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Deutsche Freunde

19 Feb
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Babykleidung in der Altstadt Jerusalems.

Das Jahr 2016 hat uns medial heftige Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Meinungsträgern in Deutschland beschert, wenn es um Israel und Palästina ging. Hat es uns aber auch weitergebracht, wenn wir uns für Antisemitismus-Gefahr und Menschenrechte sensibilisieren wollen? Eine Reflexion

 

Im vergangenen Jahr– so meint man zu beobachten – passierte eine ganze Menge in Hinblick auf die deutsch-israelische Freundschaft. Und das zieht sich bis in dieses noch junge neue Jahr hinein. Die Beziehung zwischen Deutschland und Israel ist nicht mehr ganz so rund und straff wie ein frischgepflückter Apfel oder, sagen wir salopp, ein Baby-Po. Stattdessen machen sich hässliche Spannungsfältchen an der Oberfläche bemerkbar. Was ist passiert? Sind die Deutschen keine Freunde Israels mehr?

Linke Juden in Deutschland fühlen sich angegriffen von hier zionistisch Überzeugten, die wiederum am liebsten hätten, dass nicht-jüdische Menschen am besten gleich ganz die Klappe halten, wenn es um Israels Besatzungspolitik geht. Zu antisemitisch, zu pro-palästinensisch, zu irgendwas pro oder contra, so lautet stets der Vorwurf an Kritiker der israelischen Politik.

Ein paar Beispiele: Die Zeit

„Die Zeit“ experimentierte gerade mit einer Antisemitismusprüfung in Berlin-Neukölln. Sie liess Redakteurin Mariam Lau mit einem Rabbiner durch den Kiez laufen, in dem bekanntermassen ziemlich viele Araber leben. Dass in Berlin-Neukoelln auch ziemlich viele Israelis, Italiener und so manche Hipster wohnen, ist nicht so wichtig. Am Ende ist klar: Ja, in Neukölln haust der Antisemitismus. Der Rabbi musste sich einiges an Schmähungen anhören. Darüber ärgerte sich wiederum Armin Langer, ein jüdischer Publizist, der in Neukölln wohnt und das stereotype und voraussehbare Verhalten von Lau und Rabbiner daraufhin auf Zeit Online unter dem Titel „An der Front nichts Neues“ kritisch kommentiert.

Beispiel II : mit Israelflagge im Tagesspiegel

Der Tagesspiegel lässt 2016 – ebenfalls als journalistischen Test – zwei Redakteure mit Israelflagge Richtung Brandenburger Tor laufen. Es ist Fussballzeit und ja, hier sind viele Fans unterwegs, manche davon bierselig, manche auch nicht, aber alle mit einem festen Gewinner im Herzen und im Kopf. Die Redakteure kommen ins Schwitzen, denn – Überraschung! – mit der Israelflagge werden die beiden Jungs als vermeintliche Israelis wahrgenommen und ernten einige negative Reaktionen. Das ist gut für den Text und die beiden Jung-Journalisten – sie haben ihre Story für die Zeitung, genau das, was sie erhofft hatten zu schreiben und anhand von Zitaten darstellen wollen: Es gibt böse Menschen in Deutschland, die Israel nicht mögen und das auch sagen. Und spucken. Was Menschen mit der israelischen Flagge assoziieren und woher diese Meinungen kommen, was davon antisemitisch ist und was als Israel kritisch eingestuft werden könnte, diese Leistung bleiben sie den Lesern leider schuldig. Es wäre das eigentliche Thema des Artikels gewesen. Davon abgesehen, dass das Anspucken von Leuten generell absolut daneben ist, ganz gleich, mit was oder wem man sie verbindet, war auch diese Idee des Tagesspiegel möglicherweise etwas daneben. Zwei Fake-Israelis gehen mal los und sehen, was passiert… hm.

Israel kritisch, also tschüss

Ein drittes Beispiel ist der Streit um die palästinensische Filmreihe „After the last sky“ im Berliner Herbst vergangenen Jahres. Antisemitismus-Vorwürfe gegen das Ballhaus in der Naunynstraße in Kreuzberg werden laut. Worte, wie Kolonialisierungsprojekt und ethnische Säuberung in Zusammenhang mit Israel sollen gefallen sein.  Debatten zwischen linken Israelis, deutschen Behördenträgern und politischen Aktivisten, pro und contra, entstehen. Und obwohl es so scheint, als würde sich in Berlin immer auch der Spiegel der gesamten Republik zeigen, setzen sich auch in Freiburg, München, Oldenburg und an vielen anderen Orten in Deutschland Menschen mit ihren unterschiedlichen Meinungen über Israels Besatzungspolitik und seiner Verletzung internationalen Rechts auseinander. Oft führte dies 2016 zum Ausladen, zum Tür-Zumachen für diese Menschen. Tschüss, Du bist Israel kritisch, ergo antisemitisch, also musst Du draussen bleiben! Im billigsten Fall werden kritische Juden als „selfhating“ Jews bezeichnet. Im besten und seltensten Fall bemühen sich Journalisten in deutschen Medien darum, ihre Position zu verstehen und einem differenzierten Verständnis des Nahostkonflikts schreibend einen Raum zu geben. Aber ein/-e scharfsichtige(r) Journalist_in, der/ die zum Beispiel die israelische Besiedelungsstrategie der Westbank permanent für uns analytisch begleitet und seziert, davon gibt es noch viel zu wenige. Oder haben Sie eine Ahnung davon, wie alt die ältesten Siedlungsblöcke Israels sind und wann Netanjahu diese nun annektieren wird? Eben.

Antisemitismusvorwurf als dunkle Wolke

Die Bilanz von 2016 ist wohl diese: Es wurde viel geschrieben über Israel, über Palästina und das in Deutschland, und alles eher auf Mikroebene. Gerade auch in den sozialen Medien wie facebook und twitter, in denen Menschenrechtsgruppen intensiv aktiv sind. Diese wehrten sich rege gegen Antisemitismusvorwürfe in 2016 und bezogen häufig Stellung für die Menschenrechte. Aber Deutschland hat, wenn es eine offene und differenzierte Debatte zum Nahostkonflikt betrifft – immer noch die Babyschühchen an. Sobald der Antisemitismusvorwurf wie eine depressive Wolke am grauen deutschen Himmel auftaucht, reagieren Veranstalter (Städte, Gemeinden, Universitäten, Rathäuser, Konzert- und Veranstaltungsräume) wie das Kaninchen vor der Schlange. Gelähmt und vor Angst erfüllt.

Dies muss anders werden, wenn wir tatsächlich an kritischen Diskursen interessiert sind, die sich nicht von Internationalem Recht lösen, sondern es als unabdingbare Basis betrachten wollen. Und wenn wir Antisemitismus als solchen wahrnehmen und ihm präventiv entgegengehen möchten. Bei inflationärem Nutzen eines Begriffs laufen wir Gefahr, zu verblöden. Wir werden immer kleiner und schlichter bis am Ende nichts mehr an der Bedeutung eines Wortes und seiner Folgen übrig bleibt in unseren Streitgesprächen. Wir treten diejenigen mit Füssen, die in ihrem Leben unter Antisemitismus wirklich leiden mussten und es heute noch tun. Wollen wir das?

Alles Gute für 2017. Bleiben wir Freunde.

 

 

 

 

 

Schönes neues Jahr

19 Feb
Ungewisse Zukunft: Beduinenkinder im Jordantal sind besonders stark von Armut bedroht. Fotos: Haensel

Ungewisse Zukunft: Beduinenkinder im Jordantal sind besonders stark von Armut bedroht.                                                                                Fotos: Haensel

 

Ein Stimmungsbarometer von Liva Haensel

Eigentlich hätte hier jetzt ein Jahresrückblick stehen müssen. Ich hätte zu Beginn des jungen Jahres gerne mit einer Sektflasche in der Hand in den Himmel von Jerusalem geschaut, die Sterne gezählt über dieser unheiligen Stadt mit ihren flüsternden Mauern und dabei innerlich die Monate an mir vorüberziehen lassen. Dann hätte ich das Innerste auf Papier gebracht. Hier sollte ein handfestes Stück stehen für Sie, liebe Leser. Aber es ging irgendwie nicht. Weil ich nicht wusste, wie ich etwas in Worte fassen sollte, für das es keinen passenden Rahmen gibt. Wie beschreibt man einen Ausnahmezustand in einem besetzten Land, der normal ist und gleichzeitig absolut wahnsinnig?

