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„Wir halten durch“

2 Nov

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Roni Hammermann im Juli 2016, Jerusalem.          Fotos : Liva Haensel

Die israelische Frauenorganisation Machsom Watch unterstützt Palästinenser an den Kontrollpunkten zwischen Israel und der Westbank. Ihre Mitglieder beobachten die Lage an den Checkpoints und greifen auf gewaltfreie Art ein, wenn Soldaten und Zivilisten aneinandergeraten. Die israelischen Frauen leisten damit einen Beitrag gegen die Besatzung ihrer eigenen Nation. Und riskieren viel.

 

Von Liva Haensel

„Wenn wir könnten, mein Mann und ich, wir würden Israel am liebsten verlassen. Aber wir sind jetzt über 70, wir sind zu alt.“ Roni Hammermann sitzt auf ihrem Sofa und schaut ihr Gegenüber intensiv an. Sie denkt kurz nach, dann sagt sie. „Ich würde sehr gerne in Italien leben. Aber dort habe ich keine Freunde, keine Unterstützung. Also bleiben wir in Israel.“ Sie schweigt.

Wir sitzen in dem Wohnzimmer der Hammermanns in Nahlot, einem Stadtteil in West-Jerusalem.

Ich bin hierher gekommen, um mich mit einer der Gründerinnen von Machsom Watch zu unterhalten über ihre Arbeit. Die israelische Organisation wurde 2001 von Roni Hammermann mitbegründet. Sie besteht nur aus Frauen. Alle sind freiwillig aktiv, ohne Bezahlung, aber mit der Überzeugung im Kopf und im Herzen, dass die israelischen Kontrollpunkte in der Westbank abgeschafft werden müssen. So wie die israelische Besatzung insgesamt. Roni Hammermann ist jetzt 76 Jahre alt und sie ist verzweifelt. Denn die israelische Menschenrechtsaktivisten-Szene ist auf ein Häuflein zusammengeschrumpft in den letzten Jahren. Und die Politik Israels wird immer rechter: „Hier ist soviel Hass in diesem Land, soviel Wut und Rassismus, das ist nur schwer auszuhalten“, sagt Roni.

Die studierte Slawistin war nie eine überzeugte Zionistin, obgleich der neugeschaffene jüdische Staat ihren Eltern 1930 zu einer sicheren Insel wurde. Beide stammten aus Österreich-Ungarn und mussten als vor den Nationalsozialisten verfolgte Juden fliehen. Roni wurde 1940 vor der Staatsgründung Israels im damaligen Palästina geboren, verbrachte aber ihre Schul-und Studienzeit in Wien. Mit 25 Jahren zog sie nach Israel und blieb. Nicht, weil sie sich unter Juden am wohlsten fühlte, sagt sie. Sondern weil sie an der Hebräischen Universität Russisch unterrichtete und später Bibliotheksleiterin wurde.

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Ein palästinensischer Bewohner versucht, mit einem israelischen Soldaten zu verhandeln.

Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern war immer in der Menschenrechts-Szene aktiv, erzählt sie. Aber 2001 gab es eine entscheidende Wende in ihrem Leben. Aufgerüttelt durch einen Artikel in der linksliberalen Zeitung Haaretz, in der über palästinensische Frauen berichtet wurde, die ihre Babys an einem Checkpoint bekommen mussten, weil ihnen israelische Soldaten den Zugang zu den Krankenhäusern auf der anderen Seite verweigerten, begann Roni Hammermann mit einigen anderen Frauen darüber zu diskutieren. Werdende Mütter, die ihre Kinder auf offener Straße gebären mussten und das unter Lebensgefahr, das war ungeheuerlich, erinnert sie sich: „Wir sagten uns, kommt, da müssen wir hingehen, wir müssen uns die Situation direkt vor Ort an so einem Checkpoint ansehen.“

Hebräisch und Respekt vor dem Alter

Aus dem Hingehen und dem sich Vor-Ort-Überzeugen wurde eine der meist geachteten Nichtregierungsorganisationen Israels. Mittlerweile zählt die Organisation mit dem hebräischen Namen Machsom Watch (Checkpoint Watch) rund 300 Frauen. Wieviele es ganz genau sind, kann Roni Hammermann  gar nicht sagen. „Wir haben kein offizielles Büro, sondern arbeiten vor allem über E-Mails und Treffen“, sagt sie. Jede Woche beobachten Frauengruppen von Machsom Watch entweder morgens früh oder nachmittags ausgewählte Checkpoints im Norden und Süden des Landes. Israel verfügt derzeit über 80 solcher Kontrollpunkte, der Grossteil untersteht dem Verteidigungsministerium und wird von Soldaten und jeweils einem diensthabenden Offizier bewacht. Seit einigen Jahren aber gibt es die Tendenz des „Outsourcing“: Die Checkpoints werden privatisiert, die Kontrolle führen Sicherheitsfirmen aus. Für Palästinenser hat sich damit die Situation dramatisch verschlechtert. Die privaten Kontrollpunkte gelten als verroht, die Demütigungen bei den Kontrollen seien extremer als bei den militärisch geführten, kritisieren Menschenrechtsbeobachter.  Die sogenannten Private Guards seien ungebildet und spielten sich wie die Sheriffs gegenüber den Palästinensern auf, heisst es. Dies beobachten auch die Frauen von Machsom Watch, die sich vor allem dort positionieren, wo viele Menschen sind. Sie machen sich Notizen und fotografieren, nehmen Momente von Menschenrechtsverletzungen mit der Video-Kamera auf – und sie verhandeln mit den Soldaten. Denn oftmals werden sie Zeugen davon, dass Palästinenser die Kontrollpunkte nicht passieren dürfen. Ohne Grund, aus einer Laune heraus, begleitet von Aggressionen und Willkür. Sie bekommen mit, wie Menschen gedemütigt werden von Soldaten, denen der Pubertätsflaum manchmal noch auf der Oberlippe steht. Dann ist der Zeitpunkt für die Frauen gekommen, einzugreifen. „Unser Vorteil ist, dass wir mit den Soldaten auf Hebräisch sprechen können. Wir sind Israelinnen und genießen dadurch eine Sonderposition, die internationale Beobachter nicht haben“, so Roni Hammermann. Bei den Gesprächen mit den Soldaten helfe auch ihr Alter, so die Machsom-Watch-Mitgründerin. Alle Frauen sind über 50 Jahre alt, ein Großteil von ihnen sogar über 65. Das verschaffe zumindest anfänglich Respekt.

Illegal auf palästinensischem Land

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Der „Checkpoint 300“, Bethlehem 2016

Jede Frauengruppe veröffentlicht regelmäßig ihre Berichte auf der Webseite von Machsom Watch. Der israelische Staat hat seit Jahrzehnten Checkpoints installiert, die Palästinenser täglich passieren müssen. Auf dem Weg zur Arbeit, in die Universität, zu Familie und Freunden oder in die Gemeinde – ohne Checkpoint, ohne Identitätskarte und die schriftliche beantragte Erlaubnis von israelischer Seite geht es nicht weiter. Die rund 80 Kontrollpunkte sind illegal auf palästinensischem Land gebaut. Hinzu kommen zahlreiche sogenannte flying und partial Checkpoints, also fliegende und teilweise installierte, die in Sondersituationen ad-hoc errichtet werden und manchmal für tausende von Menschen ein großes Hindernis darstellen. Nur acht von ihnen befinden sich innerhalb der sogenannten Grünen Linie, der Waffenstillstandslinie von 1948. Machsom Watch informiert darüber auf seiner Webseite und in seinen Flyern.

Öffentlichkeitsarbeit steht ganz obenan

Am Anfang war es nur eine Handvoll Frauen, die sich Machsom Watch anschloss. Aber schon 2004 konnte die kleine Organisation sich offiziell registrieren lassen und damit auch Spendengelder rekrutieren. Diese sichern die laufenden Kosten für Machsom Watch. Die meisten Gelder werden für den Transport der Frauen an die Checkpoints benötigt, die oft weit weg von den Lebensmittelpunkten der Mitglieder liegen. Auch die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wird zunehmend kostspieliger. Denn natürlich möchte die Organisation ihr Wissen über die israelische Besatzung, die Informationen über die Checkpoint-Lage, verbreiten. In den letzten Jahren hat diese Arbeit zugenommen, weil „uns klargeworden ist, dass wir die israelische Gesellschaft wirklich aufklären müssen“, sagt Roni Hammermann. Machsom Watch hat einen Film produziert über die missliche Lage der Bauern im Jordantal, Titel :“The fading valley“. Bald soll eine Studie zu landwirtschaftlichen Toren bei Qualkilia im Norden der Westbank herausgebracht werden, um damit für die Öffentlichkeit„den systematischen Landraub Israels zu verdeutlichen“. Einige Frauen dokumentieren regelmässig Gerichtsverhandlungen in den Militärgerichten, in denen oft Jugendliche ohne rechtmässige Anklage und einen Anwalt sitzen. Palästinenser, die keine Passierscheine bekommen und auf der Schwarzen Liste Israels stehen, können sich ebenfalls an die Frauen wenden. Es gelingt nicht immer, die Namen dort zu entfernen. Aber so manches Mal hat es schon geklappt.

