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Ihr seid die Reben

18 Sep
Aus für Olivenbäume: Israelische Soldaten entwurzeln die kostbaren Bäume zugunsten des Mauerbaus. Foto: Olivera D.

Aus für Olivenbäume: Israelische Soldaten entwurzeln die kostbaren Bäume zugunsten des Mauerbaus.                                                            Fotos: Olivera D.

In dem Tal Cremisan bauen katholische Mönche berühmte Weinreben an und Nonnen unterrichten 200 Kinder. Doch der Oberste Gerichtshof in Jerusalem hat entschieden: Hier wird die israelische Trennmauer gebaut. Die palästinensischen Bewohner sind verzweifelt. Jeden Freitag halten Geistliche einen Gottesdienst unter freiem Himmel ab. Menschenrechtsbeobachterin Olivera D. besucht das Tal regelmäßig und berichtet aus Bethlehem

BETHLEHEM  – Nach nun 28 Tagen schreiten die Arbeiten im christlichen Tal von Cremisan, in Bir Ouna, einem Teil von Beit Jala, westlich von Bethlehem, voran. Wo zu Beginn der Arbeiten am 17. August der Olivenhain noch deutlich als solcher zu erkennen war, liegen nun weite Teile des Landes brach. Stück für Stück müssen jahrhundertealte Olivenbäume der Erweiterung der israelischen Trennmauer weichen

Zum Hintergrund

Am 17. August 2015 begann ein Bauunternehmen damit, Olivenbäume – von denen einige aus der Römerzeit stammen – zu schneiden, um die Entwurzelung für das endgültige Abroden zu ermöglichen. Soldaten der israelischen Armee (IDF) sowie Polizei und private Sicherheitskräfte bewachen die Arbeiten. Die Ohnmacht und Trauer auf Seiten der Landbesitzer ist groß und tief. Lokale christliche Familien aus der überwiegend christlichen Region Bethlehems sind hauptsächlich betroffen. Im Tal von Cremisan sind das insgesamt 58 Familien, die vom israelischen Verteidigungsministerium enteignet wurden und deren Land in diesem Fall der Erweiterung der Mauer zum Opfer fällt – und dies, obwohl im April 2015 der Oberste Gerichtshof Israels noch zugunsten der Familien entschieden und die Enteignungsbefehle aufgehoben hatte. Das israelische Verteidigungsministerium hob jedoch bald darauf die Entscheidung des Obersten Gerichts auf (und machte sie dadurch quasi wertlos).

Ein Mann zeigt den Verlauf der Mauer im Cremisan-Tal. Foto: Olivera D.

Ein Mann zeigt den Verlauf der Mauer im Cremisan-Tal.

Abwehr von Terroristen

Der angebliche Zweck der Konstruktion lautet: Attentäter von Jerusalem und Israel fernzuhalten. „Mit dem Bau würde ein fruchtbares Tal – de facto das letzte in der Gegend um Bethlehem – an Jerusalem angegliedert und damit die Erweiterung der illegalen israelischen Siedlung Gilo ermöglicht. Der Anschluss von Land ist jedoch nach internationalem Recht verboten, ebenso ist das Ansiedeln eigener Bevölkerung auf besetztem Gebiet ein klarer Verstoß gegen § 49 der 4. Genfer Konvention, in der es heißt: ,Die Besetzungsmacht darf nicht Teile ihrer eigenen Zivilbevölkerung in das von ihr besetzte Gebiet deportieren oder umsiedeln.’ Israel macht sich somit einer eklatanten Verletzung des Völkerrechts schuldig“, so Manfred Budzinski, der Sprecher der pax christi‐Nahostkommission.

Beit Jala im Sandsturm

Patrouille im Sandsturm: Die Zufahrtsstraßen sind mittlerweile auch für die Anwohner teilweise gesperrt.

Die Grüne Linie wird ignoriert

Der Bau der israelischen Trennmauer begann im Jahre 2002 und soll Terrorangriffe auf Israel abwehren. Neun Meter hoch ist sie, höher als die Berliner Mauer. Gebaut wurde sie auf palästinensischem Gebiet. Teilweise reicht sie sogar tief in das palästinensische Land hinein. Die sogenannte „grüne Linie“, die Grenze, die 1949 von der UNO festgelegt wurde, existiert somit nicht mehr bzw. wird ignoriert. Stück für Stück, Meter für Meter wird Land von Israel konfisziert und annektiert. So auch in Bir Ouna: 3 Quadratkilometer wird die Mauer, wenn sie einmal fertig ist, in das palästinensische Gebiet hineinragen. Und die Menschen können nur hilflos dabei zusehen.

Die Mauer ist illegal

Hilflosigkeit fühlt auch der Bürgermeister der Stadt Beit Jala, Nikola Kharmis, aber auch tiefe Trauer. Die Region Bir Ouna und das Cremisan‐Tal gehören zu Beit Jala: Er ist damit für sie verantwortlich. Der Beginn der Arbeiten wirkt sich stark auf seine Arbeit als Bürgermeister aus. Seine Arbeitstage sind geprägt von Terminen, Interviews und Demonstrationen, um das Irgendmögliche zu tun gegen den Bau des Übels – gegen die illegale Mauer, die Bürgerinnen und Bürger ihrer Ländereien beraubt – die einzige Einnahmequelle und einziges Anbaugebiet der Stadt, wie er selbst sagt.

Hoffen und Beten: Geistliche der katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche halten einen Gottesdienst ab. IM Hintergrund beobachten israelische Militärs die Lage. Foto: Olivera D.

Hoffen und Beten: Geistliche der katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche halten einen Gottesdienst ab. IM Hintergrund beobachten israelische Militärs die Lage.

Hoffnung und Halt

Doch was tun, wenn selbst der Oberste Gerichtshof dem „Sicherheitsbedürfnis“ und somit den Methoden des Verteidigungsministeriums weichen muss? Sowohl Nikola Kharmis als auch die Landbesitzer, Nachbarn und viele Unterstützer nehmen seit dem 18. August täglich um halb neun an der Morgenandacht im Tal teil. Viele verschiedene kirchliche Vertreter beten gemeinsam, um sich und ihren Mitbürgern Hoffnung und Halt zu geben und schlussendlich etwas zu bewirken.

Im Rahmen der Andacht wird die folgende Bibelpassage gesprochen:

Lukas 19:41-47, Neue Genfer Übersetzung (NGU-DE): Jesus weint über Jerusalem

41 Als Jesus sich nun der Stadt näherte und sie vor sich liegen sah, weinte er über
sie 42 und sagte: „Wenn doch auch du am heutigen Tag erkannt hättest[a], was dir Frieden bringen würde! Nun aber ist es dir verborgen, du siehst es nicht. 43 Es kommt für dich eine Zeit, da werden deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und dich von allen Seiten bedrängen. 44 Sie werden dich zerstören und deine Kinder[b], die in dir wohnen, zerschmettern und werden in der ganzen Stadt[c] keinen Stein auf dem anderen lassen,weil du die Zeit, in der Gott dir begegnete,[d] nicht erkannt hast.“3

Eine ökumenische Begleitperson des Programms EAPPI beobachtet die Lage vor Ort. Foto: Olivera D.

Olivera D., mit der Weste des Programms EAPPI, vor Ort. Die Weste ist das Markenzeichen des Programms und signalisiert „Schutz durch Anwesenheit“ durch alle Mitwirkenden. 