Der Tod ist still

Ende September 2015 bäumte sich eine Welle von Unruhe auf, die Jerusalem und die Westbank erfasste. Fast jeden Tag greifen unter Besatzung Lebende ihre Besatzer an. Die Besatzer sind meist Angehörige der sogenannten Border Police Einheit und israelische Soldaten. Die unter Besatzung Lebenden sind sehr junge Menschen mit einem Messer, meistens Männer. Fast immer endet es tödlich – für die Palästinenser. Bisher wurden 50 von ihnen sofort noch an Ort und Stelle von den israelischen Sicherheitskräften getötet, die israelische Presse schreibt mehrheitlich von neutralisieren, neutralized. Vor ein paar Stunden wurden wieder 2 Attentaeter in Jerusalems Altstadt neutralisiert. Das Wort ist ein hübsches Beispiel dafür, wie still der Tod sein kann, wenn man ihm nur den richtigen Namen gibt. In dieser Woche wurden alleine 222 palaestinensische Zivilisten von israelischen Soldaten und Polizisten verletzt. Für das Jahr 2015 nennt UN Ocha die Zahl von knapp 14.000.

Angst vor allem

Die Angst der Israelis vor unberechenbaren Attacken hat wieder zugenommen. Sicherheit? Gibt es nicht in dem einzigen jüdischen Staat auf der Welt. Aber die Angst ist ein gutes Argument dafür, um Menschen in Schach zu halten und eine radikale politische Linie zu verfolgen. Die Knesset, das israelische Abgeordnetenhaus, ist dabei, ein Gesetz zu verabschieden, dass linksliberale NGOs in Israel künftig dazu verpflichtet, ihre zumeist ausländischen Finanzquellen veröffentlichen zu müssen. Die Israel kritischen Organisationen befürchten dadurch weitere Einschränkungen in ihrer (politischen) Arbeit. Journalisten in Israel dürfen nur frei arbeiten und bekommen Zugang zu staatlichen Stellen, wenn die zuständige Behörde es dort genehmigt. Dies betrifft gerade auch internationale Medienmacher, die auf Presseausweis und Arbeitsvisum angewiesen sind. Gleichzeitig zeigt die Boykottbewegung BDS, die 2005 von der palästinensischen Zivilgesellschaft am Beispiel Südafrikas gegründet wurde und international mittlerweile schmerzhafte Einbussen für Israel bedeutet, Wirkungen, die wiederum Angst in Israel schüren. Wer sich nicht mit der Tatsache abfinden kann, dass er und sie Besatzer ist gegen internationales Recht und deshalb Gegenwind bekommt, fangt an zu dämonisieren. Oder die Besatzung mit all ihren Konsequenzen zu rechtfertigen. Aus vermeintlich zwischenmenschlichen Gründen wird darüber öffentlich nachgedacht, dass israelische Unternehmen in der Westbank Arbeitsplätze für Palästinenser bedeuten – und deshalb sehr gut für die unter Besatzung lebenden Menschen seien. Es ist folglich sehr schlecht, wenn diese Unternehmen schliessen müssen, weil sie von der BDS-Bewegung boykottiert werden. Auch eine Logik. Aber sie hat einen Denkfehler. Denn die palästinensische Bevölkerung hat sich ihre Besatzung nie selbst ausgesucht. Frauenrechte, Menschenrechte, kritische Stimmen in den palästinensischen Gebieten, Demokratieverständnis und strukturelle Organisation? Ja, es gibt Defizite dort. Aber sie alle können die illegale Landnahme, die unzähligen Privilegien für die jüdische Bevölkerung, die hundertfachne Hauszerstörungen und die überproportionale Anwendung von Gewalt der israelischen Sicherheitskräfte längst nicht mehr versüssen.

Die Logik der Besatzung

Menschen in der Region wollen in Frieden leben. Dafür müssen sie alle Zugang zu Bildung, Gesundheit, Ausweisen, Wasser und Land haben. Auch zu Religionsfreiheit – was bedeutet das in einem jüdischen Staat, der sich mit einer Mauer umgibt?

Ein palästinenscher Bekannter hat es einmal so ausgedrückt: Das ganze Land ist eine einzige, grosse Psychiatrie mit einem Dach, unter dem sie gemeinsam leben müssen – Palästinenser und Israelis. Das stimmt, das Bild ist nicht ganz falsch gewählt. Ab und an besucht man ein schönes Restaurant in dieser psychiatrischen Einrichtung, man geht an den Strand und bestellt Pommes mit Steak und einen frisch gepressten Saft. Leute haben hier oft guten Sex, es gibt eine grossartige Musik- und Clubszene in Tel Aviv und Ramallah hat sogar einen kleinen Ikea mit Billyregalen.

Rein ins wilde Leben

Die Menschen in Israel und den palästinensischen Gebieten sind ausnehmend schön. Man kann gut und gerne einen ganzen Tag damit verbringen, sie anzuglotzen, am besten von einem Balkon in der Mamilla Mall oder in der Jaffa Street in einem Straßencafé sitzend. Man kann für einen Augenblick den Nahostkonflikt vergessen. Diesen ganzen Psychokram einfach mal wegwischen wie ein paar lästige Krümmel von dem sonst so sauberen Tisch. Aber am Ende wird es nichts nützen. Dann steht man auf und geht. Wieder voll rein in diese Psychiatrie, in das wilde, verrückte Leben. Wenn ich jetzt zurückblicke auf das Jahr 2015 und dann auf das neue Jahr, dann mit Hoffnung und Angst zugleich für das, was da noch kommen wird.

Die Redaktion von dreiecksbeziehung wünscht Ihnen, liebe Leser, ein schönes und friedliches Jahr 2016! stern

Intifada auf Probe

6 Okt
Im "Schwitzkasten": Israelische Soldaten nehmen einen Palästinenser fest. Foto: Maid Gaith

Im „Schwitzkasten“: Israelische Soldaten nehmen einen Palästinenser fest. Foto: Maid Gaith

 

Von Liva Haensel

Israel stellt die palästinensische Bevölkerung auf eine harte Probe. Diese möchte in Frieden leben – und soll gleichzeitig ihre lebenslange Besatzung akzeptieren. Kann dieser Nervenkrieg gutgehen?

Intifada (arabisch: etwas abschütteln, loswerden). Bezeichnung für den Aufstand der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten gegen den israelischen Besatzer. Im Kontext des Palästina-Israel-Konflikts gab es bisher zwei Perioden, von denen Politikwissenschafter als „Intifada“ sprechen: Zum einen die sogenannte erste Intifada, die 1987 begann und sich bis ca. 1992 hinzog und mit dem Beginn der Oslo-Verhandlungen ein Ende fand sowie die zweite Intifada, die offiziell im Jahr 2000 mit dem Gang des damaligen israelischen Premierministers Ariel Sharon auf den Tempelberg begann und bis ca. 2004 anhielt.

„Die Menschen sagen, dass ist jetzt die dritte Intifada“, berichtet ein Mitarbeiter der Al Quds Universität in Bethlehem, der seinen Namen nicht nennen möchte.  Die momentane Situation in der Westbank und Jerusalem sei „schrecklich“, die Lage „sehr deprimierend“. Allein in den vergangenen Tagen sind laut der palästinensischen Nachrichtenagentur Maan News 400 Menschen zum Teil schwer verletzt worden – durch Tränengas, Kugeln und Gummigeschosse der israelischen Armee. Am Wochenende wurde ein 18-Jähriger Palästinenser in Ost Jerusalem in der Nähe des Damaskus Tores erschossen und von jüdischen Siedlern verhöhnt. Gestern starb der 13-jährige Schüler Abdul-Rahman Obeidallah, er wurde auf dem Schulweg in Bethlehems Stadtzentrum unweit des Checkpoints von einem israelischen Scharfschützen erschossen. Obeidallah war unbewaffnet und nicht an Demonstrationen gegen die israelische Besatzung beteiligt. Sonntagnacht erschossen israelische Soldaten Huthaifa Sulaiman (18), der in der Stadt Bal’a östlich von Tulkarem im Norden der Westbank gegen die Besatzungsmacht demonstriert hatte. Am Samstag hatten Palästinenser ein israelisches Siedler-Ehepaar in einem Auto in der Westbank getötet.

