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Glaube, Liebe – Hoffnung

1 Jun

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Vor zwei Wochen zerstörten israelische Bulldozer 1500 Obstbäume der Familie Nasser im Friedensprojekt „Tent of Nations“ bei Bethlehem. Die Familie kämpft seit über 23 Jahren vor Gericht um ihr Land. Ein Besuch.

Von Liva Haensel

„Eines Tages wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen“, sagt Daoud Nasser. 25 Menschen aus der lutherischen Erlösergemeinde in Jerusalem sitzen in einer Kapelle aus Stein und hören dem Mann in dem blauen Polohemd zu. Die blonde Frau neben ihm, eine Musiklehrerin, guckt stumpf auf den Boden. Der Satz von Daoud Nasser bleibt kurz in der Luft hängen. Man versucht krampfhaft, sich jetzt einen strahlenden goldgelben Sonnenball vorzustellen, der ein warmes Licht verbreitet. Der so aussieht, wie man sich Güte und so etwas wie Gerechtigkeit als Form und Farbe vorstellen könnte. Aber da kommt nichts. Das Kopfkino funktioniert  irgendwie nicht im „Tent of Nations“ bei Bethlehem. Nicht jetzt, nachdem die Bulldozer da waren. Nicht, wenn man die ganze Geschichte der Familie Nasser hört, sich ein Bild vor Ort macht.

Es ist die Geschichte eines dramatischen Kampfes, aber auch eine ohne Happy End. Vorläufig. Die Sonne ist hier gerade hinter den Wolken verschwunden. „Tent of Nations“, das Zelt der Völker, wie es auf Deutsch heißt, ist nicht Hollywood. Es ist palästinensisches Land unter israelischer Besatzung. Hier gibt es kein Stromnetz und kein Wasser aus Hähnen, weil die Nassers keine Baugenehmigungen dafür vom Staat Israel bekommen.

Symbol für gewaltfreien Widerstand

Am 19. Mai fuhren drei israelische Bulldozer der israelischen Armee den Berg bei der jüdischen Siedlung Neve Daniel herunter und auf das Land der Familie Nasser zu. Dort zerstörten sie 1500 Obstbäume, darunter 700 Weinstöcke. Die Reste der Bäume – Zweige und Stämme – versteckten die Soldaten in großen Erdlöchern. Dieser Akt ist illegal, denn die Nassers befinden sich seit 1991 in einem schwebendem Gerichtsverfahren mit dem Staat Israel. Damals erfuhren sie nur durch einen Zufall, dass ihre 400 Dunum Land (1 Dunum=1000 m²) für Israel zu „Staatsland“ erklärt worden waren. „Wir zeigten vor Gericht alle unsere Besitzurkunden, die mein Großvater seit dem Landerwerb 1916 lückenlos aufbewahrt hatte“, erzählt Daoud Nasser, der Leiter des Projektes „Tent of Nations“. Die israelische Seite reagierte schockiert, damit hatte sie nicht gerechnet. Doch noch schockierender muss es für sie gewesen sein, dass die christlich-palästinensische Familie ab 2000 systematisch damit begann, ein Friedensprojekt für Menschen auf ihrem Land aufzubauen, das so gar nicht in das gängige Klischee des Steine werfenden Palästinensers passte. Seitdem pflanzen dort auf dem Hügel bei Bethlehem jüdische Friedensaktivisten Bäume, arabische Kinder aus den Flüchtlingslagern malen Herzen und deutsche Volontäre basteln an Zisternen und Solaranlagen. Rupert Neudeck von der Organisation „Kap Anamur“ berät zu Alternativen Energien. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hält gerne ihre schützende Hand über das Stück Land.

Günstiges Leben in Gush Etzion

„Tent of Nations“ ist ein interreligiöses Begegnungsprojekt von Lutheranern. Und mittlerweile zu einem Symbol für gewaltfreien palästinensischen Widerstand geworden, das weltweit hohes Ansehen genießt. Die Familie Nasser will keinen Streit mit den benachbarten Siedlungen, sondern in Frieden mit ihnen leben. Sie ist mittlerweile umringt von 5 Siedlungen mit 90.000 Einwohnern, alle Israelis, die nach Internationalem Recht illegal dort auf palästinensischem Land leben und von ihrem jüdischen Staat dafür subventioniert werden. Das Leben in Gush Etzion ist günstiger als in Jerusalem oder Tel Aviv. Außerdem bekommen die neuen Bewohner Zulagen und bei Gründung eines Unternehmens eine Anschubfinanzierung, die in den Siedlungen fünfmal höher liegt als im Kerngebiet Israel.

Alles, was Recht ist?

Die Nassers bekommen kein Staatsgeld von Israel, sondern entweder nächtliche Blitz-Besuche von Siedlern oder Landkonfiszierungsbefehle der israelischen Armee. Letztere übergibt diese nie persönlich. Die Zettel werden, immer auf Hebräisch verfasst, irgendwo auf dem Grundstück abgelegt. Eine Praktik, die oft zur Folge hat, dass palästinensische Bewohner die Zettel gar nicht erst finden, weil sie vom Regen durchnässt sind oder vom Wind weggefegt wurden. Ungünstig, wenn es um gerichtliche Einsprüche und Deadlines geht, um schnelles überlegtes Handeln, um Land und die eigene Existenz. Günstig, wenn man Land haben will und kein Interesse daran hat, den Landbesitzer rechtzeitig zu informieren. Aber sich auch nicht vorwerfen lassen möchte, man hätte die andere Seite nicht informiert. Das funktioniert in Israel, denn Gesetze sind dehnbar wie Kaugummi und lassen sich zudem aus den unterschiedlichsten Besatzungszeiten anwenden: jordanisches, britisches, israelisches Militärrecht oder das aus dem Osmanischen Reich – alle sind anwendbar, weil Israel Notstandsgesetzte nutzt und immer noch nicht über ein Grundgesetz verfügt, obwohl der Staat 2008 bereits sein 60-jähriges Bestehen feierte.

Bauern können ihr Land nicht erreichen

„Hier gilt: Alles, was Recht ist“, sagt ein palästinensischer Anwalt aus Jetusalem, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. Nur rund 20 % seiner Mandanten bekommen am Ende ihr Land zurück, dass der Staat Israel zumeist nach einigen Jahren als Staatsland deklariert, weil es nicht kultiviert wurde, berichtet der Jurist. Was der Staat nicht sagt ist, dass die israelische Mauer nicht auf der Grünen Linie verläuft, sondern sich laut dem Büro von UN Ocha (United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs Occuied Palestinian Territories) zu 85 % auf palästinensischem Land befindet – und damit für viele Bauern das Bewirtschaften ihres Land verhindert, weil sie es nicht mehr erreichen können.

Siedlerkolonialismus stoppen

„Der Siedlerkolonialismus ist das gefährlichste Projekt des Staates Israel, das auf dem Rücken der Ureinwohner Palästinas – der Palästinenser – ausgetragen wird“, kritisierte der israelische Historiker Gadi Algazi von der Universität Tel Aviv kürzlich auf einem Politikkongress in Hebron. Dort trafen sich antizionistische Israelis und Palästinenser. Der Friedensaktivist ist für eine Neuordnung in der Region mit einem Staat, der gleiches Recht für alle auf Land und Wasser bedeutet, ein Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge miteinbezieht und die Zerstörungen palästinensischer Existenzen ausschließt. „Das muss sofort gestoppt werden“, sagte Algazi auf der Bühne in Hebron. Aber er sah müde aus bei diesen Worten.

Die Nassers sind nicht naiv

Daoud Nasser hingegen scheint seine Kraft auf wundersame Weise immer wieder neu zu nähren. „Tent of Nations“ ist zu seiner Lebensaufgabe geworden. Er reist mindestens zweimal im Jahr nach Deutschland und in die USA, um über seine Arbeit zu berichten. Er hat viele Pläne. Eine Berufsschule, mehr Jugendarbeit und Umweltbildung soll es hier bald geben. Aber die zerstörten Bäume wird das nicht zurückbringen. „Wir wollten dieses Jahr Weinreben ernten und das erste Mal Wein abfüllen“, sagt er. Daraus werde nun nichts. Es wird vier Jahre dauern, bis die Weinstöcke wieder Ernte reife Trauben tragen werden. Und auch die Olivenbäume müssen neu gepflanzt werden. Die von der Armee illegal abgeholzten Bäume hatten ein Alter von zwölf Jahren. Ein Olivenbaum ist empfindlich und benötigt viel Pflege und Fachkenntnis. Erst nach sieben Jahren trägt er die ersten Früchte. Der Gewaltakt der israelischen Armee war vorsätzlich. Die Nassers sind jetzt erst einmal geschwächt, aber sie sind nicht am Ende. Sie sind nicht naiv. Sie wissen, dass sie mit ihrer Klage am israelischen Gerichtshof – sie wollen eine Entschädigungssumme für die Bäume – niemals durchkommen werden.