Seit dem 18. August habe ich an 14 Morgenandachten teilgenommen. Ich habe gesehen, wie ein wunderschönes Tal mit uralten Olivenbäumen Tag für Tag schwindet. Wo über 100 Bäume standen, ist nun Brachland. Ich habe neben der ausführenden Baufirma viele Soldaten, Polizisten und private Sicherheitskräfte gesehen, die die Arbeiten bewachen. Ich habe Menschen gesehen, die zusammenkommen und beten, in der Hoffnung, dass dieses Verbrechen gestoppt wird. Ich habe Geistliche gesehen mit Tränen in den Augen. Ich habe den Bürgermeister der Stadt mit Tränen in den Augen gesehen. Ich selbst habe die Ohnmacht gespürt und meine Tränen versucht zurückzuhalten.

Am 15. November wird es eine Anhörung vor dem israelischen Obersten Gericht für die Familien geben, denen das Land gehört. Sie werden von der katholischen Menschenrechtsorganisation „Society of St. Yves“ vertreten, die hier einen ausführlichen Bericht über die Situation im Cremisan-Tal veröffentlicht hat. 

Über die Autorin: Olivera D. ist derzeit in Israel und den besetzten Gebieten im Rahmen des Programms EAPPI (Ecumenical Accompaninemt Program for Palestine and Israel – Ökumenisches Begleitprogramm in Palästina und Israel), das sich zum Ziel gesetzt hat, Freiwillige aus der ganzen Welt vor Ort einzusetzen und ihnen durch Begegnungen und Beobachtungen einen eigenen Einblick in den Konflikt zu geben, tätig. Ihre Entsende-Organisation ist die EMS (Evangelische Mission in Solidarität) im Verbund mit dem ökumenischen Weltrat der Kirchen/Genf.
Die Fotorechte liegen bei der Autorin.

Im Zweifel für den Angeklagten

24 Apr
Blickt einer ungewissen Zukunft entgegen: Atef Hawari. Fotos:  privat

Blickt einer ungewissen Zukunft entgegen: Atef Hawari (20). Fotos: privat

Von Ekkehard Drost

In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten, – so lautet der lateinische Satz, den Juristen auswendig können. Im Westjordanland gilt israelisches Militärrecht für Palästinenser, die inhaftiert werden. Das Rechtssystem selbst  ist intransparent, die Beweislast oft lückenhaft. Unser Autor war in einem Militärgericht und hat den Fall von Atef Hawari verfolgt.

Jenin/palästinensische Gebiete – Militärgerichtshof Salem nördlich von Jenin am 21. April 2013 um 8 Uhr morgens: Vor einem Gebäudekomplex, der wie eine Festung abgesichert ist und bei dessen Anblick der Betrachter eher an ein Gefängnis als an ein Gerichtsgebäude denkt, warten etwa 100 Menschen auf Einlass. Ein Teil von ihnen hofft hier auf eine neue, mit einem Chip versehene Arbeitserlaubnis für Israel, die anderen hoffen auf ein günstiges Schicksal für ihren Sohn, ihren Bruder, ihren Verlobten. Wir vier Freiwillige von EAPPI hoffen einfach nur, dass die Genehmigungen zur Beobachtung der Verhandlungen anerkannt werden. Addameer, die israelische Menschenrechtsorganisation „Jews for Justice in Palestine“ hatte sie für uns beantragt. Wir sind gekommen, um der Verhandlung gegen Atef Hawari, 20 Jahre alt, aus unserem Nachbarort Azzun beizuwohnen, angeklagt wegen Steinewerfens und in Haft seit dem 28. Mai 2012. Bereits als 16jähriger musste er wegen desselben Delikts eine einjährige Haftstrafe absitzen. Zu befürchten ist jetzt eine Haftdauer von drei Jahren.

Leibesvisitation und Kaffee

Nach dem ersten Drehkreuz warten wir vor einem Untersuchungsraum, in den jeweils zwei Personen eintreten dürfen. Kameras und Handys haben wir in einem Kiosk vor dem Eingang gegen eine geringe Pfandgebühr zurück gelassen. Nach anderthalb Stunden Wartezeit dürfen wir eintreten, Portemonnaies, Kugelschreiber, Notizblock, Schuhe werden einem intensiven Check unterzogen. Im nächsten Raum werden die Pässe überprüft und eine Leibesvisitation vorgenommen. „Warum sind Sie in Israel? Gibt es in Deutschland keine Probleme?“ fragt mich der Soldat. Von Tamer, dem verantwortlichen Offizier für Salem, werden wir anschließend auf das Verhalten während der Verhandlung hingewiesen, vor allem: Keine Gespräche mit dem Angeklagten. „Kann ich Ihnen sonst irgendwie helfen? Möchten Sie Kaffee, mit Milch, ohne Milch, Zucker?“ Der freundliche junge Mann, der uns noch gute Dienste leisten sollte, verabschiedet uns mit: „Have a nice day!“

In einem Innenhof mit den Ausmaßen von 8 mal 20 Meter warten zahlreiche Angehörige darauf, dass der Name ihres Sohnes aufgerufen wird. An einer der beiden Längsseiten befindet sich ein Warteraum für 50 Personen, auf der anderen der Eingang zu den Verhandlungsräumen. An dieser vergitterten und von zwei Soldaten bewachten Tür drängen sich vor allem Mütter, um einen Blick in den dahinter liegenden Gang werfen zu können, an dessen etwa 30 Meter entferntem Ende die Häftlinge kurz vor ihrem Prozessbeginn erscheinen. Gefesselt mit metallenen Hand- und Fußschellen, bewacht von zwei bewaffneten Soldaten. An dieser Tür spielen sich herzzerreißende Szenen ab: Erblicken die Verwandten ihren Sohn, winken sie ihm zu, rufen seinen Namen, zumeist mit dem Kosewort Habibi (Schatz, Anm. d. Red.), während die Soldaten eben diese „Kontaktaufnahme“ zu verhindern suchen. Immer wieder fordern sie die Menschen auf, fünf Meter zurück zu treten, verlassen dabei gelegentlich ihr Revier hinter der Gittertür, um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen.

Sie kamen mitten in der Nacht

„We have a bad life. It´s a prison. And this is a prison in a prison,” erzählt mir der 45-jährige Mutasin Alaun aus Sabastya bei Nablus. „Du würdest deinen Hund besser behandeln.“ Mutasin ist Fabrikant von Restaurantmöbeln, beschäftigt 40 Arbeiter und liefert auch nach Israel. Er wartet auf die Verhandlung gegen seinen 21-jährigen Sohn. Ein Student, der seit sechs Monaten in Haft ist und von der Mutter einmal pro Monat besucht werden durfte. „Die Soldaten kamen mitten in der Nacht, 30 Mann, fanden meinen Sohn nicht im Haus. Ich wusste, dass er sich bei meinem Bruder aufhielt, musste ihn anrufen, sonst hätten sie das ganze Haus durchwühlt.“

Immer wieder haben wir Gelegenheit, mit den Wartenden zu sprechen, ihre Schicksale ähneln sich. Viele von ihnen sind bereits zum dritten Mal nach Salem angereist, jedes Mal wurde der Prozess nach kurzer Beratung auf einen späteren Termin verschoben. Auch wir sollten das in unseren „Fällen“ erleben. Berichte von Eltern, die gerade aus einer Verhandlung zurück in den Innenhof kommen, werden uns übersetzt: Ein junger Mann wollte mit seinem 16-jährigen Bruder sprechen und wurde ebenso umgehend von einem Wachsoldaten aus dem Raum verwiesen wie eine Mutter, die sich zunächst bei ihrem Versuch, ein paar Worte ihrem Sohn zuzurufen, nicht einschüchtern ließ. Am folgenden Tag, als wir wieder in Salem waren, hatten wir es offenbar mit einer humaneren Wachmannschaft zu tun, die derartige Gespräche nicht sofort unterband.

Vater Hawari und seine Tochter hoffen auf die Entlassung ihres Sohnes.

Vater Hawari und seine Tochter hoffen auf die Entlassung ihres Sohnes.