„Wir können überall stehen“

Die Frauen legen jetzt mehr Gewicht auf Führungen in englischer und hebräischer Sprache, sie gehen in vorbereitende Militärcamps für israelische Schüler, die den Armeedienst noch vor sich haben oder sprechen in Schulen und Akademien  über ihre Arbeit.  Roni Hammermann selbst steht einmal pro Woche am Qualandia-Checkpoint, einem der größten Kontrollpunkte auf Jerusalem-Seite, der von und nach Ramallah führt. Dieser Checkpoint sei besonders grausam, findet sie. Denn dort müssen sich die wartenden Menschen in Käfig artige Schlangen einreihen und oft stundenlange Wartezeiten auf sich nehmen. „Häufig wissen die jungen Soldaten in Qualandia noch nicht einmal, wo sie da genau sind, ob Westbank oder Jerusalem, eine absurde Situation“, findet Roni Hammermann.

Palästinenser müssen in Hebron 11 Checkpoints überqueren.

Palästinenser müssen in Hebron 11 Checkpoints überqueren.

Die Gespräche mit den Soldaten enden nicht immer gut für die engagierten Frauen. Einige wurden schon verhaftet, rüde angefasst oder das Militär versuchte, sie gar ganz zu verjagen. „Aber wir können dort überall stehen. Niemand kann uns befehlen, dass wir weggehen sollen“, ist Roni Hammermann überzeugt. In Zeiten von immer restriktiver werdenden Gesetzen gegen israelische Aktivisten und linke Journalisten stellt Machsom Watch eine absolute Ausnahme dar. Wer in Israel die Besatzung als solche benennt und kritisiert, für den wird die Luft deutlich dünner. Roni Hammermann weiß das und es zermürbt sie. Ihre Tochter lebt in Mainz, „Gottseidank, damit entkomme sie der israelischen Gehirnwäsche“.

Die Deutschen sollen aufwachen

Ihre Prognose für die Zukunft sieht düster aus: Sollte die israelische Gesellschaft sich nicht bald abwenden von ihrer rassistischen Haltung und ihrem Apartheidsgebaren gegenüber Andersdenkenden und den palästinensischen Mitbürgern, drohe dem Land ein absolutes Chaos, prophezeit sie. Dies würde nur noch durch einen totalen Krieg in der Region getoppt werden, ein „Unglücksfall“, wie Roni Hammermann es ausdrückt. Zum Beispiel wenn die arabischen Nachbarn Israel angreifen würden. Sie hofft das nicht. Aber woran glaubt sie noch? „Ich befürworte die Boykottbewegung und ich finde, der Druck von außen auf Israel muss zunehmen. Auch ihr Deutsche müsst mehr aufwachen! Kritik an Israel ist kein Antisemitismus, diese Behauptung ist Quatsch.“

Deutliche Worte einer starken Frau, die von sich selbst sagt, dass sie nicht mehr weiß, ob sie noch psychisch gesund sein kann in dieser Situation. Wie antwortete Roni Hammermann zu Beginn unseres Gesprächs auf meine Frage, seit wann Machsom Watch aktiv sei? „Wir halten seit 2001 durch.“

Website: machsomwatch.org

Liberté. Toujours!

14 Jan
Nicht nur Affen essen Bananen.   Bild: Weltbühne 1929

Nicht nur Affen essen Bananen. Bild: Weltbühne 1929

Was darf Satire? Alles.

Sie darf beißen, lechzen, streicheln, werten, reinzeichnen, übertreiben, auf den Kopf stellen, kotzen, auf den Punkt bringen, verlachen, stigmatisieren, boxen, ächzen, seitenhiebeln, verbiegen, heulen, geraderücken, verteufeln, spötteln, vergeistigen, ängstigen, ermöglichen, weiterdenken.

All das muss sie sogar. Sonst wäre es keine Satire.

Es gab sie immer und es wird sie immer geben.

Satire hat seit jeher Oberhäupter angegriffen, Popanze entlarvt, Kleingeister eingekerkert und Treudoofe auch noch für dumm erklärt.

In der Charlie Hebdo (und anderen Zeitungen der Welt) wird nicht der Islam an sich kritisiert, sondern die Art, wie Menschen ihn auslegen und mit ihm umgehen. In Ost-Jerusalem zum Beispiel: Dort finden viele arabische Männer es lustig, nicht-arabische Frauen mit Begriffen wie „Tochter einer Hure“ oder auch nur „Hure“ (Sharmutta) zu beschimpfen. Das hört man jeden Tag mindestens zweimal, wenn man durch die Straßen dort läuft. Eine dahintersteckende rigide Sexualmoral und eine Frauen verachtende Haltung von vielen jungen muslimischen Männern wird (Frauen) ganz deutlich. Wer dort lebt, wechselt radikal seinen Kleiderschrank: Anstelle Spagettiträgertops wie in Tel Aviv besser lange Leinenhose und T-Shirt.

Pure Realsatire

Ultraorthodoxe Juden können es nicht ertragen, wenn ihnen eine normal gekleidete Frau entgegenkommt mit, sagen wir mal, nackten Füßen in

Der Beste, immer noch: Journalist und Jurist Kurt Tucholsky war Mitherausgeber der Berliner "Weltbühne"

Der Beste, immer noch: Journalist und Jurist Kurt Tucholsky war Mitherausgeber der Berliner „Weltbühne“

Sandalen. Sie wechseln dann lieber die Straßenseite oder spucken aus. Weil weibliche Oberhäupter nicht in ihr strenges Weltbild passen, wurde Angela Merkel kurzerhand wegradiert Dank Photoshop auf dem Foto zur Massendemonstration Charlie Hebdo in Paris am vergangenen Sonntag in einer ultraorthodoxen Zeitung. Jüdisch-orthodoxe Männer konnten es nicht ertragen in 2014, dass weibliche Fluggäste neben ihnen in der Maschine saßen und beschwerten sich bei El Al und Delta Airlines. Die Flüge konnten nicht pünktlich starten. Die Airlines äußerten später dazu, sie hätten nicht vor, künftig eine getrennte Sitzordnung nach Geschlechtern einzuführen. Seit 1982 kämpfen jüdische Frauen dafür, gleichberechtigt an der Klagemauer neben dem Platz der Männern laut beten und singen zu dürfen.

Pure Realsatire

In der Grabeskirche in Jerusalems Altstadt halten russisch-orthodoxe Frauen andächtig am Grab Jesu inne, küssen den Stein, wo er gesalbt wurde und bekreuzigen sich heftig. Als die Theologin Margot Käßmann noch Ratsvorsitzende der EKD war und damit das höchste Amt an der Spitze der evangelischen Kirche Deutschlands inne hatte, erlebte sie Überraschendes: Der damalige russische Patriarch wollte ihr bei einem Meeting nicht die Hand geben und lehnte ein Treffen mit ihr generell ab. Er könne – so sein Argument – keine Frau als geistliches Oberhaupt einer Kirche akzeptieren.

Pure Realsatire

Zeigs mir: In der Charlie Hebdo ist Mohammed häufig der nackte Star.  Bild: Charlie Hebdo

Zeigs mir: In der Charlie Hebdo ist Mohammed häufig der nackte Star.
Bild: Charlie Hebdo

Diese drei Beispiele zeigen, wie tagtäglich Diskriminierungen stattfinden, jeden Tag zu tausenden mit uns und unter uns und durch uns. Religiös motiviert manchmal, manchmal nicht. Hallo, Sexismus! Hallo, Rassismus! Hallo, bunte, böse Welt!