Unberechtigte Kritik an Kirchen

Die Zerstörung des Landstückes schlug hohe Wellen und verbreitete sich vor allem Stunden später als erstes in den sozialen Netzwerken. In Deutschland schrieb einzig die Südwestpresse aus Ulm über den Vorfall, während palästinensische und israelische Nichtregierungsorganisationen und Blogger längst schon Berichte auf twitter und facebook veröffentlicht hatten. Johannes Gerloff, ein Theologe, der sich selbst als „Journalist“ und „Korrespondent“ der fundamentalistischen Israel-Nachrichten bezeichnet, kritisierte in seinem öffentlichen Facebook-Profil die Solidarität der Kirchen mit der Familie Nasser nach dem Gewaltakt: „Wer die Augen verschließt, ist mit verantwortlich, wenn mit „Dahers Weinberg“ unter dem Motto „Wir weigern uns, Feinde zu sein“, Zwietracht gesät, antiisraelisch gehetzt und persönliche Bereicherung vorangetrieben wird“, heißt es dort. Gerloff, ein christlicher Zionist, hatte vor kurzem erst in einem Artikel auf Israelnetz.com die illegale Enteignung des palästinensischen Rajabi-Hauses in Hebron verteidigt, das sich nun vollständig in Siedlerhänden befindet. Er ist mit Ulrich Sahm befreundet, einem ehemaligen Israelkorrespondenten des Nachrichtensenders n-tv, der sich zum Ende seiner journalistischen Karriere hin verstärkt mit der Herstellung von Kerzen und der Veröffentlichung von Kochbüchern befasst.

Roadblocks aus Sicherheitsgründen

All das macht Daoud Nasser nicht wütend. Er ist die Ruhe selbst. „Gewalt ist keine Option für uns. Es ist leicht zu hassen und schwer, negative Gefühle konstruktiv in positive umzuwandeln. Aber wir gehen diesen Weg weiter“, sagt er überzeugt. Die Sonne steht jetzt hoch oben am Himmel und scheint ihre ganze Strahlkraft auf die 25 Besucher dort unten abzugeben, die sich auf den Rückweg nach Jerusalem machen. Mühsam klettern die Menschen aus der Erlöserkirche über die beiden Roadblocks, mit denen der israelische Staat 2001 die Zufahrtstraße zum „Tent of Nations“ dichtmachte. Aus Sicherheitsgründen, wie es damals hieß. Da hilft nur noch eins: Glaube, Liebe – Hoffnung. Sagt Daoud Nasser jedenfalls.

Die Knaller des Jahres

31 Dez

Jerusalem in der SylvesternachtDie Sterne lügen nicht, vor allem in Jerusalem – oder? Ein paar Eindrücke und Prophezeiungen aus dem alten Jahr in Hinblick auf 2014

Von Liva Haensel

Jerusalem – Es hätte so gut werden können, dieses Jahr. Vor genau 364 Tagen griff man tapfer nach dem Sektglas, es prickelte ein bisschen darin, und man hoffte. Auf bessere Zeiten, persönlich und beruflich. Auf ein glückstrahlendes Jahr, das einen umarmt, kaum dass es angefangen hat. Darauf, dass sich das Jahreshoroskop der Brigitte für einen erfüllt.

Die Sterne hatten mir viel versprochen für 2013. Unter anderem auch, dass sich ein Konflikt in meiner näheren Umgebung lösen lässt, fast wie von selbst. Das ist erstaunlich, denn eigentlich lösen sich Konflikte ja nie von selbst. Sondern schreien nach Arbeit, Selbstreflexion und schmerzhaften Eingeständnissen. Deswegen mochte ich mein Jahreshoroskop für 2013 besonders gerne. Es hörte sich so leicht an.

Wir sind einfach gestrickt

Im Nahost-Konflikt explodieren die Sterne. Es gibt ein Feuerwerk, aber kein Ende. Ich sehe Israel-Versteher und Palästina-Liebhaber, Aktivisten, an Jerusalem Leidende und deutsche Menschen, die seit Jahren hier leben, aber die illegale israelische Besatzung ignorieren als wäre ihre Erwähnung wie ein unartiges, zappelndes  Kind am Esstisch, das der Mutter dauernd über den Mund fährt. Ich sehe Bürger, die sich mit israelischer Kultur, mit Holocaust und Jeckes „aus Prinzip“ nicht mehr beschäftigen wollen, weil die Verletzung von Internationalem Recht und Menschenrechten von seiten Israels angeblich damit nicht vereinbar sei. Das ist Humbug, aber ein Weltbild, mit dem es sich gut leben lässt, weil wir Menschen einfach gestrickt sind und eben bloß glücklich sein wollen. Haus, Familie, Hund und Garten, Palästinenser hier und Israelis dort – wo ist das Problem, bitte?

Die Sterne meinten es gut mit Siedlern

Hier leben auch Leute, die die Westbank aus Prinzip nicht mehr verlassen. Zu dieser Gruppe zählen zum einen die Bewohner mit dem grünen Westbank-Ausweis, die

Blick auf E1, von Maale Adumim aus gesehen.

Blick auf E1, von Maale Adumim aus gesehen.

meistens gar keine andere Wahl haben. Oder die anderen, die meinen, dass Gott ihnen ein Grundrecht verliehen hat, das Eretz Israel heisst und vom Mittelmeer bis zum Jordan reicht. Der göttliche Funke ist aber auch auf Israelis übergesprungen, die eigentlich nur Geld sparen wollen, das sie ohnehin nicht besitzen. Wer in Maale Adumim bei Jerusalem siedelt, der spart 30 Prozent Miete im Vergleich zu Wohnraum in anderen Großstädten. Und wer dort ein Unternehmen aufzieht, der bekommt fünf Mal mehr Subventionen vom israelischen Staat als er es je innerhalb der Grünen Linie bekommen würde. Das ist doch was. Die Sterne meinten es gut mit den Bewohnern solcher Siedlungen in 2013.  Benjamin Netanjahu auch. Zionismus ist nicht mehr ganz en vogue, aber noch funktioniert er. Irgendwie.

Tagestour nach Bethlehem

Für das kommende Jahr heißt es  für Palästinener in Ost-Jerusalem: Zähne zusammenbeißen und durch. Nur das Durch wird dann nicht mehr möglich sein, wenn das E1-Gebiet den Norden vom Süden trennt. Aber egal, wer mit 100 Checkpoints lebt und ein paar männlichen Verwandten in Gefängnissen, der kann auch damit umgehen. Eine Fahrt von Jenin nach Bethlehem, früher machbar in 2,5 Stunden, wird dann eben zur Tagestour mit Picknick. Es geht alles.

Der Stern ist zwar über Bethlehem aufgegangen, um den Drei Heiligen Königen den Weg zu weisen, aber geholfen hat es irgendwie nicht. So langsam aber sicher schließt sich nun der Siedlungsgürtel um die Stadt unweit von Jerusalem. Die Mauer steht fest und weicht nicht. Es sieht nicht gut aus für die Dörfer ringsum Bethlehem, der Stadt, die kürzlich einem Kinofilm seinen Namen gab. Nahalin trifft es besonders hart. Das Dorf liegt genau zwischen fünf jüdischen Siedlungen und stört. Also wird es „eingemeindet“. Ob die Bewohner dann einen Jerusalem-Ausweis bekommen (undenkbar) oder die Westbank-ID (denkbar), wird nicht von den israelischen Autoritäten beantwortet. Im Horoskop steht auch nichts dazu. Mist! Der Stern über Bethlehem schüttelt müde seinen Schweif über den Nacht-Himmel.

Zielorientierte Liebe

In Wadi Joz, einem Stadtteil in Ost-Jerusalem, hat die Schulleiterin 25 Jahre darauf gewartet, eine Mädchenschule bauen zu dürfen. Jetzt ist sie fast 80,  der Grundriss steht, aber die Behörde gibt kein grünes Licht für die Wasserleitungen. Aber ohne Wasser keine Toiletten, ohne Toiletten keine Schülerinnen. Ohne Schülerinnen kein Schulbetrieb.

„Ich habe einen Mann kennengelernt. Er ist Arzt und arbeitet in Hebron“, berichtet mir eine palästinensische Freundin aus Ost-Jerusalem freudestrahlend. Sie hat einen Jerusalem-Ausweis, er die grüne Westbank-ID. Wenn sie heiraten sollten, sagt die Freundin, müsste er mit ihr in Jerusalem leben, sonst verliert sie ihren Aufenthaltsstatus. Das haben sie gleich beim ersten Date geklärt. Weil er Arzt ist, hat er Chancen auf eine Sondergenehmigung vom jüdischen Staat. Danke, Israel. So ist die Liebe hier, denke ich: zielorientiert.

