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Eine Frage der Menschlichkeit

22 Jan

In den deutschen Kinos läuft derzeit „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“, ein Film über vier Berliner Juden, die während der Nazizeit im Versteck überleben konnten. Nun, 75 Jahre später, hat die Bundesregierung entschieden, die Stelle einer/eines Antisemitismus-Beauftragten zu schaffen. Was ist los mit uns Deutschen? 

Von Liva Haensel

„Mich hat sehr berührt, dass dieser junge Mann im Film am Ende sagt, wenn man ein einziges Menschenleben rettet, dann rettet man die ganze Welt.“ Ein Publikumsbeitrag im Abaton-Kino in Hamburg am Sonntagmorgen. 200 Menschen sind gekommen, um sich den auf Zeitzeugen  basierenden Film „Die Unsichtbaren“ anzuschauen und nach der Vorführung darüber zu diskutieren. Der junge Mann im Film ist Cioma Schönhaus, einer der Protagonisten aus Berlin, der die Nazizeit — immer auf der Flucht und in dauernder Gefahr, erkannt und verraten zu werden, überleben konnte. Der Reichspropaganda-Minister Joseph Goebbels hatte 1943 Berlin als „judenfrei“ proklamiert. Tatsächlich hatten sich bis dahin etwa 7000 Juden dem Deportationsbefehl in den Osten widersetzt und lebten fortan im Untergrund in der Hauptstadt. „Die Unsichtbaren“ existierten nun offiziell nicht mehr. Sie schlüpften unter bei Freunden und Fremden, wochen- oder tageweise, illegal, ohne Geld und Papiere. Dieser Lebensgefahr setzen sich auch ihre Helfer aus. Menschen, die aus allen Schichten kamen, manchmal keine politischen Absichten verfolgten, aber tief in sich spürten, dass der tödliche Auslöschungsstrategie der Nationalsozialisten etwas entgegengesetzt werden musste.

Ich wollte etwas für mein Vaterland tun.                                                                     (Helene Jacobs, Widerstandskämpferin)

Schönhaus zitiert in der Schlussszene seine Retterin Helene Jacobs. Sie ermöglichte ihm, bis zum Schluss in einer Werkstatt als Passfälscher zu arbeiten. Am Ende warnte sie ihn noch vor einer drohenden Verhaftung — und wurde selbst abgeholt. Helene Jacobs gehörte der Bekennenden Kirche an und wurde zu 2,5, Jahren Zuchthaus verurteilt. Sie habe ihm und anderen Juden mit falschen Papieren, Lebensmitteln und Quartier geholfen, um „etwas für ihr Vaterland“ zu tun, habe sie ihm einmal gesagt. Das hat ihn, den damals jungen Grafiker, der sich auf dem Fahrrad am Kriegsende durch das zerbombte Deutschland in die Schweiz durchschlug, sehr beeindruckt. Schönhaus konnte sich ein neues Leben in der Schweiz aufbauen, er gründete eine Familie und starb 2015. Vor der Kamera sieht man einen Menschen, der mit sich und seiner Umwelt im Reinen ist. Vermutlich auch, weil er in dem Wahnsinn der Nazizeit, den er durchlitt, auf die Frage nach Menschlichkeit eine positive Antwort erleben konnte.

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Cioma Schönhaus (gespielt von Max Mauff). Fotos: TOBIS

Was ist heute los in Deutschland?

Die Menschen in dem Kinosaal haben einen Altersdurchschnitt von 55+. Junge Menschen unter 20 Jahren sind nicht gekommen. Die moderierte Diskussion, die die Hamburger Balint-Gesellschaft übernommen hat, ist emotional. Alle Teilnehmer drücken ihre Gefühle aus, packen in Worte, was sie beschäftigt. Aber ein wichtiger Aspekt fehlt: Was ist heute los in Deutschland? Wie steht es um unseren eigenen Rassismus und Antisemitismus? Sind wir, die Zuschauer, auf der sicheren Seite, weil wir Hochschulausbildungen und gute Jobs haben?

Zur Erinnerung: Eine rechte Partei sitzt im Bundestag und hat eine signifikante Wählerschaft in den neuen Bundesländern vorzuweisen. Die NSU konnte jahrelang agieren und morden ohne dass Staat und Gesellschaft es gemerkt haben (oder merken wollten). In Dessau wird ein Prozess nach langer Zeit wieder aufgerollt mit vielen Fragezeichen an die deutsche Justiz, bei dem ein Asylbewerber aus Sierra Leone mutmaßlich in seiner Zelle verbrannt wurde. Die Bundesregierung hat gerade das Amt einer/eines Antisemitismus-Beauftragten bestätigt.

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Das Waisenkind Hanny Levy (gespielt von Alice Dwyer) kommt bei Frau Kolzer (Naomi Krauss) in Tempelhof unter. Sie überlebt und wandert später nach Paris aus.

