit, Wassermangel, wirtschaftlicher Abhängigkeit, Checkpoints, Einschränkung ihres Lebensraumes, Siedler- und Militärgewalt und vielem mehr, was man eben unter Militärbesatzung ertragen muss und was einem Leben in Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie diametral entgegengesetzt ist, wissen Sie, auch wenn sich kaum ein Mensch vorstellen kann, was so ein Leben tatsächlich bedeutet. Um dies begreifen zu können, empfehle ich Ihnen vor allem, eine Reise* nach Israel UND Palästina zu unternehmen und sich ein eigenes Bild zu machen. Da dies kurzfristig nicht möglich sein wird, können Sie auch einen Blick auf diesen Blog des Bündnisses BIB e.V. werfen. Er beschreibt den Alltag unter Besatzung.
Aber wissen Sie auch etwas über die Veränderung durch die Besatzung in der israelischen Gesellschaft? Wissen Sie, dass israelischen Kindern bereits in der Schule beigebracht wird, sie seien Holocaust-Opfer, weil die Palästinenser sie ins Meer werfen wollen? Ich musste das bei meiner Tochter und all ihren Schulfreundinnen erleben.
Sie wollen sich gegen Antisemitismus in Deutschland einsetzen? Tun Sie dies, indem Sie uns Israelis und vor allem unsere Regierung endlich auf Augenhöhe begegnen! Verbieten Sie nicht ein Gespräch und demokratische Werkzeuge wie Boykott zu einem Land, von dem ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dass es zu dem wird, was sich viele Israelis und Juden weltweit mit mir wünschen, nämlich dass Israel Teil einer demokratischen Wertegemeinschaft ist und diese Werte auch zu lebt.
Wie hätte die große deutsch-jüdische Denkerin Hannah Arendt zu BDS gestanden? Hätte sie sich die Möglichkeit des freien Denkens und Handelns nehmen lassen, weil die Gefahr des Antisemitismus-Vorwurfs gedroht hätte? BDS ist ein gewaltfreies Mittel, sich gegen die Besatzung zu wehren – aus der palästinensischen Zivilgesellschaft hervorgegangen und mittlerweile weltweit unterstützt. Es ist ein demokratisches Mittel; es mag uns so wenig schmecken wie ein Streik, aber es könnte die Wirkung haben, Israel zu zeigen, dass die Welt es ernst nimmt und es gerne als gleichwertigen Partner dabei haben möchte – aber ohne Besatzung. Eines ist BDS aber bestimmt nicht: Antisemitisch.

Es gibt im Übrigen sogar innerhalb Israels eine Solidaritätsbewegung mit BDS: Boycott from Within.

Mit besten Grüßen und der Hoffnung, dass Sie sich nicht gegen BDS, sondern für palästinensische Menschenrechte und damit für eine Chance für ein besseres Israel einsetzen,
Nirit Sommerfeld
*Sollten Sie an einer solchen Reise interessiert sein, schreiben Sie mich bitte an. Meine nächste Reise in einer Kleingruppe für politische Meinungsbildner findet Ende Oktober statt.
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Mehr Infos unter: www.niritsommerfeld.com

 

Im Ungleichgewicht

1 Okt
Schwarz auf weiß: Wer siich in der Diskussion um den Israel-Palästina-Konflikt jenseits von Emotionen bewegen möchte, kann sich zumindest auf Zahlen verlassen. Quelle: UN Ocha

Schwarz auf weiß: Wer sich in der Diskussion um den Israel-Palästina-Konflikt jenseits von Emotionen bewegen möchte, kann sich auf diese Zahlen beziehen. Mit einem Doppelklick vergrößern Sie das Bild.                      Quelle: UN Ocha

 

 

Manchmal ist es besser, Zahlen sprechen zu lassen.

Vor allem, wenn sie so eindeutig sind wie in diesem Fall. Oder bei Argumenten, die lauten: Ich kann da jetzt keine Stellung beziehen, das steht mir nicht zu. Es steht jedem einzelnen von uns zu, sich eine Meinung zu bilden. Dafür brauchen wir Informationen. Das Büro der Vereinten Nationen in Ost Jerusalem arbeitet mit Fokus auf Erhebungen, Landkarten und engmaschigem Monitoring zu den Ereignissen in den Besetzten Gebieten (Gaza, Westbank, Ost Jerusalem, Golanhöhen).  Das „Office for the Coordination of humanitarian affairs for the occupied palestinian territories – kurz: UN Ocha – vereint auf seiner Webseite wöchentliche Berichte, Dokumentationen, Karten zu allen Gebieten (inklusive Mauerverlag, Checkpoints, Straßensperren, Erdwälle, Siedlerstraßen und weiteres) sowie Schwerpunktreports zu Sonderthemen (Area C, Hauszerstörungen, Situation Gaza/Jerusalem). Wer die deutsche Berichterstattung als zu mager empfindet und tiefergehende Hintergrundinformationen erhalten möchte, kann sich dort auch für Newsletter anmelden.

Das deutsche Netzwerk des ökumenischen Begleitprogramms EAPPI entsendet jährlich rund zwölf Teilnehmer in die besetzten palästinensischen Gebiete und Israel. Auf der Webseite der Organisation erfährt man u.a., wie man sich dafür bewerben kann. Außerdem können User die Blogfunktion abonnieren und erhalten dann alle Berichte der Menschenrechtsbeobachter direkt in ihr E-Mailfach.

 

Schild in dem Fridensprojekt Tent of Nations der palästinensischen Familie Nasser, von einem Kind gemalt. Foto: L. Haensel

Schild in dem Friedensprojekt Tent of Nations/Zelt der Völker der palästinensischen Familie Nasser, von einem Kind gemalt.                                     Foto: L. Haensel

Wer die Möglichkeit hat, sollte selbst nach Israel und Palästina reisen. Es geht nichts über das eigene Sehen, Beobachten, Reisen, Sprechen mit den Menschen vor Ort. Dahin, wo es schön ist und wundersam. Denn das ist die Region  – trotz des Konfliktes. Aber es tut auch weh, die Realität wahrzunehmen und zu erfassen. Die Deutschen haben einmal die halbe Welt okkupiert, Menschen unterjocht, gedemütigt, getötet. Die deutsch-jüdische Kultur wurde fast vollständig zerstört. Die Trauer darum bleibt bis heute. Rassisten und Antisemiten, Sexisten und Homophoben muss ein Stop-Schild vorgesetzt werden. Wir wollen das nicht mehr, wir, die wir so vielen Menschen bereits Leid angetan haben.