 Latrun war mal arabisch

Schön, aber ohne Erinnerung: Gelände der Latrun-Gemeinschaft

Schön, aber ohne Erinnerung: Gelände der Latrun-Gemeinschaft

„Ich bin nicht hier, um den Konflikt zu lösen“, sagt ein Bekannter von der Erlöserkirche in Jerusalem an mich gerichtet und steckt sich eine Zigarette an. Wir haben gerade eine unliebsame Diskussion über die Region hinter uns. Sein Satz bedeutet eigentlich: Ich habe keinen Bock mehr, mit Dir zu diskutieren. Also schweige ich und beschließe zum Ende des Jahres nach Latrun zu fahren, einem kleinen Ort zwischen Tel Aviv und Jerusalem an der Straße Nummer 1. Dort lebt eine christliche Gemeinschaft, die zu einem Schweigewochenende eingeladen hat. Ich bete viel, esse reichlich und schweige. Meine Zimmernachbarin und ich nicken uns verständig zu bevor wir ins Bett gehen, ohne Worte, versteht sich. Bei einem einsamen Spaziergang entdecke ich Reste eines alten arabischen Dorfes, daneben ein israelisches Denkmal, das an den Sieg von 1967 erinnert. Latrun, das waren einmal drei Dörfer mit arabischen Bewohnern, die aus ihren Häusern fliehen mussten. 18 Menschen schafften es nicht reichtzeitig und starben in dem Gefecht. Die Erde, auf der ich mit meiner Kamera sitze und Fotos mache, riecht nach dunkler Vergangenheit und Gras, das jetzt drüberwächst. Die Brüder der Latrun Communitiy schweigen. In der Kapelle beten wir für Juden, das Land und das Erkennen des Messias. Am Freitagabend feiern wir Shabbat in einem Ort, der einmal arabisch war und jetzt christlich bewohnt ist. Ich fange an, rosa Sternchen zu sehen.

Lieber Sex als Holocaust

Es war nicht einfach, dieses 2013. Nicht immer prickend wie der Sekt im Glas. Kein Konflikt, der einfach zu lösen gewesen wäre. Aber ein paar Sterne sind vom Himmel gefallen, direkt in meinen Schoß. „Weißt Du“, sagt eine Freundin aus Jerusalem zu mir, „seit ich mit ein paar Männern hier ausgegangen bin und mit ihnen über uns Deutsche gesprochen habe, weiß ich, dass die gar nicht als erstes bei uns an Holocaust denken. Die beliebtesten Pornofilme von Israelis werden in Deutschland produziert. Also denken die an Sex, wenn sie uns deutsche Frauen kennenlernen.“ Mein Jahreshoroskop für den Krebs prophezeit, dass ich viele besondere Begegenungen in 2014 haben werde. Das glaube ich sofort, seit ich hier wohne. „Besonders aufgeschlossen sollten Sie in der Sylvesternacht sein“, lese ich da.

Das neue Jahr wird echt Bombe.

sterneAllen Leserinnen und Lesern ein wunderbares Jahr 2014 mit vielen Sternen im Schoß wünscht die Redaktion von dreiecksbeziehung.net!

4 Aug

Von Liva Haensel

Mimi Weingard (Name von der Redaktion geändert) möchte kein Foto von sich im Internet sehen. Sie sitzt auf der Terrasse des Österreichischen Hospizes in Jerusalems Altstadt und nippt an ihrem Großen Braunen. Ihr Freund Erez sitzt ihr gegenüber. Das Paar hat sich für zwei Nächte ein Doppelzimmer in dem alterwürdigen Haus, das noch aus ungarisch-österreichischen Kaiserzeiten stammt, geleistet. „Wir wollen die Altstadt und ihre Atmosphäre von innen spüren, den Trubel, die Gerüche und Lichter“, sagt Mimi (39). Beide leben in Tel Aviv, der Partybubble am Mittelmeer. Mimi mag Jerusalem nicht besonders, vor allem nicht die Ultra-Orthodoxen, die das Straßenbild mit ihren altmodischen Gewändern in Schwarz tauchen und mittlerweile ein Drittel der jüdischen Bevölkerung ausmachen. Aber ihre Mutter leidet seit einer Hüftoperation an einer schweren Depression und lebt hier. Deshalb nimmt sie die Haredin, die religiösen Siedler, die Intoleranz der Stadt dreier Weltreligionen zeitweise in Kauf.

Hochbeschützte Staatsbürgerin

Im Ramadan –  dem Fastenmonat der Muslime – ist die Altstadt überfüllt mit Gläubigen, die mit Gebetsteppich (Männer) und –Mantel (Frauen) auf den Haram Al-Sharif, den Tempelberg, gehen. Dort befindet sich die Al-Aksa-Moschee. Aber die Stadt ist auch voller israelischer Soldaten und Polizisten mit Gewehren und Schlagknüppeln. Vor der Treppe zum Österreichischen Hospiz stehen zehn junge Soldaten, die meisten Äthiopier, und sollen für die Sicherheit Israels sorgen. Oben, ein paar Meter höher im Garten des christlichen Hospizes, sitzt Mimi, eine hochbeschützte Staatsbürgerin Israels, im Spagettiträger-Top und mit Flipflops. Mimi ist Informatikerin. Sie hat eine Eigentumswohnung in Tel Avivs schickem Norden und ist gerade dabei, gemeinsam mit ihrer Familie eine Wohnung in Berlin zu erstehen. Die Weingards sind eine deutsch-jüdische Familie, Netas Mutter spricht noch fließend Deutsch und fühlt sich als echte Jecke. Die Großmutter fuhr 1943 in den Tod nach Theresienstadt. Aber Mimi hat mit dem nationalsozialistischen Deutschland ihren Frieden geschlossen, „weil es vorbei ist“, sagt sie. Berlin findet sie „sauber, die Menschen superfreundlich, ganz anders als die aggressiven Israelis“, und „aufregend“.

Karte mit allen jüdischen Siedlungen in Ost-Jerusalem.  Grafik: UN Ocha

Karte mit allen jüdischen Siedlungen in Ost-Jerusalem.
Grafik: UN Ocha

Nicht politisch aktiv

Sie betont, dass ihr Freund „sehr links“ sei. Mimi selbst ist sich nicht sicher, ob sie Israels Zionismus verteufeln oder gutheißen soll. Als jüdische Israelin genießt sie alle Privilegien im Gegensatz zu arabischen Israelis, die man im Nahen Osten als „48-Palästinenser“ bezeichnet (Araber, die nach der Staatsgründung Israels und der damit einhergehenden Vertreibung in den späteren Staatsgrenzen verblieben). Das weiß sie irgendwie, sie ahnt es, es ist ihr nicht wohl dabei, aber politisch aktiv gegen die israelische Besatzung ist sie nicht.

Warum auch? Es lebt sich gut so.

Mimi ist eine der Israelinnen, die in Tel Avivs Dizengoff shoppen und dann die Norgau Street runter an den Strand gehen, um sich dort mit Freunden zu treffen. Die Lokale

Promenade für Genießer: Dizengoff bei Sonnenuntergang Foto: bestoftelaviv.com

Promenade für Genießer: Dizengoff bei Sonnenuntergang
Foto: bestoftelaviv.com

am Meer bieten Meeresfrüchterisotto für 80  (etwa 15,15 Euro) und Fruchtschorle für 20 Shekel an (5 Euro). Das muss man sich leisten können, aber Mimi hat Ersparnisse und eine gutbetuchte Familie. Manch andere Israelin auch. Trotz Wirtschaftskrise und einem israelischen Monatsgehalt von 1600 Euro reiht sich an der Strandpromenade ein Markenshop neben dem nächsten. Und obwohl die Mieten in der Bauhaus geprägten Stadt extrem hoch sind (Einzimmer-Apartments kosten rund 700 Euro aufwärts), scheint die Idylle nichts zu trüben. Frauen mit Babybäuchen in bunten Sommerkleidern plappern emsig mit ihren Freundinnen, während sich sexy Jogger mit Sixpack-Bauch und rasierter Brust an ihnen vorbeiquetschen. Mimi nippt an Ihrem Kaffee im Hospiz, der jetzt fast alle ist. Sie will noch in die St. Anna-Kirche mit der guten Akustik, ihr Freund möchte dort singen. „Komm“, sagt sie, und packt ihre Tasche.

