Literatur


Alte Bücher (wieder) zu entdecken und Neuerscheinungen anzukündigen, lohnt sich immer. An dieser Stelle gibt es Artikel und Buchrezensionen für die Leser von Dreiecksbeziehung zu Romanen, Sachliteratur, Bestsellern und verkannten Werken. Gastautoren sind gerne eingeladen, ihre Buchvorstellungen zu veröffentlichen.

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Tamar Amar-Dahl: Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts. Schöningh Verlag München 2012, 24,90 Euro. Foto: Verlag

Wir beginnen mit einer sehr spannenden Autorin! Tamar Amar-Dahl hat im September 2012 das Buch „Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts“ (44) herausgebracht. Die israelisch-deutsche Historikerin lebt seit 1996 in Deutschland und forscht zu Israels Geschichte, Zionismus und jüdischer Geschichte.  Ihr Vater war Rabbiner in Marrakesch, bevor die Eltern 1956 nach Israel einwanderten. Amar-Dahl wuchs in Naharya/Israel auf und studierte nach ihrem Militärdienst Geschichte und Philosophie in Tel Aviv, München und Hamburg. 2006 gab sie ihre israelische Staatsbürgerschaft  aus Protest gegen den Libanon-Krieg ihrer Heimat auf. Derzeit forscht sie als Junior-Fellow am Alfred Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald zu Israels Shoah-Rezeption.

                               Interview

„Die Verzweiflung ist spürbar“

In ihrem neuen Buch „Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts“ fragen Sie nach dem Zusammenhang zwischen dem Zionismus und der Entwicklung des Konflikts. Wie lautet das Ergebnis? 

Das Buch behandelt im Kern die Verbindung zwischen dem zionistischen Projekt,  wie es  schließlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Palästina/Eretz Israel verwirklicht worden ist, und der Bedeutung dieser Entwicklung für den Nahostkonflikt. Ich komme zu dem Schluss, dass Israel das, was im Laufe der Jahre zu einem regionalen Konflikt geworden ist,  als den Preis für die jüdische Nationalstaatlichkeit begreift – gerade weil diese Lebensform der Juden für das zionistische Israel als alternativlos gilt. In dem Buch zeige ich, wie sich diese pessimistische Auffassung in der politischen Kultur im Laufe der Jahre zunehmend verfestigte, je aussichtloser die Lage erschien. Mit dem Resultat, dass das zionistische Israel auch die bestehende, ja konfliktträchtige politische Ordnung, im Grunde als alternativlos begreift.

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Die Autorin Tamar Amar-Dahl lehrt derzeit in Greifswald. Foto: Björn Duddeck

Ich rede von zwei Gründungsmythen, die der politischen Ordnung Israels zu Grunde liegen: Zum einen vom Mythos von Eretz Israel als dem Land des jüdischen Volks, in dem es seine jüdische Nationalstaatlichkeit verwirklichen kann und letztlich verwirklicht hat; zum anderen spreche ich vom Sicherheitsmythos. Der Sicherheitsmythos meint den paradoxerweise auch in der Konstellation der politischen Souveränität verfestigten Glauben, die Feindseligkeit zwischen Juden und Nichtjuden sei im Grunde unauflösbar. Im Nahostkontext bezieht sich das auf die Verhältnisse zwischen den „neuen Juden“, also den jüdischen Israelis, und den „neuen Gojim“, sprich „den Arabern“. „Die Araber“ würden den jüdischen Staat nicht anerkennen wollen, ihn auch nicht akzeptieren, daher bekämpften sie ihn. Aus diesem Glauben heraus, der ja mit der Erfahrungsgeschichte zusammenhängt, entstand letztlich die uns heute bekannte politische Ordnung, welche militärische Hegemonie, Mauer, Besatzung, Präventivkriege – um einige Praktiken der Sicherheitspolitik zu nennen – als eine Notwendigkeit sieht.

Was macht dies zum Mythos?

Der Sicherheitsmythos ist deshalb ein Mythos, weil Israels Sicherheitspolitik nicht wirklich zur Sicherheit beiträgt. Im Gegenteil: wie ich im Buch zeige, trug gerade die Sicherheitspolitik, die wiederum auf der Doktrin der Notwendigkeit der militärischen Stärke basiert, immer wieder zur weiteren Eskalation bei; die Präventivkriege – wie die Fälle 1956, 1967 oder 1982 zeigen –  verhinderten den so befürchteten Krieg bekanntlich nicht.  Nichts desto trotz bleibt der Glaube in Israel weiterhin vorherrschend, die bestehende Sicherheitslogik diene der Sicherheit, sie diene der Verteidigung des Staats – sie sei daher unerlässlich, und zwar trotz ihres Eskalationspotentials. Ein Potential, das im Übrigen immer wieder aus dem Bewusstsein verdrängt wird, da man keine Alternative weiß. Dies verleiht dem Sicherheitsmythos seine Gültigkeit, was schließlich dazu führte, dass der ganze Bereich der Sicherheit ideologisiert wurde. Das Militär und die sicherheitspolitische Führung des Landes sind hierfür zuständig, die Zivilgesellschaft bleibt indes de facto ausgeschlossen. Daher rede ich von der „Entpolitisierung der Sicherheit“.

Erklärt das auch, weshalb es in Israel keine einflussreiche Friedensbewegung gibt?

