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„Wir halten durch“

2 Nov

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Roni Hammermann im Juli 2016, Jerusalem.          Fotos : Liva Haensel

Die israelische Frauenorganisation Machsom Watch unterstützt Palästinenser an den Kontrollpunkten zwischen Israel und der Westbank. Ihre Mitglieder beobachten die Lage an den Checkpoints und greifen auf gewaltfreie Art ein, wenn Soldaten und Zivilisten aneinandergeraten. Die israelischen Frauen leisten damit einen Beitrag gegen die Besatzung ihrer eigenen Nation. Und riskieren viel.

 

Von Liva Haensel

„Wenn wir könnten, mein Mann und ich, wir würden Israel am liebsten verlassen. Aber wir sind jetzt über 70, wir sind zu alt.“ Roni Hammermann sitzt auf ihrem Sofa und schaut ihr Gegenüber intensiv an. Sie denkt kurz nach, dann sagt sie. „Ich würde sehr gerne in Italien leben. Aber dort habe ich keine Freunde, keine Unterstützung. Also bleiben wir in Israel.“ Sie schweigt.

Wir sitzen in dem Wohnzimmer der Hammermanns in Nahlot, einem Stadtteil in West-Jerusalem.

Ich bin hierher gekommen, um mich mit einer der Gründerinnen von Machsom Watch zu unterhalten über ihre Arbeit. Die israelische Organisation wurde 2001 von Roni Hammermann mitbegründet. Sie besteht nur aus Frauen. Alle sind freiwillig aktiv, ohne Bezahlung, aber mit der Überzeugung im Kopf und im Herzen, dass die israelischen Kontrollpunkte in der Westbank abgeschafft werden müssen. So wie die israelische Besatzung insgesamt. Roni Hammermann ist jetzt 76 Jahre alt und sie ist verzweifelt. Denn die israelische Menschenrechtsaktivisten-Szene ist auf ein Häuflein zusammengeschrumpft in den letzten Jahren. Und die Politik Israels wird immer rechter: „Hier ist soviel Hass in diesem Land, soviel Wut und Rassismus, das ist nur schwer auszuhalten“, sagt Roni.

Die studierte Slawistin war nie eine überzeugte Zionistin, obgleich der neugeschaffene jüdische Staat ihren Eltern 1930 zu einer sicheren Insel wurde. Beide stammten aus Österreich-Ungarn und mussten als vor den Nationalsozialisten verfolgte Juden fliehen. Roni wurde 1940 vor der Staatsgründung Israels im damaligen Palästina geboren, verbrachte aber ihre Schul-und Studienzeit in Wien. Mit 25 Jahren zog sie nach Israel und blieb. Nicht, weil sie sich unter Juden am wohlsten fühlte, sagt sie. Sondern weil sie an der Hebräischen Universität Russisch unterrichtete und später Bibliotheksleiterin wurde.

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Ein palästinensischer Bewohner versucht, mit einem israelischen Soldaten zu verhandeln.

Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern war immer in der Menschenrechts-Szene aktiv, erzählt sie. Aber 2001 gab es eine entscheidende Wende in ihrem Leben. Aufgerüttelt durch einen Artikel in der linksliberalen Zeitung Haaretz, in der über palästinensische Frauen berichtet wurde, die ihre Babys an einem Checkpoint bekommen mussten, weil ihnen israelische Soldaten den Zugang zu den Krankenhäusern auf der anderen Seite verweigerten, begann Roni Hammermann mit einigen anderen Frauen darüber zu diskutieren. Werdende Mütter, die ihre Kinder auf offener Straße gebären mussten und das unter Lebensgefahr, das war ungeheuerlich, erinnert sie sich: „Wir sagten uns, kommt, da müssen wir hingehen, wir müssen uns die Situation direkt vor Ort an so einem Checkpoint ansehen.“