Israel verletzt die Abmachung

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verhängte daraufhin eine 9-tägige Ausgangsperre in Jerusalems Altstadt für Palästinenser, ausgenommen sind lediglich Bewohner sowie Touristen. Der Tempelberg ist bis auf weiteres für muslimische Betende gesperrt. Er hat eine zentrale Schlüsselrolle im

Muslime fordern den Zutritt zum Tempelberg. Foto: Ahmad Gharabli

Muslime fordern den Zutritt zum Tempelberg.                Foto: Ahmad Gharabli

Islam und gilt nach Mekka und Medina als drittheiligster Ort für Muslime weltweit. Zudem hatte Israel nach dem Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 die Souveränität des Tempelberges in die Hände des islamischen Waqf übergeben und sich damit einverstanden erklärt, dass Juden den heiligen Berg nicht als religiöses Monument betreten dürfen. Diese Abmachung wurde vor allem seit dem Jahr 2000 zunehmend von Seiten Israels verletzt. An jüdischen Feiertagen betreten immer wieder jüdische Nationalisten den Tempelberg und drohen damit, den Felsendom sowie die Al-Aksa-Moschee darauf zu zerstören, um den jüdischen Tempel, der einst dort gestanden haben soll, wieder aufzubauen. Die jüdischen Extremisten werden stets von israelischen Soldaten und Polizisten eskortiert. Während dieser Besuche ist der Tempelberg für muslimische Betende jedes Mal komplett unzugänglich. Dies führt regelmäßig zu Protesten der palästinensischen Bevölkerung, die sich auf ihr Recht auf Religionsfreiheit beruft.

Ausschreitungen wie vor einem Jahr

In größeren Städten Israels, in denen mindestens 50 % der Bevölkerung arabisch sind, kommt es derzeit zu massiven Ausschreitungen. In Nazareth, Jaffa und Jerusalem wehren sich immer mehr Menschen gegen die unzumutbaren Zustände. Die israelische Bevölkerung besteht zu 20 Prozent aus palästinensischen Bewohnern. Die sogenannte „fünfte Säule“ in Israel sind die arabischen Menschen, denen es trotz des Krieges nach der Staatsausrufung Israels 1948 gelang, in ihrer Heimat zu verbleiben.

Verletzt durch ein Gummigeschoss: Ein junger Mann wird in Bethlehem von der palästinensischen Ambulanz versorgt. Foto: PNN

Verletzt durch ein Gummigeschoss: Ein junger Mann wird in Bethlehem von der palästinensischen Ambulanz versorgt.                                                    Foto: PNN

Sie besitzen die israelische Staatsangehörigkeit, aber nicht dieselben Rechte wie die jüdisch-israelische Bevölkerung. 2014  waren die israelischen Araber oder „48-Palestinians“ wie sich die Bewohner selbst oft nennen, diejenigen, die am stärksten Widerstand gegen ihre israelischen Besatzer leisteten. Im Juli 2014 war es zu drastischen rassistischen Ausschreitungen gegen palästinensische Bewohner Ost Jerusalems gekommen, nachdem erst drei jüdische Teenager in der Westbank ermordet worden waren und daraufhin in einem Racheakt der 17-jährige Mohammed Abu Khdeir bei lebendigem Leib von jüdischen Siedlern in einem Westjerusalemer Waldstück verbrannt worden war. Wütende Palästinenser des Stadtteils Shuafat (aus dem der Junge stammte) hatten daraufhin die Straßenbahntrassen zersägt und die Stationen Es Sahel und Shuafat für den öffentlichen Verkehr unbrauchbar gemacht. Damit protestierten sie auch gegen das stark anwachsende und vom Staat Israel unterstützte Anwachsen illegaler jüdischer Siedlungen in Ost Jerusalem, die die Straßenbahnlinie seit 2011 mit West Jerusalem verbindet. In dem arabischen Teil der Stadt, die Israel 1967 völkerrechtswidrig besetzte und 1982 annektierte, leben derzeit etwa 300.000 Palästinenser und 150.000 jüdische Israelis.

Weltweit 9 Millionen Flüchtlinge

Bei dem Gazakrieg (8. Juli bis 27. August, danach Waffenstillstand zwischen Hamas-Israel), den Israel 2014 unter dem Namen „Protective Edge“ führte, starben rund 2200 Menschen im Gazastreifen, darunter 500 Kinder. Auf der israelischen Seite verloren nach offiziellen Angaben Israels 66 Soldaten und sieben Zivilisten ihr Leben.

Weltweit leben rund 9 Millionen Palästinenser als Flüchtlinge und Nachkommen von Flüchtlingen außerhalb ihrer Heimat. Seit 1980 haben 1 Million jüdische Israelis den Staat Israel verlassen. Etwa 40.000 Israelis leben derzeit in Berlin. Angela Merkel erwartet Benjamin Netanjahus Staatsbesuch morgen in Deutschland. Die Situation ist angespannt, das hat auch die Kanzlerin erkannt. Der Ministerpräsident der palästinensischen Gebiete, Mahmoud Abbas, hatte vergangene Woche das Osloer Abkommen von 1993 als nicht mehr bindend für sein Volk erklärt und damit offiziell der Zwei-Staaten-Lösung, die Deutschland unterstützt, den Wind aus den müden Segeln genommen.

„Wir wollen Freiheit“

Palästinenser befürchten, dass Netanjahus rechte Regierung den Gürtel für die arabische Bevölkerung jetzt noch enger schnallen wird. In den meisten Städten in der Westbank waren vergangenes Wochenende hunderte von Soldaten mit Gewehren und Gummigeschossen im Einsatz, bei zahlreichen nächtlichen Razzien wurden Jugendliche und junge Männer wiederholt nachts gewaltsam aus ihren Betten gerissen und ohne eine Erklärung von der Armee verhaftet. „Wir wollen in Freiheit leben, ohne die israelische Besatzung, als Menschen in Würde“, sagt der palästinensische Universitätsmitarbeiter. Wenn jedoch seine Familie oder er selbst von Soldaten angegriffen werde, werde er sich wehren. „Niemand kann von uns verlangen, dass wir drangsaliert und getötet werden  – und dabei einfach tatenlos zusehen.“

 

Ihr seid die Reben

18 Sep
Aus für Olivenbäume: Israelische Soldaten entwurzeln die kostbaren Bäume zugunsten des Mauerbaus. Foto: Olivera D.

Aus für Olivenbäume: Israelische Soldaten entwurzeln die kostbaren Bäume zugunsten des Mauerbaus.                                                            Fotos: Olivera D.

In dem Tal Cremisan bauen katholische Mönche berühmte Weinreben an und Nonnen unterrichten 200 Kinder. Doch der Oberste Gerichtshof in Jerusalem hat entschieden: Hier wird die israelische Trennmauer gebaut. Die palästinensischen Bewohner sind verzweifelt. Jeden Freitag halten Geistliche einen Gottesdienst unter freiem Himmel ab. Menschenrechtsbeobachterin Olivera D. besucht das Tal regelmäßig und berichtet aus Bethlehem

BETHLEHEM  – Nach nun 28 Tagen schreiten die Arbeiten im christlichen Tal von Cremisan, in Bir Ouna, einem Teil von Beit Jala, westlich von Bethlehem, voran. Wo zu Beginn der Arbeiten am 17. August der Olivenhain noch deutlich als solcher zu erkennen war, liegen nun weite Teile des Landes brach. Stück für Stück müssen jahrhundertealte Olivenbäume der Erweiterung der israelischen Trennmauer weichen

Zum Hintergrund

Am 17. August 2015 begann ein Bauunternehmen damit, Olivenbäume – von denen einige aus der Römerzeit stammen – zu schneiden, um die Entwurzelung für das endgültige Abroden zu ermöglichen. Soldaten der israelischen Armee (IDF) sowie Polizei und private Sicherheitskräfte bewachen die Arbeiten. Die Ohnmacht und Trauer auf Seiten der Landbesitzer ist groß und tief. Lokale christliche Familien aus der überwiegend christlichen Region Bethlehems sind hauptsächlich betroffen. Im Tal von Cremisan sind das insgesamt 58 Familien, die vom israelischen Verteidigungsministerium enteignet wurden und deren Land in diesem Fall der Erweiterung der Mauer zum Opfer fällt – und dies, obwohl im April 2015 der Oberste Gerichtshof Israels noch zugunsten der Familien entschieden und die Enteignungsbefehle aufgehoben hatte. Das israelische Verteidigungsministerium hob jedoch bald darauf die Entscheidung des Obersten Gerichts auf (und machte sie dadurch quasi wertlos).