Ein Gruß in die Luft

Bevor nach vier Stunden vergeblichen Wartens auf unseren Prozess um 12.15 Uhr eine einstündige Mittagspause angesetzt wurde, können wir noch einen Blick in den langen Gang werfen. Aus einer der Saaltüren kommt ein gefesselter Knabe – ein anderes Wort scheint mir für diesen zierlichen Jungen übertrieben -, schaut noch einmal zu seiner Mutter, lächelt zaghaft und hebt die gefesselten Arme zum Gruß in die Luft. Die Soldaten drehen ihn um und führen ihn ab.

Ob ich den Anblick des Jungen in der braunen Häftlingskleidung, sein scheues, ängstliches Lächeln wieder vergessen werde, weiß ich nicht. Ich weiß auch keine Antwort auf die Fragen, die sich mir in der Mittagspause aufdrängen: Wer denkt sich ein derartiges Unrechtsregime aus? Wie tief verwurzelt müssen Hass und Verachtung sein, um Menschen schlimmer als Tiere zu behandeln? Warum hört man in den westlichen Ländern keinen Aufschrei des Protests gegen einen Staat, mit dem man sich doch angeblich in einer Wertegemeinschaft wähnt? Und schließlich: Was wird aus den jungen Menschen nach einer Tortur ohnegleichen? Für Monate und manchmal Jahre herausgerissen aus Familie, Schule und Studium. Können sie überhaupt noch Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben haben, oder sehnen sie die nächste, die Dritte Intifada herbei?

Eine Zeugenbefragung gibt es nicht

Sicherheit geht vor. Eingang  zum Militärgerichtshof in Salem.

Sicherheit geht vor. Eingang zum Militärgerichtshof in Salem.

Endlich, um 14 Uhr 40, nach fast siebenstündiger Wartezeit, wird Atef Hawaris Name aufgerufen. Mit Vater und Mutter wollen wir durch die Gittertür, als ein Soldat uns den Weg versperrt. Wir dürfen nicht rein! Ein Gebrüll zwischen ihm und uns ruft Tamer, den freundlichen „Officer in Charge“, auf den Plan. Er nimmt den Soldaten beiseite und lässt uns in den Saal. Dort erwarten uns: 1 Richter, 6 Beamte, 4 bewaffnete Soldaten und 1 Rechtsanwalt. Atef wurden die Handfesseln entfernt, immer wieder schickt er seinen Eltern ein strahlendes Lächeln zu. Nach drei Minuten ist die Verhandlung beendet, vertagt auf den 26. Mai. Für eine Minute darf Atefs Vater in einem Abstand von drei Metern mit ihm sprechen. Ein bewaffneter Soldat steht zwischen ihnen und achtet auf die Einhaltung dieser Regel. Zur Regel in einem Militärgericht gehören aber offenbar keine Zeugenbefragung, keine Schilderung des Falles aus Sicht des Angeklagten – er durfte lediglich seinen Namen nennen. Welche Rolle die Verteidigung spielt , ist uns nicht ganz klar geworden. Haben sie überhaupt einen Spielraum? Im Innenhof spielten sich manchmal recht rüde und lautstarke Auseinandersetzungen zwischen Familienangehörigen und Verteidiger ab, die nicht gerade auf eine Vertrauensbasis hinwiesen.

Am Morgen des nächsten Tages fanden wir uns wieder um 8 Uhr vor den Toren in Salem ein, um die Verhandlung gegen den knapp 15-jährigen Saleh R . zu beobachten. Saleh wurde in der Nacht des 6. März in Azzun festgenommen, zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate. Am 6. November 2012 verhafteten ihn die Soldaten, warfen ihm vor, Steine geworfen zu haben; er sollte eine entsprechende, auf Hebräisch verfasste Aussage unterschreiben. (Sämtliche Handlungen der israelischen Strafverfolgungsbehörden werden im UNICEF-Bericht vom 6.3.2013 heftigkritisiert:http://www.unicef.org/oPt/UNICEF_oPt_Children_in_Israeli_Military_Detention_Observations_and_Recommendations_-_6_March_2013.pdf) Saleh weigerte sich mehrfach, wurde ins Gesicht geschlagen und gegen die Wand gedrückt. Die Spuren dieser Misshandlungen – auch an den Handgelenken fanden sich Schürfspuren von den Handschellen – wurden zwei Tage später, nachdem er wieder entlassen wurde, zum Ärger des israelischen Militärs dokumentiert. Wollte man ihn durch die erneute Festnahme dafür bestrafen?

Ein Junge mit Handschellen

Unsere Wartezeit am 22.4. betrug diesmal mehr als sieben Stunden. Um 15 Uhr 05 begann die Verhandlung. Außer uns durften lediglich ein Onkel und sein Bruder anwesend sein. Vater und Mutter, mit denen wir eigentlich verabredet waren, konnten offenbar nicht nach Salem kommen. Da während der Verhandlung die Stromanlage ausfiel und es eine Zeit lang dauerte, bis die Computer wieder arbeiteten, hatten wir Zeit, Salehs Verhalten zu beobachten. Der zarte Junge strahlte uns immer wieder an, suchte unseren Blickkontakt, stand auf, setzte sich wieder, lachte leise, wenn wir ihm zuwinkten, verfiel dann wieder in einen verzweifelten Gesichtsausdruck. Er knackte mit den Fingern, trommelte mit den von Handschellen befreiten Fäusten gegen die Stirn, wühlte in seinen Haaren. Saleh setzte sich wieder und fummelte an seinen Fußschellen herum, atmete heftig und versuchte irgendwie, seine Emotionen in den Griff zu bekommen. Schließlich wurde die Verhandlung auf den 26.5. vertagt. Onkel und Bruder hatten noch eine Minute lang die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen. Auch wir durften dabei sein. Immer wieder drehte er sein Gesicht zur Seite – er wollte nicht, dass man seine Verzweiflung und seine Tränen sah. Dann kamen die Soldaten, legten ihm wieder die Handschellen an und führten den Jungen, der im Juli 15 Jahre alt wird, ab.

Nachtrag I: Wir bedankten uns bei Tamer, dass wir dieser Verhandlung beiwohnen durften, sprachen noch ein paar persönliche Worte mit ihm, fragten nach seinen Plänen: „This is just my service and then I´m free and will study.“ „Sie wollen sicherlich Jura studieren.“ „Das wäre das Letzte, was ich studieren würde.“

Nachtrag II: Ein paar Tage zuvor hatten mein Teamkollege David und ich Dienst am Azzun Atma Checkpoint. Wir wollten uns selbst davon überzeugen, ob sich in Sichtweite des Checkpoints ein Loch in der Sperranlage befindet, durch das palästinensische Arbeiter ohne Arbeitserlaubnis kriechen und dadurch die Behauptung, der Zaun diene der Sicherheit, ad absurdum führen. Wir brauchten nicht lange zu suchen, um den Trampelpfad zu entdecken, der direkt zu dem gut sichtbaren Loch führte. Ein paar Arbeiter waren bereits dorthin unterwegs, telefonierten offenbar mit ihrem israelischen Arbeitgeber, denn kurz nach dem Telefonat hielt auf der anderen Seite ein israelisches Auto, in das der Palästinenser „nach Überwindung der Sperranlage“ einstieg.