Charlie Hebdo wurde von einigen im Nachgang als rassistisch, islamophob und sexistisch bezeichnet. Es handele sich dabei ja gar nicht um einen Massenmedium, sondern nur um eine kleine Ramdzeitung, hieß es. Klar. Satire trägt keine weiße Weste und wird nicht von massenhaft Leuten gelesen. Weil sie spitze Zähne trägt, mag sie nicht jedermann. Es gehört eine Portion Mut, Reflexionsvermögen und vielleicht auch Distanz beim Leser dazu, in so eine Zeitung zu schauen. Nicht über alles kann und muss man lachen. Bürger dürfen Zeichnungen schrecklich-beleidigend finden. Einer der überlebenden Redakteure der Charlie Hebdo hatte später gesagt: „An dem Tag als die Tat passierte, hatten wir gerade unsere Redaktionskonferenz beendet. Eigentlich waren wir alle nur Scherzkekse.“

Liberté toujours

Keiner wird umgebracht, weil er nicht richtig gekleidet ist. Eine andere Religion hat. Keine hat. Gar nichts hat. Zuviel hat. Nicht passt. Anders aussieht. Sein Leben lebt. Eine Vision hat. Einfach da ist.

Kann sein, dass ihr muslimischen Männer da was falsch verstanden habt. Wir müssen reden? Mal abends auf ne Zigarette um die Ecke? Nein, ihr müsst reden. Untereinander.

 

 

 

Oxfam, it is time: Set the Human Rights now free!

27 Jan
Free Palestine: Palästinenser in Bethlehem mit der für sie wichtigsten Botschaft zu Weihnachten.  Foto: Haensel

Free Palestine: Palästinenser in Bethlehem mit der für sie wichtigsten Botschaft zu Weihnachten.
Foto: Haensel

Mit dem Slogan “Set the bubbles free” wirbt die Schauspielerin und Oxfam-Botschafterin Scarlett Johansson für die israelische Marke Soda Stream, die illegal in der Westbank operiert. Trotz weltweiter Kritik von Menschenrechtsaktivisten und Oxfams Bedenken hält Johansson dennoch an ihrem Werbevertrag fest. Der Entwicklungshilfe-Riese Oxfam ist jetzt in der Position zu reagieren. Und wir alle, wenn wir wollen, dass diese schlechte Geschichte ein gutes Ende findet.

 

Offener Brief an Oxfam Deutschland e.V und Oxfam International

Oxfam International Secretariat
Suite 20
266 Banbury Road
Oxford OX2 7DL
United Kingdom
Email: information@oxfaminternational.org
Fax: +44 1865 339 101
Phone: +44 1865 339 100
 
Am Köllnischen Park 1
10179 Berlin
Tel: +49-30-453069-0
Fax: +49-30-453069-401
E-Mail: info@oxfam.de

Sehr geehrter Herr Joris Voorhoeve

sehr geehrte Frau Winnie Byanyima

sehr geehrtes Oxfam-Management,

in ihrem der Öffentlichkeit zugänglichen Dokument „20 FACTS: 20 YEARS SINCE THE OSLO ACCORDS“ beschreiben sie die Situation der palästinensischen Bevölkerung in Details.  20 einzelne Punkte sind dort aufgelistet und mit seriösen Quellen unterlegt, die aufzeigen, warum Oslo für Palästinenser ein Windbeutel ohne Sahne, aber für Israelis die profitable Kirsche on the top darstellt.

Sie schreiben in Ihrem Bericht: „Land in den A- und B-Gebieten kostet dort bis zu 150 Prozent mehr als eine vergleichbare Landfläche im C-Gebiet. Die Kosten für Flächen in Gebiet A und B sind aufgrund von Restriktionen gegen eine palästinenische Entwicklung in dem  C-Gebiet extrem gestiegen. Der Mangel an Land aber ist es, der direkt in nur geringfügige Erträge und eine erhöhte Arbeitslosigkeit führt und der bewirkt, dass sich palästinensische Produkte nicht auf dem Markt halten können.“

Sie betonen in Ihrer Zusammenfassung, dass Siedlergewalt gegen die palästinensische Bevölkerung weiter zunimmt, palästinensische Zivilisten keinen Schutz dagegen erfahren und dass mittlerweile 42 Prozent der Westbank von illegalen jüdischen Siedlungen durchzogen seien; darunter von mehr als 100 Outposts.

Am wichtigsten aber ist dieser von Ihnen verfasste Satz: Palestinians continue to pay the price for the ongoing Israeli occupation – Palästinenser zahlen weiterhin den Preis für die fortdauernde israelische Besatzung.

Es ist löblich, dass Oxfam als große und bedeutende Entwicklungshilfe-Organisation eine klare Stellung bezieht in Hinblick auf die illegale israelische Besatzung, die nach den Genfer Konventionen und Internationalem Recht völkerrechtswidrig ist. Damit stellt sich die Organisation auf die Seite der Menschenrechte und auf diejenige, auf deren Grundlage sich auch zahlreiche Israelis, Juden, Palästinenser und andere Menschen weltweit für Frieden in der Region und ein Ende der Besatzung einsetzen. Das SodaStream-Statement von Scarlett Johannson hat gezeigt, dass die Oxfam-Botschafterin, die sich für eben diese Menschenrechte einzusetzen meint, die klare Position Oxfams nicht verstanden hat und sie nicht erfüllt. Maale Adumim ist laut den Osloer Abkommen kein A-Gebiet, sondern liegt in der Peripherie Ost-Jerusalems, das derzeit laut UN Ocha von rund 200.000 israelischen Siedlern illegal bewohnt wird. Ihr hoher Lebensstandard wird dafür mit bis zu 5-fachen Subventionsspannen vom Staat Israel finanziert. Die Firma SodaStream befindet sich auf palästinensischem Land, auf dem einst tausende Menschen lebten und arbeiteten, fürr die dieses Land jenseits von Jerusalem gelegen ihre Heimat bedeutete. SodaStream baut keine „Brücken“ wie sein Management  und Johansson behaupten, und wirkt auch nicht Armut entgegen, sondern geht einher  mit der einseitigen Politk Israels zugunsten jüdischer Staatsbürger und zu Ungunsten der palästinensischen. Wer Land enteignet, sich selbst aber schönredet damit, dass er ja den Menschen, die das Land dadurch verloren haben, Arbeitsplätze anbietet, ist zynisch. Oder profitorientiert oder beides. SodaStream verletzt die Menschenrechte. Wer damit eine Liason eingeht, setzt auch keine Blasen mehr frei, sondern nur noch Phrasen (siehe Johanssons Statement, das sie vergangenen Freitag an die Redaktion der Huffington Post schickte.)

Maale Adumim steht stellvertretend für eine aggressive Siedlerkolonialismus-Politik Israels, die von vielen Menschen in Israel, Deutschland und natürlich Palästina selbst abgelehnt wird, weil sie nicht mehr mit demokratischen Werten vereinbar ist.

Waehrend die Maschinen in dem SodaStream-Werk in Maale Adumim rattern, mischen die Zementmaschinen die Baumasse fuer neu angekuendigte 1800 Wohneinheiten in ebensolchen Siedlungen. Sie sind es auch, die eine 2-Staatenloesung schon vor Jahren unmöglich gemacht haben, an die Palästinenser ohnehin nicht mehr glauben. Denn wie soll ein Fleckenteppich mit 500.000 jüdischen Siedlern, 500 Checkpoints und einem abgetrennten Strassensystem ein Staat werden?

Scarlett Johansson hatte eine einmalige Chance, auf die Kritik zu ihrem Werbevertrag mit SodaStream adäquat zu reagieren. Sie hätte aussteigen können. Auch, weil der Jüdische Staat eben nicht im Namen von allen Juden sprechen kann und soll. Das Geld braucht sie nicht. Sie hat es nicht getan. Jetzt haben Sie die einmalige Chance, Flagge zu zeigen. Für Menschenrechte und ein echtes Engagament für Frieden in Nahost, einer Region, in der Oxfam sehr engagiert ist. Die Palästinenser werden sehr genau beobachten, wie Sie sich jetzt verhalten werden. Eine Trennung von Johansson wäre ein klares Bekenntnis von Oxfam für die Schwachen und Leidtragenden. It is time: Set the Human Rights free!

Den Bericht „Communities in the Jerusalem Periphery at Risk of forced displacement“ von UN Ocha vom Juni 2013 kann man hier abrufen.

Grafik: www.visualizingplaestine.org

Grafik: visualizingpalestine.org

Oxfam veröffentlichte am Sonntag folgenden Text auf seiner Englisch sprachigen Webseite: “We have been engaged in dialogue with Scarlett Johansson and she has now expressed her position in a statement, including stressing her pride in her past work with Oxfam. Oxfam is now considering the implications of her new statement and what it means for Ms. Johansson’s role as an Oxfam global ambassador.”