Ein Mann zeigt den Verlauf der Mauer im Cremisan-Tal. Foto: Olivera D.

Ein Mann zeigt den Verlauf der Mauer im Cremisan-Tal.

Abwehr von Terroristen

Der angebliche Zweck der Konstruktion lautet: Attentäter von Jerusalem und Israel fernzuhalten. „Mit dem Bau würde ein fruchtbares Tal – de facto das letzte in der Gegend um Bethlehem – an Jerusalem angegliedert und damit die Erweiterung der illegalen israelischen Siedlung Gilo ermöglicht. Der Anschluss von Land ist jedoch nach internationalem Recht verboten, ebenso ist das Ansiedeln eigener Bevölkerung auf besetztem Gebiet ein klarer Verstoß gegen § 49 der 4. Genfer Konvention, in der es heißt: ,Die Besetzungsmacht darf nicht Teile ihrer eigenen Zivilbevölkerung in das von ihr besetzte Gebiet deportieren oder umsiedeln.’ Israel macht sich somit einer eklatanten Verletzung des Völkerrechts schuldig“, so Manfred Budzinski, der Sprecher der pax christi‐Nahostkommission.

Beit Jala im Sandsturm

Patrouille im Sandsturm: Die Zufahrtsstraßen sind mittlerweile auch für die Anwohner teilweise gesperrt.

Die Grüne Linie wird ignoriert

Der Bau der israelischen Trennmauer begann im Jahre 2002 und soll Terrorangriffe auf Israel abwehren. Neun Meter hoch ist sie, höher als die Berliner Mauer. Gebaut wurde sie auf palästinensischem Gebiet. Teilweise reicht sie sogar tief in das palästinensische Land hinein. Die sogenannte „grüne Linie“, die Grenze, die 1949 von der UNO festgelegt wurde, existiert somit nicht mehr bzw. wird ignoriert. Stück für Stück, Meter für Meter wird Land von Israel konfisziert und annektiert. So auch in Bir Ouna: 3 Quadratkilometer wird die Mauer, wenn sie einmal fertig ist, in das palästinensische Gebiet hineinragen. Und die Menschen können nur hilflos dabei zusehen.

Die Mauer ist illegal

Hilflosigkeit fühlt auch der Bürgermeister der Stadt Beit Jala, Nikola Kharmis, aber auch tiefe Trauer. Die Region Bir Ouna und das Cremisan‐Tal gehören zu Beit Jala: Er ist damit für sie verantwortlich. Der Beginn der Arbeiten wirkt sich stark auf seine Arbeit als Bürgermeister aus. Seine Arbeitstage sind geprägt von Terminen, Interviews und Demonstrationen, um das Irgendmögliche zu tun gegen den Bau des Übels – gegen die illegale Mauer, die Bürgerinnen und Bürger ihrer Ländereien beraubt – die einzige Einnahmequelle und einziges Anbaugebiet der Stadt, wie er selbst sagt.

Hoffen und Beten: Geistliche der katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche halten einen Gottesdienst ab. IM Hintergrund beobachten israelische Militärs die Lage. Foto: Olivera D.

Hoffen und Beten: Geistliche der katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche halten einen Gottesdienst ab. IM Hintergrund beobachten israelische Militärs die Lage.

Hoffnung und Halt

Doch was tun, wenn selbst der Oberste Gerichtshof dem „Sicherheitsbedürfnis“ und somit den Methoden des Verteidigungsministeriums weichen muss? Sowohl Nikola Kharmis als auch die Landbesitzer, Nachbarn und viele Unterstützer nehmen seit dem 18. August täglich um halb neun an der Morgenandacht im Tal teil. Viele verschiedene kirchliche Vertreter beten gemeinsam, um sich und ihren Mitbürgern Hoffnung und Halt zu geben und schlussendlich etwas zu bewirken.

Im Rahmen der Andacht wird die folgende Bibelpassage gesprochen:

Lukas 19:41-47, Neue Genfer Übersetzung (NGU-DE): Jesus weint über Jerusalem

41 Als Jesus sich nun der Stadt näherte und sie vor sich liegen sah, weinte er über
sie 42 und sagte: „Wenn doch auch du am heutigen Tag erkannt hättest[a], was dir Frieden bringen würde! Nun aber ist es dir verborgen, du siehst es nicht. 43 Es kommt für dich eine Zeit, da werden deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und dich von allen Seiten bedrängen. 44 Sie werden dich zerstören und deine Kinder[b], die in dir wohnen, zerschmettern und werden in der ganzen Stadt[c] keinen Stein auf dem anderen lassen,weil du die Zeit, in der Gott dir begegnete,[d] nicht erkannt hast.“3

Eine ökumenische Begleitperson des Programms EAPPI beobachtet die Lage vor Ort. Foto: Olivera D.

Olivera D., mit der Weste des Programms EAPPI, vor Ort. Die Weste ist das Markenzeichen des Programms und signalisiert „Schutz durch Anwesenheit“ durch alle Mitwirkenden. 

Seit dem 18. August habe ich an 14 Morgenandachten teilgenommen. Ich habe gesehen, wie ein wunderschönes Tal mit uralten Olivenbäumen Tag für Tag schwindet. Wo über 100 Bäume standen, ist nun Brachland. Ich habe neben der ausführenden Baufirma viele Soldaten, Polizisten und private Sicherheitskräfte gesehen, die die Arbeiten bewachen. Ich habe Menschen gesehen, die zusammenkommen und beten, in der Hoffnung, dass dieses Verbrechen gestoppt wird. Ich habe Geistliche gesehen mit Tränen in den Augen. Ich habe den Bürgermeister der Stadt mit Tränen in den Augen gesehen. Ich selbst habe die Ohnmacht gespürt und meine Tränen versucht zurückzuhalten.

Am 15. November wird es eine Anhörung vor dem israelischen Obersten Gericht für die Familien geben, denen das Land gehört. Sie werden von der katholischen Menschenrechtsorganisation „Society of St. Yves“ vertreten, die hier einen ausführlichen Bericht über die Situation im Cremisan-Tal veröffentlicht hat. 

Über die Autorin: Olivera D. ist derzeit in Israel und den besetzten Gebieten im Rahmen des Programms EAPPI (Ecumenical Accompaninemt Program for Palestine and Israel – Ökumenisches Begleitprogramm in Palästina und Israel), das sich zum Ziel gesetzt hat, Freiwillige aus der ganzen Welt vor Ort einzusetzen und ihnen durch Begegnungen und Beobachtungen einen eigenen Einblick in den Konflikt zu geben, tätig. Ihre Entsende-Organisation ist die EMS (Evangelische Mission in Solidarität) im Verbund mit dem ökumenischen Weltrat der Kirchen/Genf.
Die Fotorechte liegen bei der Autorin.

Glaube, Liebe – Hoffnung

1 Jun

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Vor zwei Wochen zerstörten israelische Bulldozer 1500 Obstbäume der Familie Nasser im Friedensprojekt „Tent of Nations“ bei Bethlehem. Die Familie kämpft seit über 23 Jahren vor Gericht um ihr Land. Ein Besuch.