Soviel am Ende meiner drei Monate in einem besetzten Land zum alles überragenden Thema „Israelische Sicherheit“. Vielleicht wollen Sie selbst nach Palästina kommen und dem Wunsch der Palästinenser folgen: „Come and see!“

Ekkehard Drost ist Teilnehmer des Ökumenischen Begleitprogramms für Palästina und Israel (EAPPI) und hat in diesem Rahmen gerade drei Monate im Norden der Westbank gelebt. Der pensionierte Gymnasiallehrer hält auf Wunsch Vorträge über seinen Einsatz. Bei Interesse können Sie ihm schreiben: e1944drost@gmx.de

Der Himmel über Yanoun

10 Jul
There is no occupation...Photo: John Brown, mehr unter mehr unter: http://972mag.com/nonexistent-occupation-memes-go-viral-in-israeli-social-media/50531/

Levy: „If it beats like an occupation, if it oppresses like an occupation, if it kills like an occupation, it’s a…“ Bibi: „A duck!“   Photo: John Brown

Es hätte ein friedlicher  Samstag in Yanoun, dem kleinen Dorf im Norden der Westbank nahe der Stadt Nablus sein können. Schäfer ließen ihre Tiere auf den Feldern weiden und beackerten ihr Land. Der Ramadan, der Fastenmonat der Muslime, steht vor der Tür, es ist heiß derzeit in Palästina, die Menschen schrauben das Tempo herunter. Doch der vergangene Samstag endete in einem Desaster für Israel. Am Abend flimmerten die ersten Nachrichten aus Yanoun weltweit durch die Kanäle des Internets und beschäftigten hunderttausende User. Bilanz eines Samstags in Yanoun: sechs verletzte palästinensische Männer, davon zwei schwer verwundet durch Schüsse von israelischen Soldaten, und drei tote Schafe, erstochen von jüdischen Siedlern der benachbarten Siedlung Itamar.

Fesseln und dann liegenlassen

Kein Schutz, nirgends: Israelische Soldaten und Palästinenser aus Yanoun am vergange

Kein Schutz, nirgends: Israelische Soldaten und Palästinenser aus Yanoun am vergangenen Samstag. Photo: Katherine Roldan

Was war passiert? Laut Augenzeugenberichten und Videos internationaler Menschenrechtsbeobachter von EAPPI (Ecumenical Accompaniment Programm for Palestine and Israel) kamen drei bewaffnete Siedler aus Itamar auf die Felder der Dorfbewohner, töteten die Schafe und wurden handgreiflich als die Palästinenser sie davon abhalten wollten. Außerdem wurden Felder und Olivenbäume in Brand gesetzt. In der Folge kam es zu einem Steinewerfen von beiden Seiten. Die israelische Armee, die in solchen Situationen gerufen wird, fesselte die Palästinenser trotz weiterer Schläge der Siedler mit Handschellen und ließ diese weiter gewähren. In dem englischen Bericht des EAPPI- Büros heißt es unter anderem: „Jawdat Ibrahim was handcuffed, beaten by Israeli soldiers and then released for the settlers to attack as they watched. He was then tied up by the settlers and left on his land; he was found the next morning. Konkret übersetzt: „Jawdat Ibrahim wurde an den Händen gefesselt, von den israelischen Soldaten geschlagen und dann für die Siedler freigegeben, die ihn attackierten während die Soldaten zuschauten. Er wurde dann von den Siedlern gefesselt und auf seinem Feld zurückgelassen; man fand ihn am nächsten Morgen.“ Ein Soldat schoss Jawdat Bani Jaber in das Gesicht und seinen Fuß. Er konnte erst nach drei Stunden ins Krankenhaus gebracht werden, die israelische Armee versagte ihm eine sofortige ärztliche Versorgung.  Einem weiteren Bewohner Yanouns, Hakimun Bani Jaber, wurde in den Arm geschossen.

Soldaten schauen zu

Soldaten und ein bewaffneter jüdischer Siedler.   Photo: Katherine Roldan

Soldaten und ein bewaffneter jüdischer Siedler. Photo: Katherine Roldan

Die Brutalität von jüdischen Siedlern, die häufig bewaffnet sind mit dem amerikanischen Gewehrtyp MP16, ist nichts Ungewöhnliches in der Westbank. Palästinenser wissen, dass sie schlechte Karten haben, wenn sie auf solche Leute treffen. Keinem von ihnen ist es gestattet, Waffen zu tragen. In der Stadt Hebron, in der 800 radikale Siedler das ihnen versprochene Land preisen, dürfen die palästinensischen Bewohner noch nicht einmal einfache Küchenmesser besitzen. Wer entlang der Siedlerstraßen, eine eigens für die jüdischen Kolonialisten gebaute Infrastruktur in der besetzten Westbank, entlang geht, muss damit rechnen, überfahren zu werden. Anzeigen bei der Polizei führen ins Nichts, die Akten zur Beweislage werden nach einigen Wochen ohne Ergebnis eingestellt. Eigenschutz ist nicht gestattet. Aber was dann?  Nach den Genfer Konventionen ist es Israel nicht erlaubt, seine Bevölkerung in besetzte Gebiete zu transferieren und dort anzusiedeln. Aber es ist dem jüdischen Staat, dessen Bevölkerung zu einem Fünftel aus arabischen Ureinwohnern besteht, mit den bindenden Konventionen geboten, die Menschen in den besetzten Gebieten verantwortlich zu schützen. Stattdessen werden internationale Menschenrechtsbeobachter, palästinensische und israelische NGOs und Mitarbeiter der Vereinten Nationen immer wieder Zeugen vom Gegenteil. Soldaten schauen nicht nur zu und weg, sie schlagen selbst noch drauf.

Israel hat eine Antwort gegeben

Niemand der Armeeangehörigen hat sich bisher zu dem Fall in Yanoun geäußert. Wie geht es Jawdat Bani Jaberm, was machen seine Verletzungen? Wie wird Jawdat Ibrahim psychisch und physisch überstehen, dass er misshandelt, gefesselt und über Nacht einfach auf dem Acker liegengelassen wurde? Der Staat Israel hat vor zwei Tagen darauf seine Antwort gegeben. Laut der Zeitung Haaretz und anderer israelischer Medien hat eine von der Regierung unter Benjamin Netanjahu eingesetzte Richterinstanz nun verkündet, dass es „in Israel keine Besatzung gibt“. Die jüdischen Siedlungen seien daher gesondert zu betrachten und legal. In dem Papier des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem empfiehlt das religiöse Likudmitglied Edmond Levy, ein pensionierter Richter, Judea and Samaria (Westbank) einzugemeinden. „Der größte Verlierer im Angesicht des Levy-Kommittees sind die liberalen Zionisten, die sich für eine Zwei-Staaten-Lösung aussprechen“, schreibt Joseph Dana, amerikanisch-jüdischer Journalist aus Ramallah und Zionismus-Gegner, in seinem facebook-Profil. Und weiter: „Für die israelische Regierung seid ihr nichts weiter als ein paar Trottel.“ Der Satz zielt darauf ab, dass Israel schon lange keinen Palästinenserstaat mehr vorsieht. Gerade plant Netanjahu eine neue Siedlung, die Har Homa und Gilo – beide Siedlungen bei Bethlehem  –  verbinden soll.  Doch diese Gewalt, mit der rund 4,5 Millionen Palästinenser ihrer Freiheit seit 45 Jahren beraubt werden, wird keine Wunden heilen. Sie schafft nur neue. Ein Knesset-Gesetz steht kurz vor dem Beschluss, dass künftig Palästinenser in Israel dazu verpflichten könnte, für den israelischen Staat, der sich ausschließlich als jüdisch definiert, Armee- und Zivildienst leisten zu müssen. Ein Staat, der nicht für ihre Sicherheit sorgt, sie nicht gleichstellt, ihre Geschichte totschweigt und an zionistischen Grundprinzipien festhält, die mit Landkonfiszierung, Kollektivstrafen und Vertreibung für sie einhergehen.

Die Antwort ist eindeutig. Am Samstag, am Sabbath, dem heiligen Tag der Juden, verfärbte sich der Himmel grau über Yanoun. Aber in Israel selbst ist er jetzt schwarz.