Hebräisch und Respekt vor dem Alter

Aus dem Hingehen und dem sich Vor-Ort-Überzeugen wurde eine der meist geachteten Nichtregierungsorganisationen Israels. Mittlerweile zählt die Organisation mit dem hebräischen Namen Machsom Watch (Checkpoint Watch) rund 300 Frauen. Wieviele es ganz genau sind, kann Roni Hammermann  gar nicht sagen. „Wir haben kein offizielles Büro, sondern arbeiten vor allem über E-Mails und Treffen“, sagt sie. Jede Woche beobachten Frauengruppen von Machsom Watch entweder morgens früh oder nachmittags ausgewählte Checkpoints im Norden und Süden des Landes. Israel verfügt derzeit über 80 solcher Kontrollpunkte, der Grossteil untersteht dem Verteidigungsministerium und wird von Soldaten und jeweils einem diensthabenden Offizier bewacht. Seit einigen Jahren aber gibt es die Tendenz des „Outsourcing“: Die Checkpoints werden privatisiert, die Kontrolle führen Sicherheitsfirmen aus. Für Palästinenser hat sich damit die Situation dramatisch verschlechtert. Die privaten Kontrollpunkte gelten als verroht, die Demütigungen bei den Kontrollen seien extremer als bei den militärisch geführten, kritisieren Menschenrechtsbeobachter.  Die sogenannten Private Guards seien ungebildet und spielten sich wie die Sheriffs gegenüber den Palästinensern auf, heisst es. Dies beobachten auch die Frauen von Machsom Watch, die sich vor allem dort positionieren, wo viele Menschen sind. Sie machen sich Notizen und fotografieren, nehmen Momente von Menschenrechtsverletzungen mit der Video-Kamera auf – und sie verhandeln mit den Soldaten. Denn oftmals werden sie Zeugen davon, dass Palästinenser die Kontrollpunkte nicht passieren dürfen. Ohne Grund, aus einer Laune heraus, begleitet von Aggressionen und Willkür. Sie bekommen mit, wie Menschen gedemütigt werden von Soldaten, denen der Pubertätsflaum manchmal noch auf der Oberlippe steht. Dann ist der Zeitpunkt für die Frauen gekommen, einzugreifen. „Unser Vorteil ist, dass wir mit den Soldaten auf Hebräisch sprechen können. Wir sind Israelinnen und genießen dadurch eine Sonderposition, die internationale Beobachter nicht haben“, so Roni Hammermann. Bei den Gesprächen mit den Soldaten helfe auch ihr Alter, so die Machsom-Watch-Mitgründerin. Alle Frauen sind über 50 Jahre alt, ein Großteil von ihnen sogar über 65. Das verschaffe zumindest anfänglich Respekt.

Illegal auf palästinensischem Land

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Der „Checkpoint 300“, Bethlehem 2016

Jede Frauengruppe veröffentlicht regelmäßig ihre Berichte auf der Webseite von Machsom Watch. Der israelische Staat hat seit Jahrzehnten Checkpoints installiert, die Palästinenser täglich passieren müssen. Auf dem Weg zur Arbeit, in die Universität, zu Familie und Freunden oder in die Gemeinde – ohne Checkpoint, ohne Identitätskarte und die schriftliche beantragte Erlaubnis von israelischer Seite geht es nicht weiter. Die rund 80 Kontrollpunkte sind illegal auf palästinensischem Land gebaut. Hinzu kommen zahlreiche sogenannte flying und partial Checkpoints, also fliegende und teilweise installierte, die in Sondersituationen ad-hoc errichtet werden und manchmal für tausende von Menschen ein großes Hindernis darstellen. Nur acht von ihnen befinden sich innerhalb der sogenannten Grünen Linie, der Waffenstillstandslinie von 1948. Machsom Watch informiert darüber auf seiner Webseite und in seinen Flyern.

Öffentlichkeitsarbeit steht ganz obenan

Am Anfang war es nur eine Handvoll Frauen, die sich Machsom Watch anschloss. Aber schon 2004 konnte die kleine Organisation sich offiziell registrieren lassen und damit auch Spendengelder rekrutieren. Diese sichern die laufenden Kosten für Machsom Watch. Die meisten Gelder werden für den Transport der Frauen an die Checkpoints benötigt, die oft weit weg von den Lebensmittelpunkten der Mitglieder liegen. Auch die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wird zunehmend kostspieliger. Denn natürlich möchte die Organisation ihr Wissen über die israelische Besatzung, die Informationen über die Checkpoint-Lage, verbreiten. In den letzten Jahren hat diese Arbeit zugenommen, weil „uns klargeworden ist, dass wir die israelische Gesellschaft wirklich aufklären müssen“, sagt Roni Hammermann. Machsom Watch hat einen Film produziert über die missliche Lage der Bauern im Jordantal, Titel :“The fading valley“. Bald soll eine Studie zu landwirtschaftlichen Toren bei Qualkilia im Norden der Westbank herausgebracht werden, um damit für die Öffentlichkeit„den systematischen Landraub Israels zu verdeutlichen“. Einige Frauen dokumentieren regelmässig Gerichtsverhandlungen in den Militärgerichten, in denen oft Jugendliche ohne rechtmässige Anklage und einen Anwalt sitzen. Palästinenser, die keine Passierscheine bekommen und auf der Schwarzen Liste Israels stehen, können sich ebenfalls an die Frauen wenden. Es gelingt nicht immer, die Namen dort zu entfernen. Aber so manches Mal hat es schon geklappt.