Von Liva Haensel

„Eines Tages wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen“, sagt Daoud Nasser. 25 Menschen aus der lutherischen Erlösergemeinde in Jerusalem sitzen in einer Kapelle aus Stein und hören dem Mann in dem blauen Polohemd zu. Die blonde Frau neben ihm, eine Musiklehrerin, guckt stumpf auf den Boden. Der Satz von Daoud Nasser bleibt kurz in der Luft hängen. Man versucht krampfhaft, sich jetzt einen strahlenden goldgelben Sonnenball vorzustellen, der ein warmes Licht verbreitet. Der so aussieht, wie man sich Güte und so etwas wie Gerechtigkeit als Form und Farbe vorstellen könnte. Aber da kommt nichts. Das Kopfkino funktioniert  irgendwie nicht im „Tent of Nations“ bei Bethlehem. Nicht jetzt, nachdem die Bulldozer da waren. Nicht, wenn man die ganze Geschichte der Familie Nasser hört, sich ein Bild vor Ort macht.

Es ist die Geschichte eines dramatischen Kampfes, aber auch eine ohne Happy End. Vorläufig. Die Sonne ist hier gerade hinter den Wolken verschwunden. „Tent of Nations“, das Zelt der Völker, wie es auf Deutsch heißt, ist nicht Hollywood. Es ist palästinensisches Land unter israelischer Besatzung. Hier gibt es kein Stromnetz und kein Wasser aus Hähnen, weil die Nassers keine Baugenehmigungen dafür vom Staat Israel bekommen.

Symbol für gewaltfreien Widerstand

Am 19. Mai fuhren drei israelische Bulldozer der israelischen Armee den Berg bei der jüdischen Siedlung Neve Daniel herunter und auf das Land der Familie Nasser zu. Dort zerstörten sie 1500 Obstbäume, darunter 700 Weinstöcke. Die Reste der Bäume – Zweige und Stämme – versteckten die Soldaten in großen Erdlöchern. Dieser Akt ist illegal, denn die Nassers befinden sich seit 1991 in einem schwebendem Gerichtsverfahren mit dem Staat Israel. Damals erfuhren sie nur durch einen Zufall, dass ihre 400 Dunum Land (1 Dunum=1000 m²) für Israel zu „Staatsland“ erklärt worden waren. „Wir zeigten vor Gericht alle unsere Besitzurkunden, die mein Großvater seit dem Landerwerb 1916 lückenlos aufbewahrt hatte“, erzählt Daoud Nasser, der Leiter des Projektes „Tent of Nations“. Die israelische Seite reagierte schockiert, damit hatte sie nicht gerechnet. Doch noch schockierender muss es für sie gewesen sein, dass die christlich-palästinensische Familie ab 2000 systematisch damit begann, ein Friedensprojekt für Menschen auf ihrem Land aufzubauen, das so gar nicht in das gängige Klischee des Steine werfenden Palästinensers passte. Seitdem pflanzen dort auf dem Hügel bei Bethlehem jüdische Friedensaktivisten Bäume, arabische Kinder aus den Flüchtlingslagern malen Herzen und deutsche Volontäre basteln an Zisternen und Solaranlagen. Rupert Neudeck von der Organisation „Kap Anamur“ berät zu Alternativen Energien. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hält gerne ihre schützende Hand über das Stück Land.

Günstiges Leben in Gush Etzion

„Tent of Nations“ ist ein interreligiöses Begegnungsprojekt von Lutheranern. Und mittlerweile zu einem Symbol für gewaltfreien palästinensischen Widerstand geworden, das weltweit hohes Ansehen genießt. Die Familie Nasser will keinen Streit mit den benachbarten Siedlungen, sondern in Frieden mit ihnen leben. Sie ist mittlerweile umringt von 5 Siedlungen mit 90.000 Einwohnern, alle Israelis, die nach Internationalem Recht illegal dort auf palästinensischem Land leben und von ihrem jüdischen Staat dafür subventioniert werden. Das Leben in Gush Etzion ist günstiger als in Jerusalem oder Tel Aviv. Außerdem bekommen die neuen Bewohner Zulagen und bei Gründung eines Unternehmens eine Anschubfinanzierung, die in den Siedlungen fünfmal höher liegt als im Kerngebiet Israel.

Alles, was Recht ist?

Die Nassers bekommen kein Staatsgeld von Israel, sondern entweder nächtliche Blitz-Besuche von Siedlern oder Landkonfiszierungsbefehle der israelischen Armee. Letztere übergibt diese nie persönlich. Die Zettel werden, immer auf Hebräisch verfasst, irgendwo auf dem Grundstück abgelegt. Eine Praktik, die oft zur Folge hat, dass palästinensische Bewohner die Zettel gar nicht erst finden, weil sie vom Regen durchnässt sind oder vom Wind weggefegt wurden. Ungünstig, wenn es um gerichtliche Einsprüche und Deadlines geht, um schnelles überlegtes Handeln, um Land und die eigene Existenz. Günstig, wenn man Land haben will und kein Interesse daran hat, den Landbesitzer rechtzeitig zu informieren. Aber sich auch nicht vorwerfen lassen möchte, man hätte die andere Seite nicht informiert. Das funktioniert in Israel, denn Gesetze sind dehnbar wie Kaugummi und lassen sich zudem aus den unterschiedlichsten Besatzungszeiten anwenden: jordanisches, britisches, israelisches Militärrecht oder das aus dem Osmanischen Reich – alle sind anwendbar, weil Israel Notstandsgesetzte nutzt und immer noch nicht über ein Grundgesetz verfügt, obwohl der Staat 2008 bereits sein 60-jähriges Bestehen feierte.

Bauern können ihr Land nicht erreichen

„Hier gilt: Alles, was Recht ist“, sagt ein palästinensischer Anwalt aus Jetusalem, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Nur rund 20 % seiner Mandanten bekommen am Ende ihr Land zurück, dass der Staat Israel zumeist nach einigen Jahren als Staatsland deklariert, weil es nicht kultiviert wurde, berichtet der Jurist. Was der Staat nicht sagt ist, dass die israelische Mauer nicht auf der Grünen Linie verläuft, sondern sich laut dem Büro von UN Ocha (United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs Occuied Palestinian Territories) zu 85 % auf palästinensischem Land befindet – und damit für viele Bauern das Bewirtschaften ihres Land verhindert, weil sie es nicht mehr erreichen können.

Siedlerkolonialismus stoppen

„Der Siedlerkolonialismus ist das gefährlichste Projekt des Staates Israel, das auf dem Rücken der Ureinwohner Palästinas – der Palästinenser – ausgetragen wird“, kritisierte der israelische Historiker Gadi Algazi von der Universität Tel Aviv kürzlich auf einem Politikkongress in Hebron. Dort trafen sich antizionistische Israelis und Palästinenser. Der Friedensaktivist ist für eine Neuordnung in der Region mit einem Staat, der gleiches Recht für alle auf Land und Wasser bedeutet, ein Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge miteinbezieht und die Zerstörungen palästinensischer Existenzen ausschließt. „Das muss sofort gestoppt werden“, sagte Algazi auf der Bühne in Hebron. Aber er sah müde aus bei diesen Worten.

Die Nassers sind nicht naiv

Daoud Nasser hingegen scheint seine Kraft auf wundersame Weise immer wieder neu zu nähren. „Tent of Nations“ ist zu seiner Lebensaufgabe geworden. Er reist mindestens zweimal im Jahr nach Deutschland und in die USA, um über seine Arbeit zu berichten. Er hat viele Pläne. Eine Berufsschule, mehr Jugendarbeit und Umweltbildung soll es hier bald geben. Aber die zerstörten Bäume wird das nicht zurückbringen. „Wir wollten dieses Jahr Weinreben ernten und das erste Mal Wein abfüllen“, sagt er. Daraus werde nun nichts. Es wird vier Jahre dauern, bis die Weinstöcke wieder Ernte reife Trauben tragen werden. Und auch die Olivenbäume müssen neu gepflanzt werden. Die von der Armee illegal abgeholzten Bäume hatten ein Alter von zwölf Jahren. Ein Olivenbaum ist empfindlich und benötigt viel Pflege und Fachkenntnis. Erst nach sieben Jahren trägt er die ersten Früchte. Der Gewaltakt der israelischen Armee war vorsätzlich. Die Nassers sind jetzt erst einmal geschwächt, aber sie sind nicht am Ende. Sie sind nicht naiv. Sie wissen, dass sie mit ihrer Klage am israelischen Gerichtshof – sie wollen eine Entschädigungssumme für die Bäume – niemals durchkommen werden.