– Der Schweizer Christian Schelbert  ist zur Zeit in Yanoun als ökumenische Begleitperson von EAPPI tätig. In dem Blog „barierrer ahead“ schreibt er über den Alltag in der Westbank.

Hintergrundinfo Yanun (English)

Yanoun is a small village in Area C of the West Bank, just southeast of Nablus. It has about 65 inhabitants who are dependent upon farming and animal husbandry as their main source of livelihood. The village is surrounded by the illegal Israeli settlement of Itamar and since 1996 the residents of Yanoun have consistently experienced settler harassment and violence, as well as property damage and confiscation. In October of 2002 the settlers of Itimar forcibly evacuated Yanoun of its inhabitants. International humanitarian agencies and Israeli human rights organizations then came to Yanoun to provide a protective presence with the aim of facilitating the return of the community. These left Yanoun within weeks of the community’s return; however, the Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) has remained in Yanoun since October 2002. Based in Yanoun Ecumenical Accompaniers (EAs) provide a protective presence, monitor, and report on human rights violations in the community, as well as the entire Nablus Governorate and Jordan Valley.

INTERNATIONAL HUMANITARIAN LAW:

The International Court of Justice has stated that the 1949 Fourth Geneva Convention for the Protection of Civilian persons in Times of War applies to the occupied Palestinian territory.

All Israeli settlements are illegal according to Article 49 the Fourth Geneva Convention, which states, “The Occupying Power shall not deport or transfer parts of its own civilian population into the territory it occupies.

Article 4
of the Fourth Geneva Convention states, “Persons protected by the Convention are those who, at a given moment and in any manner whatsoever, find themselves, in case of a conflict or occupation, in the hands of a Party to the conflict or Occupying Power of which they are not nationals.” Thus, according to International Humanitarian Law, Israel has the duty as an occupying power to protect Palestinians from settler attacks.

Nahostkonflikt – Fotoserie

15 Apr
Protest in Sheik JarrahDie andere SeiteHoffnung auf RückkehrLebensfreudeNachdenklichNie Langeweile
TrostlosIn der SchuleFehlt nieFlower-Power arabischZuhörenIMG_6296
DurchgeschnittenMasterplan JerusalemVolle FruchtParadiesischDem Himmel so nah
PufferzoneTür in die andere WeltZu klein?WeitermachenBasis legenEyewitness

Oliva Azul Fotostream auf Flickr.

Fieber – Thapra

22 Jan
Amer aus Thapra

Amer aus Thapra

Es ist „Dorftag“. Das heißt, wir besuchen Dorfbewohner im Betlehem Distrikt gemeinsam mit der NGO Holy Land Trust (HLT). Diese Non-Profit-Organisation hat eine lange Tradition im Training von gewaltfreien Strategien und kümmert sich in persönlicher Weise um palästinensische Dörfer und ihre Probleme. Unsere Kontaktperson Marwan Al Farar’ja ist dort „Area Field Coordinator“ und holt uns mit einem Taxi ab. Es geht über viele Hügel mitten hinein in Bethlehems Umland. Wir bremsen vor einem Häuslein in Wadi Rahhal, in dem zwei Familien wohnen. Die meisten Dorfbewohner hier sind Schäfer und lassen ihre Tiere seit Jahrhunderten hier weiden. „Jeden Samstag, also am jüdischen Feiertag Schabbat, kommen jüdische Siedler von der benachbarten Siedlung Efrat hierher“, berichtet einer der Männer drinnen bei süßem Pfefferminztee. Manchmal kämen sie zu Fuß, manchmal auch mit dem Jeep. Begleitet werden die Siedler zumeist von riesigen Hunden, die keine Schäferhunde seien, sondern aussehen wie riesige Kälber. „Wir flüchten dann in unsere Häuser und schließen uns solange ein, bis sie weg sind“, sagt der Mann, das Familienoberhaupt. Dies geschehe seit Jahren an jeden Samstag regelmäßig, manchmal auch an anderen Tagen in der Woche. Die Siedler werden jedes Mal von privaten Sicherheitsleuten begleitet. Die Schäfer werden daran gehindert, ihre Tiere zu weiden. Der Tagesablauf ist gestört. „Manchmal werden die Siedler auch von israelischen Soldaten und der Polizei begleitet – in einer Eskorte.“

Wir machen uns Notizen und fahren weiter nach Thapra. Diese kleine Dorfgemeinschaft ist eine der ärmsten in der Westbank.

Obwohl wir in den zwei Monaten schon einiges gesehen haben, ist die Familie, die wir hier besuchen, mit Abstand auf dem niedrigsten Niveau bezüglich der Lebensqualität. In dem Haus mit den feuchten Wänden wohnen zwei Familien verteilt auf zwei Räume. Ein kleiner Elektroheizer versucht ein wenig Wärme in dem größeren Zimmer zu verteilen. Die Ehepaare, die Großmutter und alle Kinder strahlen und begrüßen uns offen und warmherzig. Draußen gießt es in Strömen. Auf dem Sofa liegt ein kleiner Junge mit müdem, blassem Gesicht. Ab und zu stöhnt er und schließt die Augen.

Seine Mutter erzählt:„Mein Sohn Amer ist krank. Er ist 15 Jahre alt, aber, ja, ich weiß, er sieht aus wie sechs oder sieben. 2002 als die zweite Intifada im Gange war, bekam er eines

Amers Rollstuhl

Amers Rollstuhl

Tages Fieber. Er hatte 41 Grad und ich schaffte es nicht, das Fieber zu senken. Also nahm ich ihn auf den Arm und trug ihn durch die Hügel Richtung Bethlehem (Anm.: Die Entfernung Thapra-Bethlehem beträgt etwa 14 Kilometer). Die gesamte Stadt stand unter Ausgangssperre, niemand durfte nach Bethlehem hinein oder heraus, überall standen Soldaten. Ich bat einen von ihnen, mich durchzulassen, weil ich mit Amer in ein Krankenhaus wollte. Aber sie ließen mich nicht. Mit meinem kranken Kind auf dem Arm musste ich den ganzen Weg wieder nach Hause laufen, ohne irgendeine

Die Mutter vom Amer

Die Mutter von Amer

Chance auf medizinische Versorgung oder darauf, wenigstens einmal mit einem Arzt zu sprechen. Erst nach einer Woche durften wir mit unserem Sohn das staatliche Krankenhaus in Beit Jalla aufsuchen. Aber es war zu spät. Amer hatte eine Hirnhautentzündung bekommen und sein Gehirn war so geschädigt, dass uns die Ärzte keine Hoffnung mehr machen konnten. Jetzt liegt er hier, er kann nicht laufen und nicht sprechen. Das einzige, was er essen kann, ist flüssige Astronautenkost. Jedes Glas muss ich in der Apotheke kaufen und das kostet pro Stück 20 Shekel (ca. 4 Euro). Wir haben niemanden, der uns unterstützt und manchmal können wir uns die teure Astrokost nicht leisten. Letztes Jahr hat uns jemand einen Rollstuhl für Amer besorgt. Jetzt kann er im Sommer wenigstens draußen sitzen und die Sonne genießen, das liebt er. Und wenn jemand von ihm Fotos macht, das mag er auch. Das Foto über dem Sofa ist Amer kurz vor seiner Erkrankung. Wir lassen es dort hängen, wir finden es schön. Er war ein ganz normaler Junge. Wir lieben ihn so wie er ist.“

Existence is resistance Al Walaja

22 Jan
Abdul aus Al Walaja

Abdul aus Al Walaja

Abdul,  10 Jahre, lebt in dem Dorf Al Walaja – Bethlehem Distrikt:

„Letzte Woche gab es fünf Explosionen hier in der Nähe meines Hauses.  Das alles passiert wegen der Mauer. Die Israelis sprengen die Hügel, um so die Basis für die Mauer zu schaffen. Das erste Mal hörte ich einen Knall von ganz weit her. Ich lief hin und sah viele israelische Soldaten. Sie schlugen die Bauern und sägten unsere Olivenbäume ab. Ich bete dafür, dass noch ein Wunder passiert. Dass wir hier in Frieden leben können und alles an seinen alten Platz zurückkehrt so wie früher.
Vor der Zukunft habe ich Angst. Was für ein Leben sollen wir hier führen? Die Mauer wird uns umringen, wir sind eingesperrt und können nur durch einen Tunnel nach Beit Jalla gelangen. Ich habe seit ein paar Jahren Rheuma und muss regelmäßig nach Bethlehem ins Krankenhaus.  Ich habe jeden Tag Schmerzen- Was passiert, wenn mich die Soldaten nicht in die Klinik lassen?