 Das Statement von Scarlett Johansson erschien am 24.1.2014 auf der Webseite der Huffington Post:

„While I never intended on being the face of any social or political movement, distinction, separation or stance as part of my affiliation with SodaStream, given the amount of noise surrounding that decision, I’d like to clear the air.

I remain a supporter of economic cooperation and social interaction between a democratic Israel and Palestine. SodaStream is a company that is not only committed to the environment but to building a bridge to peace between Israel and Palestine, supporting neighbors working alongside each other, receiving equal pay, equal benefits and equal rights. That is what is happening in their Ma’ale Adumim factory every working day. As part of my efforts as an Ambassador for Oxfam, I have witnessed first-hand that progress is made when communities join together and work alongside one another and feel proud of the outcome of that work in the quality of their product and work environment, in the pay they bring home to their families and in the benefits they equally receive.

I believe in conscious consumerism and transparency and I trust that the consumer will make their own educated choice that is right for them. I stand behind the SodaStream product and am proud of the work that I have accomplished at Oxfam as an Ambassador for over 8 years. Even though it is a side effect of representing SodaStream, I am happy that light is being shed on this issue in hopes that a greater number of voices will contribute to the conversation of a peaceful two state solution in the near future.”

28 Mrz

Trotz zahlreicher Schwierigkeiten gelingt es israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten häufig, sich gemeinsam für ein Ende der israelischen Besatzung zu engagieren. Aber das Ringen um Menschenrechte ist mühsam – und oftmals mit persönlichen Risiken verbunden

Die Israelis Efrat (li.) und Amiel in dem Dorf An Numan bei einem ihrer Besuche.  Foto: privat

Die Israelis Efrat (li.) und Amiel in dem Dorf An Numan bei einem ihrer Besuche.
Foto: privat

Von Liva Haensel

Ein Nudnik ist ein Mensch, der solange Fragen stellt, bis sein Gegenüber genervt aufgibt. Das Wort kommt aus dem Jiddischen und hat sich mittlerweile ins moderne Hebräisch, der Sprache der Israelis, hineineingeschlichen. Ein Nudnik ist wie die Pest, er lässt nicht locker, sagen die Rabbiner. Aber das Wort beinhaltet auch eine ausgezeichnete Eigenschaft: Beharrlichkeit.  Die braucht Efrat (48), wenn sie an einem israelischen Kontrollpunkt auf dem Weg in das palästinensische Dorf An Numan angehalten wird. „Du bist eine linke Ashkenazi-Schlampe“,  (Aschkenasim: europäischstämmige Juden; Anm. d. Red.)  bellt ihr der junge israelische Soldat dort entgegen, wenn sie mit ihrem Auto den Kontrollpunkt zwischen Jerusalem und Bethlehem passieren möchte. Die israelische Friedensaktivistin reagiert darauf meistens gelassen. „Nur neulich habe ich die Nerven verloren“, erzählt sie, „ich bin ausgestiegen, habe mit denen diskutiert und schließlich darum gebeten, mit dem diensthabenden Offizier zu sprechen“. „Mit denen“, damit könnte die Mutter dreier Kinder auch die Mehrheit der jüdischen Israelis meinen.  Diejenigen, die die Besatzung der palästinensischen Gebiete seit 1967 nicht in Frage stellen. Oder sie achselzuckend als gegeben hinnehmen, obwohl sie völkerrechtswidrig ist.

Sie werden beobachtet

Efrat ist politische Friedens-Aktivistin und gehört damit einer Minderheit in ihrem Land an. Ihren Nachnamen möchte sie lieber nicht im Internet oder einer Zeitung lesen, denn „ich hab‘ zwar keine Angst, aber man weiß ja nie“, sagt sie.  Als nach dem Ausbruch der 2. Intifada und der Bau der Sperranlage Besuche zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern immer schwieriger wurden, trat sie 2002 der israelisch-arabischen Nichtregierungsorganisation Ta‘ ayush (arabisch; zusammen leben) bei.  Ta‘ ayush ist eine der wenigen Organisationen, die Grenzen im wahrsten Sinne des Wortes überwindet. Ihre jüdischen Mitglieder machen sich auf den Weg in die Westbank, um Gewaltexzesse zu beobachten und zu dokumentieren. Außerdem halten sie Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung. Das Büro der Vereinten Nationen in Jerusalem hat errechnet, dass Gewalt von Siedlern gegenüber Palästinensern in 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 150 Prozent gestiegen ist. Bei  Zusammenstößen wie in der Stadt Hebron, oder bei den vielen Freitags-Demonstrationen in palästinensischen Dörfern,  schützt die israelische Armee stets die bewaffneten Siedler. Nicht aber die Palästinenser. Die oft aggressive Gangart der israelischen Armee gegen friedlich demonstrierende Menschen mit dem Einsatz von Tränengaskanistern und Munition blieb lange unbeobachtet von der Welt. Die jüdischen Israelis  von Ta‘ ayush  setzen mit ihrer Präsenz etwas dagegen und stehen so den Palästinensern in ihrem gewaltfreien Widerstand bei. „ Die israelischen Soldaten und Polizisten müssen wissen, dass sie bei ihren Aktivitäten von uns beobachtet werden“, sagt  Efrat.

Die beiden Frauen trinken gemeinsam Tee

Durch  Ta‘ ayush  kam die promovierte Historikerin damals auch nach An Numan, einem Dorf östlich von Bethlehem. Manchmal sitzt  sie dort jetzt mit Fadwa Mansour (Name v. d. Red. geändert) in der Nachmittagssonne auf einem weißen Plastikstuhl draußen vor dem Haus nahe der kleinen Moschee, beide Frauen lachen gemeinsam und trinken süßen Tee. Efrat rezitiert ein Gedicht von Mahmoud Darwish, dem berühmtesten Dichter Palästinas, auf Arabisch. Die 30-jährige Fadwa lauscht ihren Worten, wenn ihre Freundin stockt, vervollständigt die Pharmazeutin die Verse. „Wir sind einsam hier in dem Dorf. Niemand besucht uns, wir sind von der Welt vergessen worden“, sagt Fadwa Mansour. Da sei  es schön, wenn wenigstens ein paarmal im Monat Besucher von außen kämen.

Ein paradoxes Schicksal

Als Israel 1967 die Westbank, Gaza, die Golanhöhen und Ost-Jerusalem einnahm, änderte die Regierung auch ihre Bebauungspläne. Land, das zwischen Jerusalem und dem nur 10 Kilometer entfernten Bethlehem lag, wurde zu großen Teilen konfisziert. Palästinensische Bauern verloren es an jüdische Siedlungen, die sich von kleinen Containeransammlungen zu heute mittelgroßen Städten entwickelten. An Numan mit seinen 200 Einwohnern gehörte nach 1967 somit zu Jerusalem und nicht mehr zu der palästinensischen Westbank. Die Einwohner bewarben sich bei der Stadtverwaltung daraufhin um spezielle Jerusalem-Ausweise. Aber die Behörden verweigerten sie ihnen. Die An Numaner wie Fadwa Mansour leben deshalb als illegale Einwohner in ihrem eigenen Dorf. Als Inhaber von Westbank-Ausweisen erhalten sie weder Baugenehmigungen der israelischen Behörden, noch dürfen sie ihren Ort problemlos verlassen. Palästinensische Besucher, ob  nun Verwandte oder die Müllabfuhr, haben keine Erlaubnis, das Dorf zu betreten. Dieses paradoxe Schicksal teilen rund 20.000 Menschen in der Westbank.

Der Schlüsselfaktor für Frieden

„An Numan ist ein Albtraum geworden, ein Freiluftgefängnis für seine Bewohner“, sagt Efrat. Seit 2002 besucht sie die Dorfbewohner regelmäßig. „Wir von Ta‘ ayush  wissen, dass wir

Ein ökumenischer Begleiter des Programms EAPPI kümmert sich um einen kleinen Jungen und seinen Vater, deren Grundstück von der Mauer umringt wird.  Foto: Haensel

Ein ökumenischer Begleiter des Programms EAPPI kümmert sich um einen kleinen Jungen und seinen Vater, deren Grundstück von der Mauer umringt wird.
Foto: Haensel

damit die israelische Besatzung nicht sofort beenden können“, sagt sie. Aber in schwierigen Momenten könne sie den Palästinensern wenigstens etwas beistehen. Als das Haus von Fadwa und ihrer Familie im Herbst 2011 von israelischen Bulldozern zerstört wurde, war die Friedensaktivistin  sofort zur Stelle. Die Zerstörung konnte sie nicht verhindern, aber sie schaltete andere Organisationen ein, die der schwer traumatisierten Familie mit einem späteren Hausbau aushalfen. Darunter waren auch Teilnehmer von EAPPI. Die Abkürzung steht für  „Ecumenical Acompaniment Program for Palestine and Israel“, das ökumenische Begleitprogramm vom Weltrat der Kirchen aus Genf. Ihre Teilnehmer kommen aus 25 Ländern nach Palästina und Israel, um dort für drei Monate mit den Menschen zu leben und sie in ihrem Alltag zu begleiten. Laut dem Statement auf der Webseite unterstützen sie israelische und palästinensische Aktivisten „bei ihren Bemühungen, die israelische Besatzung zu beenden“.  Allen Friedensgruppen dies- und jenseits der Grünen  Linie ist eins gemein:  Das Ende der Besatzung in den palästinensischen Gebieten gilt  für sie als Schlüsselfaktor für Frieden in der Region. Und es basiert auf den Forderungen  Internationalen Rechts und der Genfer Konventionen.