Unberechtigte Kritik an Kirchen

Die Zerstörung des Landstückes schlug hohe Wellen und verbreitete sich vor allem Stunden später als erstes in den sozialen Netzwerken. In Deutschland schrieb einzig die Südwestpresse aus Ulm über den Vorfall, während palästinensische und israelische Nichtregierungsorganisationen und Blogger längst schon Berichte auf twitter und facebook veröffentlicht hatten. Johannes Gerloff, ein Theologe, der sich selbst als „Journalist“ und „Korrespondent“ der fundamentalistischen Israel-Nachrichten bezeichnet, kritisierte in seinem öffentlichen Facebook-Profil die Solidarität der Kirchen mit der Familie Nasser nach dem Gewaltakt: „Wer die Augen verschließt, ist mit verantwortlich, wenn mit „Dahers Weinberg“ unter dem Motto „Wir weigern uns, Feinde zu sein“, Zwietracht gesät, antiisraelisch gehetzt und persönliche Bereicherung vorangetrieben wird“, heißt es dort. Gerloff, ein christlicher Zionist, hatte vor kurzem erst in einem Artikel auf Israelnetz.com die illegale Enteignung des palästinensischen Rajabi-Hauses in Hebron verteidigt, das sich nun vollständig in Siedlerhänden befindet. Er ist mit Ulrich Sahm befreundet, einem ehemaligen Israelkorrespondenten des Nachrichtensenders n-tv, der sich zum Ende seiner journalistischen Karriere hin verstärkt mit der Herstellung von Kerzen und der Veröffentlichung von Kochbüchern befasst.

Roadblocks aus Sicherheitsgründen

All das macht Daoud Nasser nicht wütend. Er ist die Ruhe selbst. „Gewalt ist keine Option für uns. Es ist leicht zu hassen und schwer, negative Gefühle konstruktiv in positive umzuwandeln. Aber wir gehen diesen Weg weiter“, sagt er überzeugt. Die Sonne steht jetzt hoch oben am Himmel und scheint ihre ganze Strahlkraft auf die 25 Besucher dort unten abzugeben, die sich auf den Rückweg nach Jerusalem machen. Mühsam klettern die Menschen aus der Erlöserkirche über die beiden Roadblocks, mit denen der israelische Staat 2001 die Zufahrtstraße zum „Tent of Nations“ dichtmachte. Aus Sicherheitsgründen, wie es damals hieß. Da hilft nur noch eins: Glaube, Liebe – Hoffnung. Sagt Daoud Nasser jedenfalls.

4 Aug

Von Liva Haensel

Mimi Weingard (Name von der Redaktion geändert) möchte kein Foto von sich im Internet sehen. Sie sitzt auf der Terrasse des Österreichischen Hospizes in Jerusalems Altstadt und nippt an ihrem Großen Braunen. Ihr Freund Erez sitzt ihr gegenüber. Das Paar hat sich für zwei Nächte ein Doppelzimmer in dem alterwürdigen Haus, das noch aus ungarisch-österreichischen Kaiserzeiten stammt, geleistet. „Wir wollen die Altstadt und ihre Atmosphäre von innen spüren, den Trubel, die Gerüche und Lichter“, sagt Mimi (39). Beide leben in Tel Aviv, der Partybubble am Mittelmeer. Mimi mag Jerusalem nicht besonders, vor allem nicht die Ultra-Orthodoxen, die das Straßenbild mit ihren altmodischen Gewändern in Schwarz tauchen und mittlerweile ein Drittel der jüdischen Bevölkerung ausmachen. Aber ihre Mutter leidet seit einer Hüftoperation an einer schweren Depression und lebt hier. Deshalb nimmt sie die Haredin, die religiösen Siedler, die Intoleranz der Stadt dreier Weltreligionen zeitweise in Kauf.

Hochbeschützte Staatsbürgerin

Im Ramadan –  dem Fastenmonat der Muslime – ist die Altstadt überfüllt mit Gläubigen, die mit Gebetsteppich (Männer) und –Mantel (Frauen) auf den Haram Al-Sharif, den Tempelberg, gehen. Dort befindet sich die Al-Aksa-Moschee. Aber die Stadt ist auch voller israelischer Soldaten und Polizisten mit Gewehren und Schlagknüppeln. Vor der Treppe zum Österreichischen Hospiz stehen zehn junge Soldaten, die meisten Äthiopier, und sollen für die Sicherheit Israels sorgen. Oben, ein paar Meter höher im Garten des christlichen Hospizes, sitzt Mimi, eine hochbeschützte Staatsbürgerin Israels, im Spagettiträger-Top und mit Flipflops. Mimi ist Informatikerin. Sie hat eine Eigentumswohnung in Tel Avivs schickem Norden und ist gerade dabei, gemeinsam mit ihrer Familie eine Wohnung in Berlin zu erstehen. Die Weingards sind eine deutsch-jüdische Familie, Netas Mutter spricht noch fließend Deutsch und fühlt sich als echte Jecke. Die Großmutter fuhr 1943 in den Tod nach Theresienstadt. Aber Mimi hat mit dem nationalsozialistischen Deutschland ihren Frieden geschlossen, „weil es vorbei ist“, sagt sie. Berlin findet sie „sauber, die Menschen superfreundlich, ganz anders als die aggressiven Israelis“, und „aufregend“.

Karte mit allen jüdischen Siedlungen in Ost-Jerusalem.  Grafik: UN Ocha

Karte mit allen jüdischen Siedlungen in Ost-Jerusalem.
Grafik: UN Ocha

Nicht politisch aktiv

Sie betont, dass ihr Freund „sehr links“ sei. Mimi selbst ist sich nicht sicher, ob sie Israels Zionismus verteufeln oder gutheißen soll. Als jüdische Israelin genießt sie alle Privilegien im Gegensatz zu arabischen Israelis, die man im Nahen Osten als „48-Palästinenser“ bezeichnet (Araber, die nach der Staatsgründung Israels und der damit einhergehenden Vertreibung in den späteren Staatsgrenzen verblieben). Das weiß sie irgendwie, sie ahnt es, es ist ihr nicht wohl dabei, aber politisch aktiv gegen die israelische Besatzung ist sie nicht.

Warum auch? Es lebt sich gut so.

Mimi ist eine der Israelinnen, die in Tel Avivs Dizengoff shoppen und dann die Norgau Street runter an den Strand gehen, um sich dort mit Freunden zu treffen. Die Lokale

Promenade für Genießer: Dizengoff bei Sonnenuntergang Foto: bestoftelaviv.com

Promenade für Genießer: Dizengoff bei Sonnenuntergang
Foto: bestoftelaviv.com

am Meer bieten Meeresfrüchterisotto für 80  (etwa 15,15 Euro) und Fruchtschorle für 20 Shekel an (5 Euro). Das muss man sich leisten können, aber Mimi hat Ersparnisse und eine gutbetuchte Familie. Manch andere Israelin auch. Trotz Wirtschaftskrise und einem israelischen Monatsgehalt von 1600 Euro reiht sich an der Strandpromenade ein Markenshop neben dem nächsten. Und obwohl die Mieten in der Bauhaus geprägten Stadt extrem hoch sind (Einzimmer-Apartments kosten rund 700 Euro aufwärts), scheint die Idylle nichts zu trüben. Frauen mit Babybäuchen in bunten Sommerkleidern plappern emsig mit ihren Freundinnen, während sich sexy Jogger mit Sixpack-Bauch und rasierter Brust an ihnen vorbeiquetschen. Mimi nippt an Ihrem Kaffee im Hospiz, der jetzt fast alle ist. Sie will noch in die St. Anna-Kirche mit der guten Akustik, ihr Freund möchte dort singen. „Komm“, sagt sie, und packt ihre Tasche.