„Wir können überall stehen“

Die Frauen legen jetzt mehr Gewicht auf Führungen in englischer und hebräischer Sprache, sie gehen in vorbereitende Militärcamps für israelische Schüler, die den Armeedienst noch vor sich haben oder sprechen in Schulen und Akademien  über ihre Arbeit.  Roni Hammermann selbst steht einmal pro Woche am Qualandia-Checkpoint, einem der größten Kontrollpunkte auf Jerusalem-Seite, der von und nach Ramallah führt. Dieser Checkpoint sei besonders grausam, findet sie. Denn dort müssen sich die wartenden Menschen in Käfig artige Schlangen einreihen und oft stundenlange Wartezeiten auf sich nehmen. „Häufig wissen die jungen Soldaten in Qualandia noch nicht einmal, wo sie da genau sind, ob Westbank oder Jerusalem, eine absurde Situation“, findet Roni Hammermann.

Palästinenser müssen in Hebron 11 Checkpoints überqueren.

Palästinenser müssen in Hebron 11 Checkpoints überqueren.

Die Gespräche mit den Soldaten enden nicht immer gut für die engagierten Frauen. Einige wurden schon verhaftet, rüde angefasst oder das Militär versuchte, sie gar ganz zu verjagen. „Aber wir können dort überall stehen. Niemand kann uns befehlen, dass wir weggehen sollen“, ist Roni Hammermann überzeugt. In Zeiten von immer restriktiver werdenden Gesetzen gegen israelische Aktivisten und linke Journalisten stellt Machsom Watch eine absolute Ausnahme dar. Wer in Israel die Besatzung als solche benennt und kritisiert, für den wird die Luft deutlich dünner. Roni Hammermann weiß das und es zermürbt sie. Ihre Tochter lebt in Mainz, „Gottseidank, damit entkomme sie der israelischen Gehirnwäsche“.

Die Deutschen sollen aufwachen

Ihre Prognose für die Zukunft sieht düster aus: Sollte die israelische Gesellschaft sich nicht bald abwenden von ihrer rassistischen Haltung und ihrem Apartheidsgebaren gegenüber Andersdenkenden und den palästinensischen Mitbürgern, drohe dem Land ein absolutes Chaos, prophezeit sie. Dies würde nur noch durch einen totalen Krieg in der Region getoppt werden, ein „Unglücksfall“, wie Roni Hammermann es ausdrückt. Zum Beispiel wenn die arabischen Nachbarn Israel angreifen würden. Sie hofft das nicht. Aber woran glaubt sie noch? „Ich befürworte die Boykottbewegung und ich finde, der Druck von außen auf Israel muss zunehmen. Auch ihr Deutsche müsst mehr aufwachen! Kritik an Israel ist kein Antisemitismus, diese Behauptung ist Quatsch.“

Deutliche Worte einer starken Frau, die von sich selbst sagt, dass sie nicht mehr weiß, ob sie noch psychisch gesund sein kann in dieser Situation. Wie antwortete Roni Hammermann zu Beginn unseres Gesprächs auf meine Frage, seit wann Machsom Watch aktiv sei? „Wir halten seit 2001 durch.“

Website: machsomwatch.org

Sihams Revolution

7 Mrz
Keine Fotos von vorne: Siham vor ihrem zerstörten Haus in An Numan.  Foto: Liva Haensel

Keine Fotos von vorne: Siham vor ihrem zerstörten Haus in An Numan.
Fotos: Liva Haensel

„Ich vergesse mein Englisch so allmählich. Ich kann mich nicht mehr ausdrücken in dieser Sprache. Es ist entsetzlich.“ Siham schüttelt ungläubig den Kopf über sich selbst, die Baumwollkapuze ihres Sweaters fliegt hin und her. Die junge Frau beugt sich zu ihrer Tochter herunter, streicht ihr kurz über das Haar und schlappt dann in Plastiklatschen ins Haus. In einer Stunde kommt ihr Mann nach Hause, sie will noch frisches Brot für ihn backen.