Himmel voller Tränen

EAPPI entstand in derselben Zeit wie Ta‘ ayush, auf dem Höhepunkt der 2. Intifada. Städte wie Bethlehem und Nablus waren damals wochenlang von der Außenwelt abgeriegelt, tausende Männer und Kinder saßen in Gefängnissen.  Der Himmel roch nach Feuer, Blut und Tränen.  Die Euphorie des Oslo-Abkommens von 1993 war verflogen, Palästina war immer noch unfrei. Es war die Zeit, in der Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land,  die Kirchen weltweit um internationale Unterstützung bat, weil  sich das Wort Frieden in Luft aufgelöst zu haben schien.  Unter dem Motto „Kommt und seht“ wurden die ersten Freiwilligen – vom Chefarzt aus Deutschland bis zum Philosophie-Studenten aus Brasilien –  ausgesandt.

„Wir leben mit der Angst“

Daoud Nassar gründete sein Friedensprojekt Tent of Nations im Jahr 2000.  Foto: Haensel

Daoud Nassar gründete sein Friedensprojekt Tent of Nations im Jahr 2000.
Foto: Haensel

Neben den Treffen mit Efrat und Fadwa in An Numan gehört auch der Kontakt zu Daoud Nassar und seinem Projekt „Tent of Nations“  (Zelt der Völker) bei Bethlehem zu den Aufgaben der ökumenischen Begleiter. Daoud Nassars Großvater kaufte das Land oberhalb des Dorfes Nahalin während der osmanischen Zeit im 19. Jahrhundert und ließ sich  – damals ungewöhnlich – Besitz-Urkunden darüber geben.  1991 erfuhr die Familie Nassar durch Zufall, dass Israel das Land als sein eigenes ansehe. Die Familie schaltete einen Anwalt ein und verteidigt ihr Recht auf den Privatbesitz nun seit 22 Jahren vor dem Gerichtshof in Jerusalem. Die Nassars erhalten jährlich einen sogenannten Landkonfiszierungsbefehl der israelischen Armee. Sie dürfen offiziell nicht bauen  oder Strom- und Wasserleitungen auf ihrem Land legen. Für die 90.000 jüdischen Siedler, ihre direkten Nachbarn, ist dies erlaubt.  Doch anstelle wütend zu werden über die israelische Regierung, entwickelte Daoud Nassar in Andenken an seinen Großvater, einen lutherischen Christen, eine Begegnungsstätte für alle Völker und Religionen oben auf seinem Weinberg. Eine befreundete britisch-jüdische Friedensgruppe pflanzte 250 Olivenbäumchen auf dem Gelände. Es waren genau diese Symbole, die israelische Soldaten jetzt kürzlich zerstörten.  Anpflanzungen seien dort nicht erlaubt, hieß es. „Wir leben immer mit der Angst, dass wir eines Tages unser Land verlieren“, sagt Daoud Nassar. Aber Gewalt sei keine Lösung, denn beide Völker wollen in Frieden leben. Deshalb lud er auch israelische und jüdische Journalisten aus aller Welt ein. In der israelischen Zeitung Haaretz erschien  daraufhin eine winzige Meldung in der englischen Ausgabe über Tent of Nations, in der hebräischen aber nicht ein Wort. Daoud Nassar bedauert das: „Israelische Leser sollten erfahren, dass wir hier solche Friedensprojekte auf die Beine stellen.“

Eine Antwort auf Trennung

Damit diese Lücke geschlossen wird, haben sich einige Organisationen einer fairen Berichterstattung zum Nahostkonflikt verschrieben. Das Alternative Information Center (AIC) wurde 1984 von progressiven Israelis und Palästinensern gegründet. Auf die räumliche Trennung ihrer Nationen durch den Mauerbau 2003 reagierte die Organisation, indem sie neben ihrem Büro im israelischen West-Jerusalem ein weiteres im palästinensischen Beit Sahour eröffnete. „Wir berichten über Menschenrechtsverletzungen in den palästinensischen Gebieten, aber auch über die israelische und palästinensische Gesellschaft an sich“, sagt Sergio Yahni, Co-Direktor des AIC. Alle Israelis des AIC sind Anti-Zionisten – jüdische Menschen, die den Zionismus als Kolonialisierungsbewegung ablehnen.

Beide sind Nudniks

Für Palästinenser ist der Kampf um Freiheit  zu einem ständigen Luftholen geworden. Für Israelis wird er zunehmend zur Konfrontation mit den Werten ihrer eigenen Gesellschaft, die sich als demokratisch definiert. Beide sind Nudniks, beide wollen Antworten.  Ihre zentrale Frage an ihre Regierungen und die Welt lautet: Warum glaubt ihr an Krieg, wenn es doch keine Alternative zum Frieden gibt? Die einen fragen es als Besatzer, die anderen als unter Besatzung Lebende.  „Wir stehen den Palästinensern bei. Es ist eine frustrierende Aufgabe“, sagt Efrat, die demnächst ein Buch über die Geschichte von An Numan veröffentlichen wird.  „Aber zumindest tun wir sie gemeinsam.“

Der Artikel erschien kürzlich im monothematischen Magazin „Zur Sache“ zu Israel-Palästina, herausgegeben vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik in Frankfurt.

Ein schlechtes Geschenk

3 Feb
Foto: Adalah-facebook

Foto: Adalah-facebook

Die SPD wirbt derzeit mit einer Spendenaktion für den Jüdischen Nationalfonds. Der „Wald der SPD“ soll ein Geburtstagsgeschenk für den Staat Israel am 16. April sein. Aber die Aufforstung in der Negev-Wüste bedeutet eine weitere Land-Enteignung für die beduinische Ur-Bevölkerung

Von Liva Haensel

380 Euro ist Gilad Shalit, der ehemalige israelische Soldat, den Deutschen wert. Für diese Summe kann man laut dem Jüdischen Nationalfonds– Keren Kayemeth LeIsrael (JNF-KKL) 38 Bäume pflanzen, und das in Shalits Heimat Galiläa. Die Webseite der weltweit operierenden Organisation mit deutschem Sitz in Düsseldorf, ruft dazu auf, eigene Spendenaktionen zu initiieren. Die grüne Säule zeigt 4 Prozent an, für einen Wald fehlen noch ganze 9620 Euro.

Die Aktion der SPD sieht da im Gegensatz schon etwas erfolgversprechender aus. Die Partei wünscht sich „Bäume zum Geburtstag“ des Staates Israel in der Negev-Wüste und hat laut Spendensäule schon 6.281,50 Euro zusammen. Der deutsche Wald ist als Geschenk gedacht und um „nicht nur zur Aufforstung des Landes beizutragen, sondern auch ein Zeichen der Verbundenheit zu setzen, das für lange Zeit Bestand haben wird“, heißt es auf der SPD-Seite. Das klingt gut, die Kommentare darunter allerdings zeigen eine andere Sicht. Vielleicht erklären sie auch, warum bisher nur 13 Prozent der gewünschten 50.000 Euro erreicht wurden, die Deutsche bereit sind, für einen deutschen Wald auf israelischem Boden auszugeben.