Ihre Augen sprechen

Muna Darawi (Name von der Redaktion geändert) grüßt ihre Kolleginnen kurz und knapp und eilt dann an ihren Schreibtisch. Sie will nicht reden, nicht über das, was gerade passiert ist, aber ihre Augen sprechen aus, was der Mund nicht zu sagen vermag. Vielleicht was mit der Familie, ein Streit darüber, dass sie gerne noch weiter studieren möchte und ihr Vater dagegen ist? Nach einer Stunde sind die Schweißperlen auf der Stirn der 22-Jährigen verschwunden, die Schwere in ihrem Blick ist einer gewissen Leichtigkeit gewichen. Sie lächelt.

Alpträume mit israelischen Soldaten

Muna, die Psychologin, tippt an einem Computer-Programm für die kommenden Monate. Dann wird sie wieder Feldarbeit unternehmen,  mit einer Kollegin in Schulen und Flüchtlingslager gehen, um junge Mädchen und Frauen zu motivieren. Für eine bessere Zukunft in Palästina, ein eigenständiges Leben, bessere Bildungschancen. Dann hilft Muna denen, die auf der sozialen Leiter ganz unten sitzen. Kindern in Jerusalems Altstadt, die mit 10 anderen Familienmitgliedern auf 50 Quadratmeter leben müssen während auf dem Stockwerk über ihnen jüdische Thora-Studenten in einer Jeschiva (Talmudschule) lauthals Gott preisen – Tag und Nacht. Oder Jungen, die noch mit 10 Jahren ins Bett machen, weil sie von Alpträumen geplagt werden, in denen israelische Soldaten ihre Väter verprügeln und sie anschließend verhaften. Mädchen, die heimlich von männlichen Familienmitgliedern nachts unter der Bettdecke missbracht werden. Die Altstadt ist ein soziales Pulverfass, weil die Palästinenser dort keine Bau- und Renovierungsgenehmigungen bekommen während sich gleichzeitig israelische Siedlerorganisationen wie ein Geschwür in ihren knappen bemessenenen Wohnraum fressen.

Eine tickende Zeitbombe

Muna kennt diese

Erzählungen ihrer kleinen und großen Klienten ganz genau. Sie wiederholen sich. Sie häufen sich. Dabei geht es ihr manchmal doch selbst schlecht.

„Heute Morgen kam ich über den Checkpoint Qualandia, der zwischen Ramallah und Jerusalem liegt“, berichtet sie. Als sie dem Soldaten dort ihren blauen Ausweis*, das unverkennbare Zeichen der arabischen Jerusalem-Bewohner zeigt, wird sie von einer Frau angefaucht, die neben ihr steht: „Du weißt gar nicht, was es bedeutet, unter Besatzung zu leben. Du weißt nicht, was es heißt zu leiden“, so die Worte der Westbank-Palästinenserin mit einem grünen Ausweis. Muna hat sich gewehrt, sagt sie. Nur, weil sie keine Sondergenehmigung der Israelis für den Grenzübergang nach Jerusalem benötige, heißt das nicht, dass sie nicht leidet. „Ich muss genauso über diesen Checkpoint wie Du auch, ich muss genauso seine Gitter, die schlecht gelaunten Soldaten, die Demütigungen ertragen.“

Sie fühlt sich als Gast

Am meisten frustriert Muna an solchen Auseinandersetzungen, dass sie einen Keil zwischen die Palästinenser als Ganzes treiben. Wer in Gaza lebt, ist mittlerweile anders sozialisiert als jemand, der in der Westbank aufwächst, in Israel oder in Ost-Jerusalem. Die Segregation als gewollte Politik Israels zeigt mittlerweile ihre Wirkung. Auch die zunehmend künstlich aufgebaute Entfremdung zwischen christlichen und muslimischen Palästinensern durch israelische Autoritäten nimmt zu. Muna stimmt das traurig. Am schlimmsten aber fin

Picknick vor dem Felsendom: Muna auf dem Tempelberg.

Picknick vor dem Felsendom: Muna auf dem Tempelberg.

det sie, dass sie sich mittlerweile in ihrer Heimatstadt Jerusalem nur noch als Gast fühlt. „Wenn ich mit meinem Kopftuch in West-Jerusalem shoppen gehe, werde ich von den jüdischen Israelis als etwas anderes angesehen, als jemand, der nicht dazugehört. Dabei lebt meine Familie seit Jahrhunderten hier, Jerusalem ist mein Zuhause.“

Muna mag den Strand von Tel Aviv. Sie liebt die Farben in den Schaufensterauslagen Tel Avivs, den Wind dort, das sich Barfüßig-in-den-Sand-zu-Graben. Sie liebt es

genauso wie Mimi. Aber die beiden Frauen trennen Welten. In die eine, in der Besatzer leben und regieren. Und die andere, in der unter Besatzung Lebende den Regeln zu folgen haben.

*Im Sechs-Tage-Krieg 1967 eroberte Israel Ost-Jerusalem und die Altstadt mit der Klagemauer. Die arabischen Bewohner erhielten daraufhin nicht die israelische Staatsbürgerschaft, sondern lediglich den Status von „permanent residents“. Dies beinhaltet, dass Ost-Jerusalemer lückenlos beweisen müssen, dass sie ihren Lebensmittelpunkt in der Stadt haben (gemeldeten Wohnsitz, Elektrizitäts- und Wasserrechnungen, Jobnachweis etc.) Alle Bewohner leben in ständiger Gefahr, ihren Aufenthaltsstatus zu verlieren. Dies betrifft vor allem Menschen, die im Ausland gelebt/studiert haben, mit Westbank-Bewohnern verheiratet sind oder direkt an der Mauer leben, die die jüdischen Siedlungen und ihre 190.000 Einwohner illegal miteingemeindet hat. Um Ost-Jerusalemern ihren Status abzuerkennen, benutzt Israel teilweise Notstandsgesetze und solche aus der Zeit des Ottomanischen Reiches. Bisher haben auf diese Weise rund 14.000 in Ost-Jerusalem geborene Einwohner ihr Aufenthaltsrecht verloren. 1980 annektierte der jüdische Staat Ost-Jerusalem gegen internationales Recht und proklamierte kurze Zeit später Jerusalem zu seiner „einzigen, ungeteilten Hauptstadt“. Der Beschluss wird von der Internationalen Gemeinschaft bis heute nicht anerkannt. In Ost-Jerusalem leben derzeit 290. 000 Menschen, jeder vierte unterhalb der Armutsgrenze.

BDS – Boycott Dates softly

18 Jun
Wollen Palästinenser zu Ramadan boykottieren: Datteln aus Israel.  Foto: gomeal.de

Wollen Palästinenser zu Ramadan boykottieren: Datteln aus Israel.                                                      Foto: privat

Der junge Mann in dem Frucht- und Gemüseladen am Bethlehemer Cinema Square reibt eine Avocado zwischen seinen Händen und schüttelt dann den Kopf. Nein, von einem Boykott gegen israelische Waren habe er noch nie etwas gehört, sagt er. Die Kunden fordern gutaussehendes Obst und Gemüse, das glänze und lecker aussehe. Palästinensisch verarbeitete Produkte aber sähen runzlig und schlecht geschnitten aus. „Die kauft doch keiner“, sagt Mohammed. „Wir haben hier in Palästina kein gutes Schneidwerkzeug dafür. Also gehen unsere Gemüse- und Obstsorten erst nach Israel, werden dort professionell mit Maschinen und Chemie bearbeitet und landen dann wieder bei uns. Warum sollte ich das boykottieren, ich habe doch gar nicht die Möglichkeiten dazu. Oder?“