Ihre Augen sprechen

Muna Darawi (Name von der Redaktion geändert) grüßt ihre Kolleginnen kurz und knapp und eilt dann an ihren Schreibtisch. Sie will nicht reden, nicht über das, was gerade passiert ist, aber ihre Augen sprechen aus, was der Mund nicht zu sagen vermag. Vielleicht was mit der Familie, ein Streit darüber, dass sie gerne noch weiter studieren möchte und ihr Vater dagegen ist? Nach einer Stunde sind die Schweißperlen auf der Stirn der 22-Jährigen verschwunden, die Schwere in ihrem Blick ist einer gewissen Leichtigkeit gewichen. Sie lächelt.

Alpträume mit israelischen Soldaten

Muna, die Psychologin, tippt an einem Computer-Programm für die kommenden Monate. Dann wird sie wieder Feldarbeit unternehmen,  mit einer Kollegin in Schulen und Flüchtlingslager gehen, um junge Mädchen und Frauen zu motivieren. Für eine bessere Zukunft in Palästina, ein eigenständiges Leben, bessere Bildungschancen. Dann hilft Muna denen, die auf der sozialen Leiter ganz unten sitzen. Kindern in Jerusalems Altstadt, die mit 10 anderen Familienmitgliedern auf 50 Quadratmeter leben müssen während auf dem Stockwerk über ihnen jüdische Thora-Studenten in einer Jeschiva (Talmudschule) lauthals Gott preisen – Tag und Nacht. Oder Jungen, die noch mit 10 Jahren ins Bett machen, weil sie von Alpträumen geplagt werden, in denen israelische Soldaten ihre Väter verprügeln und sie anschließend verhaften. Mädchen, die heimlich von männlichen Familienmitgliedern nachts unter der Bettdecke missbracht werden. Die Altstadt ist ein soziales Pulverfass, weil die Palästinenser dort keine Bau- und Renovierungsgenehmigungen bekommen während sich gleichzeitig israelische Siedlerorganisationen wie ein Geschwür in ihren knappen bemessenenen Wohnraum fressen.

Eine tickende Zeitbombe

Muna kennt diese

Erzählungen ihrer kleinen und großen Klienten ganz genau. Sie wiederholen sich. Sie häufen sich. Dabei geht es ihr manchmal doch selbst schlecht.

„Heute Morgen kam ich über den Checkpoint Qualandia, der zwischen Ramallah und Jerusalem liegt“, berichtet sie. Als sie dem Soldaten dort ihren blauen Ausweis*, das unverkennbare Zeichen der arabischen Jerusalem-Bewohner zeigt, wird sie von einer Frau angefaucht, die neben ihr steht: „Du weißt gar nicht, was es bedeutet, unter Besatzung zu leben. Du weißt nicht, was es heißt zu leiden“, so die Worte der Westbank-Palästinenserin mit einem grünen Ausweis. Muna hat sich gewehrt, sagt sie. Nur, weil sie keine Sondergenehmigung der Israelis für den Grenzübergang nach Jerusalem benötige, heißt das nicht, dass sie nicht leidet. „Ich muss genauso über diesen Checkpoint wie Du auch, ich muss genauso seine Gitter, die schlecht gelaunten Soldaten, die Demütigungen ertragen.“

Sie fühlt sich als Gast

Am meisten frustriert Muna an solchen Auseinandersetzungen, dass sie einen Keil zwischen die Palästinenser als Ganzes treiben. Wer in Gaza lebt, ist mittlerweile anders sozialisiert als jemand, der in der Westbank aufwächst, in Israel oder in Ost-Jerusalem. Die Segregation als gewollte Politik Israels zeigt mittlerweile ihre Wirkung. Auch die zunehmend künstlich aufgebaute Entfremdung zwischen christlichen und muslimischen Palästinensern durch israelische Autoritäten nimmt zu. Muna stimmt das traurig. Am schlimmsten aber fin

Picknick vor dem Felsendom: Muna auf dem Tempelberg.

Picknick vor dem Felsendom: Muna auf dem Tempelberg.

det sie, dass sie sich mittlerweile in ihrer Heimatstadt Jerusalem nur noch als Gast fühlt. „Wenn ich mit meinem Kopftuch in West-Jerusalem shoppen gehe, werde ich von den jüdischen Israelis als etwas anderes angesehen, als jemand, der nicht dazugehört. Dabei lebt meine Familie seit Jahrhunderten hier, Jerusalem ist mein Zuhause.“

Muna mag den Strand von Tel Aviv. Sie liebt die Farben in den Schaufensterauslagen Tel Avivs, den Wind dort, das sich Barfüßig-in-den-Sand-zu-Graben. Sie liebt es

genauso wie Mimi. Aber die beiden Frauen trennen Welten. In die eine, in der Besatzer leben und regieren. Und die andere, in der unter Besatzung Lebende den Regeln zu folgen haben.

*Im Sechs-Tage-Krieg 1967 eroberte Israel Ost-Jerusalem und die Altstadt mit der Klagemauer. Die arabischen Bewohner erhielten daraufhin nicht die israelische Staatsbürgerschaft, sondern lediglich den Status von „permanent residents“. Dies beinhaltet, dass Ost-Jerusalemer lückenlos beweisen müssen, dass sie ihren Lebensmittelpunkt in der Stadt haben (gemeldeten Wohnsitz, Elektrizitäts- und Wasserrechnungen, Jobnachweis etc.) Alle Bewohner leben in ständiger Gefahr, ihren Aufenthaltsstatus zu verlieren. Dies betrifft vor allem Menschen, die im Ausland gelebt/studiert haben, mit Westbank-Bewohnern verheiratet sind oder direkt an der Mauer leben, die die jüdischen Siedlungen und ihre 190.000 Einwohner illegal miteingemeindet hat. Um Ost-Jerusalemern ihren Status abzuerkennen, benutzt Israel teilweise Notstandsgesetze und solche aus der Zeit des Ottomanischen Reiches. Bisher haben auf diese Weise rund 14.000 in Ost-Jerusalem geborene Einwohner ihr Aufenthaltsrecht verloren. 1980 annektierte der jüdische Staat Ost-Jerusalem gegen internationales Recht und proklamierte kurze Zeit später Jerusalem zu seiner „einzigen, ungeteilten Hauptstadt“. Der Beschluss wird von der Internationalen Gemeinschaft bis heute nicht anerkannt. In Ost-Jerusalem leben derzeit 290. 000 Menschen, jeder vierte unterhalb der Armutsgrenze.
28 Mrz

Trotz zahlreicher Schwierigkeiten gelingt es israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten häufig, sich gemeinsam für ein Ende der israelischen Besatzung zu engagieren. Aber das Ringen um Menschenrechte ist mühsam – und oftmals mit persönlichen Risiken verbunden

Die Israelis Efrat (li.) und Amiel in dem Dorf An Numan bei einem ihrer Besuche.  Foto: privat

Die Israelis Efrat (li.) und Amiel in dem Dorf An Numan bei einem ihrer Besuche.
Foto: privat

Von Liva Haensel

Ein Nudnik ist ein Mensch, der solange Fragen stellt, bis sein Gegenüber genervt aufgibt. Das Wort kommt aus dem Jiddischen und hat sich mittlerweile ins moderne Hebräisch, der Sprache der Israelis, hineineingeschlichen. Ein Nudnik ist wie die Pest, er lässt nicht locker, sagen die Rabbiner. Aber das Wort beinhaltet auch eine ausgezeichnete Eigenschaft: Beharrlichkeit.  Die braucht Efrat (48), wenn sie an einem israelischen Kontrollpunkt auf dem Weg in das palästinensische Dorf An Numan angehalten wird. „Du bist eine linke Ashkenazi-Schlampe“,  (Aschkenasim: europäischstämmige Juden; Anm. d. Red.)  bellt ihr der junge israelische Soldat dort entgegen, wenn sie mit ihrem Auto den Kontrollpunkt zwischen Jerusalem und Bethlehem passieren möchte. Die israelische Friedensaktivistin reagiert darauf meistens gelassen. „Nur neulich habe ich die Nerven verloren“, erzählt sie, „ich bin ausgestiegen, habe mit denen diskutiert und schließlich darum gebeten, mit dem diensthabenden Offizier zu sprechen“. „Mit denen“, damit könnte die Mutter dreier Kinder auch die Mehrheit der jüdischen Israelis meinen.  Diejenigen, die die Besatzung der palästinensischen Gebiete seit 1967 nicht in Frage stellen. Oder sie achselzuckend als gegeben hinnehmen, obwohl sie völkerrechtswidrig ist.