Ich mag eigentlich alles: Computerspiele, Fußball, meine Freunde.  Nur schnell rennen beim Sport kann ich nicht mehr, meine Knie schmerzen dann immer. Was ich später werden will, weiß ich noch nicht genau. Vielleicht Polizist, Lehrer oder Krankenpfleger.  Am meisten wünsche ich mir, dass die Mauer verschwindet.“

(Abdul ist das jüngste Kind von insgesamt vier Geschwistern. Seine Familie wohnt an einem Abhang mit Blick auf Beit Jalla. 2006 erhielt die Familie eine „landconfiscation order“ – drei Seiten auf Hebräisch, davon eine Seite als Landkarte. Offziell ist es den Bewohnern von Al Walaja nicht erlaubt, in ihrem Dorf zu bauen oder zu renovieren, weil sie in Area C leben und nicht in Area A. Abduls Haus wurde in der Vergangenheit von israelischen Bulldozern zerstört. Der Vater baute das Haus wieder neu auf. Dies passiert in der Westbank in Area C täglich. Es gibt Familien, die ihre Häuser bis zu zehnmal wieder aufgebaut haben, immer mit der Gefahr, dass es erneut zerstört wird. „Existence is resistance“, sagen die Palästinenser.)

Hintergrund: Al Walaja ist ein Dorf in der Nähe von Bethlehem, in dem rund 2000 Menschen leben. Die Mauer der israelischen Regierung, die offiziell aus Sicherheitsgründen gebaut wird, soll künftig das gesamte Dorf umzingeln, um die benachbarten jüdischen Siedlungen Gilo und Har Gilo von der Westbank zu trennen und zu israelischem Gebiet zu machen, während Al Walaja in Area C verbleiben soll. Die Mauer wird nicht nur die Dorfbewohner von ihrer Umgebung – Schulen, Kliniken, öffentliche Einrichtungen, Freunde und Familien, – trennen, sondern beinhaltet auch eine Landkonfiszierung des Staates Israel von 1600 Dunum Ackerfläche (1 Dunum= 1000 m²). Al Walaja steht stellvertretend für alle Dörfer und Gemeinden in der Westbank, die ihr Land und ihren Zugang zu einem normalen Leben beklagen. Das Dorf klagt seit 2004 dagegen am Hohen Gerichtshof in Jerusalem (derzeit 550 Fälle von Dörfern und Gemeinschaften wegen Landkonfiszierung des Staates Israel).  Nichts destrotrotz gehen die Bauarbeiten für die Mauer täglich in rasanter Geschwindigkeit voran. In September vergangenen Jahres besuchte eine Delegation von EU-Parlamentariern Al Walaja, um sich ein Bild der Lage zu machen. Ein kurzes Video von Palestine News Network darüber gibt es hier: http://www.youtube.com/watch?v=oVZgnXn6t0E Die Anfrage des EU-Parlaments zum Fall Al Walaja: http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+WQ+E-2011-009045+0+DOC+XML+V0//EN Eine Karte zur Geografie der geplanten und bereits fertiggestellten Route der Mauer findet man bei UNOCHAhttp://www.ochaopt.org/documents/ocha_opt_barrier_route_alwalaja_feb_2011_a3.pdf  Mehr Hintergrundinformationen zum Dorf  Al Walaja und seinen Bewohnern liefert The United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East (UNRWA): http://www.unrwa.org/userfiles/2010070915338.pdf

Israelis für Frieden

13 Jan
Avihai Stollar

Avihai Stollar

Avihai Stollar 28 Jahre alt, West-Jerusalem, Mitarbeiter der Organisation „Breaking the silence – Israeli   soldiers talk about the territories“, die Berichte von israelischen Soldaten über ihren Wehrdienst in der    Westbank veröffentlicht

„Eigentlich bin ich ein ganz normaler Israeli. Ich wuchs in einem Vorort von Haifa in Nord-Israel auf. In meiner Familie ging jeder zur Armee, mein älterer Bruder, mein jüngerer, alle. Es ist keine Frage, ob Du gehst oder nicht, Du tust es einfach, weil der Staat es von Dir verlangt.  Ich hatte gerade die Highschool beendet und war  19, als ich Soldat in der israelischen Armee wurde. Mein Einsatzort waren die South Hebron Hills, südlich von Hebron also. Ich war dort von 2001 bis 2004 eingesetzt. Gerade hatte die erste Phase der 2. Intifada begonnen, die Stimmung war aufgeheizt. Die ersten acht Monate wurde uns in der Armee erzählt, dass wir alles schaffen können, dass wir Rambo sind. Du glaubst das erst, Du willst kämpfen, schießen, losrennen. Acht Monate wirst Du vorbereitet, dann geht es in den Einsatz. Endlich kannst Du was tun. Viele unserer Verhaftungen, die wir durchgeführt haben, machten keinen Sinn. Aber wir haben es gemacht, weil man nach 2 Jahren Militärdienst ausgebrannt ist und frustriert. Du willst ausbrechen aus der Routine, zum Beispiel, wenn Du an einem Checkpoint Palästinenser kontrollieren musst. Du lernst alles ganz genau: Wie verhalte ich mich, wenn eine schwangere Frau vor mir steht, was mache ich, wenn jemand eine Kamera hat und so weiter. Irgendwann glaubst Du dem Palästinenser nicht mehr, der Dir erzählt, dass er ins Krankenhaus muss, dass er wirklich krank ist. Du lässt ihn nicht durch. Ich habe erlebt, dass unser Kommandeur bei einem Einsatz in Yatta (Anm.: Stadt mit 80.000 Einwohnern in den South Hebron Hills) einfach zehn Bulldozer hinschickte, die dort Häuser zerstörten, weil es eben mal was anderes ist. Yatta wurde wochenlang blockiert für Palästinenser, die aus den umliegenden Dörfern kamen und andersherum, aus Sicherheitsgründen. Niemand hatte Zugang, niemand der Bewohner konnte sich frei bewegen. Oft haben die Befehle keinen höheren Sinn und es gibt auch nicht immer eine Strategie hinter allem. In den B- und C-Gebieten (Anm.:  palästinensische Gebiete, die unter voller Kontrolle des israelischen Militärs stehen = 75 %) kann das Militär sehr frei entscheiden und tut das auch. Kinder-Verhaftungen sind an der Tagesordnung, wir haben teilweise 8-Jährige festgenommen.  Oft geht es auch einfach um Abschreckung und Einschüchterung. Du gehst nachts in ein arabisches Haus mit deinen Waffen und Kameraden und erklärst das Haus zur militärischen Zone. Das passiert in Hebron sehr häufig.