 Frauen tauchen nicht auf

In Palästina ist die Hälfte der Bevölkerung weiblich. Fast alle Frauen hier können – das ist der Unterschied zu ihren arabischen Nachbarinnen – lesen und schreiben. Über die Hälfte hat einen Hochschulabschluss, mindestens einen Bachelor, zahlreiche Frauen weisen einen Master oder gleich einen Doktortitel auf. Aber auf dem palästinensischen Arbeitsmarkt tauchen diese Frauen am oberen Ende der Bildungsleiter nicht mehr auf. Nur 15 Prozent haben einen Job, darunter fallen vor allem Teilzeitjobs. Das ist die Parallele zu hochentwickelten Industrienationen wie Deutschland. Auch im reichen Europa bleiben Frauen oftmals ausgeschlossen von den Kreisen der Macht, des Geldes, der Teilhabe. Aber immerhin leben sie nicht unter Besatzung einer anderen Nation.

Ich bin nichts

Siham ist 30 Jahre alt, sie hat drei Kinder, eine Tochter und zwei Söhne. Nach dem Abitur studierte sie Pharmazie an der Bethlehem Universität, die mit Forschungseinrichtungen in den USA kooperiert. Sie wollte Apothekerin werden. In Palästina gibt es viele davon, fast an jeder Ecke findet man eine „Pharmacy“. Mit 21 heiratete Siham und wurde schwanger. Ihr Mann Rahed, der keine akademische Ausbildung hat, arbeitete eine Zeit lang in der jüdischen Siedlung Har Homa, die gegenüber von An Numan, ihrem Wohnort, liegt. Mit dem Geld brachte er die Familie durch und sparte für ein Haus. Als sich chronische Rückenprobleme bei ihm bemerkbar machten, musste er aufhören. Siham konnte ihre Unisemester nicht mehr bezahlen und brach ihr Studium ab. Darunter leidet sie noch heute. „Ich bin nichts, ich habe nichts. Ich kann noch nicht einmal Geld für uns verdienen, ich kriege keine Arbeit“, sagt sie.

Grafik mit Verlauf der israelischen Sperranlage zwischen Jerusalem und Bethlehem. An Numan ist östlich von Bethlehem an der roten Linie eingezeichnet.  Grafik: Applied Research Institute Jerusalem

Grafik mit Verlauf der israelischen Sperranlage zwischen Jerusalem und Bethlehem. An Numan ist östlich von Bethlehem an der roten Linie eingezeichnet.
Grafik: Applied Research Institute Jerusalem

An Numan ist isoliert

Erschwerend kommt noch hinzu, dass das Dorf in dem sie lebt, völlig isoliert ist. An Numan, in der Westbank östlich von Bethlehem gelegen, wurde 1967 im Zuge des 6-Tage-Krieges von Israel besetzt. Die damalige Regierung beschloss daraufhin, das Dorf Jerusalem einzuverleiben. Die Dorfbewohner versuchten, blaue Jerusalem-Ausweise zu beantragen, um einen legalen Rechtsstatus zu erlangen. Aber bis zum heutigen Jahr erhalten sie nur Absagen. Siham ist nun eine illegale Einwohnerin ihres eigenen Dorfes. Westbank-Ausweis-Inhabern ist es untersagt, An Numan zu betreten. Müllabfuhr, Ärzte, sogar Verwandte und Freunde können den Checkpoint unten am Fuß des Dorfes nicht passieren.

Israelisches Recht

„Seit ich geheiratet habe und hierher gezogen bin, hat sich mein Leben radikal verschlechtert“, sagt Siham mit Tränen in den Augen, während sie auf die Trümmer ihres Lebens blickt. Vor ihr zieht sich ein riesiger Schutthaufen von Bauresten hoch in den Himmel, der einst das Haus der Familie war. 2011 zerstörten israelische Bulldozer  ihr Heim, weil Bauen dort nicht erlaubt ist. Jetzt muss Siham seit zwei Jahren auf ihr steingewordenes Trauma blicken, weil Transporter von außerhalb nicht die Schuttreste wegfahren dürfen. Israelisches Recht. Manchmal wenn Siham mit ausländischen Besucherinnen spricht, wird sie nachdenklich. Sie begegnet Frauen, die nicht verheiratet sind, die sich selbst verwirklichen, studieren, streiten, sich trennen, ein Kind alleine großziehen. „Es ist eine riesige Verantwortung,  wenn man einen Ehemann hat und Kinder erziehen muss“, sagt sie. Der Mann mache,  was er wolle, aber sie als Frau müsse allein schon der Kinder wegen funktionieren. „Das ist nicht einfach.“

Europäerinnen kapierten es nicht

Im Fernsehen hat Siham viele Länder gesehen, China, Bolivien, Indien, Portugal. In Gedanken ist sie schon oft auf Reisen gegangen, hat ihren Koffer gepackt

Stell Dir vor, sie duftet nur für Dich...