Sie werden beobachtet

Efrat ist politische Friedens-Aktivistin und gehört damit einer Minderheit in ihrem Land an. Ihren Nachnamen möchte sie lieber nicht im Internet oder einer Zeitung lesen, denn „ich hab‘ zwar keine Angst, aber man weiß ja nie“, sagt sie.  Als nach dem Ausbruch der 2. Intifada und der Bau der Sperranlage Besuche zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern immer schwieriger wurden, trat sie 2002 der israelisch-arabischen Nichtregierungsorganisation Ta‘ ayush (arabisch; zusammen leben) bei.  Ta‘ ayush ist eine der wenigen Organisationen, die Grenzen im wahrsten Sinne des Wortes überwindet. Ihre jüdischen Mitglieder machen sich auf den Weg in die Westbank, um Gewaltexzesse zu beobachten und zu dokumentieren. Außerdem halten sie Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung. Das Büro der Vereinten Nationen in Jerusalem hat errechnet, dass Gewalt von Siedlern gegenüber Palästinensern in 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 150 Prozent gestiegen ist. Bei  Zusammenstößen wie in der Stadt Hebron, oder bei den vielen Freitags-Demonstrationen in palästinensischen Dörfern,  schützt die israelische Armee stets die bewaffneten Siedler. Nicht aber die Palästinenser. Die oft aggressive Gangart der israelischen Armee gegen friedlich demonstrierende Menschen mit dem Einsatz von Tränengaskanistern und Munition blieb lange unbeobachtet von der Welt. Die jüdischen Israelis  von Ta‘ ayush  setzen mit ihrer Präsenz etwas dagegen und stehen so den Palästinensern in ihrem gewaltfreien Widerstand bei. „ Die israelischen Soldaten und Polizisten müssen wissen, dass sie bei ihren Aktivitäten von uns beobachtet werden“, sagt  Efrat.

Die beiden Frauen trinken gemeinsam Tee

Durch  Ta‘ ayush  kam die promovierte Historikerin damals auch nach An Numan, einem Dorf östlich von Bethlehem. Manchmal sitzt  sie dort jetzt mit Fadwa Mansour (Name v. d. Red. geändert) in der Nachmittagssonne auf einem weißen Plastikstuhl draußen vor dem Haus nahe der kleinen Moschee, beide Frauen lachen gemeinsam und trinken süßen Tee. Efrat rezitiert ein Gedicht von Mahmoud Darwish, dem berühmtesten Dichter Palästinas, auf Arabisch. Die 30-jährige Fadwa lauscht ihren Worten, wenn ihre Freundin stockt, vervollständigt die Pharmazeutin die Verse. „Wir sind einsam hier in dem Dorf. Niemand besucht uns, wir sind von der Welt vergessen worden“, sagt Fadwa Mansour. Da sei  es schön, wenn wenigstens ein paarmal im Monat Besucher von außen kämen.

Ein paradoxes Schicksal

Als Israel 1967 die Westbank, Gaza, die Golanhöhen und Ost-Jerusalem einnahm, änderte die Regierung auch ihre Bebauungspläne. Land, das zwischen Jerusalem und dem nur 10 Kilometer entfernten Bethlehem lag, wurde zu großen Teilen konfisziert. Palästinensische Bauern verloren es an jüdische Siedlungen, die sich von kleinen Containeransammlungen zu heute mittelgroßen Städten entwickelten. An Numan mit seinen 200 Einwohnern gehörte nach 1967 somit zu Jerusalem und nicht mehr zu der palästinensischen Westbank. Die Einwohner bewarben sich bei der Stadtverwaltung daraufhin um spezielle Jerusalem-Ausweise. Aber die Behörden verweigerten sie ihnen. Die An Numaner wie Fadwa Mansour leben deshalb als illegale Einwohner in ihrem eigenen Dorf. Als Inhaber von Westbank-Ausweisen erhalten sie weder Baugenehmigungen der israelischen Behörden, noch dürfen sie ihren Ort problemlos verlassen. Palästinensische Besucher, ob  nun Verwandte oder die Müllabfuhr, haben keine Erlaubnis, das Dorf zu betreten. Dieses paradoxe Schicksal teilen rund 20.000 Menschen in der Westbank.

Der Schlüsselfaktor für Frieden

„An Numan ist ein Albtraum geworden, ein Freiluftgefängnis für seine Bewohner“, sagt Efrat. Seit 2002 besucht sie die Dorfbewohner regelmäßig. „Wir von Ta‘ ayush  wissen, dass wir

Ein ökumenischer Begleiter des Programms EAPPI kümmert sich um einen kleinen Jungen und seinen Vater, deren Grundstück von der Mauer umringt wird.  Foto: Haensel

Ein ökumenischer Begleiter des Programms EAPPI kümmert sich um einen kleinen Jungen und seinen Vater, deren Grundstück von der Mauer umringt wird.
Foto: Haensel

damit die israelische Besatzung nicht sofort beenden können“, sagt sie. Aber in schwierigen Momenten könne sie den Palästinensern wenigstens etwas beistehen. Als das Haus von Fadwa und ihrer Familie im Herbst 2011 von israelischen Bulldozern zerstört wurde, war die Friedensaktivistin  sofort zur Stelle. Die Zerstörung konnte sie nicht verhindern, aber sie schaltete andere Organisationen ein, die der schwer traumatisierten Familie mit einem späteren Hausbau aushalfen. Darunter waren auch Teilnehmer von EAPPI. Die Abkürzung steht für  „Ecumenical Acompaniment Program for Palestine and Israel“, das ökumenische Begleitprogramm vom Weltrat der Kirchen aus Genf. Ihre Teilnehmer kommen aus 25 Ländern nach Palästina und Israel, um dort für drei Monate mit den Menschen zu leben und sie in ihrem Alltag zu begleiten. Laut dem Statement auf der Webseite unterstützen sie israelische und palästinensische Aktivisten „bei ihren Bemühungen, die israelische Besatzung zu beenden“.  Allen Friedensgruppen dies- und jenseits der Grünen  Linie ist eins gemein:  Das Ende der Besatzung in den palästinensischen Gebieten gilt  für sie als Schlüsselfaktor für Frieden in der Region. Und es basiert auf den Forderungen  Internationalen Rechts und der Genfer Konventionen.

Himmel voller Tränen

EAPPI entstand in derselben Zeit wie Ta‘ ayush, auf dem Höhepunkt der 2. Intifada. Städte wie Bethlehem und Nablus waren damals wochenlang von der Außenwelt abgeriegelt, tausende Männer und Kinder saßen in Gefängnissen.  Der Himmel roch nach Feuer, Blut und Tränen.  Die Euphorie des Oslo-Abkommens von 1993 war verflogen, Palästina war immer noch unfrei. Es war die Zeit, in der Munib Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land,  die Kirchen weltweit um internationale Unterstützung bat, weil  sich das Wort Frieden in Luft aufgelöst zu haben schien.  Unter dem Motto „Kommt und seht“ wurden die ersten Freiwilligen – vom Chefarzt aus Deutschland bis zum Philosophie-Studenten aus Brasilien –  ausgesandt.

„Wir leben mit der Angst“

Daoud Nassar gründete sein Friedensprojekt Tent of Nations im Jahr 2000.  Foto: Haensel

Daoud Nassar gründete sein Friedensprojekt Tent of Nations im Jahr 2000.
Foto: Haensel

Neben den Treffen mit Efrat und Fadwa in An Numan gehört auch der Kontakt zu Daoud Nassar und seinem Projekt „Tent of Nations“  (Zelt der Völker) bei Bethlehem zu den Aufgaben der ökumenischen Begleiter. Daoud Nassars Großvater kaufte das Land oberhalb des Dorfes Nahalin während der osmanischen Zeit im 19. Jahrhundert und ließ sich  – damals ungewöhnlich – Besitz-Urkunden darüber geben.  1991 erfuhr die Familie Nassar durch Zufall, dass Israel das Land als sein eigenes ansehe. Die Familie schaltete einen Anwalt ein und verteidigt ihr Recht auf den Privatbesitz nun seit 22 Jahren vor dem Gerichtshof in Jerusalem. Die Nassars erhalten jährlich einen sogenannten Landkonfiszierungsbefehl der israelischen Armee. Sie dürfen offiziell nicht bauen  oder Strom- und Wasserleitungen auf ihrem Land legen. Für die 90.000 jüdischen Siedler, ihre direkten Nachbarn, ist dies erlaubt.  Doch anstelle wütend zu werden über die israelische Regierung, entwickelte Daoud Nassar in Andenken an seinen Großvater, einen lutherischen Christen, eine Begegnungsstätte für alle Völker und Religionen oben auf seinem Weinberg. Eine befreundete britisch-jüdische Friedensgruppe pflanzte 250 Olivenbäumchen auf dem Gelände. Es waren genau diese Symbole, die israelische Soldaten jetzt kürzlich zerstörten.  Anpflanzungen seien dort nicht erlaubt, hieß es. „Wir leben immer mit der Angst, dass wir eines Tages unser Land verlieren“, sagt Daoud Nassar. Aber Gewalt sei keine Lösung, denn beide Völker wollen in Frieden leben. Deshalb lud er auch israelische und jüdische Journalisten aus aller Welt ein. In der israelischen Zeitung Haaretz erschien  daraufhin eine winzige Meldung in der englischen Ausgabe über Tent of Nations, in der hebräischen aber nicht ein Wort. Daoud Nassar bedauert das: „Israelische Leser sollten erfahren, dass wir hier solche Friedensprojekte auf die Beine stellen.“