Der Antisemitismus-Bericht, der seit 2013 jährlich erscheint, gibt auf rund 300 Seiten Auskunft darüber, welche Formen des Antisemitismus es gibt, wie dieser ausgeprägt ist und welche Handlungsmöglichkeiten sich daraus ergeben. Ein Punkt darin ist, dass Einrichtungen, die aufklären und fördern, unbedingt finanziell sichergestellt werden sollten. Ein paar Kapitel sind auch dem „Israel bezogenen Antisemitismus“ geschuldet. In diese Kategorie, die naturgemäß parallel zum Nahostkonflikt und Israels Anspruch auf die Westbank, Gaza und Jerusalem entstand, fällt vermutlich das Verbrennen israelischer Flaggen auf Demonstrationen in Deutschland. Auch geht der Bericht auf Judenfeindlichkeit unter Migranten und Muslimen ein. Dennoch stellt er am Ende  heraus: Antisemitismus ist ein primär rechtes Problem. Es muss in der Mitte der Gesellschaft bekämpft werden. Das Problem existiert in unseren Emotionen, eine Messung eben dieser ist eine schwierige Angelegenheit. Wir können uns ergo nicht zu den Wissenden stilisieren, die sich besser anders verhalten und die wir so gerne wären.

Ich kann eingreifen. Oder es sein lassen.

Zivilcourage kann man üben. In Trainings und Diversity-Workshops. Aber vor allem in Alltagssituationen, in ganz normalen Gesprächen. Im Kontakt mit Menschen, am besten vielen unterschiedlichen Menschen. Wie reagiere ich, wenn ich mitbekomme, dass auf dem U-Bahn-Steig ein schwarzer Mann von Polizisten nach seinen Papieren gefragt wird? Nehme ich als Nicht-Betroffene das „Racial Profiling“ überhaupt wahr? Ich kann eingreifen. Ich kann es auch sein lassen. Habe ich Kontakt mit jüdischen Schülern, Nachbarn, Bekannten, der Gemeinde in meinem Ort? Sogar die Volkshochschulen bieten Kurse zu Judentum und jüdischer Literatur an. Ich kann einen Kurs belegen. Ich kann es auch sein lassen.

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Ruth Gumpel (2. v. l, gespielt von Ruby O. Fee) serviert mit falscher Identität Delikatessen bei einem Nazi-Offizier. Sie und ihre Familie können so dem Holocaust entkommen.

Ich erinnere mich, wie ich vor vielen Jahren einmal in einer Berliner-S-Bahn Richtung Steglitz die Zeitung „Jüdische Allgemeine“ las. Mir gegenüber saß ein Ehepaar, das sehr gut gekleidet war, beide etwa Ende 50. Die Frau guckte auf den Zeitungstitel, beobachtete mich eindringlich und guckte dann wieder auf den Titel. Schließlich trafen sich unsere Blicke und sie lächelte mich an. Ihr Lächeln bestand aus einem Mund, der zu einer Grimasse verzerrt war. In ihren Augen konnte ich eine Mischung aus Mitleid und Argwohn entdecken.

Dieses Erlebnis wäre eigentlich klein und fast unbedeutend gewesen. Hätte es mir damals nicht so deutlich gezeigt, was es bedeutet, auf einmal als „anders“ wahrgenommen zu werden. Mitten in der Weltstadt Berlin.

 

Der Film „Die Unsichtbaren“ des Regisseurs Claus Räfle läuft seit November 2017 in den deutschen Kinos. 

Das schwarz-weiße Tollhaus

3 Okt

 

Der israelische Kinofilm „Life according to Agfa – Nachtaufnahmen“ wird derzeit bei dem Filmfest Hamburg, Landeskategorie: Israel Deluxe, gezeigt. Er gilt als Wegbereiter für den israelischen Film und löste gleichzeitig 1992, dem Jahr seines Erscheinens, eine heftige Kontroverse in Israel aus. Das Psychogramm einer gestörten Gesellschaft, gebannt auf Leinwand und festgehalten auf Fotos innerhalb einer einzigen Nacht, war das Werk von Assif Dayan. Der Regisseur war der Sohn des Außen- und Verteidigungsministers Moshe Dayan. Was macht den Film – 23 Jahre später – so sehenswert?

Von Liva Haensel

Hamburg – „Die zionistische Bewegung ist im Augenblick die nervöseste, die es gibt, habe ich gehört“. Das sagt Dalia (gespielt von Gila Almagor) kurz nachdem sie die Türen des Barby geöffnet hat. Das Barby in Tel Aviv empfängt jede Nacht die Einsamen, Gestrandeten und nach Liebe Suchenden. Plüschsofas und Holzstühle, eine schlichte Theke mit Telefon, eine Miniküche und ein Klo, auf dem Sex zu Liebe führen soll – das ist der Mikrokosmos, in dem alles möglich ist und doch nichts richtig funktioniert.