Die israelische Besatzung muss ein Ende haben, damit beide Völker, Palästinenser und Israelis, in Frieden und Gleichberechtigung leben können. 

Eine Randbemerkung von Liva Haensel

BDS – Boycott Dates softly

18 Jun
Wollen Palästinenser zu Ramadan boykottieren: Datteln aus Israel.  Foto: gomeal.de

Wollen Palästinenser zu Ramadan boykottieren: Datteln aus Israel.                                                      Foto: privat

Der junge Mann in dem Frucht- und Gemüseladen am Bethlehemer Cinema Square reibt eine Avocado zwischen seinen Händen und schüttelt dann den Kopf. Nein, von einem Boykott gegen israelische Waren habe er noch nie etwas gehört, sagt er. Die Kunden fordern gutaussehendes Obst und Gemüse, das glänze und lecker aussehe. Palästinensisch verarbeitete Produkte aber sähen runzlig und schlecht geschnitten aus. „Die kauft doch keiner“, sagt Mohammed. „Wir haben hier in Palästina kein gutes Schneidwerkzeug dafür. Also gehen unsere Gemüse- und Obstsorten erst nach Israel, werden dort professionell mit Maschinen und Chemie bearbeitet und landen dann wieder bei uns. Warum sollte ich das boykottieren, ich habe doch gar nicht die Möglichkeiten dazu. Oder?“

König Kunde kriegt die A-Klasse

Das „Oder?“ bleibt im Raum stehen und setzt sich als Fragezeichen auf unzählige Avocados, Orangen, Bananen und Salatköpfe in dem kleinen Geschäft. Die Nahrungsmittel stammen aus dem palästinensischen Jordantal, das als C-Gebiet unter voller Kontrolle Israels steht. Unter dem Dach von großen israelischen Fruchthandelsketten gehen sie nach der Ernte nach Israel und werden dort – ähnlich der Gebietsaufteilung der Westbank – in A-, B- und C-Früchte eingeteilt. Die A-Früchte sind das, was auf der Titanic die 1. Klasse war: Sie werden nach Europa exportiert und dort König Kunde als israelische Ware im heimischen Supermarkt verkauft. B-Ware geht in die israelischen Läden, die C-Früchte landen wieder in der Westbank in den Regalen von Mohammed und anderen Lebensmittelhändlern. Das standardisierte System in der Lebensmittelbranche kritisiert der israelische Wirtschaftswissenschaftler Shir Hever als ausbeuterisch. „Die palästinensischen Bauern sind vollkommen abhängig vom israelischen Markt“, sagt er und fügt dann hinzu: „Deshalb ist es wichtig, dass Palästinenser ihre eigenen Gewerkschaften haben und ihre  Preise selbst bestimmen.“

Shir Hever  Foto: privat

Shir Hever
Foto: privat

Druck auf Israel ist wichtig

Omar Barghouti Foto: privat

Omar Barghouti
Foto: privat

Hever ist BDS-Befürworter. BDS, das steht für Boykott-Divest-Sanctions – eine Kampagne der palästinensischen Zivilgesellschaft, die 2005 gegründet wurde. In Anlehnung an den Boykott südafrikanischer Waren zu Apartheidszeiten ruft die Organisation zu einem gewaltfreien Widerstand gegen die israelische Besatzung auf. Dabei kommt der Boykott auf mehreren Ebenen zum Tragen. Er adressiert sowohl den kulturellen  Bereich(Regisseure, Musiker, Schauspieler mit Theaterproduktionen, Filmen, Festivals) als auch den akademischen (Professoren, Studentenaustausche, Kooperationen mit Hochschulen und anderen Einrichtungen). Und möchte den Staat Israel da treffen, wo es am meisten weh tut: ökonomisch. „Es geht uns nicht darum, Israel und seine Bürger zu bestrafen. Aber die völkerrechtswidrige Besatzung unseres Landes ist nicht normal, sie geht nicht konform mit Menschenrechten und sollte auch nicht so tun, als ob“, sagt Omar Barghouti, (44) einer der Gründer von BDS und Autor des Buches „Boycott, Divestment, Sanctions – The Global Struggle for Palestinian Rights“. Deshalb sei Druck auf den Staat Israel wichtig, um ihn an seine Pflichten zu erinnern.

Fuchtelndes Kind

Omar Barghouti war im März in Berlin, um dort über den Boykott, der immer weitere Kreise zieht, zu sprechen. Im taz-Café diskutierte der Palästinenser mit dem jüdischen

Immer israelisch: Die Firma Hass importiert ihre Avocados auch nach Deutschland. Foto: privat

Immer israelisch: Die Firma Hass importiert ihre Avocados auch nach Deutschland.
Foto: privat

Wissenschaftler Micha Brumlik ebenso wie mit CDU-Abgeordneten und Berliner Zuhörern. Dabei habe er beobachtet, „dass Deutsche eine Hemmschwelle bezüglich des Boykotts haben, weil es sie an alte Zeiten erinnert.“ Doch BDS habe nichts mit antijüdischen Ressentiments zu tun, sagt er. Hier gehe es um die Unterdrückung des palästinensischen Volkes und einer Landenteignung, die ihresgleichen suche. Iris Hefets stimmt dem zu. Die Israelin ist Mitglied in der Gruppe „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ und Anhängerin von „The voice from within“, dem israelischen Unterstützer von der BDS-Bewegung. In der „Stimme von innen heraus“ organisieren sich jüdische Israelis, die die BDS-Bewegung aufrichtig unterstützen. Israel sei wie ein wild gewordenes Kind, sagt Iris Hefets, eine Psychologin: „Es fuchtelt mit seinen Gewehren herum, stößt überall an und nimmt sich alles heraus. Dem müssen wir Grenzen setzen.“

Das „nie wieder“ verlacht sich selbst

Doch wer in Deutschland lebt oder deutsche Medien nutzt, sucht darin vergeblich nach Aufklärung zur Rolle des gewaltfreien Widerstandes der palästinensischen Zivilgesellschaft. Die Jüdische Allgemeine stempelte den gewaltlosen Widerstand gegen Israels Völkerrechtsverletzungen als naturgemäß sofort antisemitisch ab und druckte ein Bild dazu in der Printausgabe, auf dem SS-Leute vor einem jüdischen Laden stehen, auf dessen Schaufenster „Deutsche, kauft nicht bei Juden“, steht. Das deutsche „Nie wieder“ verlacht sich allerdings selbst, wenn ein Volk, das den Massenmord an sechs Millionen Menschen zuließ, es nicht geschafft hat, sich danach umso mehr für Gleichheit und gegen Diskriminierung zu engagieren. „Gerade die Deutschen sind es doch, die sich wegen des Holocaust erst recht für die Palästinenser und damit für Frieden in der Region einsetzen sollten“, verlangt der israelische Journalist Sergio Yahni vom Alternativen Informationszentrum.