Eine Antwort auf Trennung

Damit diese Lücke geschlossen wird, haben sich einige Organisationen einer fairen Berichterstattung zum Nahostkonflikt verschrieben. Das Alternative Information Center (AIC) wurde 1984 von progressiven Israelis und Palästinensern gegründet. Auf die räumliche Trennung ihrer Nationen durch den Mauerbau 2003 reagierte die Organisation, indem sie neben ihrem Büro im israelischen West-Jerusalem ein weiteres im palästinensischen Beit Sahour eröffnete. „Wir berichten über Menschenrechtsverletzungen in den palästinensischen Gebieten, aber auch über die israelische und palästinensische Gesellschaft an sich“, sagt Sergio Yahni, Co-Direktor des AIC. Alle Israelis des AIC sind Anti-Zionisten – jüdische Menschen, die den Zionismus als Kolonialisierungsbewegung ablehnen.

Beide sind Nudniks

Für Palästinenser ist der Kampf um Freiheit  zu einem ständigen Luftholen geworden. Für Israelis wird er zunehmend zur Konfrontation mit den Werten ihrer eigenen Gesellschaft, die sich als demokratisch definiert. Beide sind Nudniks, beide wollen Antworten.  Ihre zentrale Frage an ihre Regierungen und die Welt lautet: Warum glaubt ihr an Krieg, wenn es doch keine Alternative zum Frieden gibt? Die einen fragen es als Besatzer, die anderen als unter Besatzung Lebende.  „Wir stehen den Palästinensern bei. Es ist eine frustrierende Aufgabe“, sagt Efrat, die demnächst ein Buch über die Geschichte von An Numan veröffentlichen wird.  „Aber zumindest tun wir sie gemeinsam.“

Der Artikel erschien kürzlich im monothematischen Magazin „Zur Sache“ zu Israel-Palästina, herausgegeben vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik in Frankfurt.

Israel’s Love and Iran’s fear

21 Mrz
Israel loves Iran

Der Regierung eins ausgewischt: israelische Posterkampagne auf facebook.

Wer hat eigentlich Angst vor wem im Nahen Osten? Muss Israel Angst haben vor iranischen Bombentüftlern, die an einem Atomwaffenprogramm arbeiten, das noch gar nicht fertig ist? Oder sind es vielmehr die 75 Millionen Iraner, die jetzt zittern seit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im vergangenen  November den Iran als Israels Erzfeind Nummer eins ausgemacht hat? Ich traf gestern eine Frau auf der Straße aus der Nachbarschaft, deren Stimme ernst und dunkel wurde als sie ihre Sorge vortrug: „Der Iran droht mit der Atombombe und will Israel auslöschen. Vielleicht wird es den Staat Israel dann irgendwann nicht mehr geben. Ich habe Angst!“ Ja, ich auch, dachte ich nur während ich den silbernen hebräischen Buchstaben l’chaim   (= auf das Leben), der an ihrer Halskette baumelte, betrachtete. Ich habe Angst, dass sich weiter Spaliere bilden zwischen dem ach so zivilisierten Westen, dessen Teil ich als Deutsche bin, und dem verwilderten arabischen Osten, der nach Demokratie sucht und islamische Parteien gründet. Mein gebildeter, aufgeklärter Westen in Form der Bundesrepublik Deutschland hat jetzt gerade wieder Israel Unterstützung zugesagt, indem es drei U-Boote der Sorte Dolphin zugesagt hat. Dolphins sind Kriegswaffen, die Raketen transportieren können und werden genau zu dem Zweck eingesetzt. Die Bevölkerung des eingesperrten Gazastreifens litt besonders unter deutschen Waffen 2008/2009 als die israelische Armee in Gaza einrückte und 1500 Zivilisten tötete. Die unbemannten Drohnen, die vom Himmel herunterkamen und Kinder, Frauen und Männer schwer verletzten und töteten, kamen aus unserer Heimat. Hatten wir Deutsche nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, der Zerstörung und fast vollkommenen Auslöschung des jüdischen Volkes mit Massenvernichtungsmitteln gesagt „NIE WIEDER?“

Wahre Freundschaft zu Israel?

Einwohner der Stadt Kiel wollen jetzt beim Ostermarsch gegen Israel und die deutsche Beteiligung an Kriegen demonstrieren, wie die taz berichtet. Im taz-Artikel heißt es: „Seit Ende Februar liegt das erste U-Boot der neuen Dolphin-Klasse im Dock der Kieler HDW-Werft. Nach Informationen der ARD-Tagesschau haben die Boote Mittelstreckenraketen an Bord, die mit Atomsprengköpfen bestückt werden können. Ein israelischer Regierungsmitarbeiter sagte der Tageszeitung Haaretz, die Lieferung aus Kiel habe „große strategische Bedeutung“ für Israels Sicherheit.“ Aha, da haben wir sie also wieder, die Atomwaffen. Die „Freundschaft“ zu Israel besteht nicht aus Reflexion über die deutsch-jüdische Geschichte, aufrichtige Anteilnahme und konstruktive Kritik bezüglich Israels  auf der Basis internationalen Völkerrechts. Sondern Waffen- und Geldlieferungen. Geht so Frieden? Aber kommen wir zurück zum Iran und einer möglichen Bombengefahr. Die Verwirrung ist da. Und groß. Bei aller Ernsthaftigkeit, die das Thema birgt und bei allen Ängsten auf beiden Seiten, ist dennoch bemerkenswert, dass sich derzeit – seit sich die Drohgebärden auf beiden Seiten gesteigert haben – fast niemand in der deutschen Medienlandschaft und darüber hinaus mit der Bedrohung israelischer Atomwaffen beschäftigt. Das ist fast schon putzig. Der Iran ist böse, aber Israel nicht? Dabei ist Israels Rüstungsprogramm im Gegensatz zu der vermuteten iranischen Atomwaffe ein ganz reales. Es ist daher passend an einen alten Freund Israels zu erinnern, der als erster öffentlich über Israels Atomwaffen sprach. Mordechai Vanunu, Nukleartechniker in Dimona, hatte 1986 nach seinem Weggang aus Israel in einer englischen Zeitung über die Rüstungsprogramme und Waffen seines Heimatlandes gesprochen. Er wurde als Landesverräter inhaftiert und kam 2004 unter strengen Auflagen frei. Vanunu hat sicher eine Meinung zur derzeitigen Endzeitstimmung, die Netanjahu verbreitet. Leider darf er die aber nicht sagen, da er weder reden noch schreiben noch das Land verlassen kann. So kann Heimat zum Gefängnis werden und Demokratie verkommt zu einer Worthülse. Der israelische Friedensaktivist mit deutschen Wurzeln, Uri Avnery, hat einmal einen Witz dazu erzählt, der so geht: In der Dunkelheit eines Kinosaales hört man eine Frauenstimme: „He! Nimm deine Hände weg! Nicht du! Du!“ Dieser alte Witz illustriert die amerikanische Politik, wenn es sich um Atomwaffen im Nahen Osten handelt. „He, ihr da, der Irak, der Iran und Libyen macht Schluss damit! Nein, Israel, du nicht!“

Iranische Juden gehen nicht nach Israel

Aber, hey, was ist jetzt eigentlich mit den 250.000 iranischen Juden, die im jüdischen Staat mit 20%-iger palästinensischer Bevölkerung leben? Und was ist mit den rund 25.000 Juden,

Die iranische Antwort auf die Posterkampagne ließ nicht lange auf sich warten...