Frustriert, angeödet, gelangweilt

Alle Soldaten, die Kombattanten sind, kommen gerade aus der Schule und sehen alles schwarz-weiß, auch wenn sie aus liberalen, sogenannten linken Elternhäusern stammen und nicht in jüdischen Siedlungen aufgewachsen sind. Ich stamme aus einem lockeren Elternhaus, meine Eltern waren immer entspannt, beide gebildet und europäischstämmig. In der Armee wird zwischen den „yellow soldiers“ und den „black soldiers“ unterschieden.  Die Yellows sind die soften, die aschkenazi-stämmigen Juden, die Blacks sind die Sefardi, die arabischstämmigen Juden.  Wenn Du ein tougher, harter Junge bist, dann bist Du ein „black soldier“ und natürlich wollen alle so sein, auch die Frauen. Ich war immer der „yellow soldier“. Für Soldaten gibt es nur die Guten und die Bösen, die Israelis und die Palästinenser. Einem 19-Jährigen klarzumachen, dass dies anders ist, ist sehr schwierig. Die meisten Soldaten sind frustriert, gelangweilt und angeödet von ihrem Militärdienst. Und es findet derzeit ein Wandel statt: Früher kamen die Offiziere aus nicht-religiösen Kibbuzim, heute kommen sie aus jüdischen Siedlungen. Ob die Armee mit den Siedlern zusammenarbeitet? Naja, offiziell  nicht. Es gibt Auflagen, die Soldaten erfüllen müssen und die richten sich auch gegen gewalttätige Siedler. Aber in der Praxis sieht das anders aus. Kein einziger Soldat würde je gegen einen Siedler vorgehen. Die religiösen erst recht nicht, weil es ihre eigenen Leute sind.

Ich redete drei Stunden lang

Nach meinem Armeedienst bin ich erst einmal in der Welt herumgereist, ich war 1,5 Jahre in Indien. Dann kam ich wieder und fing an, auf Demonstrationen gegen die israelische Besatzung zu gehen und machte dort ein paar Fotos. Irgendwann sprach mich jemand an und erzählte von „Breaking the silence“.  Der Typ fragte mich, ob ich über meinen Armeedienst erzählen wolle, ich sagte, klar, kann ich machen, aber ich habe eigentlich nichts zu sagen. Wir trafen uns auf einen Kaffee und ich redete drei Stunden lang.“
Homepage Breaking the Silence: http://www.breakingthesilence.org.il/

Ex-Soldaten kommen auf Anfrage gerne nach Deutschland und halten Vorträge und Diskussionsrunden.  Außerdem bietet die Organisation Führungen in den besetzten Gebieten an.

Ruth Hiller

Ruth Hiller

Ruth Hiller
58 Jahre alt, Kibbuz Haogen Nord-Israel. Gründerin der NGO „New profile for he Civil-aziation of the Israeli Society“, die junge Menschen über Demilitarisierung aufklärt und rechtliche Beratung für Israelis anbietet, die den Militärdienst verweigern möchten

„Es ist ein Mythos, dass man den Militärdienst in Israel nicht verweigern darf. Es stimmt einfach nicht. Aber niemand klärt Dich darüber in diesem Land auf, und junge Menschen sind verunsichert, was sie tun sollen. Deshalb habe ich mit anderen gemeinsam 1989 „New Profile“ gegründet. Unsere Gesellschaft ist bis zu den Zähnen bewaffnet, überall, in der Werbung, im Fernsehen und draußen. Alles ist militarisiert. Egal, ob Du eine Telefonkarte kaufst oder eine Hustentablette in Israel, alles steht in Zusammenhang mit dem israelischen Militär. Kleine Kinder wachsen von Anfang an damit auf, dass dies normal ist und dass es gut ist, für unser Land zu sterben. Aber was sind wir? Ist Israel mittlerweile ein Militärapparat mit Staat oder ein Staat mit Militär? Dieses Land gibt rund 7 % seiner Haushaltskosten für Verteidigung und Sicherheit aus (Anm: Deutschland liegt bei 1,3 Prozent). Im Sommer sind unsere Leute auf die Straße gegangen wegen Humus und zu hoher Mieten. Tatsächlich aber ging es um die Besatzung und die Kosten dafür. Und das erste Mal in der Geschichte ging die Polizei auch gegen ihre eigenen Leute vor. Vorher hatten sie die Palästinenser geschlagen, nun sind es auch jüdische Leute.

Wir gingen vor Gericht

Als ich in das Land kam, war ich überzeugte Zionistin. Das war 1972, ich war voller Tatendrang und verließ die USA. Ich wollte Israel aufbauen, dieses junge Land, mit meinen eigenen Händen. Ich lernte meinen Mann, auch ein amerikanischer Jude, kennen und wir heirateten. Wir haben sechs Kinder, davon zwei Töchter. Meine erste Tochter ging zum Militär und ich machte mir Sorgen, wie jede Mutter. Wie würde es ihr ergehen? Zu allem Übel entschied sie sich dafür, eine Offizierslaufbahn einzuschlagen. Wir sagten okay, das ist deine Entscheidung, wir akzeptierten es. Meine 2. Tochter machte ihren Armeedienst. Dann kam mein Sohn. Er wusste schon mit elf, dass er niemals Soldaten werden würde, dass das nicht in sein Konzept passt. Er wollte den Wehrdienst verweigern. Wir als Eltern waren hilflos, wir wussten nicht, was wir tun sollen. Verweigern aus ideologischen Gründen? Das bedeutete Gefängnis. Jeder, der in Israel seinen Armeedienst aus politischen Gründen ablehnt, muss für einen Monat in ein Militärgefängnis. Leute, die religiös sind, auch Frauen, können verweigern, aber ansonsten gab es keine Alternative. Wir entschlossen uns, unseren Sohn zu unterstützen und den Fall vor Gericht zu bringen und zwar mit dem Ziel, dass er auf keinen Fall ins Gefängnis muss. Niemand vor uns hatte das je versucht, wir waren die ersten Israelis überhaupt. Aber wir fanden keinen Anwalt, niemand wollte diesen Fall übernehmen, noch nicht einmal israelische Juristen, die ansonsten Palästinenser als Klienten haben! Schließlich meldete sich ein junger Anwalt aus Jerusalem. Der Fall dauerte drei Jahre, dann war unser Sohn frei. Wir hatten es geschafft, wir hatten einen Präzedenzfall geschaffen.

Ich bin guter Hoffnung

Wer beim Militär arbeitet, hat die Fäden in der Hand. Dort sitzt die Macht. Und die meisten Frauen sind nicht darunter, was „New Profile“ kritisiert. Viele hochrangige Militärs gehen in die Politik und machen dort weiter und nach wie vor sitzen in fast allen Führungspositionen europäischstämmige Juden und keine afrikanischen oder arabischen. Die Armee missbraucht oftmals ihre Position, indem sie Rekruten abhängig macht. Junge äthiopische Soldaten beispielsweise verdienen nur 150 Dollar im Monat dort, das ist miserabel, aber sie machen es dem Staat Israel gegenüber aus Pflichtgefühlt und auch gegenüber ihrer Familie, weil die Eltern vielleicht arbeitslos sind.
Israel befindet sich seit über 60 Jahren in einem Dauer-Alarmzustand. Wenn es nicht die Palästinenser sind, dann gibt es ein neues Feindbild. Derzeit ist das der Iran.  Es gibt immer wieder Gründe für die Regierung, nicht auf Frieden einzugehen, und zwar aus Sicherheitsgründen, das Lieblingsargument meines Landes. Wir missbrauchen Euch Europäer, indem wir den Holocaust als Vorwand dafür benutzen, Menschenrechte zu verletzen und die Besatzung zu argumentieren. Aber die junge israelische Aktivistenszene wächst gerade und ich bin guter Hoffnung, dass sich was ändert. Gilat Shalits Vater möchte jetzt in die Politik gehen und ein bekannter israelischer Journalist ebenfalls. Hier passiert gerade was!“ htttp://www.newprofile.org/english/