Kein Thema in West-Jerusalem

In keiner einzigen deutschen Tageszeitung findet sich ein ausführlicherer Artikel über BDS und seinen Hintergrund sowie seine wachsende Befürworter- Zahl und Fakten. Auch nicht in der FAZ, die kürzlich das Thema aufgriff, weil in Bethlehem vor zwei Wochen die vierte BDS-Konferenz stattfand. In dem Artikel erfährt man, dass die Bewegung wächst, weil „immer mehr Bewohner der Autonomiegebiete nichts mehr mit ihren israelischen Nachbarn zu tun haben wollen, solange die Armee das Westjordanland besetzt hält“. Das ist allerdings schon seit 1948 so. Geändert hat sich, dass weltweit ein Bewusstsein bei Menschen in Südamerika, Afrika, Asien, Europa und Nordamerika darüber entstanden ist, dass das demokratische Israel seine arabische Bevölkerung massiv benachteiligt und die Westbank de facto mit Siedlungen überzieht sowie seinen  Armeeapparat unter dem Vorwand von Sicherheitsmythen gegen die palästinensische Zivilbevölkerung einsetzt. Das hat der FAZ-Autor unterschätzt, vielleicht ist es in dem von deutschen Auslandskorrespondenten bewohnten West-Jerusalem oder Tel Aviv aber auch kein Thema. In Ramallah und Ost-Jerusalem dagegen schon.

Der Strichcode 729

Das Weltsozialforum im brasilianischen Porto Alegre erhob die Bewegung und den Palästina-Konflikt 2012 zum ersten Mal in der Geschichte zu seinem Hauptthema. Allein in Deutschland gibt es mittlerweile mehr als 6 Stadt-Gruppen, die bundesweit Aufklärungskampagnen betreiben. Dazu zählen Informationsflyer über den Wassersprudler Sodastream, der in einer illegalen jüdischen Siedlung hergestellt wird genauso, wie angestoßene Debatten darüber, ob künftig eine EU-Kennzeichnungspflicht für Produkte aus den Siedlungen gelten soll. Ohne diese Gruppen würde der Konsument nicht erfahren, dass der Strichcode 729 auf der Avocado im Supermarkt verrät, dass die Ware aus Israel kommen soll – und es oftmals doch nicht tut.

Datteln ohne Hochglanz

Für den Fastenmonat Ramadan haben sich viele Palästinenser jetzt vorgenommen, keine Datteln mehr aus Israel zu kaufen. Sie setzen lieber auf ihre eigenen Produkte. Auch, wenn diese nicht auf Hochglanz poliert sind. Mohammed will das jetzt auch mal probieren, sagt er. Der einzigartig vanillige Geschmack der palästinensischen Datteln könne ihnen ohnehin so schnell keiner nachmachen. Auch nicht ihr mächtiger Besatzer.

Tipp: Die Menschenrechtsorganisation Medico International hat kürzlich eine Broschüre zum Herunterladen über Europas Komplizenschaft im Handel mit israelischen Siedlungsgütern herausgegeben.

 

Wildes Laubrascheln

1 Mai

Das Geschenk zum 65. Geburtstag Israels – der Wald der SPD – hat sich nicht erfüllt. Zu wenige Menschen waren bereit, Bäume für den Negev zu spenden. Die Partei musste Kritik einstecken, weil sie gedankenlos mit der israelischen Menschenrechtspolitik im Umgang mit Beduinen vorging

„Shalom! Mögen im Schatten der Blätter dieses Waldes viele Menschen auf Gedanken des Friedens kommen!“. Der Satz steht auf der Spenderseite der SPD, ein Philipp Kurowski hat ihn geschrieben und 50 Euro gespendet. Der Wald in der Negev-Wüste sollte ein Geburtstagsgeschenk der SPD an den Staat Israel zum 16. April sein. Aber das Geschenk ist geplatzt. Und bleibt wohl ein genauso frommer Wunsch wie der gutgemeinte Satz des Spenders. Für einen Wald hätten 50.000 Euro zusammenkommen müssen. Jetzt sind es gerade einmal 9281.12 Euro, das wären 900 Bäume. Ein Baum gleich zehn Euro. Aber die Spendenkampagne hat der SPD geschadet. Denn die Kooperation mit dem Jewish National Fund (JNF), der die Kampagne steuerte, rief zahlreiche Menschenrechtsorganisationen und Einzelpersonen in Deutschland und Israel auf den Plan, darunter auch die Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost und das Alternative Information Center in Jerusalem.

Stop the JNF

Auch innerhalb der SPD hatte die unüberlegte Geschenk-Aktion hitzige Debatten ausgelöst. Parteimitglieder an der Basis kritisierten die Aktion als ignorant und menschenrechtsverletzend. Hintergrund ist, dass in der Negev-Wüste  noch rund 150.000 Beduinen leben, eine indigen-palästinensische Bevölkrungsgruppe, die seit Israels Staatsgründung von Zwangsumsiedelungen und Vertreibungen betroffen ist. Allein das Dorf Al-Arakib wurde 45 Mal von israelischen Soldaten und Sicherheitsleuten im Negev zerstört. Der JNF, eine halb-staatliche Organisation, verpachtet ausschließlich Land an jüdische Israelis und trägt eine zionistische Grundüberzeugung in sich. Sich selbst zwar als „nicht politisch und gemeinnützig“ bezeichnend, wird die Organisation von Menschenrechtsorganisationen als rassistisch kritisiert. 2009 gründete sich deshalb „Stop the JNF“, die Aufklärungsarbeit vor allem in Südafrika, den USA und England betreibt.