Die iranische Antwort auf die Posterkampagne ließ nicht lange auf sich warten...

die in ihrer Heimat Iran leben? Nach dem Inkrafttreten des Mullahregimes im Iran verließen nach 1979 viele Juden das Land und siedelten sich woanders an –  nur ein Drittel der Exilanten allerdings im jüdischen Staat. Warum geht ein bedrohtes Volk nicht in das „Land der Väter“, wenn es doch dort eine Heimstätte und Zuflucht vor Verfolgung und Feinden dieser Welt finden wird? Die Antwort liegt irgendwo im Graubereich zwischen Diskriminierung von arabischen und afrikanischen Juden in Israel, einer fatalen Spaltung zwischen „jüdischer“ und „arabischer“ Lebens-Welt (die Jahrhunderte lang eine war!) und einem Unwohlsein arabischer Juden, sich zwischen dem jüdischen Staat und ihrer arabischen Herkunft, Sprache und Kultur entscheiden zu müssen, weil Israels Politik ihnen keine andere Wahl lässt. Mittlerweile verlassen mehr Juden Israel, als dass sie dort einwandern. Ein Staat, der die palästinensische Bevölkerung ihrer Lebensgrundlage beraubt und sich seit 1967 (und in Teilen auch schon vorher) dem Völkerrecht widersetzt, ist nicht mehr attraktiv. Und Sicherheit garantiert er seinen Bürgern schon mal gar nicht.

Wir lieben Euch!

Ein paar iranische Juden sind schon in Berlin gestrandet. Die Poster-Kampagne eines israelischen Ehepaares mit der Aufschrift „Iranians, we love you. We will never bomb your country“ ist fast rührend, die facebook-Gruppe „Israel loves Iran“ hat jetzt 8500 Mitglieder. Ich finde, wir sollten nicht  nur traumatisierte Israelis hier aufnehmen, die mittlerweile schon eine ganze  Kleinstadt mit ihren rund 15.000 Einwohnern in Berlin füllen könnten und die Stadt bunt machen. Iraner, welcome, too! Wer immer Angst vor der israelischen Atombombe hat, der komme hierher! Lasst uns gemeinsam türkischen Kaffee in Mitte trinken.

Nachtgefühle

13 Mrz
Konfrontation: Ein Teilnehmer der Freitagsdemonstration in Al Masara steht israelischen Soldaten gegenüber.

Konfrontation: Ein Teilnehmer der Freitagsdemonstration in Al Masara steht israelischen Soldaten gegenüber.

Gestern Nacht machte ich eine eigenartige und für mich gänzlich neue Entdeckung: Ich machte die Entdeckung, wie es sich anfühlt, wenn man auf einmal als antisemitisch dargestellt wird. Ich las einen Artikel in der „Jüdischen Allgemeinen“ von Gil Yaron, der in der facebook-Gruppe der Zeitung von der Onlineredaktion gepostet worden war. In dem Artikel wurde vor allem die israelische Seite erwähnt, die Kinder,  die jetzt wieder in Tunneln sitzen müssen, um sich vor den Raketen der radikalen Palästinenser zu schützen. „Israel reagierte mit Luftangriffen auf Terrorzellen und Ausbildungslager“, heißt es da und dass die stellvertretende Bürgermeisterin Hefzi Sohar die Lage in ihrer Stadt Beer Sheva unhaltbar findet. Was nicht drinsteht ist, dass die Lage für palästinensische Kinder ebenso unhaltbar ist. In Sderot gibt es Spielplätze, in denen die Kinder in riesige Schneckenhäuser und Raupen schlüpfen können, die bombenfest sind, wenn Raketen aus dem Gazastreifen in der israelischen Grenzstadt einschlagen. Die Kinder sitzen dann dort drinnen auf Matratzen, haben vielleicht noch das Kaugummipapier in der Hand, mit dem sie eben noch draußen gespielt haben, und warten. Das ist nicht lustig und es ist definiv keine schöne Kindheit, die diese kleinen Bewohner in Sderot ertragen müssen. Es ist dann für diese israelischen Kinder natürlich auch nicht einfach wahrnehmen zu können, dass auf der „anderen Seite“ auch Menschen mit Ängsten wohnen. Man sieht sie nicht, man hört nur ihre Raketen und die schlagen krachend neben einem ein. Wo, bitteschön, soll da der gute Charakterzug von Palästinensern zu sehen sein, die ja zu den Arabern zählen und die laut Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu einen Dschungel an antiwestlichen und radikalislamischen Werten vertreten, der der einzigen Demokratie im Nahen Osten – Israel – feindlich und barbarisch gegenübersteht?

Von Jerusalem ganz zu schweigen

Die „andere Seite“ ist aber auch diejenige, die aufzeigen könnte, warum in Abständen seit Jahren immer wieder Kassamraketen von Gaza aus nach Israel abgefeuert werden. Der Gazastreifen ist seit 1967 unter israelischer Besatzung und wird nach Internationalem Recht auch so angesehen. Die Gaza-Bewohner sind ein besetztes Volk. Seit 2006 regiert die Hamas dort, die durch eine Wahl legitim an die Macht kam. Wer fragt, warum die Gaza-Bewohner eine konservative und islamistische Partei zum Zuge kommen ließen, die sich nicht um ihre Bevölkerung schert, der muss auch fragen, warum Israelis Netanjahu wählten, der in Koalition mit einer nationalistischen radikalen Partei ist, die illegale jüdische Siedlungen unterstützt und einen Außenminster hat, der südlich von Bethlehem in eben so einer wohnt. Die Realität des Gazastreifens ist die Blockade, die Israel verhängt und die die Fragmentierung der palästinensischen Gebiete zur Folge hatte. Kein Gaza-Bewohner kann in die Westbank fahren, kein Westbank-Palästinenser nach Gaza. Von Jerusalem ganz zu schweigen. Wenn man in der facebook-Gruppe der Jüdischen Allgemeinen das Ende der Besatzung fordert und darauf aufmerksam macht, dass die Besatzung illegal ist, beginnt ein Krieg wie im Nahen Osten. Es fallen Worte wie „Judenhasserin, Israelhasserin, Antisemitin und Deutsche Christin“. Zwei Männer drohten dort damit, meinen Namen an die israelische Grenzpolizei weiterzugeben und mich zu denunzieren. Mit Menschenrechten, internationalem Völkerrecht und Demokratieverständnis hat das wenig zu tun. Der Krieg zwischen Israelis und Palästinensern wird quasi online weiter fortgeführt, mit radikalen Miteln und allem, was einem zur Verfügung steht, auf eine billige Art und Weise. Es kostet nichts, Leute mal eben so zu Antisemiten zu machen. Die, die es wirklich sind, wird dies sogar extrem freuen.

Deutsche, die sagen, sie lieben Israel

Handala ist die Kreation des Künstlers Naji Al-Ali. Der zehnjährige Flüchtlingsjunge verkörpert wie kein andere Cartoon den Kampf der Palästinenser für Freiheit und Selbstbestimmung.

Handala ist die Kreation des Künstlers Naji Al-Ali. Der zehnjährige Flüchtlingsjunge verkörpert wie kein anderes Cartoon den Kampf der Palästinenser für Freiheit und Selbstbestimmung.

Das ist erschreckend, traurig. Es ist schockierend. Die Wirklichkeit trifft es auch, denn viele israelische Freunde und Bekannte berichten immer wieder davon, wie stark sie für ihre regierungskritische Meinung angegriffen werden. Aber wir leben hier in einer Demokratie in Deutschland, und Israel wird nicht müde zu erwähnen, dass es auch eine ist. Also verhalten wir uns so. Wenn Sie also eine Meinung zum Nahostkonflikt haben, wenn sie für Menschenrechte sind, dann werden sie nicht müde, das auch zu posten. Sie müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Sie werden auf Angehörige der IDF (Israel Defense Forces) stoßen, die stolz eine Timeline zu dem Gazakrieg auf ihre Website stellen. Sie stoßen auf überzeugte Zionisten und Evangelikale, auf jüdische Siedler und Deutsche, die sagen, sie lieben Israel und dass wir eine Verantwortung tragen wegen unserer Geschichte. Ja, stimmt, genau, tun wir. Und sie treffen auf Redakteure, die weghören und beleidigende Userkommentare nicht löschen. Kurzum: Sie werden ihr blaues Wunder erleben.  Aber all das machts nichts. Denn wenn wir leise werden, wird die Gewalt nur umso lauter. Jede Stimme zählt. Ihr Kommentar ist wichtig und zeigt, dass es eine andere Wirklichkeit gibt als die, die einige Menschen glauben wollen. Ob die je in der Westbank waren, in Gaza oder im von Israel annektierten Ost-Jerusalem? Das können sie ja mal ausdiskutieren, wie es da dann so aussieht, so voller radikaler Islamisten, Judenhasser und so weiter. Dort hängen sicher auch ganz viele Netze, um die Juden alle einzufangen und sie dann ins Rote – oder Tote – Meer zu werfen. Ich glaube, ich werde heute Nacht ruhig schlafen.