Es gibt einen Haken

Der Jüdische Nationalfonds wurde 1901 gegründet, um während der Britischen Mandatszeit in Palästina möglichst viel Land zu erwerben, das anschließend an jüdische Einwanderer verpachtet werden sollte. Ziel war es, das Land jüdisch zu besiedeln. Ab 1948 fiel diese Rolle jedoch weg, Israel hatte seine Staatsgründung vollzogen, der JNF war nicht mehr notwendig. Er konzentrierte sich daraufhin auf Aufforstung und Umweltprojekte in Israel, darunter vor allem großflächige Baumpflanzungen. Rund 14 Prozent des Staatsgebietes sind heute in den Händen des JNF, der nach eigener Aussage „Aufforstung, Wasserwirtschaft, Erholung und Freizeit, Erziehung sowie Forschung und Entwicklung“ betreibt und 50 Filialen in der ganzen Welt hat. Der Haken dabei ist, dass die Pächter des Landes niemals arabisch sein dürfen. Nur Juden ist es vorbehalten, Land des JNF zu bewirtschaften.

70.000 Menschen ohne Strom

Ein weiterer Punkt ist, dass nach 1948 die Mehrheit der Beduinen, eine arabische Volksgruppe mit nomadischer Kultur, durch Vertreibung und Enteignung ihre Heimat in der Negev-Wüste verlor. Die damals 500.000 bis 700.000 Beduinen gelten als Urbevölkerung in der Region und sind heute israelische Staatsbürger. Offiziell genießen sie dieselben Bürgerrechte wie jüdische Israelis. Doch Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International und israelische Nichtregierungsorganisationen wie die „ Association for Civil Rights in Israel“ (ACRI) kritisieren seit Jahren die andauernde Diskriminierung der Beduinen im Negev (Arabisch: Naqab). In den 60iger Jahren musste die arabische Bevölkerung in sieben „Townships“ in den Nordosten ziehen, die nach Masterplänen der israelischen Regierung hochgezogen worden waren – ohne Absprache mit den einzelnen Beduinenstämmen. Viele der Bewohner weigerten sich und verblieben in ihren Dörfern, die bis heute von Israel nicht anerkannt werden. Keines der 35 Beduinendörfer mit ihren heute 70.000 Einwohnern erhält  Zugang zu fließendem Wasser, Strom, medizinischer Nahversorgung oder verfügt über öffentliche Transportmittel. Niemand dort erhält Baugenehmigungen, um Grundschulen und Wohnhäuser zu errichten oder zu erweitern. Die israelische Armee hat bis heute hunderte Male Gebäude wiederholt zerstört. Allein das Dorf Al Arakib wurde 45 Mal von israelischen Soldaten heimgesucht, die einfache Häuser mit Bulldozern niederrissen. In den Townships herrscht eine Arbeitslosenrate von bis zu 35 Prozent, Kriminalität und Armut rangieren ganz oben auf der Problem-Skala. 2011 wurde der sogenannte Prawer-Plan verabschiedet, der die Zerstörung der nicht anerkannten Beduinen-Dörfer vorsieht und gegen den Menschenrechtsaktivisten und Beduinen massiv protestieren.

Beduinen leben noch auf 3 Prozent ihres Landes

Die 35 „unrecognized villages“, die nicht anerkannten Dörfer, sollen nun erweitert und – unter Voraussetzung, dass sich die Beduinen israelischen Interessen beugen – laut dem neuen

Die nicht anerkannten Beduinendörfer im Negev und ihre Umgebung. Foto: privat

Die nicht anerkannten Beduinendörfer im Negev und ihre Umgebung. Foto: privat

Begin-Plan“ staatlich registriert werden. Das Ziel „dieser historischen Entscheidung“ sei es, „den illegalen Siedlungstätigkeiten der Beduinen ein Ende zu setzen und die Beduinen besser in die israelische Gesellschaft zu integrieren“, so Netanjahu kürzlich. „Alle Regierungen haben es bisher vermieden, dieses Thema anzugehen, doch diese mutige Entscheidung wird für Entwicklung und Wohlstand in der Negev-Region sorgen, zum Wohl all seiner Einwohner.“ Nicht gesagt hat Netanjahu, der jetzt eine neue Regierungskoalition bilden muss, dass die Negev-Wüste derzeit im Aufblühen ist, und dass durch massiven jüdischen Siedlungsbau in direkter Nachbarschaft zu den Beduinendörfern und Ägyptens Grenze. Außerdem wurde schon in den 90iger Jahren von dem Goldberg-Kommitee festgehalten, dass die Beduinen nur noch auf 3 Prozent ihres ursprünglichen Landes leben und für diesen Schaden bis heute nicht entschädigt wurden (siehe dazu das Positionspapier „Principles for Arranging Recognition of Bedouin Villages in the Negev“). Die Taktik der israelischen Regierung, den Begin-Plan als soziale Tat aussehen zu lassen, wird aller Voraussicht nach nicht aufgehen.

Glückwunsch und Erinnerung

Das „Zeichen der Verbundenheit der SPD“ und deutscher Spender kommt in einer Zeit, die ungünstiger nicht sein könnte. Die Unterstützung für eine Organisation, die ausschließlich Juden das Recht auf Land vorbehält in einem demokratischen Staat, der am vergangenen Donnerstag die Sitzung des UN-Menschenrechtsrates boykottiert hat, kann nicht reibungslos über die Bühne gehen. Auch die Tatsache, dass ausgerechnet die SPD dazu aufruft, deren Förderverein das Willy Brandt Center (WBC) in Jerusalem, eine Dialogstätte und politscher Bildungsträger mit Mitarbeitern des Zivilen Friedensdienstes, unterhält,  ist in diesem Kontext problematisch. Die Vorsitzende des Födervereins des WBC ist SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Die Politikerin wirbt aber auch als maßgebliches Zugpferd für den deutschen Wald im Negev. Wer als Deutscher Verantwortung für die deutsche Geschichte wahrnimmt, kann nicht gleichzeitig mit Menschenrechtsverletzungen anbandeln. Es scheint, die SPD sieht derzeit den Wald vor lauter Bäumen nicht. Zeit, ihre Spendenaktion von der Webseite zu nehmen, hat sie noch bis zum 16. April. Dann feiert Israel seinen 65. Geburtstag, die Sozialdemokraten werden gratulieren. Und die arabische Bevölkerung erinnert an diesem Datum an ihre Flucht und Vertreibung.

Tipp: In der neuen facebook-Gruppe „I am invisible because you refuse to see me“ der NGO Adalah gibt es aktuelle Informationen über die Situation der Negev-Beduinen.

Veranstaltung zum Thema: Freitag, 15. Februar 2013, mit Gadi Algazi: Kann Kolonisation grün sein? Der Jüdische Nationalfonds (JNF/KKL) in Israel / Palästina – eine Veranstaltung des Arbeitskreises Nahost Berlin

No sunshine in E1

13 Jan
Ruhe vor dem Sturm: Bab als Shams vor der Räumung.

Ruhe vor dem Sturm: Bab als Shams vor der Räumung.

Ost-Jerusalem. Nur 48 Stunden nach der Gründung eines palästinensischen Zeltlagers mit den Namen Bab al Shams (hier auf facebook) haben 500 israelische Polizisten und Soldaten das E1-Gebiet heute in den frühen Morgenstunden  gewaltsam geräumt. Dabei kam es zu zahlreichen Verhaftungen, Verletzungen und Abtransporten der 200 Demonstranten auf dem sogenannten E1 („East 1“)-Gebiet zwischen Ost-Jerusalem und der illegalen jüdischen Siedlung Maale Adumim in der Westbank. Die Demonstranten, darunter palästinensische

Verletzte Demonstranten heute Morgen, Bab Al Shams. Fotos: Babalshams

Verletzte Demonstranten heute Morgen, Bab Al Shams.

Landbesitzer und israelische sowie internationale Friedensaktivisten, hatten mit ihrer neuen Siedlung gewaltfrei gegen die völkerrechtswidrige Ausweitung von Maale Adumim protestiert und dafür eine Taktik angewandt, die sonst jüdische Siedler benutzen. Am Freitag versammelten sie sich auf dem E1-Gebiet, das zwischen Ost-Jerusalem und der jüdischen Siedlung liegt und errichten Zelte. Man wolle damit auf die illegale Landnahme Israels aufmerksam machen, bei der Siedler palästinensisches Land Stück für Stück besiedelten, es später als Staatsland deklarierten und sich dort für immer niederließen, so die Veranstalter. Das neue Dorf Bab al Shams („Tor zur Sonne“) wurde auf dem palästinensischen Teilstück errichtet, das für Palästinenser eine wichtige Verbindung zwischen Ost-Jerusalem und Westbank darstellt. Nachdem die Vereinten Nationen Ende November 2012 grünes Licht für den Beobachterstatus Palästinas gaben, reagierte der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu daraufhin mit einer Trotzreaktion, indem er den weiteren Bau von 3000 neuen Wohneinheiten in jüdischen Siedlungen, darunter auch für Maale Adumin, genehmigte. Die Internationale Gemeinschaft hatte Israel daraufhin mehrmals kritisiert, darunter auch Deutschland.