Wie ein schlecht schmeckender Cocktail

Beduinen-Kinder in ihrem Dorf, in dem kurz zuvor Häuser von der israelischen Armee zerstört wurden.  Foto: Dukium.org

Beduinen-Kinder in ihrem Dorf im Negev, in dem kurz zuvor Häuser von der israelischen Armee zerstört wurden.       Fotos: Dukium.org

Der JNF plant unter anderem, im Negev mehrere jüdische Siedlungen aufzubauen. Für Palästinenser wird demnach im Wald der SPD kein Platz sein. Auf Anfrage an den SPD-Vorstand, wo genau der Wald stehen soll, lautete die Antwort: „Der ,Wald der deutschen Länder` befindet sich östlich der Straße von Tel Aviv nach Be’er Sheva.“ Konkreter wurde der SPD-Sprecher nicht. Auch Christian Lange, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion und Initiator der Spendenkampagne, kann den genauen Ort nicht lokalisieren. Man verwies vor allem auf die Webseite des JNF. Und darauf, dass sich die Bundesregierung für einen eigenständigen Staat Palästina einsetze und das Wald-Gebiet nicht zum umstrittenen Land gehöre. Darunter versteht die SPD folglich nur die Westbank und den Gazastreifen. In ihrer wiederholten Argumentation vermischte die Partei zwei Ebenen: die Ebene Israels als militärische Besatzungsmacht in den besetzten Gebiete zum einen, und als demokratischer Staat zum anderen. Dass der jüdische Staat die Rechte seiner arabischstämmigen Minderheit im eigenen Land bestimmt – und  diese nicht gleichstellt mit der jüdischen Mehrheit – war der SPD nicht geläufig. So wirkten die Antwortschreiben auf die Protestler eher wie ein Cocktail, dessen Zutaten man schnell und unachtsam zu einem schlecht schmeckenden Mix zusammengebraut hatte denn als ein gut durchdachtes Konzept.

Das Phänomen der Beduinen wird verschwinden

Vielleicht hätte die Partei gut daran getan, beim Geburtstagskind persönlich nachzufragen. Die israelische Nichtregierungsorganisation Adalah – The legal Center for Arab Minority Rights in Israel und

Ein Beduine hütet seine Ziegen.

Ein Beduine hütet seine Ziegen.

das Negev Coexistence Forum For Civil Equality klären beide umfassend über die Geschichte und aktuelle Situation der Beduinen auf. Demnach leben heute die Hälfte der Beduinen in den sogenannten „unrecognized Villages“, von Israel nicht anerkannten Dörfern. Die andere Hälfte wurde in den 50iger Jahren in acht Städte zwangsumgesiedelt, die Kultur und Lebensweise der halbnomadisch lebenden Bevölkerungsgruppe gänzlich ignorierte. „Wir sollten die Beduinen in ein städtisches Proletariat verwandeln… Das wäre tatasächlich ein radikaler Wandel“, sagte 1963 der damalige Außenminister Moshe Dayan in einem Zeitungsinterview. Und weiter: „Innerhalb von zwei Generationen müsste das zu machen sein. Ohne Druck, aber unter Aufsicht der Regierung. Das Phänomen der Beduinen wird verschwinden. (Ha’aretz interview, 31 July 1963).“

Die Guten und die Bösen

Der JNF versucht nun, Gras über die Wald-Protestaktion wachsen zu lassen. Auf seiner Webseite bezeichnete die Organisation kritische Gruppen wie das Palästina-Komitee aus Stuttgart und andere pauschal als „Israel-Gegner“. Außerdem stellten „diese Gruppierungen häufig das Existenzrecht Israels infrage“, so die Meinung des JNF. Dass dies nicht der Wahrheit entspricht, aber gut in das Schwarz-Weiß-Schema passt (Motto: hier die Bösen, da die Guten), hätte die SPD besser wissen sollen, als sie sich ihr Geschenk für Israels 65. Geburtstag  überlegte. Ein Wald, in dem im Schatten seiner Blätter viele Menschen auf Gedanken des Friedens kommen, ist daraus nicht geworden. Was bleibt, ist höchstens ein wildes Laubrascheln. Und das Motorengeräusch von JNF-Bulldozern in Beduinen-Dörfern (Video unten).

Ein großartiges Jahr

16 Dez
Es weihnachtet und neujahrt: Wer sich beeilt kann noch Anhänger wie diesen Stern au

Es weihnachtet und neujahrt. Wer sich beeilt, kann noch Anhänger wie diesen Stern aus Bethlehem bestellen. Infos am Ende des Artikels.                                                  Fotos: Haensel

EU-Mittelerde bebt. Das Jahr ist fast um, nur noch 15 Tage zählen wir, dann haben wir auch das geschafft. Die Gandalfs und Orks der Banken, Euro- und Sonstwiekrisen dieser Welt haben uns dabei begleitet, in guten wie in schlechten Tagen. Deutschland ist um zwei Tageszeitungen und eine Nachrichtenagentur ärmer geworden.  In Griechenland tragen Eulen keine Drachmen nach Athen, zumindest vorerst nicht. Dafür bekommt Angela Merkel dort jetzt ab und an das Hitlerbärtchen angeklebt und geht in Flammen auf. Zu dumm, dass man erst im 21. Jahrhundert gemerkt hat, dass eine Million Beamte nicht tragbar sind, wenn sie auf 10 Millionen Griechen kommen. Die Spanier buchen tausendfach Deutschkurse und pilgern ins gelobte, streng geordnete Land, in dem viel gearbeitet aber eben auch viel verdient wird. Moment, viel verdient…? Da stimmt doch was nicht, na, egal. Gut, der Hartz4-Satz ist nicht schlecht, man kann auch von Brot und Penny-Margarine leben. Obwohl jetzt, da die Flexi-Hexi-Quote von Frau Schröder endlich abgestimmt ist gegen die Mehrheit, haben ja auch Frauen richtig gute Chancen bekommen, eine Karriere aufs Parkett zu legen, dass den Herren da oben schwindelig wird. Danke, Frau Schröder, das ist ein gaaanz wichtiger Schritt in der Politik, es war schon seit langem Zeit, dass sich die Unternehmenskultur mal ändert. Gerade ja auch, weil eine graue alte Herrenmasse in Führungsetagen sich immer so freut, wenn sie mal ein junges Ding unter, äh, neben sich hat. Das Zeitfenster, das sie diesen Herren gegeben haben, wird sich sicher schnell öffnen für Frischluft. Nur das Durchatmen dann nicht vergessen, meine Herren. Damen hatten ja immer schon einen langen Atem und manch eine hat bis zu ihrem Tod auf eine Gehaltserhöhung warten müssen. Tja, das Leben ist kein Ponyhof.