Im Regen – Tulkarm

1 Feb
Demonstrieren für Freiheit: Frauen aus Tulkarm zeigen die Fotos ihrer Söhne.

Demonstrieren für Freiheit: Frauen aus Tulkarm zeigen die Fotos ihrer Söhne. Foto: Liva Haensel

Zerknittert, farbenfroh, alt, hell: Die Gesichter auf den Fotos blicken oft nachdenklich in die Kamera, manche lächeln. Einige Männer darauf wenden ihren Blick nach oben, so als würden sie dort die Antwort auf alle ihre Frage finden. Es ist Dienstag, 10 Uhr, in Tulkarm, und vor dem Gebäude des Roten Kreuzes sitzen Mütter, Väter, Schwestern und Brüder auf Plastikstühlen. Sie alle haben etwas gemeinsam: Ihre zumeist männlichen Verwandten sitzen in israelischen Gefängnissen und sie demonstrieren für ihre Freilassung. „Allein aus Tulkarm sitzen 600 Männer in Haft“, sagt ein Mann, der seinen Namen nicht öffentlich nennen möchte. Während des Gilat-Shalit-Deals zwischen Israel und der Hamas kamen tausende Palästinenser frei. Doch die gute Geste spiegelt nicht unbedingt wider, was sich hinter den Kulissen des „big deal“ abspielte. Denn während gerade junge Männer – oftmals der Kollaboration und gewalttätiger Akte verdächtig – aus israelischen Gefängnissen entlassen wurden, nahmen israelische Soldaten kurz danach erneut hunderte Palästinenser fest. Oft nachts, ohne Angabe von Gründen, und vor allem in Flüchtlingslagern. Den Orten, an denen Israelis die meisten Attentäter und Terroristen vermuten. Das Rote Kreuz organisiert die Gefangenenbesuche für die Familien und beobachtet deren Unterbringung in Israel.

Das erste Mauerstück war hier

„Mein Söhne sind beide weg. Wir haben sie verloren“, sagt eine Frau mit weißem Kopftuch und besticktem Kleid. Der eine sitzt seit acht Jahren ein, er wird voraussichtlich in 2020 entlassen. Der andere ist ein Märtyrer, jemand, der für Palästina starb, wie die Leute hier sagen. Ob er sich in die Luft sprengte oder während der Zweiten Intifada erschossen wurde? Die Frau blickt kurz nach vorne, dann wendet sie ihren Blick ab. Sie möchte nicht darüber reden, die Trauer sitzt zu tief. „In der ersten Freilassungswelle kamen rund 22 Männer aus Tulkarm frei. In der zweiten dann noch einmal zehn“, sagt der Mann mit dem unbekannten Namen. Die meisten Einwohner Tulkarms sind Flüchtlinge, die aus der Mittelmeerregion fliehen mussten als Israel 1948 seinen Unabhängigkeitskrieg führte. Nun leben sie gerade einmal 30 Kilometer von den israelischen Städten Netanja und Naharya entfernt, auf derem Grund einmal ihre Heimat war. Die israelische Mauer tangiert die 70.000-Einwohner-Stadt Tulkarm erheblich: Hier wurde 2003 das erste Mauerstück gebaut. Mittlerweile hat die Mauer eine Länge von 40 Kilometern erreicht, und noch immer ist ein Teil in Arbeit. Sie trennt die Einwohner von den umliegenden Dörfern und geht wie fast überall in der gesamten Westbank über die Grüne Linie hinaus. Viele Farmer verloren ihr Land, die Olivenbäume dort verrotten jetzt ohne jegliche Pflege.

Mahmoud Odeh undSaleh Diab vor dem improvisierten Haus in Jubara.

Mahmoud Odeh und Saleh Diab vor dem improvisierten Haus in Jubara.

Die Tür ist nur ein Plastiktisch

Bei klarem Licht erkennt man am Horizont erst die Mauer, die sich wie eine Schlange durch die Landschaft entlangzieht. Danach einen blauen Streifen, das Meer. Unerreichbar für Palästinenser, die die Westbank nicht verlassen können. In Jubara, einem Dorf zehn Kilometer von Tulkarm entfernt, leben 300 Einwohner. Das Dorf ist idyllisch auf einer Anhöhe gelegen, aber durch den Mauerbau und drei nahe gelegene jüdische Siedlungen in einer misslichen Lage. Wer nach Jubara will, muss erst einen israelischen Checkpoint passieren und dann darauf warten, dass ein israelischer Grenzsoldat das Gatter zum Dorf aufschließt, das mit Stacheldraht überzogen ist. Auf der Straße daneben rasen Autos Richtung Avne Hefez und Enav, den jüdischen Siedlungen im Norden. Die Siedlerstraße darf von Palästinensern nicht benutzt werden. Ihnen bleibt lediglich eine matschige Schotterstraße für den Transport und ein steiniger Weg bergauf von dort zum Checkpoint, denn für sie gibt es keine richtige Straße auf dem Weg nach Jubara. Wer das Gatter passieren darf, hat einen 15-Minuten-Marsch vor sich, bevor die ersten Häuser kommen. Familie Diab wohnt ganz am Ende. Die Tür zu ihrem Haus besteht aus einem Plastiktisch ohne Beine, den Familien normalweise für Grillpartys benutzen. Drinnen stehen alte Sessel neben abgewetzten Matratzen. Mutter und Vater haben sich um eine kleine Feuerstelle geschart,  eine dicke weiße Katze gähnt herzhaft daneben. Der älteste Sohn Tariq liegt nebenan. Er ist geistig und körperlich seit seiner Geburt behindert. Die Diabs nennen ihr Haus Karawan, weil es keine richtigen Wände hat. Seit 20 Jahren hat die Familie eine Hauszerstörungs-Mitteilung vom Staat Israel. Letztes Jahr wurde ihr Stall von der israelischen Armee zerstört. „Dabei sind auch unsere drei Schafe ums Leben gekommen“, sagt Saleh Diab, während seine Frau arabischen Kaffee neben dem Feuer serviert. Jubara ist im Gebiet C, das unter israelischer Kontrolle ist. Das bedeutet, dass niemand im Dorf bauen darf. Die Aufteilung der palästinensischen Gebiete in A, B und C ist ein großes Thema auf dem Papier. In Wirklichkeit bringt sie den Bewohnern lediglich Probleme, denn „die israelische Armee macht ohnehin, was sie will“, sagt Ahmed Odeh, ein ehemaliger Lehrer, der die neue Schule im Ort mitaufgebaut hat. Gerade gestern Nacht seien wieder israelische Soldaten in Jubara eingedrungen und hätten die Häuser nach Menschen durchsucht, die heimlich die Grenze nach Israel passieren, um dort zu arbeiten. „Sie kommen mindestens einmal pro Woche, ohne anzuklopfen, nachts, zack, und sie sind da.“

Trotz großer Armut: Einen Kaffee und einen armen Platz  gibt es immer für jeden Gast

Trotz großer Armut: Einen Kaffee und einen warmen Platz gibt es immer für jeden Gast. Foto: Liva Haensel

Die Hoffnung auf Schafe

Saleh Diab hofft, dass sie noch ein bisschen in ihrem Karawan bleiben können. Der Wind pfeift unaufhörlich, das Wellblech-Dach  ist innen nass vom Dauerregen. „Ich wünsche mir, dass wir wenigsten wieder ein paar Schafe  vom Roten Kreuz kriegen“, sagt er. Seine Frau lächelt und nickt. Unten am Gatter wartet Muawya, der Taxifahrer. Israel inhaftierte ihn zweimal, das letzte Mal kurz bevor er zum Studium in die USA gehen wollte. Während der Zweiten Intifada wurde jeder 2. Mann einer Familie in Tulkarm  verhaftet. Aus Sicherheitsgründen, oftmals ohne Gerichtsverhandlung. Als Muawya nach anderthalb Jahren freikam, hörte er sich wieder seine Lieblingsplatten von Bryan Adams an – „so far so good.“ Seinen Lieblingstitel hat er sich damals mit schwarzen Lettern auf sein Taxi geklebt. Morgen soll es wieder regnen. So far so good.

Fakten zu Tulkarm:
Laut Angaben des „Office for the Coordination of Humanitarian Affairs” der Vereinten Nationen (UN) hat Tulkarm derzeit 31 Absperrungen in Form von:
4 Checkpoints
1 Checkpoint auf der Grünen Linie
2 „partial“ checkpoints
13 von der israelischen Armee aufgeschüttete Erdhügel als Blockade
2 Straßensperren
5 Straßengatter
Erdwälle mit einer Höhe von rund 3 Metern
Straßenbarrieren mit einer Länge von bis zu 2 Metern

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