Stell Dir vor, sie duftet nur für Dich…

und ist einfach abgehauen. Als Mitarbeiterinnen einer internationalen Organisation aus Bethlehem sie zu ihrer Abschiedsparty in die Stadt einluden, winkte sie ab. „Nein, das geht nicht, mein Mann möchte das nicht, ich kann hier nicht das Dorf verlassen“, gab sie den verdutzten Ausländerinnen zur Antwort. Es hat eine Weile gedauert bis die Frauen aus Europa begriffen: Das ist Sihams Art der Revolution. Zu bleiben, als Frau und Mensch, wo andere längst feige die Flucht ergriffen hätten. Hasta la victoria siempre, collega!

 Die Redaktion von Dreiecksbeziehung gratuliert am 8. März, dem Internationalen Weltfrauentag, allen Frauen aufs Herzlichste: Weiter so, ihr seid Spitze!

Frau in Flammen

21 Feb
"Fadwa". Porträt von Amjad Ghannam (1981); entzündliche Materialien und Acryl auf Holz, 2012

„Fadwa“. Porträt von Amjad Ghannam (1981); entzündliche Materialien und Acryl auf Holz, 2012

Vor zwei Jahren, am 21. Februar 2011, übergoss sich Fadwa Laroui (damals 25), eine junge Marokkanerin aus Souk Sebt, mit Benzin und zündete sich auf offener Straße an. Der palästinensische Künstler Amjad Ghannam schreibt über sie:

Fadwa war eines von acht Kindern, sie stammte aus einer armen Familie. Als sie 14 Jahre alt war, wurde sie vergewaltigt und bekam einen Sohn. Der Vater des Kindes erkannte es nie an. Mit 18 Jahren vergewaltigte man sie erneut, dieses Mal bekam sie eine Tochter. Sie bekam ihr Leben irgendwie hin, indem sie als Kellnerin in den Cafés im Souk arbeitete. Als Wiedergutmachung dafür, dass die Stadtverwaltung „Shantytowns“ abgerissen hatten, in denen Fadwas Familie lebte, bekam sie dafür ein alternatives Haus angeboten. Obwohl Fadwas Vater die Zusage dafür bekommen hatte, verweigerte die Stadtverwaltung der alleinerziehenden Mutter ihr Recht auf die Wohnung. Nachdem sie allein sechs Absagen erhalten hat, wird Fadwa beim Bürgermeister vorstellig, um ihr Gesuch zu erneuern. An einem Montag, um 9 Uhr in der Frühe, wird sie schließlich aus dem Amt rausgeschmissen, begleitet von heftigen Beleidigungen. Wieder auf der Straße ruft sie: „I Mmustaash“, „Ich bin nicht verrückt“, und setzt ihren Körper in Flammen, um der Welt offen ihre Wut zu zeigen. Fadwa Laroui ist die erste arabische Frau, die sich selbst in den Flammen tötete – obwohl sie bereits vorher schon viele Male gestorben war.

Laut dem Global Gender Gap Report 2011 nimmt Marokko bezüglich der Situation von Frauen einen der letzten Plätze auf Rang 125 von insgesamt 139 Ländern ein. Demnach sind Frauen im Nahen Osten in puncto Bildung, Gesundheit und wirtschaftliche Teilhabe weltweit am schlechtesten gestellt. Israel ist auf Platz 55, Deutschland auf Platz 11.

In den deutschen Medien ging der Fall Fadwa Laroui gänzlich unter. Sie starb am 23. Februar an ihren Verletzungen in einem Krankenhaus in Casablanca. Das Bild „Fadwa“ kann man derzeit in der Galerie des Khalil Sakakini Cultural Center Ramallah sehen. Es zeigt gerade die Ausstellung „Open Studio“ mit Werken junger palästinensischer Künstler. Mit seinem Bild hat Amjad Ghannam Fadwa Laroui ihr Gesicht zurückgeben,  ihre Würde.

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