Der Taubenanhänger der Behindertenwerkstatt Ma'an lil-Hayat kommt pünktlich zum Weihnachtsfest.

Der Taubenanhänger der Behindertenwerkstatt Ma’an lil-Hayat kommt pünktlich zum Weihnachtsfest.

Der dicke Berlusconi flitzt am Sternenhimmel entlang

In Italien ist dafür Bella Figura angesagt, die Italiener machen sich jetzt ihre Pasta selbst, wie meine toskanische Kollegin berichtet, und trinken einen Espresso weniger, also jetzt sechs anstelle von sieben. Sparmaßnahme è  basta! Berlusconi ist aber schon wieder überall zu haben, nicht nur auf dem Bildschirm seiner eigenen Fernsehsender, sondern auch in den Raketen in den Supermärkten. Sein Kopf lugt schon aus der Spitze heraus und Peng-Rabuff-Knall!, flitzt der kleine dicke Italiener mit dem Faible für Minderjährige über dem Nachthimmel, so schnell können wir gar nicht gucken wie sein Haartoupé hinterherfliegt, ein Sternenzauber über Europa – che bello, che cose! Frankreich hat einen Sozialisten mehr und dafür eine deutsche Freundin weniger. Carla und Nicolas sind 2012 zu blau-weiß-roter Elysee-Geschichte zerronnen, comme si de rien n’était

Die Briten mümmeln nur ihre Cookies

Die Schweiz und Österreich sind langweilig. Dort kann man nur Ski fahren, in stinkteure Clubs gehen oder Apfelstrudel essen. Oder man rutscht die Alpen runter auf dem nackten Popo, das neue Konzept von Stefan Raab, aber pst! – bloß nicht weitersagen, ist noch geheim! Also kein Wort mehr darüber. Die Briten igeln sich mal wieder auf ihrer vernebelten Insel ein und träumen von alten Kolonialzeiten, in denen sie noch die prächtigen Segel hievten und die Weltpolitik bestimmten. Jetzt sind sie bloß schrullig und mümmeln an ihren Five-o’clock-Cookies. Nur als Max Mosley den Giganten google auf die Löschung aller Fotos seiner Sex-Party verklagte, wachten sie noch einmal kurz aus ihrer Sleeping-Beauty-Phase auf. Aus Occupy ist Horrify geworden in London, weil sich die Masse junger Demonstrierender als oftmals unwillige Studis entpuppt hat, die sich zwar gerne als Journalisten bezeichnen, aber noch nie Artikel geschrieben haben, die den Begriff wert sind. Überhaupt, dieser Journalismus, diese verdammte Journaille! Da gibt man ihnen eine gute Story und dann machen sie doch nur, was sie wollen! Es ist wie mit Claudia Roth, ihr roter Bubikopf wird plötzlich goldfarben, dann weißblond und irgendwann vielleicht grün, alles ist möglich, spätestens wenn sie gänzlich von der Grünen-Wiese abgewählt wird, also 2032.

Aber, jetzt mal ehrlich, was ist 2012 denn nun wirklich passiert? Hier der einzig echte Jahres-Rückblick:

1. Januar: Vier Menschenrechtsaktivisten feiern in Bethlehem Neujahr im Restaurant „La Terrace“mit Rotwein aus Cremisan. Die Stadt ist überfüllt – mit Palästinensern aus Hebron und Nablus, die endlich mal richtig Alkohol trinken wollen ohne sich dafür entschuldigen zu müssen. Eine Frau mit Hijab tanzt ausgelassen mit ihrer Freundin im Scheinwerferlicht auf der Tanzfläche. Sorry, Westen, aber: Auch Muslime sind normale Menschen. Wer sagt eigentlich, dass Christen besser sind?

2. Februar: Die Minister Dirk Niebel und Guido Westerwelle reisen in den Nahen Osten. Während Westerwelle in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem deutsch-israelische Beziehungen pflegt, sieht sich Niebel gemeinsam mit Mitarbeitern der giz das Jordantal an. Dort ernten die Bauern im von Israel kontrollierten palästinensischen C-Gebiet Datteln, Avocados, Tomaten und Trauben, die man später in deutschen Supermärkten unter dem Label „Israel“ findet. Irgendwie unappetitlich.

3. März: Ein Mann aus Tulkarm im Norden der Westbank freut sich: Schon vor Monaten hat er einen Antrag für ein Arbeitsvisum in Norwegen gestellt, jetzt ist es genehmigt worden. Der Vater von vier Kindern kann für drei Monate im Sommer dort auf einer Farm arbeiten.

 10. April: Es steht fest: Alex Traiman muss sein Haus verlassen. Der Israeli ist einer von 500.000, die in den illegalen jüdischen Siedlungen in der Westbank leben. Der Oberste Gerichtshof hat beschlossen, dass Traimans Haus zusammen mit vier anderen in der Siedlung Bet El bei Ramallah abgerissen werden soll. Bis Ende des Jahres werden 581 palästinensische Häuser von israelischen Bulldozern zerstört, oft ohne Ankündigung. Traiman hat wenigestens Zeit, seinen Umzug vorzubereiten. Gott hat es so gewollt.

20. Mai: Israelis feiern den „Jerusalemtag“ mit Israel-Flaggen und Märschen durch die Stadt. Siedler mit Kippa tanzen und singen in der arabischen Altstadt, während die palästinensischen Bewohner  aus der Distanz das Spektakel betrachten. Christliche Zionisten jubeln mit. Die Armee hat ihre israelischen Soldaten in diesen Tagen um das Dreifache verstärkt. Ein Video auf youtube macht die Runde: Ein amerikanisch-jüdischer Friedensaktivist kritisiert vor laufender Kamera die völkerrechtswidrige Politik in Bezug auf Jerusalems arabische Bevölkerung. Er wird von Sicherheitsleuten verbal ermahnt, als er nicht aufhört, gibt es Schläge. Polizisten schleifen ihn schließlich in ein Auto und fahren weg.

Juni, ohne Datum: In Tel Aviv ist es einfach zu heiß, um am Strand zu hocken. Man rettet sich lieber ins Haus oder fährt gleich ins kühlere Europa. Wer es nicht mehr aushält, wandert ohnehin aus in lieblichere Gefilde. Laut Haaretz leben jetzt 15.000 Israelis allein in Berlin. Die ältere Generation schüttelt den Kopf darüber, dass die jüngere nach Deutschland abwandert. Und hört trotzdem weiter Bach und Mozart.