Ja, der Zusammenhang zwischen dem zionistischen Israel, das als Grundkonzept von den meisten Israelis angenommen wird, und der mangelnden Kompromissbereitschaft der israelischen Regierungen, vor allem in der Palästina-Frage, ist zentral.  Da beide genannten Mythen – der Mythos von Eretz Israel als jüdisches Land und der Sicherheitsmythos – eben von allen zionistischen Lagern letztlich mit getragen werden, bleibt nur wenig Raum für Zugeständnisse. Auch das sogenannte Friedenslager, das für den Friedensprozess in den 1990er Jahren verantwortlich war, sich allerdings seit 2000 aufgelöst hat, begreift das Land Israel als Grundlage seines Zionismus und die Sicherheitspolitik als unentbehrlich für die Aufrechterhaltung des jüdischen Staats in der als bedrohlich begriffenen Region. Auch die Linkszionisten haben im Prinzip keine politische Lösung für den Konflikt um Palästina, da sie ebenso wie die Rechtzionisten beziehungsweise die religiösen Zionisten besagte Mythen mittragen. Im aktuellen Wahlkampf gehen sie auch deshalb auf den Konflikt kaum ein.

Zionismus-Kritiker sprechen davon, dass sich jüdische Israelis nicht von ihren Privilegien als Bürger 1. Klasse gegenüber den Palästinensern im israelischen Staat verabschieden wollen.

Ja, diese Analyse der gegenwärtigen politischen Ordnung stimmt, wenn man sie von außen beziehungsweise aus Sicht der Palästinenser betrachtet. Doch mir geht es darum, auch die Sicht der Israelis, die Logik und Ideologie des zionistischen Israels darzustellen. Der Ursprungsgedanke des Zionismus war ja, die Juden zu einer Nation zu machen, ihnen infolge dessen eine sichere Heimstätte, einen jüdischen Staat in Eretz Israel zu gewährleisten, damit auch einen jüdisch-mehrheitlichen Staat. Dass die binationale Realität in Palästina mit diesem Projekt kollidierte  – sie tut das noch immer – führte dazu, dass Israel seine restriktive Palästinenser-Politik umso mehr verschärfte, je mehr es sich davon bedroht fühlte. Das Resultat ist zweifelsohne Diskriminierung, Unterdrückung und Enteignung der Palästinenser.

Der Zionismus ist eine komplexe Bewegung mit vielen Teilaspekten. Kann man den Begriff dennoch kurz erläutern?

Ja. Der Zionismus ist eine jüdische Nationalbewegung vom Ende des 19. Jahrhunderts, die die Juden nicht nur als eine Religionsgemeinde oder eine Konfession verstehen wollte, sondern wie damals zunehmend  zeitgemäß  auch als eine Nation. Das zionistische Projekt war dementsprechend, die in aller Welt zerstreuten Juden zusammenzuführen, um dann einen jüdischen Staat errichten zu können. Dabei hatte man damals in erster Linie die europäischen Juden vor Augen. Aus heutiger Sicht hat der Zionismus in der Tat die Juden zu einer Nation gemacht und ihnen schließlich einen Staat beschert. Das wäre die Erfolgsstory. Die Schattenseite des Zionismus bleibt der Komplex „Jüdischer Nationalismus/Nahostkonflikt“.

Viele Israelis verlassen das Land und leben jetzt zum Beispiel lieber in Berlin. Ist das als ein subtiles Unwohlsein über den herrschenden Zionismus zu verstehen?

Das ist sogar ein klares Unwohlsein. Es ist ein Zeichen der genannten Schattenseite des in Israel verwirklichten Zionismus, die mehr und mehr ans Licht kommt – und die vor allem für die junge Generation geradezu unerträglich ist. Man kann langsam vom Prozess der Entmystifizierung des Zionismus sprechen, der allerdings noch nicht abgeschlossen ist. Man erkennt allmählich die Notwendigkeit, sich von dem zu lösen, was offensichtlich nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Man sucht nach einem Durchbruch, nach einem neuen Konzept. Doch die Mythen haben noch Bestand, die Verzweiflung ist dementsprechend spürbar. Aber ich glaube, sie sind im Begriff zu bröckeln.

Die Shoa spielt eine bedeutende Rolle im Staatsverständnis Israels, wird aber sehr oft instrumentalisiert, um die Politik zu rechtfertigen. Wie beurteilen Sie das?

Die Shoa wird oft benutzt, um eigene Interessen zu bewahren. Israelis machen sogar Witze darüber und können herzlich darüber lachen. Dennoch bleibt der Holocaust das Leitmotiv der nationalstaatlichen Existenz. Wenn die jüdische Katastrophe die ultimative Machtlosigkeit der Juden verkörpert, so soll  die politische Souveränität, das Leben im eigenen starken Staat, die ultimative Antwort auf diese Machtlosigkeit sein. Das ist tatsächlich die in Israel gelebte Lehre der Shoah. Die Shoa nimmt eine Schlüsselrolle in dem Selbstverständnis Israels ein.

Was ist Ihre persönliche Prognose für die Region Nahost?

Was die Palästina-Frage betrifft, bin ich recht pessimistisch, da es zur Zeit keine politischen Kräfte in Israel gibt, die in der Lage wären, auf Versöhnung und Auflösung der jetzigen Verhältnisse hinzuarbeiten. Die Zweite Intifada hat allerdings etwas bei den Israelis bewegt, was sie zwingt, umzudenken. Zu den diversen Konflikten in der Region Nahost, die unter anderem in Folge der Rebellion der arabischen Gesellschaften gegen ihre eigenen Regime entstanden sind, kann ich als Laie nur sagen, dass es mich einerseits erschüttert, wie brutal das zugehen kann. Andererseits weiß ich: Das ist der Gang der Geschichte. So funktioniert sie halt: Politische Ordnungen vergehen, neue kommen. Dass dies meist mit dem Schwert geschieht, wissen vor allem wir Historiker.

Das Interview führte Liva Haensel

 

 

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