 Entstanden unter Rabin

Umstritten: E1 liegt zwischen Jerusalem und der Westbank. Grafik: peacenow.org

Umstritten: E1 liegt zwischen Jerusalem und der Westbank. Grafik: peacenow.org

Der Bebauungsplan E1 entstand unter dem Friedensnobelpreisträger und früheren Ministerpräsidenten Israels, Jitzak Rabin. In der Amtsperiode von Ariel Sharon (2001-2006) gewann der Plan stetig an Fahrt. Ziel von E1 ist es, für jüdische Israelis Jerusalem mit der Siedlung Maale Adumim zu verbinden und damit den Erweiterungsplan von Groß-Jerusalem, der schon in den 1970er Jahren entstand, umzusetzen. „Damit wird ein eigenständiger Staat Palästina unmöglich gemacht“, sagt Angela Godfrey-Goldstein, israelische Friedensaktivistin aus Jerusalem. Für Palästinenser bedeute der E1-Plan eine de-facto-Trennung zwischen Nord- und Süd-Westbank. Damit sei die Region um Hebron gänzlich abgeschnitten von nördlicher gelegenen Städten und Dörfern, darunter vor allem Jerusalem als künftige Hauptstadt und kulturell-politisches Zentrum des palästinensischen Staates, kritisiert sie. Bei dem E1-Gebiet handelt es sich um palästinensisches Privatland. Der Oberste Gerichtshof erkannte dies an und entschied vergangenen Freitag, dass das Zeltlager Bab al Shams sechs Tage bleiben dürfe. Die israelische Armee ignorierte diese Entscheidung und erklärte das Gebiet am Samstag zu einer „militärischen Sicherheitszone“,  kurze Zeit später dann zu einem „höchsten Sicherheitsrisiko“. Bei facebook und dem Kurznachrichtendienst  twitter posteten zahlreiche Aktivisten direkt zu der Räumung. Journalisten berichteten auf den Kanälen unter anderem, dass sie von israelischen Soldaten mit Blendlicht von ihrer Arbeit abgehalten und Menschen ohne Angabe von Gründen und Zielen verhaftet worden seien.

Auch Beduinen sind betroffen

In der nach internationalem Recht illegalen jüdischen Siedlung Maale Adumim wohnen derzeit rund 43.000 Menschen. Im E1-Gebiet wohnen 3000 Beduinen vom Stamm der Jahalin unter der Armutsgrenze, die nach 1948 von der israelischen Regierung aus ihrer Heimat, der Negevwüste, vertrieben wurden. Die Jahalin-Beduinen (hier Dokumentation auf youtube) sind jetzt akut von einer weiteren Zwangsevakuierung bedroht, sollte Israel seinen Bebauungsplan umsetzen. Ihnen wurde eine Alternativfläche weiter südlich neben einer Müllhalde angeboten, die sie ablehnen. Die Aktivisten von Bab al Shams ließen derweil verlauten, dass sie weitermachen werden: „Wir werden wiederkommen. Israel hat gezeigt, dass es ethnische Säuberungen betreibt, wenn es uns abtransportiert. Das machen sie mit ihren eigenen Siedlern nicht“, schrieb ein Mann auf facebook.

Ein großartiges Jahr

16 Dez
Es weihnachtet und neujahrt: Wer sich beeilt kann noch Anhänger wie diesen Stern au

Es weihnachtet und neujahrt. Wer sich beeilt, kann noch Anhänger wie diesen Stern aus Bethlehem bestellen. Infos am Ende des Artikels.                                                  Fotos: Haensel

EU-Mittelerde bebt. Das Jahr ist fast um, nur noch 15 Tage zählen wir, dann haben wir auch das geschafft. Die Gandalfs und Orks der Banken, Euro- und Sonstwiekrisen dieser Welt haben uns dabei begleitet, in guten wie in schlechten Tagen. Deutschland ist um zwei Tageszeitungen und eine Nachrichtenagentur ärmer geworden.  In Griechenland tragen Eulen keine Drachmen nach Athen, zumindest vorerst nicht. Dafür bekommt Angela Merkel dort jetzt ab und an das Hitlerbärtchen angeklebt und geht in Flammen auf. Zu dumm, dass man erst im 21. Jahrhundert gemerkt hat, dass eine Million Beamte nicht tragbar sind, wenn sie auf 10 Millionen Griechen kommen. Die Spanier buchen tausendfach Deutschkurse und pilgern ins gelobte, streng geordnete Land, in dem viel gearbeitet aber eben auch viel verdient wird. Moment, viel verdient…? Da stimmt doch was nicht, na, egal. Gut, der Hartz4-Satz ist nicht schlecht, man kann auch von Brot und Penny-Margarine leben. Obwohl jetzt, da die Flexi-Hexi-Quote von Frau Schröder endlich abgestimmt ist gegen die Mehrheit, haben ja auch Frauen richtig gute Chancen bekommen, eine Karriere aufs Parkett zu legen, dass den Herren da oben schwindelig wird. Danke, Frau Schröder, das ist ein gaaanz wichtiger Schritt in der Politik, es war schon seit langem Zeit, dass sich die Unternehmenskultur mal ändert. Gerade ja auch, weil eine graue alte Herrenmasse in Führungsetagen sich immer so freut, wenn sie mal ein junges Ding unter, äh, neben sich hat. Das Zeitfenster, das sie diesen Herren gegeben haben, wird sich sicher schnell öffnen für Frischluft. Nur das Durchatmen dann nicht vergessen, meine Herren. Damen hatten ja immer schon einen langen Atem und manch eine hat bis zu ihrem Tod auf eine Gehaltserhöhung warten müssen. Tja, das Leben ist kein Ponyhof.

Der Taubenanhänger der Behindertenwerkstatt Ma'an lil-Hayat kommt pünktlich zum Weihnachtsfest.

Der Taubenanhänger der Behindertenwerkstatt Ma’an lil-Hayat kommt pünktlich zum Weihnachtsfest.

Der dicke Berlusconi flitzt am Sternenhimmel entlang

In Italien ist dafür Bella Figura angesagt, die Italiener machen sich jetzt ihre Pasta selbst, wie meine toskanische Kollegin berichtet, und trinken einen Espresso weniger, also jetzt sechs anstelle von sieben. Sparmaßnahme è  basta! Berlusconi ist aber schon wieder überall zu haben, nicht nur auf dem Bildschirm seiner eigenen Fernsehsender, sondern auch in den Raketen in den Supermärkten. Sein Kopf lugt schon aus der Spitze heraus und Peng-Rabuff-Knall!, flitzt der kleine dicke Italiener mit dem Faible für Minderjährige über dem Nachthimmel, so schnell können wir gar nicht gucken wie sein Haartoupé hinterherfliegt, ein Sternenzauber über Europa – che bello, che cose! Frankreich hat einen Sozialisten mehr und dafür eine deutsche Freundin weniger. Carla und Nicolas sind 2012 zu blau-weiß-roter Elysee-Geschichte zerronnen, comme si de rien n’était

Die Briten mümmeln nur ihre Cookies

Die Schweiz und Österreich sind langweilig. Dort kann man nur Ski fahren, in stinkteure Clubs gehen oder Apfelstrudel essen. Oder man rutscht die Alpen runter auf dem nackten Popo, das neue Konzept von Stefan Raab, aber pst! – bloß nicht weitersagen, ist noch geheim! Also kein Wort mehr darüber. Die Briten igeln sich mal wieder auf ihrer vernebelten Insel ein und träumen von alten Kolonialzeiten, in denen sie noch die prächtigen Segel hievten und die Weltpolitik bestimmten. Jetzt sind sie bloß schrullig und mümmeln an ihren Five-o’clock-Cookies. Nur als Max Mosley den Giganten google auf die Löschung aller Fotos seiner Sex-Party verklagte, wachten sie noch einmal kurz aus ihrer Sleeping-Beauty-Phase auf. Aus Occupy ist Horrify geworden in London, weil sich die Masse junger Demonstrierender als oftmals unwillige Studis entpuppt hat, die sich zwar gerne als Journalisten bezeichnen, aber noch nie Artikel geschrieben haben, die den Begriff wert sind. Überhaupt, dieser Journalismus, diese verdammte Journaille! Da gibt man ihnen eine gute Story und dann machen sie doch nur, was sie wollen! Es ist wie mit Claudia Roth, ihr roter Bubikopf wird plötzlich goldfarben, dann weißblond und irgendwann vielleicht grün, alles ist möglich, spätestens wenn sie gänzlich von der Grünen-Wiese abgewählt wird, also 2032.