15. Juli: In der Mitte des Jahres bekommt ein Deutscher auf einmal eine E-Mail. Ein Freund aus Palästina will wissen, ob es „wirklich 6 Millionen Juden waren“. Der Adressat stutzt, kann es denn sein, das Palästinenser in der Schule gelernt haben, dass es noch mehr Juden waren, die in Deutschland bis 1945 umgebracht wurden? Antworten gibt es nur ad fontes. Adressat und Absender verabreden sich dafür, bald gemeinsam das KZ Sachsenhausen zu besuchen und der Frage auf den Grund zu gehen.

26. August: Mehr als 100 Besuchern aus der ganzen Welt, darunter vielen Franzosen, wird die Einreise nach Israel über die jordanische Grenze an der Allenby-Brücke verwehrt. Die Friedensaktivisten hatten sich gemeinsam dafür verabredet, nachdem ihnen 2011 die herkömmliche Einreise über den Ben-Gurion-Flughafen mit den Worten: „Dann kommt doch über Jordanien“ verweigert worden war. Die Gruppe hatte vor, Palästinenser in Bethlehem und anderen Orten in der Westbank für eine Woche als Ausdruck von Solidarität zu besuchen.

9. September:  In den palästinensischen Gebieten beginnen die Menschen, gegen die steigenden Lebenshaltungskosten zu protestieren. Die Preise von Gas, Strom, Wasser und öffentlicher Transportmittel sowie Benzin sind für viele nicht mehr bezahlbar. Rufe gegen die Palästinensische Autonomiebehörde und Mahmoud Abbas werden laut. In Ramallah trägt eine Frau inmitten der Demonstrationszüge ein Plakat: Oslo is our cancer.

3. Oktober: Am Tag der Deutschen Einheit sitzen die Deutschen auf ihren Möbel-Höffner-Sofas und  Mama holt den Schweinebraten aus dem Ofen. Sie lachen über das ganze Gesicht und freuen sich, dass die Berliner Mauer weg ist. Zeitgleich stehen rund 300.000 Palästinenser an den Checkpoints in der Westbank und Jerusalem und warten sich die Beine in den Bauch. Nach Schweinebraten ist ihnen nicht so, aber nach Permits und einem reibungslosen Ablauf, damit sie zu ihren Universitäten, Arbeitsstätten und ins Krankenhaus nach Israel kommen. Die Mauer schlängelt sich neben ihnen entlang und versperrt Sicht, Freiheit und Bewegung. Jemand hat ein Graffiti  auf den grauen Beton gesprüht. „Justice will win.“

15. November: Nachdem die Hamas Raketen in israelisches Kernland abfeuert, startet die israelische Armee eine Militäroffensive im Gazastreifen. 150 Menschen sterben, über 1000 werden verletzt. In Süd-Israel kommen fünf Menschen um. Nach einem achttägigen Krieg kommt es zu einem Waffenstillstand. Deutschland sagt 1,5 Millionen Euro Entwicklungshilfe  für den Gazastreifen zu. Die Tunnelgräber freuen sich: Sie können endlich wieder weitergraben, während des Bombenhagels ging das nicht. Was sie aufhalten könnte? Die Aufhebung der israelischen Blockade. Dann gäbe es wieder Baumaterialien, Medikamente und echtes Leben. Eigentlich gar nicht so eine schlechte Idee, auch, wenn man dann vielleicht arbeitslos werden würde…

12. Dezember: Mahmoud Salameh sitzt in seinem Elternhaus und telefoniert mit Shlomi. Shlomi ist ein jüdischer Siedler und wohnt seit drei Jahren auf dem Land, das eigentlich Mahmouds Großeltern gehörte, bevor es von Israel enteignet wurde. Der Palästinenser und der Israeli haben sich zufällig in den Bergen kennengelernt, Shlomi hatte Durst und Mahmoud eine Wasserflasche. Seitdem treffen sie sich und reden über ihr Leben. Sie mögen sich. Mahmoud dreht das Telefonkabel zwischen seinen Fingern während er spricht: „Du, wie geht es meinem Land? Wie geht es dem Land, auf dem jetzt Dein Haus steht, Shlomi?“

4-er Set Baumschmuck

Die Anhänger gibt es im 10er Set. Gefertigt hat sie David Mansour aus Beit Sahour in seiner Werkstatt.

Die Anhänger gibt es im 10er Set. Gefertigt hat sie David Mansour aus Beit Sahour in seiner Werkstatt.

Allen Lesern von dreiecksbeziehung ein friedvolles Weihnachtsfest und einen guten Rutsch nach 2013! Danke für ihr Interesse, für viele Klicks und likes. Bleiben Sie bei Verstand und bewahren Sie ihr Herz. Denn wie sagen die Frauen sonst in Nablus-Balata so schön: Shu badna Ensawi – walla ishi! Was können wir schon tun? Nichts, natürlich.

Psssst! Die Weihnachsprodukte aus Bethlehem kann man bestellen. E-Mail an: tahonahshop@gmail.com

Lieber Guido,

29 Nov

Guido for Human Rights. Foto: Deutscher Bundestag – eine bessere Quelle gibt es nicht.

 Eigentlich könnte ich es auch per SMS machen. So wie all die anderen, die Boris Beckers, Rihannas und Kylies dieser Welt. Einfach mit der Tür ins Haus fallen und einen Schlussstrich ziehen. Aber das ist nicht so meine Art. Also schreibe ich Dir lieber persönlich. Die ersten Zweifel – zugegeben – hatte ich ja damals schon, als Du im Big-Brother-Container auf dem Sofa saßest und von den 18 Prozent redetest. Da hatte ich so ein mulmiges Gefühl: Weiß er, wovon er spricht? Das grelle Gelb Deiner Partei schmerzte in meinen Augen, aber okay, vielleicht hätte ich mir einfach ne Sonnenbrille aufsetzen sollen. Die Besserverdienenden hat das nicht gestört mit dem Gelb. Du schwammst auf einer Erfolgswelle, schwapp-schwapp, hoch hinaus ging es, und als Du dann 2009 Außenminister wurdest, wurde aus dem Krönchen eine Krone. Über einige Dinge habe ich da ja hinweggesehen – Phrasen, Floskeln, gut, das nimmt man in Kauf. Zu einer Beziehung gehören nun mal immer zwei. Ich gebe zu: Vielleicht war es auch ein Mangel an Alternativen. Nicht jeder kommt so schnittig und glatt daher wie Du, ein Mann im besten Alter, der in seiner Freizeit gerne nach Italien und Spanien fährt. Das gefällt mir. Bella Italia, der Traum nach dem Trauma des Krieges der Deutschen, da hast Du einen Nerv getroffen.  Hm. Eigentlich passen wir ganz gut zusammen.