Minem Maroof

Minem Maroof

Minem Maroof

35 Jahre alt, Haifa. Mitarbeiter am „Mossawa Center – the Advocacy Center for Arab Citizens in Israel“, das zum Thema Benachteiligung palästinensischer Israelis forscht, sich für Gleichberechtigung einsetzt und Hintergrundinformationen vermittelt

„Ich bin in Haifa aufgewachsen und habe in den USA studiert. Mein Großvater stammt aus einem kleinen Dorf bei Haifa, aus dem er 1948 vertrieben wurde. Aber meine Familie flüchtete nicht in die heutige Westbank oder in ein arabisches Land, sondern verblieb in dem Land, das heute Israel ist. In Israel leben 20% Palästinenser, die sich entweder „Israeli Arabs“ oder auch „Israeli Palestinians“ nennen. Wir sind Bürger 2. Klasse in einem Staat, der sich als einzige Demokratie im Nahen Osten bezeichnet, als Demokratie inmitten des arabischen Dschungels, wie Benjamin Netanjahu gerne zu sagen pflegt. Die Knesset, das israelische Abgeordnetenhaus, hat mehr als 20 Gesetze, die uns als nicht-jüdische Bürger in Israel direkt betreffen und diskriminieren. Eins davon wurde im Sommer verabschiedet und beinhaltet, dass ich als Palästinenser das arabische Wort Al-Nakba (Anm.: =Katastrophe, steht für die Vertreibung der arabischen Bevölkerung 1948 zeitgleich mit der Staatsgründung Israels) nicht erwähnen darf. Ich darf meine persönliche Geschichte nicht erzählen. Westbank- und Gaza-Bewohner bekommen keine israelische Staatsbürgerschaft zugesprochen, auch dann nicht, wenn sie mit einem Israeli oder einer Israelin verheiratet sind. Deshalb leben viele illegal in Israel, immer mit der Gefahr, dass sie entdeckt und rausgeworfen werden. Das Militär macht immer wieder Nacht- und Nebelaktionen, in denen diese Menschen heimlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit in die Westbank oder nach Gaza evakuiert werden.

Die Gesellschaft spaltet sich

Wir arabischen Israelis zahlen Steuern so wie alle anderen auch, aber die Teilnahme am öffentlichen Leben und damit an den Einrichtungen, für die wir unsere Steuern zahlen, ist begrenzt. Haifa ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Trennung praktiziert wird. Im Süden leben Russen, im Norden Äthiopier, in Downtown Palästinenser und im Karmelgebirge die Aschkenazi. Apartheid würde ich die Situation hier nicht nennen. Aber es geht einfach darum, ob Du  jüdisch bist oder nicht. Sobald man jüdisch ist, klappt auf einmal alles. Eine Mitarbeiterin von uns, eine amerikanische Anwältin, bekam lediglich ein 3-Wochen-Visum. Sie heißt Maryam Hussein und ist Muslimin. Sie versuchte es immer wieder im Innenministerium, aber mit so einem Namen ist es schwierig. Ein amerikanisch-jüdischer Praktikant von uns dagegen wollte eigentlich nur ein Touristenvisum haben und bekam gleich eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Wir arbeiten dafür, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, niemand benachteiligt oder bevorzugt wird. Ich denke, dass sich Israel darüber künftig klar werden muss, wohin die Reise geht. Ich beobachte, dass sich die israelische Gesellschaft mittlerweile spaltet: In diejenigen, die für,  und andere, die gegen die Menschenrechte sind. Das ist bedenklich.“  http://www.mossawa.org/

Roni Keidar

Roni Keidar

Roni Keidar
63, Netive Ha’sara/ israelische Grenze zu Gaza. Mitarbeiterin der NGO „Other Voice“, die sich auf zwischenmenschlicher Ebene mit Bewohnern aus dem Gazastreifen trifft und über  Alltagssorgen austauscht. Das Dorf in der Nähe der Stadt Sderot wird monatlich von Raketen aus dem Gazastreifen heimgesucht und hat überall Luftschutzbunker sowie einen speziellen Spielplatz mit Einschlag sicheren  Metallwänden

„Ich bin in England aufgewachsen und lebe schon lange in Israel. Mein Mann ist ägyptischer Jude, spricht also Arabisch. Und weil er Agrarwissenschaftler ist und aus Ägypten stammt, hatten wir die Möglichkeit, fünf Jahre in Kairo zu leben. Erst fand ich diese Idee nicht gut, ich lehnte es ab, aber dann entschieden wir uns zu diesem Schritt. In Kairo lernte meine Tochter ein Mädchen in der Schule kennen, mit der sie sich sehr anfreundete. Eigentlich stimmte alles, die beiden mochten sich. Aber als die erste Geburtstagsfeier der Freundin anstand, wurde meine Tochter als einzige nicht dazu eingeladen. Warum, darüber wurde nie gesprochen. Es war einfach tabu, darüber zu reden, dass wir jüdisch sind, dass dieser enge Kontakt eigentlich nicht sein soll mit einer arabischen Familie. Wir fanden schließlich Wege, damit sich die beiden Mädchen auch außerhalb der Schule treffen konnten, aber das dauerte drei Jahre. Nach drei langen Jahren waren wir mit der Familie befreundet, konnten uns austauschen und gemeinsam lachen. Ich habe daraus gelernt, dass Dialog das Wichtigste ist im Leben.

Gaza? Die Armee wird den Fall klären

Ich bin pro-palästinensisch und pro-israelisch, es geht beides. Und ich bin keine Träumerin. Wer glaubt, dass man die Israelis ins Meer werfen kann, der irrt genauso wie derjenige, der meint, dass die Palästinenser keinen eigenen Staat brauchen und dass man den Gazastreifen vernichten kann. Wenn wir hier in Israel an der Grenze das Chanukkafest feiern, entzünden wir den Leuchter oben auf dem Hügel, damit die Menschen in Gaza ihn sehen können und wissen, dass wir an sie denken. Wir senden ihnen Briefe mit Grüßen und Botschaften. Manchmal veranstalten wir Symposien und freuen uns dann, wenn Gaza-Bewohner eine Erlaubnis von der israelischen Seite dafür bekommen, daran teilzunehmen. Wir sprechen über unsere Sorgen und Ängste, unsere Kinder und alles, was uns bewegt. Über Politik reden wir nicht so viel, wir begegnen uns vor allem auf menschlicher Ebene. In meinem Dorf gehöre ich einer Minderheit an, die für „Other Voice“ arbeitet. Die meisten meiner Familienmitglieder verstehen meinen Einsatz für Dialog mit der palästinensischen Seite nicht. Aber immerhin akzeptieren sie es und ich darf für Veranstaltungen unseren Dorf-Gemeinschaftsaal benutzen. Was ich über den Einsatz der israelischen Armee auf der Gaza-Flotilla denke, bei der zehn Menschen ums Leben kamen? Hm. Ich denke, dass eventuell einige der Soldaten ihre Macht vielleicht missbraucht haben. Vielleicht. Ich weiß es nicht. Ich bin überzeugt davon, dass darüber aber nur unsere Armee urteilen darf und niemand anderes. Und ich glaube daran, dass unsere Armee diesen Fall dann intern klärt, dessen bin ich mir ganz sicher. www.othervoice.org

(Alle Gesprächsprotokolle wurden von Liva Haensel aufgezeichnet.)

Hintergrundinformationen und  aktuelle Karten zum Nahostkonflikt sowie monatliche Berichte über die Situation in den besetzten palästinensischen Gebieten gibt es bei OCHA – Office for the Coordination of the Humanitarian Affairs United Nations: http://www.ochaopt.org/default.aspx

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