König Kunde kriegt die A-Klasse

Das „Oder?“ bleibt im Raum stehen und setzt sich als Fragezeichen auf unzählige Avocados, Orangen, Bananen und Salatköpfe in dem kleinen Geschäft. Die Nahrungsmittel stammen aus dem palästinensischen Jordantal, das als C-Gebiet unter voller Kontrolle Israels steht. Unter dem Dach von großen israelischen Fruchthandelsketten gehen sie nach der Ernte nach Israel und werden dort – ähnlich der Gebietsaufteilung der Westbank – in A-, B- und C-Früchte eingeteilt. Die A-Früchte sind das, was auf der Titanic die 1. Klasse war: Sie werden nach Europa exportiert und dort König Kunde als israelische Ware im heimischen Supermarkt verkauft. B-Ware geht in die israelischen Läden, die C-Früchte landen wieder in der Westbank in den Regalen von Mohammed und anderen Lebensmittelhändlern. Das standardisierte System in der Lebensmittelbranche kritisiert der israelische Wirtschaftswissenschaftler Shir Hever als ausbeuterisch. „Die palästinensischen Bauern sind vollkommen abhängig vom israelischen Markt“, sagt er und fügt dann hinzu: „Deshalb ist es wichtig, dass Palästinenser ihre eigenen Gewerkschaften haben und ihre  Preise selbst bestimmen.“

Shir Hever  Foto: privat

Shir Hever
Foto: privat

Druck auf Israel ist wichtig

Omar Barghouti Foto: privat

Omar Barghouti
Foto: privat

Hever ist BDS-Befürworter. BDS, das steht für Boykott-Divest-Sanctions – eine Kampagne der palästinensischen Zivilgesellschaft, die 2005 gegründet wurde. In Anlehnung an den Boykott südafrikanischer Waren zu Apartheidszeiten ruft die Organisation zu einem gewaltfreien Widerstand gegen die israelische Besatzung auf. Dabei kommt der Boykott auf mehreren Ebenen zum Tragen. Er adressiert sowohl den kulturellen  Bereich(Regisseure, Musiker, Schauspieler mit Theaterproduktionen, Filmen, Festivals) als auch den akademischen (Professoren, Studentenaustausche, Kooperationen mit Hochschulen und anderen Einrichtungen). Und möchte den Staat Israel da treffen, wo es am meisten weh tut: ökonomisch. „Es geht uns nicht darum, Israel und seine Bürger zu bestrafen. Aber die völkerrechtswidrige Besatzung unseres Landes ist nicht normal, sie geht nicht konform mit Menschenrechten und sollte auch nicht so tun, als ob“, sagt Omar Barghouti, (44) einer der Gründer von BDS und Autor des Buches „Boycott, Divestment, Sanctions – The Global Struggle for Palestinian Rights“. Deshalb sei Druck auf den Staat Israel wichtig, um ihn an seine Pflichten zu erinnern.

Fuchtelndes Kind

Omar Barghouti war im März in Berlin, um dort über den Boykott, der immer weitere Kreise zieht, zu sprechen. Im taz-Café diskutierte der Palästinenser mit dem jüdischen

Immer israelisch: Die Firma Hass importiert ihre Avocados auch nach Deutschland. Foto: privat

Immer israelisch: Die Firma Hass importiert ihre Avocados auch nach Deutschland.
Foto: privat

Wissenschaftler Micha Brumlik ebenso wie mit CDU-Abgeordneten und Berliner Zuhörern. Dabei habe er beobachtet, „dass Deutsche eine Hemmschwelle bezüglich des Boykotts haben, weil es sie an alte Zeiten erinnert.“ Doch BDS habe nichts mit antijüdischen Ressentiments zu tun, sagt er. Hier gehe es um die Unterdrückung des palästinensischen Volkes und einer Landenteignung, die ihresgleichen suche. Iris Hefets stimmt dem zu. Die Israelin ist Mitglied in der Gruppe „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ und Anhängerin von „The voice from within“, dem israelischen Unterstützer von der BDS-Bewegung. In der „Stimme von innen heraus“ organisieren sich jüdische Israelis, die die BDS-Bewegung aufrichtig unterstützen. Israel sei wie ein wild gewordenes Kind, sagt Iris Hefets, eine Psychologin: „Es fuchtelt mit seinen Gewehren herum, stößt überall an und nimmt sich alles heraus. Dem müssen wir Grenzen setzen.“

Das „nie wieder“ verlacht sich selbst

Doch wer in Deutschland lebt oder deutsche Medien nutzt, sucht darin vergeblich nach Aufklärung zur Rolle des gewaltfreien Widerstandes der palästinensischen Zivilgesellschaft. Die Jüdische Allgemeine stempelte den gewaltlosen Widerstand gegen Israels Völkerrechtsverletzungen als naturgemäß sofort antisemitisch ab und druckte ein Bild dazu in der Printausgabe, auf dem SS-Leute vor einem jüdischen Laden stehen, auf dessen Schaufenster „Deutsche, kauft nicht bei Juden“, steht. Das deutsche „Nie wieder“ verlacht sich allerdings selbst, wenn ein Volk, das den Massenmord an sechs Millionen Menschen zuließ, es nicht geschafft hat, sich danach umso mehr für Gleichheit und gegen Diskriminierung zu engagieren. „Gerade die Deutschen sind es doch, die sich wegen des Holocaust erst recht für die Palästinenser und damit für Frieden in der Region einsetzen sollten“, verlangt der israelische Journalist Sergio Yahni vom Alternativen Informationszentrum.

Kein Thema in West-Jerusalem

In keiner einzigen deutschen Tageszeitung findet sich ein ausführlicherer Artikel über BDS und seinen Hintergrund sowie seine wachsende Befürworter- Zahl und Fakten. Auch nicht in der FAZ, die kürzlich das Thema aufgriff, weil in Bethlehem vor zwei Wochen die vierte BDS-Konferenz stattfand. In dem Artikel erfährt man, dass die Bewegung wächst, weil „immer mehr Bewohner der Autonomiegebiete nichts mehr mit ihren israelischen Nachbarn zu tun haben wollen, solange die Armee das Westjordanland besetzt hält“. Das ist allerdings schon seit 1948 so. Geändert hat sich, dass weltweit ein Bewusstsein bei Menschen in Südamerika, Afrika, Asien, Europa und Nordamerika darüber entstanden ist, dass das demokratische Israel seine arabische Bevölkerung massiv benachteiligt und die Westbank de facto mit Siedlungen überzieht sowie seinen  Armeeapparat unter dem Vorwand von Sicherheitsmythen gegen die palästinensische Zivilbevölkerung einsetzt. Das hat der FAZ-Autor unterschätzt, vielleicht ist es in dem von deutschen Auslandskorrespondenten bewohnten West-Jerusalem oder Tel Aviv aber auch kein Thema. In Ramallah und Ost-Jerusalem dagegen schon.

Der Strichcode 729

Das Weltsozialforum im brasilianischen Porto Alegre erhob die Bewegung und den Palästina-Konflikt 2012 zum ersten Mal in der Geschichte zu seinem Hauptthema. Allein in Deutschland gibt es mittlerweile mehr als 6 Stadt-Gruppen, die bundesweit Aufklärungskampagnen betreiben. Dazu zählen Informationsflyer über den Wassersprudler Sodastream, der in einer illegalen jüdischen Siedlung hergestellt wird genauso, wie angestoßene Debatten darüber, ob künftig eine EU-Kennzeichnungspflicht für Produkte aus den Siedlungen gelten soll. Ohne diese Gruppen würde der Konsument nicht erfahren, dass der Strichcode 729 auf der Avocado im Supermarkt verrät, dass die Ware aus Israel kommen soll – und es oftmals doch nicht tut.

Datteln ohne Hochglanz

Für den Fastenmonat Ramadan haben sich viele Palästinenser jetzt vorgenommen, keine Datteln mehr aus Israel zu kaufen. Sie setzen lieber auf ihre eigenen Produkte. Auch, wenn diese nicht auf Hochglanz poliert sind. Mohammed will das jetzt auch mal probieren, sagt er. Der einzigartig vanillige Geschmack der palästinensischen Datteln könne ihnen ohnehin so schnell keiner nachmachen. Auch nicht ihr mächtiger Besatzer.

Tipp: Die Menschenrechtsorganisation Medico International hat kürzlich eine Broschüre zum Herunterladen über Europas Komplizenschaft im Handel mit israelischen Siedlungsgütern herausgegeben.

 

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