Aber dann begann es zu kriseln zwischen uns und ich möchte Dir gern erklären, woran das liegt. Anfang des Jahres hast Du Silwan besucht, den Stadtteil in Ost-Jerusalem. Dort war, kurz bevor Du ankamst, ein von der Bundesregierung wichtiges Projekt für die palästinensischen Bewohner von der israelischen Armee zerstört worden. Das hast Du Dir angesehen. Dein Bonner Referent war süß, bisschen jung vielleicht, aber er sah sich die politische Situation mit eigenen Augen an, indem er morgens den Kontrollpunkt Bethlehem 300 überquerte, von der Mauer betroffene Familien traf und später noch die Freitagsdemonstration von Bauern in Al Masara gegen die völkerrechtswidrige Konfiszierung ihres Landes beobachtete. Als das Taxi gerade wendete und davonfahren wollte, antwortete die israelische Armee – 40 Soldaten – mit Tränengas auf den Protest von Palästinensern und Menschen aus verschiedenen Ländern, die friedlich demonstriert hatten. Dein Referent hat sich die Augen gerieben. Traum? Wirklichkeit?

Meine Stimmung verschlechterte sich zunehmend. Du ludst mir nichts, Dir nichts den radikalen Rechtspolitiker Avigdor Lieberman, Deinen israelischen Kollegen, zum Axel-Springer-Verlags-Jubiläum nach Berlin ein und lobhudeltest vom Feinsten. Das durften wir dann am nächsten Tag in den Springer-Blättern lesen. Ach, Du unabhängige Journaille!

Schon einmal hattest Du mich ja tief enttäuscht. Es war vor einem Jahr, damals stimmtest Du dagegen, dass Palästina vollwertiges Mitglied der Vereinten Nationen wird. Aber Du stimmtest nicht für mich ab, nicht in meinem Namen, obwohl Du ein vom Volk gewählter Vertreter bist.  Du hast Angst, Farbe zu bekennen für Frieden in Nahost. Weil Du eine falsch verstandene Solidarität zu Israel  pflegst. Du misst mit zweierlei Maß, Freundschaft zu Israel kann nicht einhergehen mit Freundschaft zu Palästina, denkst Du? Warum steckt Deine Regierung  Millionen von Steuergeldern in einen nicht existenten palästinensischen Staat für dessen Aufbau und unterstützt gleichzeitig den Status Quo der israelischen Besatzung, die ihn unmöglich macht?

Du wirst heute Abend bei der UN in New York nicht für Palästina stimmen, das hast Du schon gesagt. Damit sagst Du Nein zu Frieden und Sicherheit im Nahen Osten. Du bist ein Angsthase, Guido Westerwelle, und darauf stehe ich nicht. Ich mag das Toughe, das Gradlinige. Schluss mit Ambivalenzen und falschen Freunden. Meine Geschichte trägst auch Du auf Deinem deutschen Rücken und es würde Dir ausgesprochen gut stehen, ehrlich damit umzugehen. Internationales Recht und Menschenrechte zu achten, das hat uns doch unsere Vergangenheit gelehrt, nicht wahr? Davon abgesehen, ähm, das gibt sogar ein paar Wählerstimmen, also, ich mein nur so. Deswegen sage ich Nein zu Dir, nicht Ja oder Vielleicht oder ich weiß nicht. Ich sage Nein.

Wenn Du das Video An Dich hier anklickst, vergiss bitte nicht, Dich vorher mit an den Tisch zu setzen.

Mit freundlichen Grüßen!

Deine deutsche Zivilbevölkerung


Ich hab kein Heimatland oder: Le chaim!

24 Jul
Max Raabe und das Palastorchester.    Foto: www.palastorchester.de

Max Raabe und das Palastorchester. Foto: http://www.palast-orchester.de

אהבה באה, אהבה הולכת Die Liebe kommt, die Liebe geht. Pause. Mit diesen Worten beginnt Max Raabe, der Chansonier mit seinem Berliner Palastorchester,  seine abendlichen Konzerte, damit stimmt er sein Publikum in Israel und sich selbst musikalisch ein.  Alle Lieder, Chansons und legendären Schlager, die er singt, stammen mehrheitlich aus der Feder jüdischer Komponisten. „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt‘“, „Bei mir bist Du schön“, „Armer Gigolo, schöner Gigolo“.  Es ist eine Hommage an die goldenen Zwanziger Jahre der Weimarer Republik, an die übersprudelnde Musikindustrie mit ihren frechen Texten und den augenzwinkernden Noten, der Ironie, dem Sarkasmus und Schalk im Nacken.  Das Markenzeichen dieser Lieder ist, das sie oft  – beladen mit Schwerstgewicht zwischen den Zeilen – leichtfüßig daherzukommen scheinen.  Tabus, wie Homosexualität, Geschlechtervermischung und Anderssein, werden mit dem Notenschlüssel gebrochen und bohren sich in Herz und Hirn. Denn: Wer denkt bei „Veronika, der Lenz ist da“ tatsächlich an frischen Spargel?

Wie soll man Worte finden?

Vielleicht war es auch ein Tabu, das Max Raabe brach, als er sich 2010 mit seiner Crew nach Israel aufmachte. Zumindest bricht er das Eis, irgendwie, manchmal hilflos, vor allem aber mit der Musik. Die internationale Tournee der deutschen Musiker – elf Instrumentalisten, eine erste Geige, ein Sänger – sollte ihren Abschluss in dem Land krönen, das so vielen deutschen Juden nach dem nationalsozialistischen  Terror zur zweiten Heimat geworden war. Max Raabe lud ein und die Jeckes kamen. Vier Regisseurinnen haben Raabes Tournee, seine Gespräche mit deutschen Juden und Begegnungen mit der Kamera begleitet. Die Dokumentation „Max Raabe in Israel“ lief kürzlich im Fernsehen. „Peinlich“ sei es manchmal gewesen, er habe manches Mal nicht gewusst, was er hätte sagen sollen zu den Überlebenden des Holocaust, gibt Raabe darin offenherzig zu. Wie Worte finden für diejenigen,  die es noch geschafft hatten aus Nazi-Deutschland rauszukommen, während ihre restlichen Verwandten in Konzentrationslagern vergast wurden?