Ein Blutbad in den Morgenstunden

Hier arbeiten auch die Kellnerinnen Liora (Iris Frank) und Daniela. Liora liebt ihren Mitbewohner, einen sexsüchtigen Polizisten, den sie unterstützt, aber auf dessen Gegenliebe sie vergeblich hofft. Daniela (Smadar Kilchinsky) ist glückliche Besitzerin eines USA-Visums, aber hochgradig Kokain abhängig. Lebenskünstler und Barpianist Czerniak (Danny Litani) wird ihr im Laufe der Nacht von seiner Liebe singen, noch bevor die Gruppe israelischer Fallschirmjäger um den Oberst Nimi (Sharon Alexander) den kleinen Pub irgendwo zwischen Allenby- und Dizengoffstraße in den Morgenstunden erst sexistisch erobern will und schließlich in ein Blutbad verwandeln wird. Und auch die obligatorischen Araber – naturgetreu wie in echt – als Küchenpersonal tätig im Hinterstübchen, in dem sie Hummus und Salate zubereiten, zusammengeschlagen und mit Kopfwunde –  fehlen nicht in Assi Dayans Schwarz-Weiß-Film.

Jede Szene wurde nur einmal gedreht

Assi Dayan

Regisseur Assi Dayan kurz vor seinem Tod.                              Foto: Wikipedia

„Life – according to Agfa“, auf Deutsch: Leben, wie es Agfa bezeugt – nimmt kein Blatt vor den Mund. Es geht hier rauh zu. Die Darsteller sprechen nur manchmal, sie spucken lieber aus, kotzen, stammeln, würgen, lallen und seufzen – denn so hört sich das Leben an. Die Dreharbeiten müssen nicht minder schwierig gewesen sein, glaubt man den Erzählungen der Darsteller. Dayan drehte den Film innerhalb von zwei Monaten an nur 22 Tagen ab – meist in der Nacht. Seine Arbeitsweise bestand darin, den Schauspielern abzuverlangen, jede Szene lediglich ein einziges Mal zu drehen. Dann musste sie sitzen. Doch alle machten mit. In einem Interview mit der israelischen Zeitung Haaretz wird deutlich, wie sehr die Schauspieler in den Sog des Films hineingerieten. „Wir wussten, das ist nicht irgendein Film. Als ich das Drehbuch las, war ich völlig hin und weg“, sagt Dalia-Darstellerin Gila Almagor. So etwas hatte es vorher noch nicht gegeben.

Schweigen und Beifall

Der Regisseur galt durch seine langjährige Drogensucht als angeschlagen, sein Gesundheitszustand war instabil. So sehr, dass der Geldgeber, der israelische Film Fund, ihm nicht zutraute, den Film tatsächlich fertigstellen zu können. Doch die 600.000 $ sollten gut angelegt sein: „Agfa“ sahen in Israel 250.000 Zuschauer, der Film lief darüber hinaus mehrere Monate in den europäischen Kinos und auf der Berlinale. Letztere widmete ihm einen besondere Würdigung und bescheinigte dem Regisseur viel Mut, solch einen Film auf die Leinwand gebracht zu haben. Bei seiner Premiere in der Cinematheque Jerusalem 1992 soll das Publikum am Ende für Minuten vollkommen geschwiegen haben, ehe es in tosendem Beifall ausbrach.

Hatte der Regisseur geahnt, dass sich Israels Situation noch zuspitzen würde?

Das hebräische Filmplakat von 1992: Ha Chayim Al Pi Agfa

Das Filmplakat im Original: Ha Chayim Al Pi Agfa.

 

Dayan überlebte seinen Film noch um 22 Jahre. Vergangenes Jahr starb er mit 68 Jahren in Israel. Er hat die zweite Intifada noch erlebt, die Gazakriege, die sein Land gegen die Palästinenser führte, und den Einzug der israelischen Truppen in den Südlibanon 2006. Wusste er,  dass „Life – according to Agfa“  noch gar nicht die Spitze des Eisbergs sein würde? Hatte er geahnt, dass Israel, seine Heimat und Besatzungsmacht über 5 Millionen palästinensische Bürger und rund 1,5 Millionen israelische Araber, es noch weiter treiben würde? Wir wissen es nicht. Denn Dayan wollte sich später nie wieder über seinen Nacht-und-Nebel-Film in einer spelunkigen Tel Affiver Bar äußern. Dafür tat es der Produzent von „Agfa“, Yoram Kislev: „Wenn das zionistische Experiment dem Ende zugeht und wir alle irgendwo in Europa und an anderen Orten der Welt leben, dann, so denke ich, wird der Film auf wunderbare Weise ausdrücken, welches Leben wir hier damals hatten.“

Ist das „zionistische Experiment“ zu Ende?

Etwas Positives hat Dayans Film auf jeden Fall: Er ist auch nicht trauriger als die Realität in Israel selbst.  Und was innerhalb einer Nacht und in wenigen Stunden an Zerstörung, Gewalt, Ablehnung und Macht zutage tritt, ist an Ehrlichkeit nicht zu übertreffen. Bis zur Schmerzgrenze.

Der Film ist auf youtube in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln (siehe auch oben) zu sehen. Das Filmfest Hamburg geht noch bis zum 10.10.2015, das Programm der israelischen Filme finden Sie hier.
Zusatz vom 7.10.2015: Den Film kann man auch in der Videothek „Third ear“ (hebräisch: Ha ozen Ha shilshit) in der Cinematheque Jerusalem ausleihen.
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