Aber, jetzt mal ehrlich, was ist 2012 denn nun wirklich passiert? Hier der einzig echte Jahres-Rückblick:

1. Januar: Vier Menschenrechtsaktivisten feiern in Bethlehem Neujahr im Restaurant „La Terrace“mit Rotwein aus Cremisan. Die Stadt ist überfüllt – mit Palästinensern aus Hebron und Nablus, die endlich mal richtig Alkohol trinken wollen ohne sich dafür entschuldigen zu müssen. Eine Frau mit Hijab tanzt ausgelassen mit ihrer Freundin im Scheinwerferlicht auf der Tanzfläche. Sorry, Westen, aber: Auch Muslime sind normale Menschen. Wer sagt eigentlich, dass Christen besser sind?

2. Februar: Die Minister Dirk Niebel und Guido Westerwelle reisen in den Nahen Osten. Während Westerwelle in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem deutsch-israelische Beziehungen pflegt, sieht sich Niebel gemeinsam mit Mitarbeitern der giz das Jordantal an. Dort ernten die Bauern im von Israel kontrollierten palästinensischen C-Gebiet Datteln, Avocados, Tomaten und Trauben, die man später in deutschen Supermärkten unter dem Label „Israel“ findet. Irgendwie unappetitlich.

3. März: Ein Mann aus Tulkarm im Norden der Westbank freut sich: Schon vor Monaten hat er einen Antrag für ein Arbeitsvisum in Norwegen gestellt, jetzt ist es genehmigt worden. Der Vater von vier Kindern kann für drei Monate im Sommer dort auf einer Farm arbeiten.

 10. April: Es steht fest: Alex Traiman muss sein Haus verlassen. Der Israeli ist einer von 500.000, die in den illegalen jüdischen Siedlungen in der Westbank leben. Der Oberste Gerichtshof hat beschlossen, dass Traimans Haus zusammen mit vier anderen in der Siedlung Bet El bei Ramallah abgerissen werden soll. Bis Ende des Jahres werden 581 palästinensische Häuser von israelischen Bulldozern zerstört, oft ohne Ankündigung. Traiman hat wenigestens Zeit, seinen Umzug vorzubereiten. Gott hat es so gewollt.

20. Mai: Israelis feiern den „Jerusalemtag“ mit Israel-Flaggen und Märschen durch die Stadt. Siedler mit Kippa tanzen und singen in der arabischen Altstadt, während die palästinensischen Bewohner  aus der Distanz das Spektakel betrachten. Christliche Zionisten jubeln mit. Die Armee hat ihre israelischen Soldaten in diesen Tagen um das Dreifache verstärkt. Ein Video auf youtube macht die Runde: Ein amerikanisch-jüdischer Friedensaktivist kritisiert vor laufender Kamera die völkerrechtswidrige Politik in Bezug auf Jerusalems arabische Bevölkerung. Er wird von Sicherheitsleuten verbal ermahnt, als er nicht aufhört, gibt es Schläge. Polizisten schleifen ihn schließlich in ein Auto und fahren weg.

Juni, ohne Datum: In Tel Aviv ist es einfach zu heiß, um am Strand zu hocken. Man rettet sich lieber ins Haus oder fährt gleich ins kühlere Europa. Wer es nicht mehr aushält, wandert ohnehin aus in lieblichere Gefilde. Laut Haaretz leben jetzt 15.000 Israelis allein in Berlin. Die ältere Generation schüttelt den Kopf darüber, dass die jüngere nach Deutschland abwandert. Und hört trotzdem weiter Bach und Mozart.

15. Juli: In der Mitte des Jahres bekommt ein Deutscher auf einmal eine E-Mail. Ein Freund aus Palästina will wissen, ob es „wirklich 6 Millionen Juden waren“. Der Adressat stutzt, kann es denn sein, das Palästinenser in der Schule gelernt haben, dass es noch mehr Juden waren, die in Deutschland bis 1945 umgebracht wurden? Antworten gibt es nur ad fontes. Adressat und Absender verabreden sich dafür, bald gemeinsam das KZ Sachsenhausen zu besuchen und der Frage auf den Grund zu gehen.

26. August: Mehr als 100 Besuchern aus der ganzen Welt, darunter vielen Franzosen, wird die Einreise nach Israel über die jordanische Grenze an der Allenby-Brücke verwehrt. Die Friedensaktivisten hatten sich gemeinsam dafür verabredet, nachdem ihnen 2011 die herkömmliche Einreise über den Ben-Gurion-Flughafen mit den Worten: „Dann kommt doch über Jordanien“ verweigert worden war. Die Gruppe hatte vor, Palästinenser in Bethlehem und anderen Orten in der Westbank für eine Woche als Ausdruck von Solidarität zu besuchen.

9. September:  In den palästinensischen Gebieten beginnen die Menschen, gegen die steigenden Lebenshaltungskosten zu protestieren. Die Preise von Gas, Strom, Wasser und öffentlicher Transportmittel sowie Benzin sind für viele nicht mehr bezahlbar. Rufe gegen die Palästinensische Autonomiebehörde und Mahmoud Abbas werden laut. In Ramallah trägt eine Frau inmitten der Demonstrationszüge ein Plakat: Oslo is our cancer.

3. Oktober: Am Tag der Deutschen Einheit sitzen die Deutschen auf ihren Möbel-Höffner-Sofas und  Mama holt den Schweinebraten aus dem Ofen. Sie lachen über das ganze Gesicht und freuen sich, dass die Berliner Mauer weg ist. Zeitgleich stehen rund 300.000 Palästinenser an den Checkpoints in der Westbank und Jerusalem und warten sich die Beine in den Bauch. Nach Schweinebraten ist ihnen nicht so, aber nach Permits und einem reibungslosen Ablauf, damit sie zu ihren Universitäten, Arbeitsstätten und ins Krankenhaus nach Israel kommen. Die Mauer schlängelt sich neben ihnen entlang und versperrt Sicht, Freiheit und Bewegung. Jemand hat ein Graffiti  auf den grauen Beton gesprüht. „Justice will win.“

15. November: Nachdem die Hamas Raketen in israelisches Kernland abfeuert, startet die israelische Armee eine Militäroffensive im Gazastreifen. 150 Menschen sterben, über 1000 werden verletzt. In Süd-Israel kommen fünf Menschen um. Nach einem achttägigen Krieg kommt es zu einem Waffenstillstand. Deutschland sagt 1,5 Millionen Euro Entwicklungshilfe  für den Gazastreifen zu. Die Tunnelgräber freuen sich: Sie können endlich wieder weitergraben, während des Bombenhagels ging das nicht. Was sie aufhalten könnte? Die Aufhebung der israelischen Blockade. Dann gäbe es wieder Baumaterialien, Medikamente und echtes Leben. Eigentlich gar nicht so eine schlechte Idee, auch, wenn man dann vielleicht arbeitslos werden würde…

12. Dezember: Mahmoud Salameh sitzt in seinem Elternhaus und telefoniert mit Shlomi. Shlomi ist ein jüdischer Siedler und wohnt seit drei Jahren auf dem Land, das eigentlich Mahmouds Großeltern gehörte, bevor es von Israel enteignet wurde. Der Palästinenser und der Israeli haben sich zufällig in den Bergen kennengelernt, Shlomi hatte Durst und Mahmoud eine Wasserflasche. Seitdem treffen sie sich und reden über ihr Leben. Sie mögen sich. Mahmoud dreht das Telefonkabel zwischen seinen Fingern während er spricht: „Du, wie geht es meinem Land? Wie geht es dem Land, auf dem jetzt Dein Haus steht, Shlomi?“

4-er Set Baumschmuck

Die Anhänger gibt es im 10er Set. Gefertigt hat sie David Mansour aus Beit Sahour in seiner Werkstatt.

Die Anhänger gibt es im 10er Set. Gefertigt hat sie David Mansour aus Beit Sahour in seiner Werkstatt.

Allen Lesern von dreiecksbeziehung ein friedvolles Weihnachtsfest und einen guten Rutsch nach 2013! Danke für ihr Interesse, für viele Klicks und likes. Bleiben Sie bei Verstand und bewahren Sie ihr Herz. Denn wie sagen die Frauen sonst in Nablus-Balata so schön: Shu badna Ensawi – walla ishi! Was können wir schon tun? Nichts, natürlich.

Psssst! Die Weihnachsprodukte aus Bethlehem kann man bestellen. E-Mail an: tahonahshop@gmail.com

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