An einer Stelle erwidert Raabe einer jungen israelischen Reporterin in Armeekleidung, die bei den Verteidigungskräften Zahal dient, dass die jüdischen Songschreiber auf Deutsch

Friedrich Hollaender, jüdischer Komponist und Revuetexter.  Von ihm stammt die Filmmusik aus "der blaue Engel".    Foto: jewprom.com

Berühmt geworden: Friedrich Hollaender schrieb die Filmmusik zu „Der blaue Engel“. Foto: jewprom.com

texteten, weil es ja ihre Muttersprache gewesen sei. Die Soldatin, vielleicht 25 Jahre alt und Enkelin von deutschen Holocaust-Überlebenden, hatte zuvor vorwurfsvoll gefragt, warum ausgerechnet auf Deutsch gesungen wird. Doch nicht alle sind voreingenommen oder assoziieren mit Deutschen nur Nationalsozialisten, das wird klar. Dass Juden zum Erstaunen vieler (meist nicht-jüdischer) Menschen verschieden sind und jüdisch nicht gleich jüdisch ist, zeigt sich wunderbar durch den ganzen Film hinweg. Da ist Shimon Yaron, der eigentlich mal Siggi hieß und in Berlin geboren wurde. Trotz der Kränkungen, Diskriminierungen und Verfolgung durch die Deutschen im Dritten Reich, ist dieser Mann reich an Würde und Bedachtsamkeit. „Jeder so wie er kann“, sagt der damals 90-Jährige zu Max Raabe im Flugzeug von Berlin nach Tel Aviv mit Berliner Dialekt und lacht. Hanna Schächter, 1936 mit einem Kindertransport nach Palästina entkommen, gibt zu, dass sie Berlin, „die Heimat“, immer noch liebt. Aber auch, „dass man das in Israel nicht sagen darf“, sagt sie verschmitzt hinter vorgehaltener Hand während ihr Enkelsohn, in Münster geboren, neben ihr sitzt und zuhört.

Siggi, was kann ein Mensch doch alles ertragen?

Max Raabe, der große deutsche Mann mit Po-Scheitel und Pomade, stakst ins Tote Meer, die Kamera geht mit. Grinst und zeigt Zunge. Zupft sich den Frack zurecht, bedankt sich artig beim Auditorium, redet über Gefühle und Religion. Und bleibt trotzdem sehr ungenau dabei. Es fallen Begriffe wie „Tragweite“, „schönes Land“ und „Offenheit“. Die „Probleme“ im Land werden nur vage erwähnt ohne sie tatsächlich zu bezeichnen, sie sind „ein anderes großes Thema“.  Auch ist erstaunlich, dass sich der Sänger, dessen Repertoire so immens viele deutsch-jüdische Urheber hat, so wenig mit dem Leid eben dieser und damit dem seines Publikums auseinandergesetzt hat. „Das kannte ich nicht“ und: „Das wäre zu schlimm für mich gewesen“, sagt er über die Schicksale der Jeckes. Aber warum nur? Ist es nicht schlimmer für diejenigen, die durch die deutsche Musik in dem Konzert an ihre Heimat erinnert werden, die ihnen am Ende das Gefühl gab, dass sie nichts mehr wert waren? „Siggi, was kann ein Mensch doch alles ertragen?“ Das fragt die Mutter ihren Sohn in einem der letzten Briefe 1935 aus Deutschland, nachdem sie ihn gerade noch in den rettenden Zug setzen konnte. Der alte Mann, Shimon Yaron,  liest ihn vor, er sitzt auf einem Stuhl, dann legt er die Briefe zurecht. Seine Hände zittern.

Deutsche Lieder will keiner hören

Keiner in Israel wolle die deutschen Lieder mehr hören, sagt Michael Ballhorn, ein alter deutscher Jude, beim Jerusalem Film Festival jetzt im Juli. Max Raabe ist wieder dabei, zwei Jahre nach der Tournee in Israel kehrt er zurück, um der Premiere der Doku beizuwohnen – und zu singen.  Ballhorn deutet damit etwas an, auf das der Videobeitrag der ARD nicht weiter eingeht:  Die Tragik, dass das Leid der Holocaust-Überlebenden, ihre Traumata und Schmerzen, nicht zu einem starken und jungen Israel der Nachkriegszeit passten. Man wollte den jüdischen Staat aufbauen, ein gesundes Selbstbewusstsein an den Tag legen. Deutsch war die Sprache der Täter, die Jeckes sollten schnell Hebräisch lernen und das alte hinter sich lassen. Der Holocaust als Absage an die deutschen Juden, die Jahrhunderte lang um Assimilation und Gleichberechtigung gerungen hatten, als vor allem Deutsche, dieser Bruch, der weitere Ängste und Spannungen nach sich zog, hätte einer intensiven Wundheilung bedurft. Aber dafür war kein Raum.

Nächstes Jahr in (Ost-)Jerusalem?

Immerhin, mag man am Ende erleichtert denken: Max Raabe hat es gut hinbekommen. Man atmet durch als Deutscher, wenn man die Doku sieht. Das Palastorchester mit seinem Sänger wurde in der israelischen Presse gefeiert. Das Eis war dünn, aber Raabe ist gut darauf entlangbalanciert, hat Eisschollen umschifft.  Er hat eine Hand ausgestreckt und ist mit einer Großzügigkeit dafür von den deutsch-israelischen Zuschauern belohnt worden , die nicht selbstverständlich ist. Das ist doch was. Ein Anfang. Da drängt sich die Frage auf: Könnten auch Palästinenser etwas mit deutscher Musik anfangen, die in den 20iger und 30iger Jahren populär war? Und dann noch von jüdischen Komponisten? Vielleicht in Ramallah, im Goethe-Institut oder im Al-Kasaba-Theater? Die nächste Doku könnte heißen: „Max Raabe in Israel und Palästina“. Nächstes Jahr in (Ost-)Jerusalem. Lebe wohl, gute Reise!

Max Raabe ist wieder auf Tournee, und zwar unter anderem im wilden und nicht Nahen Osten, Terminplan hier.

Hörprobe von: „Ich hab kein Heimatland – jüdischer Tango“ von Friedrich Schwarz. Schwarz, Pianist und Schlagerkomponist, musste Nazi-Deutschland  1933 verlassen und wurde wenig später in Paris ermordet. 

*Le chaim (hebr.)= auf das Leben!

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